Humanae vitae: Verteidiger und Gegner tagen in Rom

Prophetische Enzyklika Humanae vitae (1968) von Paul VI.
Prophetische Enzyklika Humanae vitae (1968) von Paul VI.

(Rom) Vor 50 Jahren bekräftigte Papst Paul VI. mit der Enzyklika Humanae vitae auf verbindliche Weise die Position der Kirche zu Verhütungsmitteln. Das Stichwort damals lautete „Anti-Baby-Pille“, mit der seit Anfang der 60er Jahre auch der europäische Markt überschwemmt wurde. Nomen est omen. Mit der „Pille“ kam der „Pillenknick: Die Anti-Baby-Pille hielt, was sie „versprach“. Das Sexualverhalten veränderte sich radikal und die Geburtenrate die stabile Ehen stürzten ab. Zwei gegensätzliche Tagungen zeigen in diesen Tagen die Zerrissenheit der Kirche zu diesem Thema auf.

Ein Beweis dafür ist allein schon die Tatsache, daß beide – obwohl konträr – an päpstlichen Universitäten in Rom stattfinden. An der Gregoriana tagen die Modernisten, die sich auf Papst Franziskus und Amoris laetitia berufen. Am Angelicum tagen die Verteidiger der immergültigen kirchlichen Lehre über die Moral und die Heiligkeit des Lebens. Es sind nicht nur zwei unterschiedliche Denkschulen, die sich gegenüberstehen. Der Anspruch der beiden Richtungen ist von ganz unterschiedlicher Qualität.

In drei Generationen Geburtenrate auf 25 Prozent zusammengeschmolzen

RU486, auch eine Pille
RU486, auch eine Pille

Um den Bevölkerungsstand eines Volkes zu halten, muß jede Frau im gebärfähigen Alter statistisch mindestens 2,1 Kinder zur Welt bringen. Durch die Pille wurden bereits in der ersten Generation um mehr als ein Drittel zu wenig Kinder geboren. Kinder, die nie geboren werden, können keine Enkel zeugen, weshalb in der Enkelgeneration der Bestand gegenüber den Großeltern auf unter 50 Prozent sank.

In den kommenden Jahren wird die Urenkelgeneration geboren werden. Wissenschaftler haben errechnet, daß es im Vergleich zur Urgroßelterngeneration, die „Pille-Generation“ höchstens noch 25 Prozent Urenkel geben wird. Seit 47 Jahren werden in Deutschland deutlich weniger Kinder geboren als Deutsche sterben. In den Nachbarländern sieht es nicht anders aus. Da die Gesamtbevölkerung in Mitteleuropa dennoch ständig zunimmt, ob in der Bundesrepublik Deutschland, in der Schweiz oder in Österreich, wird daran erkennbar, wie massiv die Zuwanderung ist.

Ungehorsam gegen Humanae vitae

Die Enzyklika Humanae vitae löste 1968 unter progressiven Katholiken einen unglaublichen Zorn aus. Angeführt wurden diese vom belgischen Primas Leo Kardinal Suenens. Ihr Protest war massiv und die Enzyklika, die von Bischöfen und Kardinälen kritisiert wurde, wurde von verschiedenen Bischofskonferenzen in offenem Ungehorsam nicht umgesetzt. Federführend war dabei die Deutsche Bischofskonferenz mit der Königsteiner Erklärung. In Österreich folgte die Mariatroster Erklärung und in der Schweiz die Solothurner Erklärung. Keine dieser Erklärungen wurde seither zurückgenommen. Nun wittern deren Anhänger vielmehr die historische Gelegenheit, mit Franziskus als Papst in Rom, ihren Ungehorsam zur offiziellen Lehre der Kirche zu machen.

Johannes Paul II. (1978-2005) bestätigte die Lehre, die sein Vorgänger verkündet hatte. In seiner Enzyklika Veritatis splendor bekräftigte er, daß es eine absolute moralische Wahrheit gibt, die zu allen Zeiten und an allen Orten die gleiche Gültigkeit besitzt und für alle verbindlich ist.

Benedikt XVI. (2005-2013) erklärte am 10. Mai 2008, zum 40. Jahrestag von Humanae vitae, daß die Lehre dieser Enzyklika „nicht nur ihre unveränderte Wahrheit aufzeigt, sondern auch die Weitsicht offenbart, mit der man dem Problem begegnete“.

