Was hat das Alder Hey Hospital zu verbergen?

Alfie Evans
Thomas Evans, der Vater von Alfie.

(London) Seit Monaten zieht sich der Rechtsstreit zwischen den Eltern des kleinen Alfie Evans und dem Alder Hey Hospital hin. Warum? Die beklemmende Frage lautet: Hat das Krankenhaus etwas zu verbergen? Will es etwas vertuschen?

Wer gesundheitliche Probleme hat oder ernsthaft besorgt ist, wendet sich an ein Krankenhaus. Das ist der Normalfall. Kein Normalfall ist der Fall Alfie. Den Eltern wurde ab einem bestimmten Moment klar, daß sich das Krankenhaus nicht mehr um die Gesundheit ihres Sohnes kümmern will. Es wurde die Diagnose „irreversibler“ Schäden gestellt, weshalb eine weitere Versorgung „sinnlos“ sei. Kurzum, Alfies Leben sei ein „sinnloses“ Leben. Es sei „lebensunwert“.

Die Eltern, Thomas und Kate Evans, verstanden mit einem Schlag, daß der Ort, an dem sie sich Hilfe erhofften, und dessen Auftrag es ist, Hilfe zu bieten, zur tödlichen Bedrohung wurde. Im Alder Hey Hospital war das Leben von Alfie nicht mehr sicher. Es drohte ihm Lebensgefahr. Die Ärzte hatten sie die ganze Zeit im Glauben gelassen, daß ihr Sohn nur durch künstliche Beatmung leben könne. Es war daher undenkbar, das Kind auf eigene Verantwortung einfach aus dem Krankenhaus zu nehmen und in einer lebensfreundlicheren und sichereren Einrichtung unterzubringen. Gegen den Willen des Krankenhauses wäre das bei Kindern ohnehin nicht möglich. Das Krankenhaus drohte aber mit dem Abstellen der künstlichen Beatmung, was laut Auskunft derselben behandelnden Ärzte, den Tod des Kleinen innerhalb weniger Minuten zur Folge haben werde.

Die Eltern taten, was die Standespflicht aller Eltern ist. Die nahmen den Kampf um das Leben ihres Kindes auf. Als sie die Lebensgefahr erkannten, wandten sie sich als gute Bürger eines Rechtsstaates die Justiz, um die vom Alder Hey Hospital verweigerte Entlassung ihres Sohnes aus dem Krankenhaus zu erwirken. Sie wollten ihren Sohn aus dem Alder Hey entfernen, in dem ihr Sohn mit dem Tod bedroht wurde.

Mit ihrem Antrag gerieten sie an Richter Sir Anthony Paul Hayden, der sich die Position des Krankenhauses zu eigen machte. Diese Linie wurde auch von Berufungsinstanzen der englischen Gerichtsbarkeit beibehalten. Genau aus welchem Grund auch immer, weil die Evans Katholiken sind, als generelle moralische Aufrüstung oder auch nur aus einer gewissen Ironie, begründete Hayden sein Todesurteil für Alfie mit Papst Franziskus. Er übernahm vollinhaltlich ein päpstliches Schreiben an eine Euthansietagung, die im November 2017 im Vatikan stattfand.

Die Eltern forderten im Verfahren die Einholung eines zweiten medizinischen Gutachtens. Was eine Selbstverständlichkeit sein sollte, wenn es um Leben oder Tod eines Menschen geht, wurde von Richter Hayden aber abgelehnt. Warum diese Ablehnung? Richter Hayden verfügt über keine medizinischen Kenntnisse. Es müßte objektiv in seinem eigenen Interesse sein, allein zur Absicherung und Fundierung seines lebensentscheidenden Urteils, eine zweite Stimme zu hören.

Warum wird anderen Ärzten der Zugang zu Alfie verweigert?

Tatsache ist, daß das Krankenhaus bereits vor der richterlichen Anhörung anderen Ärzten den Zugang zu Alfie verweigerte. Die Weigerung von Richter Hayden, ein zweites Gutachten einzuholen, entsprach somit ganz der Linie des Krankenhauses. Das Krankenhaus läßt bis zum heutigen Tag keine anderen Ärzte zu Alfie. Sie dürfen ihn weder sehen noch untersuchen.

Gebetsvigil für Alfie auf dem Petersplatz
Gebetsvigil für Alfie auf dem Petersplatz

Englische, deutsche und italienische Ärzte waren im Laufe der vergangenen Monate nach Liverpool gereist und mußten unverrichteter Dinge wieder abziehen. Dazu gehörte am Montag auch die Präsidentin des Päpstlichen Kinderkrankenhauses Bambino Gesù, Mariella Enoc.

ENOC heißt auch das European Network of Ombudspeople für Children, das als Teil der Kinderrechtskonvention entstanden ist. Auch Vertretern dieses Netzwerkes der Kinderanwaltschaften wurde der Zugang zu Alfie verweigert.

Müßte das Krankenhaus nicht alles tun, was für das Leben des Kindes möglich ist? Wäre daher der Austausch unter Fachkollegen nicht eine Selbstverständlichkeit? Nichts dergleichen gilt am Kinderkrankenhaus von Liverpool, das auf eine nicht unbedenkliche Vergangenheit zurückblicken muß. Es stand bereits wegen massenhafter Organentnahme an Kleinkindern unter Anklage.

Die bloße Lust das Kind tot zu sehen, weil eine Diagnose gestellt wurde, an der nicht gerüttelt werden darf, kann es nicht sein. Die Unterstellung einer so verbrecherischen Gesinnung wäre zu skandalös, um sie wirklich in Betracht zu ziehen. Das ganze Verhalten der Krankenhausleitung vor Ort und vor Gericht wirft jedoch schwerwiegende Fragen auf.

