Bischof Schneider zum Fall Seifert, Kardinal Caffarra und der Pflicht, zu widerstehen — Interview von Maike Hickson

Weihbischof Athanasius Schneider im Gespräch mit Maike Hickson: "Wenn Priester und Laien der unveränderlichen und ständigen Lehre und Praxis der ganzen Kirche treu bleiben, sind sie in Gemeinschaft mit allen Päpsten, den rechtgläubigen Bischöfen und den Heiligen von zweitausend Jahren."
Weihbischof Athanasius Schneider im Gespräch mit Maike Hickson: "Wenn Priester und Laien der unveränderlichen und ständigen Lehre und Praxis der ganzen Kirche treu bleiben, sind sie in Gemeinschaft mit allen Päpsten, den rechtgläubigen Bischöfen und den Heiligen von zweitausend Jahren."

(Washington/Astana) „Die Straf­maß­nah­men gegen Prof. Sei­fert im Auf­trag eines kirch­li­chen Amts­trä­gers sind nicht nur unge­recht, son­dern stel­len letzt­lich eine Flucht vor der Wahr­heit dar.“ Mit die­sen Wor­ten kom­men­tier­te Bischof Schnei­der die Ent­las­sung des bekann­ten, öster­rei­chi­schen Phi­lo­so­phen wegen des­sen kri­ti­scher Ana­ly­se des umstrit­te­nen nach­syn­oda­len Schrei­bens Amo­ris lae­ti­tia von Papst Fran­zis­kus. Mai­ke Hick­son führ­te mit Weih­bi­schof Atha­na­si­us Schnei­der von Asta­na, einem der inter­na­tio­nal pro­fi­lier­te­sten Kir­chen­ver­tre­ter, ein Inter­view für One­Pe­ter­Fi­ve, das Katholisches.info für die deut­sche Ver­öf­fent­li­chung zur Ver­fü­gung gestellt wur­de.

Bischof Schnei­der war vor der zwei­ten Bischofs­syn­ode über die Fami­lie, im Herbst 2015, zusam­men mit Prof. Josef Sei­fert Unter­zeich­ner des Treue­be­kennt­nis­ses zur unver­än­der­li­chen Leh­re der Kir­che über die Ehe und ihrer unun­ter­bro­che­nen Dis­zi­plin. Den Grün­dungs­rek­tor der Inter­na­tio­na­len Aka­de­mie für Phi­lo­so­phie (IAP) im Für­sten­tum Liech­ten­stein und Phi­lo­so­phie­pro­fes­sor am spa­ni­schen Zweig der Aka­de­mie, der Aca­de­mia Inter­nacio­nal de Filosofà­a‑Instituto de Filosofà­a Edith Stein IAP-IFES, koste­te sei­ne kri­ti­sche Ana­ly­se von Amo­ris lae­ti­tia inzwi­schen sei­ne Pro­fes­sur auf dem Diet­rich von Hil­de­brand-Lehr­stuhl am IAP-IFES. Die Straf­maß­nah­me wur­de vom zustän­di­gen Erz­bi­schof von Gra­na­da damit begrün­det, daß Prof. Sei­fert durch sei­ne Ana­ly­se die „Ein­heit“ der Kir­che bedro­he und „Ver­wir­rung“ unter den Gläu­bi­gen stif­te. Genau die­sen Vor­wurf hat­te Prof. Sei­fert zuvor gegen­über Amo­ris lae­ti­tia erho­ben und davor gewarnt, das Doku­ment unver­än­dert in der bis­he­ri­gen Form ste­hen­zu­las­sen. Zum Fall Sei­fert befragt, dem jüng­sten Fall, wo ein Ver­tei­di­ger der über­lie­fer­ten kirch­li­chen Leh­re über die Ehe und die Sakra­men­ten­ord­nung bestraft wur­de, sag­te Weih­bi­schof Schnei­der nun:

Bischof Atha­na­si­us Schnei­der: Pro­fes­sor Sei­fert hat mit der öffent­li­chen und respekt­vol­len For­mu­lie­rung kri­ti­scher Fra­gen zu offen­sicht­lich zwei­deu­ti­gen Aus­sa­gen im päpst­li­chen Doku­ment Amo­ris lae­ti­tia einen drin­gend not­wen­di­gen und sehr ver­dienst­vol­len Schritt gesetzt in Anbe­tracht des­sen, daß die­se Aus­sa­gen im Leben der Kir­che eine mora­li­sche und dis­zi­pli­nä­re Anar­chie ver­ur­sa­chen, eine Anar­chie, die vor aller Augen steht, und die nie­mand leug­nen kann, der noch sei­ne eige­ne Ver­nunft gebraucht und den wah­ren Glau­ben und Ehr­lich­keit besitzt. Die Straf­maß­nah­men gegen Pro­fes­sor Sei­fert sei­tens eines kirch­li­chen Amts­trä­gers sind nicht nur unge­recht, son­dern stel­len letzt­lich eine Flucht vor der Wahr­heit dar, eine Ableh­nung einer objek­ti­ven Debat­te und eines Dia­logs, wäh­rend gleich­zei­tig heu­te die Kul­tur des Dia­logs als eine Haupt­prio­ri­tät im Leben der Kir­che ver­kün­det wird. Ein sol­ches kle­ri­ka­les Ver­hal­ten gegen einen wirk­li­chen katho­li­schen Intel­lek­tu­el­len, wie es Pro­fes­sor Sei­fert ist, erin­nert mich an die Wor­te, mit denen Basi­li­us der Gro­ße eine ähn­li­che Situa­ti­on im 4. Jahr­hun­dert beschrieb, als die aria­ni­schen Kle­ri­ker ein­dran­gen und die Mehr­heit der Bischofs­sit­ze besetz­ten: „Nur ein Ver­ge­hen wird jetzt ener­gisch bestraft – eine genaue Ein­hal­tung der Tra­di­tio­nen unse­rer Väter. Aus die­sem Grund wer­den die From­men aus ihren Län­dern ver­trie­ben und in Wüsten beför­dert. Reli­giö­se Men­schen schwei­gen, aber jede läster­li­che Zun­ge ist los­ge­las­sen“ (Ep. 243).“

„Brüderliche Zurechtweisung war in der Kirche jederzeit gültig“

Mai­ke Hick­son: Wenn wir über die Ein­heit der Kir­che spre­chen: Was ist die Grund­la­ge für die­se Ein­heit? Müs­sen wir jede begrün­de­te und bedach­te Debat­te zu The­men des Glau­bens und der Dok­trin opfern – wenn ver­schie­de­ne und unver­ein­ba­re Leh­ren auf­tre­ten –, um nicht einen mög­li­chen Riß inner­halb der Kir­che zu ver­ur­sa­chen?

Bischof Atha­na­si­us Schnei­der: Die Grund­la­ge der wah­ren Ein­heit ist die Wahr­heit. Die Kir­che ist „die Säu­le und das Fun­da­ment der Wahr­heit“ (1 Tim 3,15). Die­ser Grund­satz ist seit der Zeit der Apo­stel gül­tig und ist ein objek­ti­ves Kri­te­ri­um für die Ein­heit: Es bedeu­tet die „Wahr­heit des Evan­ge­li­ums“ (vgl. Gal 2,5.14). Papst Johan­nes Paul II. sag­te: „Neben der Ein­heit in der Lie­be, ist die Ein­heit in der Wahr­heit immer drin­gend für uns“ (Anspra­che an die Drit­te Gene­ral­ver­samm­lung des Latein­ame­ri­ka­ni­schen Epo­sko­pats, Pue­bla, 28. Janu­ar 1979). Der hei­li­ge Ire­nä­us lehr­te: ‚Die Kir­che glaubt auf die­sel­be Wei­se an die­se Wahr­hei­ten, als ob sie nur eine See­le und das­sel­be Herz hät­te; in vol­ler Über­ein­stim­mung ver­kün­digt, lehrt und über­lie­fert sie die­se Wahr­hei­ten, als ob sie nur einen Mund hät­te‘ “ (Adv. haer. I,10,2). Am Anfang der Kir­che lehr­te uns Gott die Pflicht, die Wahr­heit zu ver­tei­di­gen, wenn sie in Gefahr ist, im Namen eines Mit­glie­des der Kir­che ent­stellt zu wer­den, auch wenn dies sei­tens des Ober­sten Hir­ten der Kir­che gesche­hen soll­te, wie es beim hei­li­gen Petrus in Antio­chi­en der Fal­le war (vgl. Gal 2,14). Die­ser Grund­satz der brü­der­li­chen Zurecht­wei­sung inner­halb der Kir­che war jeder­zeit gül­tig, auch gegen­über dem Papst, und so soll­te er auch in unse­rer Zeit gül­tig sein. Unglück­li­cher­wei­se wird jeder, der in unse­ren Tagen wagt, die Wahr­heit zu sagen – auch wenn er es mit Respekt gegen­über den Hir­ten der Kir­che tut –, als Feind der Ein­heit ein­ge­stuft, wie es auch dem hei­li­gen Pau­lus wider­fah­ren ist, denn er hat­te gesagt: „Bin ich also euer Feind gewor­den, weil ich euch die Wahr­heit sage?“ (Gal 4,16).

