[Update] Die neuen Kardinäle — eine erste Orientierungshilfe

Dritte Kardinalskreierung durch Papst Franziskus: 19. November 2016
Dritte Kardinalskreierung durch Papst Franziskus: 19. November 2016

(Rom) Am kom­men­den 20. Novem­ber wer­den zum drit­ten Mal, seit dem Kon­kla­ve vom März 2013, von ihm ernann­te Kar­di­nä­le mit Papst Fran­zis­kus im Peters­dom ein Pon­ti­fi­kal­amt zele­brie­ren. Am Tag zuvor wird das katho­li­sche Kir­chen­ober­haupt 13 neue Kar­di­nä­le kre­ieren, die beim näch­sten Kon­kla­ve, das sei­nen Nach­fol­ger bestim­men wird, eine Rol­le spie­len wer­den. Vier wei­te­re neue Kar­di­nä­le sind bereits über 80 Jahr alt. Sie wer­den nicht mehr an einem Kon­kla­ve teil­neh­men kön­nen. Ein erster Über­blick zu den Neuernennungen.

Kar­di­nal­s­kre­ierun­gen durch Papst Fran­zis­kus erfolg­ten bis­her am 22. Febru­ar 2014 und am 14. Febru­ar 2015. Mit den neu­en Kir­chen­ver­tre­tern, denen der Papst im Novem­ber zum Abschluß des Hei­li­gen Jah­res das Kar­di­nal­spur­pur ver­lei­hen wird, erhöht sich die Zahl der von Papst Fran­zis­kus ernann­ten Papst­wäh­ler auf 44. Das ist mehr als ein Drit­tel aller Papstwähler.

Die katho­li­sche Kir­che zählt der­zeit 211 Kar­di­nä­le, von denen 111 Papst­wäh­ler sind. Johan­nes Paul II. hat­te die Höchst­zahl der Kon­kla­ve-Teil­neh­mer auf 120 fest­ge­legt. Mit den Neu­ernann­ten steigt die Gesamt­zahl der Kar­di­nä­le auf 228. Die Zahl der Papst­wäh­ler wird am 20. Novem­ber 121 Kar­di­nä­le betragen.

Bis zum Kon­si­sto­ri­um schei­den drei der­zei­ti­ge Papst­wäh­ler wegen Errei­chung der Alters­gren­ze aus. Am 18. Okto­ber wird Jai­me Lucas Kar­di­nal Orte­ga y Ala­mi­no, eme­ri­tier­ter Erz­bi­schof von San Cri­sto­bal de la Haba­na (Kuba), 80 Jah­re alt und schei­det aus dem Kreis der Papst­wäh­ler aus. Am 31. Okto­ber wird Nicolás de Jesús Kar­di­nal López Rodrà­guez, der eme­ri­tier­te Erz­bi­schof von San­to Dom­in­go (Domi­ni­ka­ni­sche Repu­blik), 80 Jah­re alt.  Kar­di­nal Ennio Anto­nel­li, eme­ri­tier­ter Vor­sit­zen­der des Päpst­li­chen Fami­li­en­ra­tes, voll­endet am 18. Novem­ber sein 80. Lebens­jahr. Kar­di­nal Anto­nel­li trat gemein­sam mit ande­ren Kar­di­nä­len rund um die dop­pel­te Bischofs­syn­ode der Grup­pe um Kar­di­nal Kas­per ent­schie­den ent­ge­gen.

Bereits am 24. Novem­ber wird die von Johan­nes Paul II. fest­ge­leg­te Höchst­gren­ze erreicht sein, wenn Thé­o­do­re-Adri­en Kar­di­nal Sarr, eme­ri­tier­ter Erz­bi­schof von Dakar (Sene­gal) sei­nen 80. Geburts­tag begeht.

Im Febru­ar 2017 gilt das­sel­be für Audrys Juo­zas Kar­di­nal Bač­kis, den eme­ri­tier­ten Erz­bi­schof von Wil­na in Litau­en, und Ray­mun­do Kar­di­nal Dama­s­ce­no Assis, den Erz­bi­schof von Apa­re­ci­da in Bra­si­li­en. Bis Juni 2017 wer­den wei­te­re zwei Kar­di­nä­le als Papst­wäh­ler aus­schei­den und die Gesamt­zahl auf 116 sinken.

Unter den neu­ernann­ten Papst­wäh­lern fällt der Apo­sto­li­sche Nun­ti­us von Syri­en, Msgr. Mario Zena­ri  auf. Eine Geste, mit der Papst Fran­zis­kus dem Frie­dens­be­mü­hen der Katho­li­schen Kir­che im kri­sen­ge­schüt­tel­ten Land Sicht­bar­keit und Gewicht ver­lei­hen will. Erst­mals seit lan­gem wird wie­der ein amtie­ren­der Nun­ti­us eines Lan­des den Rang eines Kar­di­nals haben.