Soll Humanae vitae umgestürzt werden?

Msgr. Gilfredo Marengo
Msgr. Gilfredo Marengo

Mit Blick auf den 50. Jahrestag von Humanae vitae, wurde von Papst Franziskus eine Studienkommission ernannt, die von Msgr. Gilfredo Marengo geleitet wird. Sie soll „den Entstehungsweg der Enzyklika anhand der in einigen Archiven des Heiligen Stuhls aufbewahrten Dokumentation rekonstruieren und prüfen, der in verschiedenen Phasen vom Juni 1966 bis zu ihrer Veröffentlichung am 25. Juli 1968 dauerte“.

Obwohl die Kommission bereits 1963 von Papst Johannes XXIII. errichtet worden war, umfaßt der Auftrag, den Franziskus seiner Studienkommission erteilte, genau die Jahre 1966–1968, in denen sich die damalige Kommission immer mehr Richtung Anerkennung der Verhütungsmittel bewegte. Sie versuchte Papst Paul VI. davon zu überzeugen, daß Verhinderung von Schwangerschaften ein legitimes Mittel sei und dazu auch künstliche Mittel eingesetzt werden könnten.

Warum will Franziskus ausgerechnet diese Jahre wieder ausgraben? Welchen Sinn sollte das haben, wenn nicht den, die damalige Entscheidung zu ändern? Soll der Inhalt von Humanae vitae in sein Gegenteil verkehrt werden?

Umdeutung „im Licht von Amoris laetitia

In der Tat ist ein solcher Versuch im weiteren und näheren Umfeld des Papstes bereits im Gange, indem Humanae vitae auf der Grundlage des umstrittenen nachsynodalen Schreibens Amoris laetitia neu gelesen wird. Selbst engste Vertraute des Papstes haben sich insofern bereits weit aus dem Fenster gelehnt, indem sie die Amoris laetitia zugrundeliegende Prämisse als neues „moralisches Paradigma“ bezeichneten. Wenn dem so wäre, dann könnte, ja müßte – nach einer zwingenden Logik – dieses Paradigma auch auf andere Fragen angewandt werden. Damit aber würde nicht nur die Lehre der früheren Päpste auf den Kopf gestellt werden, sondern das ganze auf Jesus beruhende kirchliche Lehramt.

Heute vor einer Woche, am 19. Oktober, begann an der Päpstlichen Universität Gregoriana ein Lehrveranstaltungszyklus zum Thema: „Il cammino della famiglia a cinquant’anni da Humanae vitae“ (Der Weg der Familie 50 Jahre nach Humanae vitae). Um zu verstehen, in welche Richtung die Modernisten streben, wird dieser Zyklus erhellend sein, ist sich der Vatikanist Edward Pentin sicher. Das Ziel sei es, davon ist er überzeugt, Humanae vitae einen „New Look“ zu verpassen.

„Primat des Gewissens“ und der New Look für die Moral

Zyklus der Neuerer an der Gregoriana
Zyklus der Neuerer an der Gregoriana

Laut Emilia Palladino, einer der insgesamt 16 Referenten, die sich an den acht Veranstaltungstagen von Oktober bis Mai abwechseln, findet der Zyklus statt, um „zu verstehen, wie der normative Rahmen von Humanae vitae mit der Spannung der Erneuerung in Einklang zu bringen ist, die im Licht des Primats des Gewissens aus Amoris laetitia atmet“.

Palladino zitiert dazu Worte von Papst Franziskus aus seiner Ansprache vom vergangenen 11. Oktober zum 25. Jahrestag der Veröffentlichung des Katechismus der Katholischen Kirche:

„Man kann das Wort Gottes nicht einmotten als wäre es eine alte Wolldecke, die man vor Schädlingen bewahren müßte. Nein! Das Wort Gottes ist eine dynamische Wirklichkeit, stets lebendig, und es entwickelt sich und wächst, denn es ist auf eine Erfüllung hin angelegt, die die Menschen nicht stoppen können.“

Am 14. Dezember wird Emilia Palladino mit dem Theologen Maurizio Chiodi zum Thema „Humanae vitae (1968) auf der Grundlage von Amoris laetitia (2016) neu lesen“ diskutieren. Chiodi hat in seinem Buch „Ethik des Lebens“ (Etica della vita) bereits für die künstliche Fortpflanzung Partei ergriffen, wenn sie von „Zeugungsabsicht“ getragen sei. „Die Personen, die hier aufeinandertreffen werden, sagen bereits alles aus“, so Emmanuele Barbieri in der Corrispondenza Romana.

