„Denke ich, daß der Vatikan so die katholische Kirche in China verkauft? Ja, eindeutig“

Volksrepublik China
Kardinal Zen: Die Behauptung, man müsse sich dem Regime in Peking anbiedern, um ein "Schisma" zu vermeiden, "ist einfach lächerlich".

(Rom/Hong Kong) Kardinal Joseph Zen, emeritierter Bischof von Hong Kong und graue Eminenz der Untergrundkirche in der Volksrepublik China, veröffentlichte gestern auf seinem Blog einen Brief an die Medien. Darin bestätigt er die in den Tagen zuvor durchgesickerten und von AsiaNews veröffentlichten Informationen zu den aktuellen Entwicklungen in Sachen Untergrundkirche und zu seiner Begegnung mit Papst Franziskus am 10. Januar in Rom.  Er enthüllte, was ihm der Papst zur Antwort gab.

Der Kardinal warnt vor einem „neuen Fall Mindszenty“

Der Kardinal warnt vor einem „neuen Fall Mindszenty“. Der ungarische Primas, Jozsef Kardinal Mindszenty (eigentlich Josef Pehm), war nach 1945 über Ungarn hinaus eine Symbolfigur des Widerstandes gegen die kommunistische Diktatur. Als Erzbischof von Esztergom protestierte er nach Kriegsende zunächst gegen die Vertreibung der Deutschen aus Ungarn, denen seine eigene Familie väterlicherseits entstammte. Dann widersetzte er sich mit allen Kräften der kirchenfeindlichen Politik des neuen Regimes. 1948 wurde er als „Konterrevolutionär“ und „Volksfeind“ verhaftet und in einem Schauprozeß zu lebenslanger Haft verurteilt. 1956 konnte er im Zuge des Ungarischen Volksaufstandes befreit werden. Wieder in seinem Bistum entfernte er die sogenannten „Friedenspriester“ aus ihrem Dienst, die mit dem kommunistischen Regime kollaboriert hatten. Als die sowjetischen Panzer den Aufstand gewaltsam niederschlugen, fand er Asyl in die US-Botschaft in Budapest. Dort harrte er als Symbolgestalt des Widerstandes aus, bis ihn der Vatikan im Zuge der Ostpolitik ins Exil zwang und mit László Lékai (eigentlich Laszlo Lung) einen neuen Erzbischof einsetzte. Die Situation weist zahlreiche Parallelen mit der Situation der katholischen Kirche in der Volksrepublik China auf. Im Mittelpunkt der Verhandlungen zwischen dem Vatikan und den kommunistischen Regimen standen auch damals, wie heute in China, die Bischofsernennungen. Freie Ernennungen lehnten die kommunistischen Machthaber damals in Ungarn ab und lehnen sie heute in der Volksrepublik China ab.

Der Brief von Kardinal Zen

„29. Januar 2018

Liebe Freunde von den Medien,

seit AsiaNews einige jüngste Ereignisse der Kirche in China von rechtmäßigen Bischöfen, von denen der ‚Heilige Stuhl‘ gefordert habe, zurückzutreten, um unrechtmäßigen und sogar ausdrücklich exkommunizierten ‚Bischöfen‘ Platz zu machen, sorgen unterschiedliche Versionen und Interpretationen für Verwirrung unter den Leuten. Viele, die von meiner jüngsten Reise nach Rom wissen, haben um einige Klärungen gebeten.“

Der Kardinal bestätigt, daß der rechtmäßige Bischof  Zhuang von Shantou im vergangenen Oktober eine entsprechende, erste, schriftliche Mitteilung vom Heiligen Stuhl erhielt und sich an Kardinal Zen um Hilfe wandte.  Dieser ließ die Mitteilung dem Präfekten der römischen Kongregation für die Evangelisierung der Völker, Fernando Kardinal Filoni, in Rom überbringen, samt einer Kopie für Papst Franziskus.