Zudem fal­len eini­ge nam­haf­te Ver­tre­ter des pro­gres­si­ven Lagers auf, dar­un­ter Erz­bi­schof Bla­se Cup­ich von Chi­ca­go (USA) und Erz­bi­schof Jozef De Kesel von Mecheln-Brüs­sel (Bel­gi­en). Bei­de wur­den von Papst Fran­zis­kus auf die­se füh­ren­den  Erz­bi­schofs­stüh­le ihrer Län­der beru­fen und wer­den nun von ihm auch in den Kar­di­nal­s­rang erho­ben. Bei­de gel­ten als  dem Paps und sei­ner Linie nahe­ste­hend und fie­len in der Ver­gan­gen­heit durch pro­gres­si­ve Posi­tio­nen auf. Erz­bi­schof Cup­ich sprach sich für eine „Öff­nung“  gegen­über den wie­der­ver­hei­ra­tet Geschie­de­nen in Sachen Kom­mu­ni­on aus, Erz­bi­schof De Kesel für die Abschaf­fung des Priesterzölibats.

Unter den Neu­ernann­ten fin­det sich neben Erz­bi­schof Cup­ich noch ein zwei­ter US-Ame­ri­ka­ner. Msgr. Joseph Wil­liam Tobin ist seit 2012 Erz­bi­schof von India­na­po­lis, nicht zu ver­wech­seln mit dem gleich­na­mi­gen Bischof Tho­mas Tobin von Pro­vi­dence (Rho­de Island). Erz­bi­schof Joseph Tobin war zuvor Sekre­tär der Ordens­kon­gre­ga­ti­on in Rom. Sei­ne Ernen­nung zum Erz­bi­schof von India­na­po­lis durch Bene­dikt XVI. wur­de als „Ent­fer­nung“ aus Rom gese­hen, weil ihm zu gro­ße Nach­gie­big­keit gegen­über dem rebel­li­schen Dach­ver­band LCWR pro­gres­si­ver Frau­en­or­den in den USA vor­ge­wor­fen wurde.

Bis­her schien es, daß Papst Fran­zis­kus nicht mehr den Erz­bi­schö­fen der tra­di­tio­nell mit der Kar­di­nal­s­wür­de ver­bun­de­nen Bischofs­stüh­le Pur­pur ver­leiht, son­dern ande­re Bischofs­sit­ze vor allem der nicht-west­li­chen Welt bevor­zugt. Die drei bis­he­ri­gen Kon­si­sto­ri­en bestä­ti­gen die­se Wahr­neh­mung nur zum Teil. Sie gilt für kon­ser­va­ti­ve Erz­bi­schö­fe, denen die Kar­di­nal­s­wür­de ver­wehrt bleibt (Patri­arch Moraglia von Vene­dig), aber nicht für pro­gres­si­ve Erz­bi­schö­fe, denen sie wei­ter­hin gewährt wird (Erz­bi­schof Cup­ich, Erz­bi­schof De Kesel). Erneut fehlt unter den Neu­ernann­ten der ehr­gei­zi­ge Erz­bi­schof Bru­no For­te, der die umstrit­te­nen Pas­sa­gen zur Homo­se­xua­li­tät bei der ersten Bischofs­syn­ode ver­faß­te und im Mai 2016  Hin­ter­grün­de zur Bischofs­syn­ode und dem nach­syn­oda­len Schrei­ben Amo­ris lae­ti­tia enthüllte.

Hin­zu kom­men stra­te­gi­sche Ent­schei­dun­gen wie die Kar­di­nal­s­kre­ierung von Nun­ti­us Zena­ri und des Erz­bi­schofs von Madrid, Car­los Osoro Sier­ra. Erz­bi­schof Osoro wur­de von Papst Fran­zis­kus ernannt. Im ver­gan­ge­nen April hat­te der Madri­der Erz­bi­schof in einer unglaub­li­chen Akti­on Kar­di­nal Ger­hard Mül­ler, dem Prä­fekt der römi­schen Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on die Vor­stel­lung von des­sen neue­stem Buch an der Katho­li­schen Uni­ver­si­tät von Madrid unter­sagt mit der Begrün­dung, das Buch des Kar­di­nals sei „gegen den Papst“.

Die Kar­di­nal­s­er­he­bun­gen sind ein Grad­mes­ser dafür, wen der Papst beloh­nen, und wen er zurück­stel­len will.