Glaubenstreue Katholiken zur Verteidigung von Humanae vitae entschlossen

Die Katholiken, die der immerwährenden Lehre der Kirche über die Heiligkeit des Lebens treu sind, sind entschlossen, den Modernisten Widerstand zu leisten. Sie sind der festen Überzeugung, daß die kirchliche Morallehre nicht beliebig geändert werden kann. Denn wenn dem so wäre, würde sie die Seelen nicht zu ihrem Heil, sondern ins Chaos führen, in dem das Seelenheil verlorengeht.

28. Oktober, Tagung zu 50 Jahre Humanae vitae: Widerstand gegen zeitgeistige Aufweichungsversuche
28. Oktober, Tagung zu 50 Jahre Humanae vitae: Widerstand gegen zeitgeistige Aufweichungsversuche

Am kommenden Samstag, den 28. Oktober werden auf Einladung von Voice of the Family, einer englischen Organisation, der international 25 Lebensrechtsorganisationen angehören, sich einige der renommiertesten Gelehrten und Führungspersönlichkeiten der internationalen Lebensrechtsbewegung an der Päpstlichen Universität Heiliger Thomas von Aquin (Angelicum) versammeln.

Sie wollen die immergültige Lehre der Kirche in Sachen Lebensrecht und Verhütung bekräftigen und die Irrtümer anklagen, die dieser Lehre widersprechen. Damit reagieren sie auf den von bestimmten Kirchenkreise seit Ende der 60er Jahre und im Vatikan seit der Wahl von Papst Franziskus betriebenen Versuch, die Lehre der Kirche über die Heiligkeit des Lebens aufzugeben.

Der rote Faden: Schweigen zu den nicht verhandelbaren Grundsätzen

Papst Franziskus schwieg in den ersten sechs Monaten seines Pontifikats zu den „nicht verhandelbaren Grundsätzen“, die Papst Benedikt XVI. postuliert hatte. Als deswegen die Unruhe in der Kirche zu groß wurde, erklärte er in einem Interview mit seinem Vertrauten, dem Jesuiten Antonio Spadaro, daß für ihn das Thema Abtreibung keinen Vorrang habe.

Diese Haltung zieht sich seither wie eine roter Faden durch das Pontifikat. Der völlige Umbau der von Johannes Paul II. errichteten Päpstlichen Akademie für das Leben spricht Bände. Wäre nicht eine Richtungsänderung geplant, hätte man die Akademie nicht von eindeutigen Lebensschützern wie Josef Seifert säubern müssen. Der neue Vorsitzende der Akademie, der wegen heterodoxer Positionen umstrittene Kurienerzbischof Vincenzo Paglia, kündigte schon 2016 an, daß die Akademie für das Leben sich künftig einer „authentischen Humanökologie“ widmen werde. Anders ausgedrückt: Klimapolitik statt Lebensrecht.

Gegentagung führender Lebensrechtler

An der Tagung am kommenden Samstag werden folgende Persönlichkeiten als Referenten sprechen: John Smeaton (Society for the Protection ob Unborn Children); Roberto de Mattei (Fondazione Lepanto); Josef Seifert (Gründer und erster Präsident der Internationalen Akademie für Philosophie), P. Serafino Lanzetta (Universität Lugano); Shenan Boquet (Human Life International); Jean Marie Le Méné (Fondation Lejeune); Thomas Ward (Gründer und Präsident der National Association of Catholic Families); Philippe Schepens (Generalsekretär der World Federation of Doctors Who Respect Human Life); John-Henry Westen (Mitgründer und Direktor von Life Site News). Die Tagung wird von Kardinal Walter Brandmüller eröffnet und von Erzbischof Luigi Negri abgeschlossen werden.

