Papst Franziskus in Mailand: „Pluralismus ist nicht vom Heiligen Geist“ — „Diakone nicht halb Priester, halb Laie, sondern Diener“

Mailänder Dom: Begegnung von Papst Franziskus (vorne unten) mit Priestern, Diakonen und Ordensleuten des Erzbistums
Mailänder Dom: Begegnung von Papst Franziskus (vorne unten) mit Priestern, Diakonen und Ordensleuten des Erzbistums

(Mai­land) Papst Fran­zis­kus hält sich am Hoch­fest Mariä Ver­kün­di­gung im Erz­bis­tum Mai­land auf. Der Bischofs­stuhl des hei­li­gen Kir­chen­va­ters Ambro­si­us gilt als einer der bedeu­tend­sten der Welt­kir­che. Eine gan­ze Rei­he von Erz­bi­schö­fen von Mai­land wur­den zu Päpsten.

Am frü­hen Vor­mit­tag besuch­te der Papst einen Stadt­teil an der „Peri­phe­rie“ von Mai­land. Nach dem all­ge­mei­nen Tref­fen mit den Bewoh­nern fand eine vom Papst gewünsch­te Begeg­nung mit Ver­tre­tern der „Roma, Mus­li­me, Ein­wan­de­rer und Bewoh­ner des Stadt­vier­tels“ statt.

Um 10 Uhr folg­te ein Tref­fen mit den Prie­stern und Ordens­leu­ten im Mai­län­der Dom. Kar­di­nal Ange­lo Sco­la rich­te­te Gruß­wor­te an den Papst, der drei Fra­gen beant­wor­te­te, die von einem Prie­ster, einem stän­di­gen Dia­kon und einem Ordens­mann gestellt wurden.

„Uniformität und Pluralismus sind nicht vom Heiligen Geist“

Der Prie­ster frag­te, wel­che „Prio­ri­tä­ten“ für Prie­ster in einer immer säku­la­ri­sier­te­ren, mul­ti­eth­ni­sche­ren und mul­ti­re­li­giö­se­ren Gesell­schaft zu set­zen sei­en, um nicht die „Freu­de am Evan­ge­li­sie­ren zu verlieren.

Der Papst ant­wor­te­te mit einem Plä­doy­er für die „Plu­ra­li­tät“ und die „Ein­heit in den Unterschieden“.

„Wie oft haben wir Ein­heit mit Uni­for­mi­tät ver­wech­selt? Das ist nicht das­sel­be. Wie oft haben wir Plu­ra­li­tät mit Plu­ra­lis­mus ver­wech­selt? Das ist nicht das­sel­be. Die Uni­for­mi­tät und der Plu­ra­lis­mus sind nicht vom guten Geist. Sie kom­men nicht vom Hei­li­gen Geist. Die Plu­ra­li­tät und die Ein­heit hin­ge­gen stam­men vom Hei­li­gen Geist.“

Zudem hät­ten die Prie­ster die Auf­ga­be, zur Fähig­keit der Unter­schei­dung zu for­men. „Ob es uns gefällt oder nicht“, das sei eben die Welt, in der wir leben, des­halb hät­ten die Prie­ster die Auf­ga­be, die jun­gen Men­schen die Unter­schei­dung zu leh­ren, denn „wir haben die Instru­men­te und die Ele­men­te, die ihnen dabei hel­fen, den Lebens­weg zu gehen, ohne daß der Hei­li­ge Geist, der in ihnen ist, erlischt“.

„Diakone sind nicht halb Priester, halb Laie, sondern Diener“

Der Dia­kon führ­te aus, daß es in Mai­land (Ambro­sia­ni­scher Ritus) seit 1990 stän­di­ge Dia­ko­ne gibt. Die­se wür­den „die eige­ne Beru­fung, die ehe­li­che oder zöli­ba­tä­re, ganz leben, aber auch ganz in der Welt der Arbeit und des Beru­fes“ ste­hen. Wel­che Rol­le haben die stän­di­gen Dia­ko­ne in der Kir­che heute?

„Ihr Dia­ko­ne habt viel zu geben, viel zu geben“, so der Papst. Im Pres­by­te­ri­um könn­ten die Dia­ko­ne „ihre Stim­me mit Auto­ri­tät“ gel­tend machen, um „zu die Span­nung zu zei­gen, die es zwi­schen dem Sol­len und dem Wol­len“ gebe, die „Span­nung, die im fami­liä­ren Leben“ sei, „denn ihr habt eine Schwie­ger­mut­ter, um ein Bei­spiel zu nennen!“.