„Ich weiß nicht, ob diese beigefügte Kopie jemals den Schreibtisch des Heiligen Vaters erreicht hat.“

„Zum Glück“ befand sich Msgr. Savio Hon Taifai, ein chinesischer Kurienerzbischof im Diplomatischen Dienst des Heiligen Stuhls, derzeit Apostolischer Nuntius in Griechenland, noch in Rom und hatte Gelegenheit, den Papst vor seiner Abreise zu sehen. Bei dieser Gelegenheit brachte er Franziskus die beiden Fälle der Bischöfe von Shantou und Mindong zur Kenntnis, die im Namen des Heiligen Stuhls zum Rücktritt aufgefordert worden waren.

„Der Heilige Vater war überrascht und versprach, die Sache zu studieren.“

„Wegen der Worte, die der Heilige Vater zu Msgr. Savio Hon gesagt hatte, waren die neuen Ereignisse im Dezember noch schockierender und überraschender für mich.“

Als der „alte und gebrechliche“ Bischof Peter Zhuang von Shantou „mich bat, dem Heiligen Vater seine Antwort“ auf die Rücktrittsforderung der „vatikanischen Delegation“ zu überbringen, „konnte ich nicht nein sagen.“

„Was konnte ich aber tun, um sicher zu sein, daß sein Brief den Heiligen Vater erreicht, wenn ich nicht einmal weiß, ob meine Briefe ihn erreichen.“

Um sich zu vergewissern, entschied sich Kardinal Zen, persönlich nach Rom zu reisen. Er bestieg am 9. Januar in Hong Kong ein Flugzeug und gelangte so direkt in den Vatikan, wo am 10. Januar, Mittwoch, soeben die Generalaudienz begonnen hatte.

„Am Ende der Audienz sind wir Kardinäle und Bischöfe zum  ‚Handkuß‘ zugelassen,  und so hatte ich die Möglichkeit, den Umschlag in die Hände des Heiligen Vaters zu legen, indem ich ihm sagte, eigens nach Rom gekommen zu sein, um ihm den Brief von Msgr. Zhuang zu überbringen in der Hoffnung, daß er die Zeit finde, ihn zu lesen (im Umschlag befand sich der Originalbrief des Bischofs auf chinesisch, meine Übersetzung ins Italienische und ein Brief von mir).“

Aus „naheliegenden Gründen“ hatte der Kardinal „gehofft“, daß seine Anwesenheit bei der Generalaudienz nicht auffällt. Der Vatikan selbst veröffentlichte jedoch routinemäßig ein Video, das auch den Kardinal zeigt, wie er dem Papst den Briefumschlag übergibt. Was nicht unbeachtet blieb.

Der Kardinal betont, daß er sich anschließend mit P. Cervellera, dem Chefredakteur des PIME-Pressedienstes AsiaNews traf, sie aber vereinbarten, nichts über de Gründe seiner Anwesenheit zu berichten. Als andere berichteten, folgte der Sache wegen auch ein Artikel von AsiaNews, dessen Inhalt vom Kardinal nun ausdrücklich bestätigt wurde. In dem Artikel hieß es, daß die „vatikanische Delegation“, die im Dezember von Bischof Zhuang in Peking den Rücktritt forderte, wahrscheinlich vom emeritierten Kurienerzbischof Claudio Maria Celli, ehemaliger Vorsitzender des Päpstlichen Rates für die sozialen Kommunikationsmittel, angeführt wurde.

„Ich weiß nicht, in welcher offiziellen Funktion er dort war, aber es ist fast sicher, daß wirklich er in Peking war.“

Papst Franziskus: „Keinen neuen Fall Mindszenty schaffen!“

Wegen der Bedeutung des Augenblicks und der „in den Medien herrschenden Verwirrung“ sieht sich der Kardinal in der Pflicht, da er die Situation von Shantou „persönlich“ und jene von Mindong „indirekt“ kennt, seine Kenntnis der Fakten bekanntzumachen,

„damit um das Wohl der Kirche ehrlich besorgte Menschen die Wahrheit erfahren können, worauf die ein Recht haben“.

Er sei sich bewußt, daß er damit Dinge preisgebe, die „technisch“ gesehen, „vertraulich“ sind.

Untergrundkirche
Obwohl die Audienz bereits am 12. Januar stattfand, wurde sie erst für den 14. gemeldet.