„Der Papst ist kein absoluter Monarch“

Mai­ke Hick­son: Vie­le Prä­la­ten haben in der jüng­sten Ver­gan­gen­heit aus Angst geschwie­gen, ein Schis­ma in der Kir­che zu ver­ur­sa­chen, wenn sie öffent­lich Fra­gen auf­wer­fen oder Ein­wän­de gegen­über Papst Fran­zis­kus und sei­ner Leh­re über die Ehe erhe­ben. Was wür­den Sie ihnen zu die­ser Ent­schei­dung, zu schwei­gen, sagen?

Bischof Atha­na­si­us Schnei­der: Zual­ler­erst soll­ten wir beden­ken, daß der Papst der erste Die­ner der Kir­che ist (ser­vus ser­vor­um). Er ist der Erste, der auf vor­bild­li­che Wei­se allen Wahr­hei­ten des unver­än­der­li­chen und bestän­di­gen Lehr­am­tes gehor­chen muß, weil er nur ein Ver­wal­ter und kein Besit­zer der katho­li­schen Wahr­hei­ten ist, die er von allen sei­nen Vor­gän­gern emp­fan­gen hat. Der Papst darf sich nie­mals gegen­über den bestän­dig über­lie­fer­ten Wahr­hei­ten und der dies­be­züg­li­chen Dis­zi­plin ver­hal­ten, als wäre er ein abso­lu­ter Mon­arch, und sagen: „Ich bin die Kir­che“ (wie der fran­zö­si­sche König Lud­wig XIV.: „L’é­tat c’est moi“). Papst Bene­dikt XVI hat die Sache tref­fend for­mu­liert: „Der Papst ist kein abso­lu­ter Herr­scher, des­sen Den­ken und Wil­len Gesetz sind. Im Gegen­teil: Sein Dienst garan­tiert Gehor­sam gegen­über Chri­stus und sei­nem Wort. Er darf nicht sei­ne eige­nen Ideen ver­kün­den, son­dern muß – ent­ge­gen allen Ver­su­chen von Anpas­sung und Ver­wäs­se­rung sowie jeder Form von Oppor­tu­nis­mus – sich und die Kir­che immer zum Gehor­sam gegen­über dem Wort Got­tes ver­pflich­ten“ (Pre­digt vom 7. Mai 2005). Die Bischö­fe sind nicht Ange­stell­te des Pap­stes, son­dern gött­lich kon­sti­tu­ier­te Kol­le­gen des Pap­stes, wenn auch ihm juris­dik­tio­nell unter­ge­ord­net, aber den­noch Kol­le­gen und Brü­der. Wenn der Papst selbst eine Ver­brei­tung von offen­sicht­li­chen Glau­bens­feh­lern und schwer­wie­gen­den Miß­bräu­chen der Sakra­men­te tole­riert (wie die Zulas­sung von unbuß­fer­ti­gen Ehe­bre­chern zu den Sakra­men­ten), soll­ten sich die Bischö­fe nicht wie skla­vi­sche Ange­stell­te ver­hal­ten, die sich in Schwei­gen hül­len. Eine sol­che Hal­tung wür­de eine Gleich­gül­tig­keit gegen­über der schwe­ren Ver­ant­wor­tung des Petrusam­tes bewei­sen und dem kol­le­gia­len Cha­rak­ter des Bischofs­am­tes und der wah­ren Lie­be zum Nach­fol­ger Petri wider­spre­chen. Man muß sich an die Wor­te des hei­li­gen Hil­ari­us von Poi­tiers erin­nern, die er in der Zeit der all­ge­mei­nen dok­tri­nel­len Ver­wir­rung des 4. Jahr­hun­derts sag­te: „Unter dem Vor­wand einer Fröm­mig­keit, die falsch ist, unter dem täu­schen­den Schein der Pre­digt des Evan­ge­li­ums, ver­su­chen heu­te man­che Leu­te, den Herrn Jesus zu leug­nen. Ich spre­che die Wahr­heit, damit die Ursa­che der Ver­wir­rung, die wir lei­den, allen bekannt sei. Ich kann nicht schwei­gen“ ( Con­tra Auxen­ti­um,  1, 4).