„Man muß auf­pas­sen, die Dia­ko­ne nicht als hal­be Prie­ster und hal­be Lai­en zu sehen. Das ist eine Gefahr. Am Ende sind sie weder das eine noch das ande­re. […] Sie so zu sehen, tut uns und ihnen schlecht. Das nimmt dem Cha­ris­ma des Dia­ko­nats von sei­ner Kraft.“

Der Dia­kon sei auch kein Ver­mitt­ler zwi­schen Prie­ster und Gläu­bi­gen, so der Papst.

„Es gibt zwei Ver­su­chun­gen. Es besteht die Gefahr der Kle­ri­ka­li­sie­rung: Der Dia­kon, der zu kle­ri­kal ist. Nein, das geht nicht. Hütet euch vor dem Kle­ri­ka­lis­mus. Die ande­re Ver­su­chung ist der Funk­tio­na­lis­mus. Er ist eine Hil­fe des Prie­sters für dies und für das. Er ist da für bestimm­te Auf­ga­ben, aber nicht ande­re. Nein: Ihr habt ein kla­res Cha­ris­ma in der Kir­che und müßt es aufbauen.
Das Dia­ko­nat ist eine spe­zi­fi­sche Beru­fung, eine fami­liä­re Beru­fung, die zum Dienst ruft. Mir gefällt es sehr, wenn in der Apo­stel­ge­schich­te die ersten hel­le­ni­sti­schen Chri­sten zu den Apo­steln gin­gen und sich beklag­ten, daß ihre Wit­wen und ihre Wai­sen nicht aus­rei­chend unter­stützt wer­den, und es wur­de jene Ver­samm­lung abge­hal­ten, jene ‚Syn­ode‘ der Apo­stel und der Jün­ger, und sie haben die Dia­ko­ne erfun­den, um zu die­nen. Das ist sehr inter­es­sant, auch für uns Bischö­fe, denn alle, die die Dia­ko­ne gemacht haben, waren Bischö­fe. Und was sagt uns das? Daß die Dia­ko­ne Die­ner sein sol­len. Sie erkann­ten, daß — in jenem Fall — die Wit­wen und die Wai­sen zu unter­stüt­zen waren, aber dienend.
Den Bischö­fen kom­men das Gebet und die Ver­kün­di­gung des Wor­tes zu. Und das zeigt uns auch, wel­ches das wich­tig­ste Cha­ris­ma des Bischofs ist: zu beten.
Was ist die erste Auf­ga­be eines Bischofs? Das Gebet.
Was ist die zwei­te Auf­ga­be eines Bischofs? Die Ver­kün­di­gung des Wortes.
Man erkennt gut den Unter­schied. Euch Dia­ko­nen: der Dienst. Die­ses Wort ist der Schlüs­sel, um euer Cha­ris­ma zu ver­ste­hen. Der Dienst als eine der cha­rak­te­ri­sti­schen Gaben des Vol­kes Got­tes. Der Dia­kon ist, sozu­sa­gen, der Bewah­rer des Dien­stes in der Kir­che. Jedes Wort ist genau abzu­wä­gen. […] Ihr seid nicht hal­be Prie­ster und hal­be Lai­en, das hie­ße, das Dia­ko­nat zu ‚funk­tio­na­li­sie­ren‘, ihr seid Sakra­ment des Dien­stes an Gott und an den Brüdern. […]

Zusam­men­ge­faßt:

  • es gibt kei­nen Dienst am Altar, es gibt kei­ne Lit­ur­gie, die sich nicht dem Dienst der Armen öff­net, und es gibt kei­nen Dienst der Armen, der nicht zur Lit­ur­gie führt;
  • es gibt kei­ne kirch­li­che Beru­fung, die nicht fami­li­är ist.
    Das hilft uns, das Dia­ko­nat als kirch­li­che Beru­fung aufzuwerten.“

„Wenige ja, alt ja, aber nicht resigniert!“

Die Ordens­frau woll­te wis­sen, wie man heu­te, für den Mensch von heu­te, Zeu­gen der Pro­phe­tie sein kön­ne. „Wir schei­nen vie­le zu sein, sind aber über­al­tert“. Ange­sichts „unse­rer gerin­gen Kräf­te: Wel­che exi­sten­ti­el­len Rän­der, wel­che Bereich sol­len bevor­zugt wer­den, im Bewußt­sein Min­de­re zu sein: Min­de­re in der Gesell­schaft und Min­de­re in der Kirche?

„Mir gefällt das Wort ‚Min­de­re‘. Es stimmt, das ist das Cha­ris­ma der Fran­zis­ka­ner, aber auch wir alle sol­len ‚min­der‘ sein. Das Min­der­sein ist eine spi­ri­tu­el­le Hal­tung, die wir ein Sie­gel des Chri­sten ist.“

Eigent­lich sei damit ein nega­ti­ves Gefühl ver­bun­den, näm­lich „Resi­gna­ti­on“, ganz unbe­wußt, jedes­mal wenn man den­ke, daß man nur weni­ge sei, alt sei, man die Last spü­re, die Zerbrechlichkeit.