„Aber mein Gewissen sagt mir, daß in diesem Fall das ‚Recht auf Wahrheit‘ jede ‚Verpflichtung zur Vertraulichkeit‘ überwinden dürfte.“

„Am Nachmittag des 10. Januars erhielt ich einen Anruf aus Santa Marta, mit dem mir mitgeteilt wurde, daß der Heilige Vater mit am Abend des 12. Januars in Privataudienz empfangen würde (obwohl das vatikanische Tagesbulletin sie dann für den  14. Januar berichtete).“

Die Begegnung mit Papst Franziskus dauerte „ungefähr eine halbe Stunde“. Dabei teilte der Kardinal dem Kirchenoberhaupt die „Sorgen seiner treuen Söhne in China“ mit.

Die „wichtigste Frage“, die der Kardinal dem Papst stellte („die auch im Brief genannt wurde“), lautete, ob er die Zeit hatte, „den Fall zu studieren (wie er es Msgr. Savio Hon versprochen hatte)“.

„Auch auf die Gefahr hin beschuldigt zu werden, die Verschwiegenheitspflicht zu brechen, habe ich entschieden, mitzuteilen, was Seine Heiligkeit geantwortet hat:

‚Ja, ich habe ihnen (seinen Mitarbeitern beim Heiligen Stuhl) gesagt, keinen neuen Fall Mindszenty zu schaffen!‘

Ich war dort, beim Heiligen Vater, in Vertretung meiner leidenden, chinesischen Brüder. Seine Worte sollten richtigerweise als Trost und als Ermutigung verstanden werden, mehr für sie als für mich.“

Der Verweis auf Kardinal Joszef Mindszenty, „einen der Helden unseres Glaubens, ist von großer Bedeutung und angemessen von Seiten des Heiligen Vaters“.

„Mit dieser Enthüllung hoffe ich, das legitime ‚Recht‘ der Medien und meiner Brüder in China ‚zu wissen‘ befriedigt zu haben. Das Wichtige für uns ist, für den Heiligen Vater zu beten, indem wir den sehr angemessenen, traditionellen Hymnus ‚Oremus‘ anstimmen:

Oremus pro Pontifice nostro Francisco, Dominus conservet eum et vivificet eum et beatum faciat eum in terra et non tradat eum in animam inimicorum eius.

Anbiederung, um Schisma zu verhindern? „Lächerlich!“

Der Kardinal ergänzt dann zum besseren Verständnis einige Erklärungen.