In der Liste der neu­en Kar­di­nä­le fällt auf, daß gleich drei US-Ame­ri­ka­ner mit der Kar­di­nal­s­wür­de bedacht wer­den. Neben Cup­ich und Tobin ist das Msgr. Kevin Joseph Far­rell, der erste Prä­fekt des neu­errich­te­ten Dikaste­ri­ums für die Lai­en, die Fami­lie und das Leben. Msgr. Far­rell war zuvor Bischof von Dal­las in Texas.

[Update 1] Anders als zunächst berich­tet, gehört Msgr. Far­rell nicht mehr dem Orden der Legio­nä­re Chri­sti an. Er hat die­sen bereits vor Jah­ren ver­las­sen und damit kei­nen Anteil an den jün­ge­ren Ent­wick­lun­gen des Ordens. Unter den drei neu­en US-ame­ri­ka­ni­schen Pur­pur­trä­gern gilt er als der Beste.

[Update 2] Zur Grup­pe der pro­gres­si­ven Neo­kar­di­nä­le gehört Msgr. Car­los Agui­ar Retes, Erz­bi­schof von Tla­ne­pant­la (Mexi­ko). Sei­ne Ernen­nung wird als Vor­stu­fe zur Nach­fol­ge von Nor­ber­to Kar­di­nal Rive­ra Car­re­ra als Erz­bi­schof von Mexi­ko-Stadt und Pri­mas von Mexi­ko gese­hen, der im Juni 2017 sein 75. Lebens­jahr vollendet.
In die­se Grup­pe fällt auch  Msgr. Ser­gio da Rocha, Erz­bi­schof von Bra­si­lia. Mit 55 Jah­ren gehört er zu den jüng­sten Kardinälen.

Auf­fal­lend ist wie­der­um der Hang des Pap­stes, unbe­kann­te Bischö­fe aus exo­ti­schen Win­keln der Erde zu ernen­nen. Die­ses Mal trifft es Erz­bi­schof John Ribat aus Papua-Neu­gui­nea, Erz­bi­schof Mau­rice Piat von den Mau­ri­ti­us Inseln, Erz­bi­schof Dieudon­né Nza­pa­lain­ga aus Zen­tral­afri­ka und Erz­bi­schof Patrick D’Rozario von Ban­gla­desch. In allen vier Fäl­len han­delt es sich um die erste Kar­di­nal­s­er­he­bung in der Geschich­te der vier Staa­ten. Es habe nichts mit euro­päi­scher oder west­li­cher Arro­ganz zu tun, wenn man dazu anmer­ke, so Fran­cis­co Fer­nan­dez de la Cigo­na dass es sich bei den Ernen­nun­gen „von den Rän­dern“, um eine exo­ti­sche Schrul­le des Pap­stes hand­le, wenn er Bischö­fe zu Kar­di­nä­len macht, die mor­gen den Papst wäh­len, deren „Ver­dien­ste“ dar­in zu bestehen schei­nen, daß man weder ihren Namen noch den ihrer Diö­ze­se kennt.

Unter den Kar­di­nä­len, die bereits über 80 Jah­re alt sind, sticht Ernest Simo­ni her­aus, der die Chri­sten­ver­fol­gung wäh­rend der kom­mu­ni­sti­schen Dik­ta­tur in Alba­ni­en durch­litt. Er wur­de im Unter­grund zum Prie­ster geweiht und ver­brach­te vie­le Jah­re in Gefan­ge­nen­la­gern und Gefängnissen.

Mit der Kar­di­nal­s­wür­de geehrt wird auch der eme­ri­tier­te Bischof Rena­to Cor­ti von Nova­ra, der bereits 2015 von Papst Fran­zis­kus mit der For­mu­lie­rung der Medi­ta­tio­nen für den Kreuz­weg am Kolos­se­um in Rom beauf­tragt wor­den war. Nach der Ver­öf­fent­li­chung des Motu Pro­prio Summorum Pon­ti­fi­cum ent­schie­den sich drei Prie­ster der Diö­ze­se Nova­ra im über­lie­fer­ten Ritus zu zele­brie­ren. Sie wur­den vom Bischof in ent­le­ge­ne Berg­dör­fer ver­setzt. Eine Ent­schei­dung, die von Kar­di­nal­staats­se­kre­tär Tar­ci­sio Ber­to­ne im Namen von Bene­dikt XVI. gut­ge­hei­ßen wur­de, was bekräf­tig­te, daß ein Diö­ze­san­prie­ster zwar aus­schließ­lich im Neu­en Ritus zele­brie­ren und den Alten Ritus völ­lig miß­ach­ten kann, aber nicht umgekehrt.

Text: Giu­sep­pe Nardi
Bild: MiL