Mai­ke Hick­son: Las­sen Sie uns zu Prof. Sei­fert und sei­ner respekt­vol­len Kri­tik an Amo­ris lae­ti­tia zurück­keh­ren. In sei­nem neu­en Arti­kel vom August 2017 wirft er die Fra­ge auf, ob die Behaup­tung, daß geschie­de­ne und „wie­der­ver­hei­ra­te­te“ Paa­re manch­mal die sexu­el­len Bezie­hun­gen im Inter­es­se der Kin­der die­ser neu­en Ver­bin­dung bei­be­hal­ten könn­ten, nicht zu dem Schluß füh­ren muß, daß es kei­ne abso­lu­te Moral mehr gibt, das heißt, daß eine Tod­sün­de in gewis­sen Situa­tio­nen in Got­tes Augen nicht mehr sünd­haft sein könn­te. Prof. Sei­fert sieht die­se Logik als eine poten­ti­el­le „mora­li­sche Atom­bom­be“, die zu einem mora­li­schen Rela­ti­vis­mus füh­ren wird. Wür­den Sie mit ihm dar­in über­ein­stim­men?

Bischof Atha­na­si­us Schnei­der: Ich stim­me mit Pro­fes­sor Sei­fert in die­sem Punkt völ­lig über­ein und emp­feh­le wärm­stens, sei­nen maß­geb­li­chen Arti­kel mit dem Titel „Droht die rei­ne Logik die gan­ze Moral­leh­re der katho­li­schen Kir­che zu zer­stö­ren?“ zu lesen. In sei­nem Buch „Atha­na­si­us und die Kir­che unse­rer Tage“ schrieb Bischof Rudolf Gra­ber von Regens­burg 1973: „Was damals vor über 1600 Jah­ren geschah, wie­der­holt sich heu­te, nur mit dem zwei­fa­chen oder drei­fa­chen Unter­schied: Alex­an­dri­en ist heu­te die gan­ze Welt­kir­che, die in ihrem Bestand erschüt­tert ist, und was damals an phy­si­scher Gewalt und Grau­sam­keit erfolg­te, ver­la­gert sich auf eine ande­re Ebe­ne. Ver­ban­nung wird durch Tot­schwei­gen und die Tötung durch Ruf­mord ersetzt.“ Die­se Beschrei­bung gilt auch für den aktu­el­len Fall von Pro­fes­sor Sei­fert.

„Paradoxon, daß die Freiheit jenen in der Kirche verwehrt wird, die die Wahrheit verteidigen“

Mai­ke Hick­son: Sie sind selbst in einem tota­li­tä­ren Land auf­ge­wach­sen, was sind Ihre eige­nen Über­le­gun­gen in Bezug auf die aka­de­mi­sche Frei­heit in Spa­ni­en, wenn ein inter­na­tio­nal renom­mier­ter Pro­fes­sor aus sei­nen aka­de­mi­schen Posi­tio­nen ent­fernt wer­den kann, nur weil er Fra­gen, höf­li­che Fra­gen, über ein päpst­li­ches Doku­ment gestellt und auf die mög­li­chen Gefah­ren eini­ger sei­ner Aus­sa­gen hin­ge­wie­sen hat?

Bischof Atha­na­si­us Schnei­der: Seit Jahr­zehn­ten wur­de es inner­halb der Kir­che poli­tisch kor­rekt und gehört es zu den „gute Manie­ren“, die Frei­heit der theo­lo­gi­schen Rede, Dis­kus­si­on und For­schung zu pro­kla­mie­ren und prak­tisch zu för­dern, sodaß Frei­heit im Den­ken und Spre­chen ein Slo­gan wur­de. Gleich­zei­tig kann man nun das Para­do­xon beob­ach­ten, daß die­se Frei­heit den­je­ni­gen in der Kir­che ver­wehrt wird, die in unse­ren Tagen ihre Stim­men mit Respekt und Höf­lich­keit zur Ver­tei­di­gung der Wahr­heit erhe­ben. Die­se bizar­re Situa­ti­on erin­nert mich an ein berühm­tes Lied, das ich in mei­ner Kind­heit in der kom­mu­ni­sti­schen Schu­le sin­gen muß­te, und des­sen Wort­laut wie folgt lau­te­te: „Die Sowjet­uni­on ist mei­ne gelieb­te Hei­mat, und ich ken­ne kein ande­res Land auf der Welt, wo der Mensch so frei atmen kann.“