„Wenn ihr Zeit habt, dann lest, was die Wüsten­vä­ter über die Ace­dia geschrie­ben haben: Es ist eine Sache, die heu­te so aktu­ell ist. […] Weni­ge ja, Min­der­heit ja, alt ja, aber nicht resigniert!“

Die Resi­gna­ti­on ver­lei­te in die Vor­stel­lung von einer „glor­rei­chen Ver­gan­gen­heit“ zu ver­fal­len, doch das zie­he nur immer mehr in die Spi­ra­le einer exi­sten­ti­el­len Beschwer­nis hinein.

„Alles wird bela­sten­der und schwie­ri­ger zu tra­gen. […] Die Struk­tu­ren begin­nen schwer zu wer­den, leer, wir wis­sen nicht, was wir mit ihnen tun sol­len, wir begin­nen, sie zu ver­kau­fen, um Geld zu haben, das Geld fürs Alter… Das Geld beginnt schwer zu wer­den, das wir auf der Bank haben … Und die Armut, wo bleibt die? Aber der Herr ist gut, und wenn ein Orden nicht dem Weg des Armuts­ge­lüb­des folgt, schickt er eist einen Öko­nom oder eine Öko­no­min, die alles zusam­men­bre­chen las­sen. Und das ist eine Gnade!

[Geläch­ter, Applaus].

[…] Das ist die Ver­su­chung, mensch­li­che Sicher­hei­ten zu suchen.  […] Unse­re Grün­der­vä­ter und Müt­ter dach­ten nie, eine Viel­zahl zu sein oder eine gro­ße Mehr­heit. Unse­re Grün­der waren in einem kon­kre­ten Moment der Geschich­te vom Hei­li­gen Geist bewegt, eine freu­di­ge Gegen­wart des Evan­ge­li­ums für die Brü­der zu sein, die Kir­che zu erneu­ern und auf­zu­bau­en als Sauer­teig in der Mas­se, als Salz und Licht der Welt. Ich den­ke an den kla­ren Satz eines Grün­ders, aber vie­le haben das gesagt: ‚Fürch­tet euch vor der Vielzahl‘.“

Der Papst erzähl­te, daß soeben ein Frau­en­or­den Afgha­ni­stan ver­las­sen muß­te, weil er kei­nen Nach­wuchs hat, und die Schwe­stern zu alt waren. Alle hät­ten sie gemocht. Er habe sich die Fra­ge gestellt, war­um der Herr die Afgha­nen denn alleinlasse.

„Und es kam mir das korea­ni­sche Volk in den Sinn, das am Beginn drei-vier chi­ne­si­sche Mis­sio­na­re hat­te, und dann wur­de die Bot­schaft für zwei Jahr­hun­der­te nur von Lai­en wei­ter­ge­ge­ben. Die Wege des Herrn sind die, die Er will. Es wird uns gut tun, Ihm Ver­trau­en zu schen­ken. Er ist es, der die Geschich­te lenkt. Das stimmt. Wir tun alles, um zu wach­sen, stark zu sein … Aber nicht die Resi­gna­ti­on. Pro­zes­se begin­nen. Die Wirk­lich­keit lädt uns heu­te ein, wie­der ein biß­chen Sauer­teig zu sein. Er ruft uns, Pro­zes­se ein­zu­lei­ten, anstatt Räu­me zu beset­zen, zu kämp­fen für die Ein­heit, anstatt an Kon­flik­ten der Ver­gan­gen­heit fest­zu­hal­ten, die Wirk­lich­keit zu hören und uns der ‚Mas­se‘ zu öff­nen, dem hei­li­gen Volk, das Gott treu ist, allem Kirch­li­chen. Öff­ne uns allem Kirchlichen.
Eine geseg­ne­te Min­der­heit, die ein­ge­la­den ist, wie­der zu gären, zu gären im Ein­klang mit dem, was der Hei­li­ge Geist in das Herz eurer Grün­der und in euer eige­nes Herz ein­ge­ge­ben hat. Das braucht es heute.“

Text/Übersetzung: Giu­sep­pe Nardi
Bild: Vatican.va (Screen­shot)

1 Kommentar

  1. Der Papst erzähl­te, daß soeben ein Frau­en­or­den Afgha­ni­stan ver­las­sen muß­te, weil er kei­nen Nach­wuchs hat, und die Schwe­stern zu alt waren. Alle hät­ten sie gemocht. Er habe sich die Fra­ge gestellt, war­um der Herr die Afgha­nen denn allein­las­se. Hei­li­ger Vater, könn­te es sein, daß es sich hier um einen pro­gres­si­ven Frau­en­or­den handelte?

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