Ökumene: Setzt Papst Franziskus um, wovor Paul VI. warnte? — Zwei „prophetische“ Aussagen

(Rom) Kaum war Papst Fran­zis­kus gewählt, wur­den Ver­glei­che bemüht. Beson­ders häu­fig wur­de er in die Nähe von Johan­nes XXIII. (1958–1963), dem Kon­zils­papst gerückt. Fran­zis­kus selbst erwähnt weit häu­fi­ger Paul VI. (1963–1978), wäh­rend des­sen Amts­zeit er zum Prie­ster geweiht wur­de. Am 19. Okto­ber 2014 mach­te er ihn in sei­ner Pre­digt bei der Dop­pel­hei­lig­spre­chung von Johan­nes Paul II. und Johan­nes XXIII. „zum demü­ti­gen und muti­gen ‚Pro­phe­ten‘ der neu­en Zeit der Kir­che“. Die Wirk­lich­keit, so der Vati­ka­nist San­dro Magi­ster, sehe aber anders aus. Papst Fran­zis­kus set­ze heu­te tat­säch­lich um, wovon sein Vor­gän­ger gespro­chen hat, aller­dings das, wovor Paul VI. gewarnt hat. Zwei sei­ner „Pro­phe­zei­un­gen“ hät­ten sich unter Fran­zis­kus bewahr­hei­tet.
Der nam­haf­te Vati­ka­nist sieht zunächst die Nähe zwi­schen Paul VI. und Fran­zis­kus, wenn er fol­gen­de Pas­sa­ge aus einer Kate­che­se zum The­ma Öku­me­ne zitiert. Was Papst Fran­zis­kus heu­te prak­ti­zie­re, habe Paul VI. bei der Gene­ral­au­di­enz vom 22. Janu­ar 1969 ange­kün­digt. Vor 47 Jah­ren sag­te das dama­li­ge Kir­chen­ober­haupt:

„Auf die getrenn­ten Chri­sten müs­sen wir mit einem neu­en Geist schau­en. Wir kön­nen uns nicht mehr mit den histo­ri­schen Situa­tio­nen der Tren­nung abfin­den. Wir müs­sen demü­tig jenen Teil der mora­li­schen Schuld aner­ken­nen, den die Katho­li­ken an die­sem Trüm­mer­feld gehabt haben könn­ten. Wir müs­sen das wür­di­gen, was sich bei den getrenn­ten Brü­dern van Gutem om christ­li­chen Reich­tum erhal­ten hat und gepflegt wird.“

Doch damit sei­en in die­ser Sache die Gemein­sam­kei­ten zwi­schen den bei­den Päp­sten auch schon zu Ende, beson­ders seit dem „luthe­ri­schen Aus­wärts­spiel“ in Lund.  Nur weni­ge Zei­len spä­ter änder­te Paul VI. „schlag­ar­tig die Musik“, so Magi­ster.

„Gefährliche und schädliche Phänomene in dieser plötzlichen Begeisterung für die Versöhnung“

Wört­lich setz­te Paul VI. 1969 fort:

„Doch geben wir acht, nicht den Weg und das Ergeb­nis einer Sache von höch­ster Bedeu­tung, wie der der ech­ten Öku­me­ne, durch ober­fläch­li­che, eil­fer­ti­ge und kon­tra­pro­duk­ti­ve Vor­ge­hens­wei­sen zu kom­pro­mit­tie­ren. Es sind näm­lich gefähr­li­che und schäd­li­che Phä­no­me­ne in die­ser plötz­li­chen Begei­ste­rung für die Ver­söh­nung zwi­schen Katho­li­ken und von uns getrenn­ten Chri­sten fest­zu­stel­len. Eini­ge Aspek­te die­ser unbe­son­ne­nen, öku­me­ni­schen Über­stür­zung muß man sich vor Augen hal­ten, damit vie­le gute Wün­sche und vie­le glück­li­che Mög­lich­kei­ten sich nicht in Zwei­deu­tig­keit, in Gleich­gül­tig­keit und in fal­scher Ire­nik ver­lie­ren.“

Und wei­ter:

„Jene zum Bei­spiel, die im Lager der getrenn­ten Brü­der alles schön fin­den, und alles drückend und tadelns­wert im katho­li­schen Lager, sind nicht mehr in der Lage auf wirk­sa­me und nütz­li­che Wei­se die Sache der Uni­on zu för­dern. Einer der besten zeit­ge­nös­si­schen Öku­me­ni­ker, ein Pro­te­stant, bemerk­te mit iro­ni­scher Trau­rig­keit: ‚Die größ­te Gefahr für die Öku­me­ne ist, daß die Katho­li­ken soweit kom­men, sich für alles zu begei­stern, was wir als schäd­lich erkannt haben, wäh­rend sie alles auf­ge­ben, was wir als wich­tig wie­der­ent­deckt haben‘.“

Paul VI. setz­te fort:

„So könn­ten wir es über die so weit ver­brei­te­te Hal­tung sagen, die bean­sprucht, die Ein­heit zu Lasten der dok­tri­nel­len Wahr­heit wie­der­her­zu­stel­len. Jenes Bekennt­nis, das uns zu Chri­sten und Katho­li­ken macht, und als sol­che defi­niert, scheint auf die­se Wei­se zum unüber­wind­li­chen Hin­der­nis für die Wie­der­auf­rich­tung der Ein­heit zu wer­den. Die­se stellt sicher sehr stren­ge und vie­le ern­ste Anfor­de­run­gen: Die Lösung der Schwie­rig­kei­ten, die dar­aus fol­gen, kann aber nicht im Unver­ständ­nis für die Wirk­lich­keit der Din­ge, im Ver­rat der Sache, im Opfern des Glau­bens und im illu­so­ri­schen Ver­trau­en lie­gen, daß es zur Wie­der­her­stel­lung der Ein­heit nur der Lie­be bedür­fe, also die empi­ri­sche Pra­xis genü­ge, die sich der dog­ma­ti­schen Beden­ken und der dis­zi­pli­na­ri­schen Nor­men ent­le­digt.“

Und schließ­lich:

„Die Epi­so­den der soge­nann­ten ‚Inter­kom­mu­ni­on‘, die in den ver­gan­ge­nen Mona­ten regi­striert wur­den, lie­gen auf die­ser Linie, die nicht gut ist, und die wir red­lich tadeln müs­sen. Wir rufen das Kon­zil in Erin­ne­rung, das ‚die Gläu­bi­gen mahnt, jede Leicht­fer­tig­keit wie auch jeden unklu­gen Eifer zu mei­den, die dem wah­ren Fort­schritt der Ein­heit nur scha­den kön­nen‘ (Uni­ta­tis red­in­te­gra­tio, 24)“.

Der von Paul VI. zitier­te „gro­ße Öku­me­ni­ker“ war Lou­is Bouy­er (1913–2004). Der Theo­lo­ge Bouy­er ent­stamm­te einer pro­te­stan­ti­schen Fami­lie Frank­reichs. Er stu­dier­te luthe­ri­sche Theo­lo­gie und wur­de 1936 luthe­ri­scher Pastor. Das Stu­di­um des hei­li­gen Kir­chen­va­ters Atha­na­si­us (+ 373) führ­te ihn in die katho­li­sche Kir­che. Nach sei­ner Bekeh­rung wur­de er zum katho­li­schen Prie­ster geweiht und trat in den Ora­to­ria­ner­or­den ein. Am Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil nahm er als Con­sul­tor teil. Fast hät­te ihn Paul VI. zum Kar­di­nal erho­ben.

„Warum befindet sich die Kirche nach dem Konzil nicht in einem besseren Zustand als vorher?“

Magi­ster ver­weist noch auf eine ande­re „pro­phe­ti­sche“ Kate­che­se, die Paul VI. eine Woche spä­ter, am 29. Janu­ar 1969 hielt. „Sie scheint ein Por­trät der heu­ti­gen Kir­che zu sein“, so der Vati­ka­nist.