Mai­ke Hick­son: Kön­nen Sie uns ein Wort sagen, das Kar­di­nal Car­lo Caf­farra Ihnen per­sön­lich zur aktu­el­len Kir­chen­kri­se sag­te, Wor­te, die eine Art Erbe dar­stel­len könn­ten?

Bischof Atha­na­si­us Schnei­der: Ich habe nur zwei­mal mit Kar­di­nal Caf­farra gespro­chen. Auch die­se kur­zen Tref­fen und Gesprä­che mit Kar­di­nal Caf­farra haben mir eini­ge tie­fe Ein­drücke hin­ter­las­sen. Ich sah in ihm einen wah­ren Mann Got­tes, einen Mann des Glau­bens, einer über­na­tür­li­chen Sicht­wei­se. Ich bemerk­te in ihm eine tie­fe Lie­be zur Wahr­heit. Als ich mit ihm über die Not­wen­dig­keit sprach, daß die Bischö­fe ihre Stim­men im Zusam­men­hang mit dem weit­ver­brei­te­ten Angriff gegen die Unauf­lös­lich­keit der Ehe und die Hei­lig­keit des sakra­men­ta­len Ehe­ban­des erhe­ben, sag­te er: „Wenn wir Bischö­fe dies tun, müs­sen wir nie­man­den und nichts fürch­ten, denn wir haben nichts zu ver­lie­ren.“ Ein­mal sag­te ich zu einer zutiefst gläu­bi­gen und hoch­in­tel­li­gen­ten, katho­li­schen Dame aus den Ver­ei­nig­ten Staa­ten den von Kar­di­nal Caf­farra geäu­ßer­ten Satz, näm­lich, daß wir Bischö­fe nichts zu ver­lie­ren haben, wenn wir die Wahr­heit sagen. Dar­auf sag­te sie die unver­geß­li­chen Wor­te: „Sie wer­den alles ver­lie­ren, wenn Sie das nicht tun.“

„Die Sakramente der Ehe, der Buße und der Eucharistie trivialisiert und profaniert“

Mai­ke Hick­son: Hal­ten Sie es für gerecht­fer­tigt, daß ande­re Kar­di­nä­le – wie Kar­di­nal Chri­stoph Schön­born und Kar­di­nal Oscar Rodri­guez Mara­dia­ga – die vier Kar­di­nä­le für die Dubia ver­ur­teilt haben?