Was hat das Liverpooler Krankenhaus zu verbergen?

Die bedrückendste Frage ist: Hat das Alder Hey Hospital etwas zu verstecken? Könnte von einem anderen Arzt vielleicht etwas entdeckt werden, was man verborgen halten will?

In den vergangenen 83 Stunden wurden die behandelnden Ärzte offensichtlich widerlegt. Das Kind ist nicht nach wenigen Minuten gestorben als am Montag 22 Uhr die künstliche Beatmung abgestellt wurde. So aber war es vom Krankenhaus als tödliche Drohung in den vergangenen Monaten in den Raum gestellt worden. Diese Diagnose war ein nicht unwesentlicher Punkt im gesamten Gerichtsverfahren. Das Krankenhaus hält jedoch unbeirrt an seiner Todesprognose fest. Von der Behauptung, das Kind sterbe umgehend, will man im Alder Hey Hospital seither nie gehört haben.

Viele Stunden ließ das Krankenhaus das Kind ohne Flüssigkeit. Noch viel mehr Stunden ohne Nahrung. Es braucht keiner weiteren Beweise: Das Krankenhaus wollte den Tod des Kindes herbeiführen. Gestützt auf ein Todesurteil von Richter Anthony Hayden. Und das, wohlgemerkt, obwohl in Großbritannien die Euthanasie verboten ist.

Damit nicht genug: Dem Kind wurde Stunden nach Abstellen der künstlichen Beatmung eine unterstützende Sauerstoffmaske gewährt. Diese wurde in der Nacht auf Donnerstag plötzlich entzogen. Die Begründung war hanebüchen: Weil sie nicht dem Krankenhaus gehöre. Als die Eltern für ihren Sohn um eine Sauerstoffmaske des Krankenhauses baten, wurde sie verweigert. Stundenlang.

Zudem das groteske Theater von Krankenhausleitung und behandelnden Ärzten vor Gericht wegen eines angeblich „feindseligen Klimas“, das durch die Familie und die Unterstützer mit Gebetswachen und Kundgebungen vor dem Krankenhaus geschaffen worden sei. Der Protest ist legitim. Was sonst, angesichts einer betriebenen staatlich sanktionierten Hinrichtung. Was die Ärzte und Direktoren durch die Mahnwachen auszuhalten haben, ist nichts im Vergleich zu dem, was die Eltern von Alfie Evans durchmachen müssen, von Alfie selbst ganz zu schweigen. Für Richter Hayden war es jedoch eine offenbar willkommene Gelegenheit, erneut eine Art von Güterabwägung vorzunehmen. Sie mündete in einer offenkundigen Nötigung. Hayden entschied am Dienstag, daß es „nicht zum Wohl“ von Alfie sei, nach Rom oder München gebracht zu werden, wo Einrichtungen bereit sind, das Kind zu behandeln. Er dürfe aber nach Hause gehen. Nach Monaten würde damit endlich enden, was Ursache des Ganzen ist: die Geiselhaft durch das Alder Hey Hospital.

Wie das plötzlich? Warum nicht früher?

Weder von Richter Hayden noch vom Krankenhaus gab es bisher ein Wort des Bedauerns oder gar das Eingeständnis eines Einschätzungsfehlers.

Von einer Geiselhaft in die andere

Hayden entschied vielmehr perfid: Die Geiselhaft des Krankenhauses wurde durch eine Geiselhaft Englands ersetzt. Man könnte auch von Sadismus sprechen. Das Kind darf nicht ausreisen. Warum nicht? Wir hatten es schon: Das nämlich sei „nicht zum Wohl des Kindes“. Was die Eltern wollten, sei im Vergleich zum Kindeswohl irrelevant, so Hayden, der selbstherrlich das Elternrecht der Evans in dieser Sache für null und nichtig erklärte

Und noch ein aber: Wann Alfie aus dem Krankenhaus entlassen werden „könne“, entscheidet das Krankenhaus. Das war am Dienstag. Zur selben Zeit verweigerte das Krankenhaus dem Kind die Nahrung. Man wollte ihn verhungern lassen. Für Richter Hayden kein Problem. Er begnügte sich, dem Krankenhaus die Versorgung zu empfehlen, um einer möglichen Anzeige durch die Eltern zu entgehen.

In der Sache aber: Wenn Alfie schon nicht sterben will, wollte man offensichtlich nachhelfen. Nachdem die Nahrungsversorgung wiederaufgenommen wurde, entzog man ihm die Sauerstoffmaske. Die beste Obsorge für das Leben des Kindes ist das mit Sicherheit nicht. Im Gegenteil. Es ist Quälerei. Der Verdacht steht im Raum, daß mit Haydens Urteil vom Dienstag das gewollte Ziel, den Tod des Kleinen, nur etwas besser verpackt wurde.

Dieses seltsame Verhalten läßt Mutmaßungen aufkommen. Um reine Rechthaberei und Verbohrtheit des Alder Hey Hospitals könne es sich nicht handeln. Was aber dann? Liegt ein schwerwiegender Behandlungsfehler vor? Wurde Alfie dadurch beeinträchtigt oder schwer geschädigt? Oder wurde am ohnehin für todgeweiht erklärten Kind ein Experiment durchgeführt? Wurde Alfie Evans als Versuchskaninchen mißbraucht?

Text: Giuseppe Nardi
Bild: Nuova Bussola Quotidiana

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