Es stehe viel auf dem Spiel, so Emmanuele Barbieri:

„Was hier auf dem Spiel steht, sind nicht die Meinungen von zwei unterschiedlichen Denkschulen, sondern die Fundamente der katholischen Moral. Die Tagung am Angelicum sieht sich damit als bewußte Gegenveranstaltung zu jener an der Gregoriana. Es handelt sich um eine wichtiges Ereignis, da hier auf eindeutige Weise die Stimme der Familie zu hören sein wird, und mehr noch die Stimme der Kirche, die heute zu oft verschleiert und entstellt wird.“

Die Aktivitäten rund um Humanae vitae zeigen, daß es bei dem umstrittenen nachsynodalen Dokument Amoris laetitia nicht „nur“ um die Kommunion für sogenannte wiederverheiratete Geschiedene geht. Um deren Zulassung zur Kommunion irgendwie rechtfertigen zu können, wurde – ob bewußt, aus Leichtsinn oder Unverstand – die Büchse der Pandora geöffnet.

Text: Giuseppe Nardi
Bild: Corrispondenza Romana/HLI/Youtube (Screenshots)

3 Kommentare

  1. Das große Problem von Humanae vitae war das Versagen des kirchlichen Lehramtes und zwar des päpstlichen und der bischöflichen Lehrämter. Die einen verkündeten mit dem päpstlichen Lehramt, dass die Verhütung verboten sei und die anderen stellten dies in Frage oder machten wie die deutschen Bischöfe in der Königssteiner Erklärung die Frage zu einer Gewissensfrage – ohne jedoch die Kriterien des Gewissens zu erklären. Kurzum es war eine Kathastrophe und das Lehramt hat total versagt, weil es das „warum“ nicht erklärt hat. Ich selbst habe ca. zwanzig Jahre mit einer päpstlichen Entscheidung gelebt, die ich nicht verstanden habe. Erst 1996 beschrieb Kardinal Ratzinger im Osservatore Romano Grundfrage von Humanae vitae und sagte: Das Grundproblem von Humanae vitae stellt sich nicht aus dem sechsten sondern aus dem fünften Gebot mit der Frage, wieviel Manipulation ist dem Menschen an und mit seinem Körper erlaubt? Damit war für den Mediziner die Fragestellung rational begreiflich und es war auch klar, dass durch dieser Sichtweise noch wesentlich andere medizinische Fragen eine ethischen Diskussion bedurften, die bisher nicht diskutiert wurden. Es hätten auch medizinische Ausnahmen einer Diskussion bedurft, um eine Antwort zu geben, was ist wann und unter welchen Umständen vertretbar. Ich bedaure, dass der Gedanke von Ratzinger nicht weiter diskutiert wurde und habe gleichzeitig die Befürchtung, dass eine heutige Neudiskussion unter dem jetzigen Lehramt auch keine lehramtsgerechte Entscheidung bringen wird und dass wiederum nur eine ja-nein Entscheidung fällt, die keine nachvollziehbaren Kriterien erkennen lässt und die zu keiner wahren Gewissensentscheidung führt.

  2. Wie können auf dem satanischen Fundament der Zerstörung von drei Sakramenten (Beichte, Eucharistie und Ehe), die sehr Viele entsetzt, an einer „päpstlichen“ Universität „Lehrveranstaltungen“ durchgeführt werden, um „zu verstehen, wie der normative Rahmen von Humanae vitae mit der Spannung der „Erneuerung“ in Einklang zu bringen ist, die im Licht des „Primats des Gewissens“ aus Amoris laetitia „atmet“.

    „Erneuerung“, die es nicht gibt und nicht geben kann, weil Gott ewig ist und Sich nicht ändert. Die „Erneuerung“ atmet nicht, sie stinkt und zwar nach Schwefel und Spaltung, nach Zerstörung der Seelen.
    „Primat des Gewissens“ in einer Zeit, in der sich kaum ein Gewissen mehr an Gott ausrichtet, wo es Gewissen als Mitwissen mit Gott fast gar nicht mehr gibt.
    Wie können Teile und offenbar so große oder zumindest medienaffine bereits von der einen heiligen, katholischen und apostolischen Kirche abgefallen sein?
    Ich bedanke mich bei „Voice of the Family“.

  3. Auch wenn jemand dann vom Stuhl fällt, muß es gesagt werden. Zuvor muß ich gestehen, daß ich keineswegs nach dieser späten Erkenntnis gelebt habe.

    Jeder manipulierte Sex ist widernatürlich. Bei der Frau gibt es Signale, die die Phase der Fruchtbarkeit anzeigen. Mit diesem Wissen läßt sich ein friedliches Eheleben führen.

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