Bischof Atha­na­si­us Schnei­der: Die For­mu­lie­rung und die Ver­öf­fent­li­chung der Dubia sei­tens der vier Kar­di­nä­le war ein sehr ver­dienst­vol­ler und in gewis­sem Sin­ne auch ein histo­ri­scher Akt, der das Hei­li­ge Kol­le­gi­um der Kar­di­nä­le wirk­lich ehrt. In der gegen­wär­ti­gen Situa­ti­on wer­den die Unauf­lös­lich­keit und die Hei­lig­keit der sakra­men­ta­len Ehe unter­gra­ben und in der Pra­xis durch die nor­ma­ti­ve Zulas­sung von unbuß­fer­ti­gen Ehe­bre­chern zu den Sakra­men­ten geleug­net. Damit wer­den die Sakra­men­te der Ehe, der Buße und der Eucha­ri­stie tri­via­li­siert und pro­fa­niert. Auf dem Spiel steht letzt­lich die Gül­tig­keit der Gött­li­chen Gebo­te und des gan­zen Moral­ge­set­zes, wie Pro­fes­sor Sei­fert zu Recht in sei­nem oben erwähn­ten Arti­kel fest­ge­stellt hat und für den er schwer bestraft wur­de. Wir kön­nen die­se Situa­ti­on mit einem Schiff in einem stür­mi­schen Meer ver­glei­chen, in dem der Kapi­tän die offen­sicht­li­chen Gefah­ren igno­riert, wäh­rend die Mehr­heit sei­ner Offi­zie­re sich in Schwie­gen hüllt und sagt: „Alles ist gut auf dem sin­ken­den Schiff“. Wenn in so eine Situa­ti­on ein klei­ner Teil der Schiffs­of­fi­zie­re ihre Stim­men für die Sicher­heit aller Pas­sa­gie­re erhe­ben, ist es gro­tesk und unge­recht, von ihren Kol­le­gen als Meu­te­rer oder als Spiel­ver­der­ber kri­ti­siert zu wer­den. Auch wenn der Kapi­tän die Stim­men der weni­gen Offi­zie­re im Augen­blick stö­rend fin­det, wird er ihre Hil­fe spä­ter dank­bar erken­nen, wenn er sich mit den Gefah­ren kon­fron­tie­ren muß, indem er ihnen ins Gesicht schaut, und wenn er ein­mal vor dem Gött­li­chen Rich­ter erschei­nen wird. Und so wer­den auch sowohl die Pas­sa­gie­re als auch die Geschich­te ihnen dank­bar sein, wenn die Gefahr vor­bei sein wird. Die muti­ge Hand­lung und die Namen die­ser weni­gen Offi­zie­re wer­den als wirk­lich selbst­los und hero­isch erin­nert wer­den, aber sicher­lich jedoch nicht jene Offi­zie­re, die aus Unwis­sen­heit oder aus Oppor­tu­nis­mus, oder auch aus Ser­vi­lis­mus, sich sich in Schwei­gen gehüllt oder sogar absur­der­wei­se die­je­ni­gen kri­ti­siert haben, die das sin­ken­de Schiff ret­ten woll­ten. Dies ent­spricht in gewis­ser Wei­se der aktu­el­len Situa­ti­on um die Dubia der vier Kar­di­nä­le. Man muß sich dar­an erin­nern, was der hei­li­ge Basi­li­us wäh­rend der ari­an­schen Kri­se beob­ach­tet hat: „Die Vor­ge­setz­ten wagen nicht zu reden. Denn wer durch Men­schen­hil­fe zur Herr­schaft gekom­men ist, ist Skla­ve derer, die ihm die­se Gefäl­lig­keit erwie­sen haben. Eini­ge sind auf den Gedan­ken gekom­men, die Ver­tei­di­gung des Wah­ren Glau­bens auch als Waf­fe im Kamp­fe gegen ande­re zu benüt­zen: Unter dem Vor­wan­de, als kämpf­ten sie für die Reli­gi­on, kämp­fen sie ver­hoh­len per­sön­li­che Feind­schaf­ten aus. Dabei lachen die Ungläu­bi­gen und wan­ken die Klein­gläu­bi­gen. Der Glau­be ist zwei­fel­süch­tig (gewor­den) und Unwis­sen­heit über die See­len aus­ge­gos­sen, weil die, die in Bos­heit die Leh­re fäl­schen, die Wahr­heit nach­ah­men. Es schweigt der Mund der Got­tes­fürch­ti­gen, los­ge­las­sen ist jede Läster­zun­ge, ent­weiht ist das Hei­li­ge. Die Ver­nünf­ti­gen unter den Lai­en flie­hen die Kir­chen als Lehr­stät­ten der Gott­lo­sig­keit und erhe­ben in den Ein­öden unter Seuf­zern und Trä­nen ihre Hän­de zum Herrn im Him­mel empor“ (Ep. 92, 2).

Mai­ke Hick­son: Nun, da nach dem Tod von Kar­di­nal Joa­chim Meis­ner und Kar­di­nal Car­lo Caf­farra nur mehr zwei Dubia-Kar­di­nä­le übrig sind, was sind Ihre Hoff­nun­gen bezüg­lich ande­rer Kar­di­nä­le, die jetzt ein­tre­ten und die Lücken fül­len könn­ten?

Bischof Atha­na­si­us Schnei­der: Ich hof­fe und wün­sche mir, daß mehr Kar­di­nä­le wie die Offi­zie­re die­ses Schif­fes in einem stür­mi­schen Meer nun ihre Stim­men mit den Stim­men der vier Kar­di­nä­le ver­ei­nen — unab­hän­gig von Lob oder Anschul­di­gun­gen.