  1. Das Problem sei nicht der Rücktritt der rechtmäßigen Bischöfe, sondern „die Forderung, den unrechtmäßigen und exkommunizierten Platz zu machen. Obwohl der Amtsverzicht wegen Erreichung der Altersgrenze in China nie angewandt wurde, haben viele alte Untergrundbischöfe mit Nachdruck um einen Nachfolger gebeten, ohne irgendeine Antwort vom Heiligen Stuhl zu erhalten. Andere, die bereits einen ernannten Nachfolger haben, und vielleicht sogar schon die vom Heiligen Vater unterzeichnete Bulle, haben aus Angst, die Regierung zu beleidigen, Anweisung erhalten, die Weihe nicht durchzuführen.“
  2. „Ich habe vor allem von den beiden Fällen von Shantou und Mindong gesprochen. Ich habe keine anderen Informationen, außer die Kopie eines Briefes einer außergewöhnlichen, katholischen Frau, einer pensionierten Akademikerin, die mit den Angelegenheiten der Kirche in China sehr vertraut ist, in dem sie Msgr. Celli davor warnt, auf die Legitimierung von ‚Bischof‘ Lei Chiying in Sichuan zu drängen.“
  3. „Ich gebe zu, bezüglich der derzeitigen Situation der Kirche in China ein Pessimist zu sein, aber mein Pessimismus gründet auf meiner langen und direkten Erfahrung“. Von 1989 – 1996 lehrte der Kardinal Zen jährlich sechs Monate in verschiedenen Priesterseminaren der staatlich, anerkannten katholischen Gemeinschaft. Er habe „direkt“ die „Sklaverei und die Demütigungen“ erlebt, denen „unsere Brüder Bischöfe unterworfen sind“. Die jüngsten Informationen seien für den Kardinal daher ein Grund, seine „pessimistische Sichtweise“ nicht zu ändern. „Die kommunistische Regierung produziert neue und strengere Bestimmungen zur Einschränkung der religiösen Freiheit. Sie setzen nun die Bestimmungen um, die es bisher nur auf dem Papier gab (ab dem 1. Februar 2018 werden die Versammlungen zur Heiligen Messe der Untergrundgemeinschaften nicht mehr geduldet werden).“
  4. „Einige sagen, daß alle Anstrengungen, um zu einem Abkommen [zwischen der Volksrepublik China und dem Heiligen Stuhl] zu gelangen, für die Verhinderung eines kirchlichen Schismas seien. Das ist lächerlich! Das Schisma ist bereits da, in der unabhängigen Kirche. Die Päpste haben es vermieden, das Wort ‚Schisma‘ zu gebrauchen, weil sie wußten, daß viele in der offiziellen, katholischen Gemeinschaft nicht aus freiem Willen dort sind, sondern unter massivem Druck. Der Vorschlag zur ‚Vereinigung‘ wird jeden in diese Gemeinschaft zwingen. Der Vatikan würde damit einer neuen und noch stärkeren, schismatischen Kirche den Segen geben und jenen das schlechte Gewissen waschen, die schon jetzt willfährige Renegaten sind und anderen, die bereits sind, sich diesen anzuschließen.“
  5. Der Kardinal stellt die rhetorische Frage, in Anspielung auf jene, die offensichtlich so in der Kirche und auch im Vatikan argumentieren, ob es nicht gut sei, ein gemeinsames Terrain zu finden, um den jahrzehntelangen Bruch zwischen Vatikan und China zu beenden. „Kann es aber irgend etwas ‚Gemeinsames‘ mit einem totalitären Regime geben?“ Dazu zieht der Kardinal einen Vergleich: „Kann man sich ein Abkommen zwischen dem heiligen Josef und König Herodes vorstellen?“
  6. „Denke ich, daß der Vatikan auf diese Weise die katholische Kirche in China verkauft? Ja, eindeutig, wenn sie in diese Richtung gehen, was aufgrund dessen offensichtlich ist, was sie in diesen Monaten und den vergangenen Jahren getan haben.“
  7. Einige Experten der katholischen Kirche in China würden behaupten, daß es nicht logisch sei, anzunehmen, daß unter [Staats- und Parteichef] Xi Jinping eine härtere Religionspolitik zu erwarten sei. „Jedenfalls geht es hier nicht um Logik, sondern um die offensichtliche und nackte Realität.“
  8. „Bin vielleicht ich das Haupthindernis für einen Einigungsprozeß zwischen dem Vatikan und China? Wenn dieses Abkommen schlecht ist, dann bin mehr als glücklich, ein Hindernis zu sein.“

Der Brief von Kardinal Zen jeweils original auf chinesisch und auf italienisch.

Text/Übersetzung: Giuseppe Nardi
Bild: AsiaNews/

4 Kommentare

  1. Erschütternd und traurig. Hatte Papst Johannes Paul II noch gegen den Kommunismus gekämft und schliesslich den Sieg davongetragen, so ergibt
    man sich Heute eben diesem Kommunismus kampflos. Ein Trauerspiel.

    • Die Liturgiefrage ist sehr komplex. Grundsätzlich kann gesagt werden, daß die Gläubigen sehr traditionell sind. Das hängt mit der seit bald 70 Jahren andauernden Verfolgung zusammen, die schon lange vor dem Konzil begann. Die Gläubigen in China sind beharrlich. Aus dem Grunde wäre China insgesamt wahrscheinlich ein sehr fruchtbarer Boden für die Tradition.

  2. Schon merkwürdig?! JP II ringt – und das, Gott sei Dank, überaus erfolgreich – gegen den Sozialismus (Kommunismus, Nationalsoialismus) und hilft bei der Überwindung dieser menschenunwürdigen totalitären Ideologie entscheidend mit, und PF, was tut der? Er kollaboriert mit ihm! Werte Kardinäle, die ihr diesem Mann im Konklave eine Stimme gegeben habt, besinnt Euch! Schön langsam solltet auch ihr erkennen, welchen Geist ihr zum Papst gemacht habt!

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