Paul VI. sag­te damals:

„War­um befin­det sich die Kir­che, unter bestimm­ten Gesichts­punk­ten, nach dem Kon­zil nicht in einem bes­se­ren Zustand als vor­her?
War­um gibt es soviel Unge­hor­sam, soviel Ver­fall der kano­ni­schen Nor­men, so vie­le Ver­su­che der Ver­welt­li­chung, soviel Eifer für Spe­ku­la­tio­nen über Ver­än­de­run­gen der kirch­li­chen Struk­tu­ren, soviel Lust, das katho­li­sche Leben dem welt­li­chen anzu­pas­sen, war­um wird den sozio­lo­gi­schen Über­le­gun­gen soviel Glau­ben geschenkt statt den theo­lo­gi­schen und geist­li­chen?
Wachs­tums­kri­se sagen vie­le. Mag sein. Aber ist es nicht auch Glau­bens­kri­se? Ver­trau­ens­kri­se eini­ger Kin­der der Kir­che in die Kir­che selbst? Es gibt sol­che, die die­ses alar­mie­ren­de Phä­no­men stu­die­rend von einer Stim­mung des syste­ma­ti­schen und läh­men­den Zwei­fels in den Rei­hen des Kle­rus und der Gläu­bi­gen spre­chen. Es gibt auch wel­che, die von man­geln­der Vor­be­rei­tung, von Schüch­tern­heit und Träg­heit spre­chen. Und sogar sol­che, die sowohl die kirch­li­che Auto­ri­tät als auch die Gemein­schaft der Guten der Ängst­lich­keit bezich­ti­gen, wenn sie, die eine wie die ande­re, bestimm­te Strö­mun­gen von offen­kun­di­ger Unord­nung in unse­rem Lager über­wie­gen las­sen, ohne zu ermah­nen, zurecht­zu­wei­sen und ohne zu reagie­ren, und fast wie durch einen Min­der­wer­tig­keits­kom­plex der durch ein­fluß­rei­che Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel erzeug­ten vor­herr­schen­den öffent­li­chen Mei­nung bei umstrit­te­nen The­sen nach­ge­ben, die häu­fig sogar dem Geist des Kon­zils wider­spre­chen, nur aus Angst vor Schlim­me­rem, heißt es, oder um nicht als zu wenig modern oder nicht aus­rei­chend bereit für das Aggior­na­men­to zu erschei­nen.“

Text: Set­ti­mo Cielo/Giuseppe Nar­di
Bild: Vatican.va (Screen­shot)

4 Kommentare

  1. Paul VI. hat bereits 1969 (!) erkannt, dass die Kir­che nach dem Vat II wohl in bestimm­ten Punk­ten nicht bes­ser dasteht.
    Jetzt sieht er die Kir­che ins­ge­samt in Auf­lö­sung begrif­fen. Sei­ne Form der Hl. Mes­se wur­de miss­braucht und dadurch die Lit­ur­gie rui­niert.
    Täg­lich neue Hiobs­bot­schaf­ten.

  2. Ob Paul VI. „gross­ar­tig“ war oder nicht ent­schei­det nur EINER !
    2 Fak­ten die unter sei­ne Amts­zeit fal­len:
    1.) Die Lit­ur­gie wur­de vom welt­weit ein­heit­li­chen Ritus in einen NOM umge­formt und als Fol­ge teil­wei­se bis zur Unkennt­lich­keit ver­un­stal­tet !
    2.) Das Vati­ka­ni­sche Kon­zil Nr. 2 wur­de unter ihm been­det und so die groess­te Ver­wir­rung in der Chri­sten­heit ver­ur­sacht, seit Men­schen­ge­den­ken.
    Der gan­ze Oeku­me­ne-Zir­kus ist doch nur eine gewal­ti­ge Nebel­ker­ze um davon abzu­len­ken, das man die Katho­li­schen Inal­te unse­rer Reli­gi­on abschaf­fen will.
    Fran­zis­kus gibt lei­der ein sehr pein­li­ches Bild ab.
    Schau­der­haft !

  3. Papst Fran­zis­kus ist der Papst, der mich auf­grund sei­ner Mensch­lich­keit und geleb­ten Barm­her­zig­keit wie­der näher zur Kir­che gebracht hat. Er tut den Men­schen und der Kir­che gut und lebt Jesu Grund­satz: Lie­be Dei­nen Näch­sten wie Gott, füh­le ihn als Wider­spie­ge­lung des Gött­li­chen.

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