„Die wahre Tradition, die ‚Demokratie der Verstorbenen‘ bedeutet die Mehrheit der Stimmen“

Mai­ke Hick­son: Gene­rell, was soll­ten Katho­li­ken – Lai­en wie Geist­li­che glei­cher­ma­ßen – jetzt tun, wenn sie unter Druck gesetzt wer­den, gewis­se umstrit­te­ne Aspek­te von Amo­ris lae­ti­tia zu akzep­tie­ren, zum Bei­spiel in Bezug auf die „wie­der­ver­hei­ra­te­ten“ Geschie­de­nen und dem ihnen mög­li­cher­wei­se erlaub­ten Zugang zu den Sakra­men­ten? Was ist mit den Prie­stern, die sich wei­gern, die­sen „wie­der­ver­hei­ra­te­ten“ Paa­ren die hei­li­ge Kom­mu­ni­on zu spen­den? Was ist mit den katho­li­schen Lai­en­pro­fes­so­ren, die wegen ihrer tat­säch­li­chen oder ver­meint­li­chen Kri­tik an Amo­ris lae­ti­tia mit der Ent­fer­nung von ihren Lehr­auf­trä­gen bedroht sind? Was kön­nen wir alle jetzt tun, wenn wir in unse­rem Gewis­sen mit den Alter­na­ti­ven kon­fron­tiert sind, die Leh­re unse­res Herrn zu ver­ra­ten oder in einen ent­schlos­se­nen Unge­hor­sam gegen­über unse­ren Vor­ge­setz­ten zu gehen?

Bischof Atha­na­si­us Schnei­der: Wenn Prie­ster und Lai­en der unver­än­der­li­chen und bestän­di­gen Leh­re und Pra­xis der gan­zen Kir­che treu blei­ben, sind sie in Gemein­schaft mit allen Päp­sten, den recht­gläu­bi­gen Bischö­fen und den Hei­li­gen von zwei­tau­send Jah­ren. Sie ste­hen in einer beson­de­ren Gemein­schaft mit dem hl. Johan­nes dem Täu­fer, dem hei­li­gen Tho­mas Morus, dem hei­li­gen John Fisher und mit den unzäh­li­gen ver­las­se­nen Ehe­gat­ten, die ihrem Ehe­ver­spre­chen treu geblie­ben sind und ein Leben der Ent­halt­sam­keit ange­nom­men haben, um Gott nicht zu belei­di­gen. Die bestän­di­ge Stim­me in dem­sel­ben Sinn und der­sel­ben Bedeu­tung (eodem sen­su eadem­que sen­ten­tia) und die ent­spre­chen­de Pra­xis von zwei­tau­send Jah­ren sind mäch­ti­ger und siche­rer als die miß­tö­nen­de Stim­me und Pra­xis der Zulas­sung von unbuß­fer­ti­gen Ehe­bre­chern zur hei­li­gen Kom­mu­ni­on, selbst wenn die­se Pra­xis von einem ein­zel­nen Papst oder Diö­ze­san­bi­schof geför­dert wird. In die­sem Fall müs­sen wir der stän­di­gen Leh­re und Pra­xis der Kir­che fol­gen, denn hier wirkt die wah­re Tra­di­ti­on, die „Demo­kra­tie der Ver­stor­be­nen“ bedeu­tet die Mehr­heit der Stim­men derer, die uns vor­aus­ge­gan­gen sind. Der hei­li­ge Augu­sti­nus ant­wor­te­te auf die fal­sche, nicht­tra­di­tio­nel­le Pra­xis der Dona­ti­sten bezüg­lich der Wie­der­tau­fe und Re-Ordi­na­ti­on, indem er bekräf­tig­te, daß die stän­di­ge und unver­än­der­li­che Pra­xis der Kir­che seit den Zei­ten der Apo­stel dem wah­ren Urteil der gan­zen Welt ent­spricht: „Die gan­ze Welt urteilt rich­tig“, d.h. „Secu­rus judi­cat orbis ter­rar­um“ (Con­tra Par­me­nia­num III, 24). Es bedeu­tet, daß sich die gesam­te katho­li­sche Tra­di­ti­on sicher und mit Gewiß­heit gegen eine kon­stru­ier­te und kurz­le­bi­ge Pra­xis rich­tet, die in einem wich­ti­gen Punkt dem gesam­ten Lehr­amt aller Zei­ten wider­spricht. Die­se Prie­ster, die nun von ihren Vor­ge­setz­ten gezwun­gen wer­den, den öffent­li­chen und unbuß­fer­ti­gen Ehe­bre­chern oder ande­ren bekann­ten und öffent­li­chen Sün­dern die hei­li­ge Kom­mu­ni­on zu geben, soll­ten ihnen mit einer hei­li­gen Über­zeu­gung ant­wor­ten: „Unser Ver­hal­ten ist das Ver­hal­ten der gesam­ten katho­li­schen Welt durch zwei­tau­send Jah­re“. „Die gan­ze Welt urteilt richtig“,„Securus judi­cat orbis ter­rar­um“! Der seli­ge John Hen­ry New­man sag­te in der Apo­lo­gia pro sua vita: „Das über­leg­te Urteil, in dem die gan­ze Kir­che über einen lan­gen Zeit­raum ruht und ihm zustimmt, ist eine unfehl­ba­re Vor­schrift und ein end­gül­ti­ges Urteil gegen eine zeit­li­che Neu­heit“. In die­sem unse­ren histo­ri­schen Kon­text soll­ten die Prie­ster und Gläu­bi­gen ihren kirch­li­chen Obe­ren und Bischö­fen sagen, sie soll­ten dem Papst lie­be­voll und respekt­voll sagen, was der Hei­li­ge Pau­lus einst gesagt hat: “ Denn wir kön­nen unse­re Kraft nicht gegen die Wahr­heit ein­set­zen, nur für die Wahr­heit. So ist es uns eine Freu­de, wenn wir schwach daste­hen, ihr aber euch als stark erweist. Das ist es, was wir erfle­hen: eure voll­stän­di­ge Erneue­rung“ (2 Kor 13,8).

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Adel­an­te la Fe

3 Kommentare

  1. „…die „Demo­kra­tie der Ver­stor­be­nen“ bedeu­tet die Mehr­heit der Stim­men derer, die uns vor­aus­ge­gan­gen sind.“
    „… Es bedeu­tet, daß sich die gesam­te katho­li­sche Tra­di­ti­on sicher und mit Gewiß­heit gegen eine kon­stru­ier­te und kurz­le­bi­ge Pra­xis rich­tet, die in einem wich­ti­gen Punkt dem gesam­ten Lehr­amt aller Zei­ten wider­spricht.“

    „Das über­leg­te Urteil, in dem die gan­ze Kir­che über einen lan­gen Zeit­raum ruht und ihm zustimmt, ist eine unfehl­ba­re Vor­schrift und ein end­gül­ti­ges Urteil gegen eine zeit­li­che Neu­heit“.

    Das hat Weih­bi­schof Schnei­der wie­der gut prä­zi­siert und das Wesent­li­che ver­an­schau­licht. Denn die 10 Gebo­te wie sie bis­her gelehrt wur­den bis Papst Fran­zis­kus kam haben dem Urteil Got­tes stand­ge­hal­ten, haben Hei­li­ge her­vor­ge­bracht. Ganz im Gegen­satz zu den spät­mo­der­nen Irr­leh­ren, die nun trau­ri­ger­wei­se vom Vati­kan aus­ge­hen.

  2. Hät­te Weih­bi­schof Atha­na­si­us Schnei­der den Rang eines Kar­di­nals könn­te er sehr gut die Stel­le eines der ver­stor­be­nen Kar­di­nä­le ein­neh­men.
    Was er sagt ist ein­deu­tig, er scheint kei­ne Angst vor unan­ge­neh­men Kon­se­quen­zen zu haben.
    Wir bräuch­ten mehr sol­cher Wür­den­trä­ger, die ihre Mei­nung nicht zurück­hal­ten und somit ein Bei­spiel für sei­ne Brü­der sein könn­te.
    Wenn einer den Anfang machen wür­de, könn­ten ande­re fol­gen …
    Viel­leicht!

  3. Es ist immer wie­der erstaun­lich mit wel­cher Klar­heit Bischof Atha­na­si­us Schnei­der sei­ne Ant­wor­ten gibt. Er gehört zu den Stür­zen des Glau­bens in unse­rer Zeit.
    Dan­ke an Bischof Schnei­der ver­bun­den mit der Bit­te, dass Gott uns die­se Stim­me der Wahr­heit noch lan­ge erhal­ten möge.

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