Die verheerendsten Erdbeben sind geistlicher Natur

Die verheerendsten Erdbeben sind geistlicher Natur
Die verheerendsten Erdbeben sind geistlicher Natur

von Rober­to de Mattei*

Im Rah­men des Ange­lus vom 28. August kün­dig­te Papst Fran­zis­kus an, daß er „sobald als mög­lich“ sich in das von einem Erd­be­ben erschüt­ter­te Gebiet in den ita­lie­ni­schen Regio­nen Lati­um, Umbri­en und den Mar­ken bege­ben wird, um den betrof­fe­nen Men­schen „die Stär­kung des Glau­bens, die Umar­mung des Vaters und Bru­ders und die Unter­stüt­zung der christ­li­chen Hoff­nung“ zu brin­gen.

Jenes „sobald als mög­lich“ hat nicht mit den Ver­pflich­tun­gen des Pap­stes zu tun, der sofort auf­bre­chen woll­te, son­dern mit den Such- und Auf­räum­ar­bei­ten der Feu­er­weh­ren, des Zivil­schut­zes und der Ord­nungs­kräf­te, die er durch sei­nen Besuch in der jet­zi­gen Pha­se nicht behin­dern möch­te. Der Vati­ka­nist Andrea Tor­ni­el­li erin­ner­te dar­an, daß der Blitz­be­such von Johan­nes Paul II. in Kam­pa­ni­en und der Basi­li­ka­ta, 48 Stun­den nach dem Erd­be­ben vom 23. Novem­ber 1980, hef­ti­ge Pole­mi­ken aus­ge­löst hat­te. Damals behaup­te­ten man­che, Johan­nes Paul II. hät­te damit die auf Hoch­tou­ren lau­fen­den Ret­tungs­ak­tio­nen behin­dert und die Ord­nungs­kräf­te von wich­ti­ge­ren Auf­ga­ben abge­zo­gen. Bene­dikt XVI. war­te­ten daher 22 Tage, bevor er die vom Erd­be­ben des 6. April 2009 zer­stör­te Stadt L’Aquila auf­such­te, und 36 Tage, bevor er in die Emi­lia rei­ste, die am 20. Mai 2012 von einem star­ken Beben erschüt­tert wor­den war.

Die Ent­schei­dung, den Besuch zu ver­schie­ben, scheint daher aus ver­schie­de­nen Grün­den rich­tig. In den ersten Wochen nach einer sol­chen Kata­stro­phe, brau­chen die Erd­be­ben­op­fer vor allem mate­ri­el­le Hil­fe: Nah­rung, Klei­dung und vie­le ein Dach über dem Kopf. In den dar­auf fol­gen­den Mona­ten, wenn ihre Lage kei­ne Schlag­zei­len mehr macht, füh­len sie sich erst rich­tig ver­las­sen und brau­chen geist­li­che und mora­li­sche Unter­stüt­zung. Nie­mand kann die­se Hil­fe, die vor allem dar­in besteht, die Betrof­fe­nen dar­an zu erin­nern, daß alles im christ­li­chen Leben einen Sinn hat, auch die schlimm­sten Kata­stro­phen, bes­ser brin­gen als der Papst.

Das ist die Ant­wort, die jenen zu geben ist, die – wie Euge­nio Scal­fa­ri in La Repub­bli­ca vom 28. August – das Erd­be­ben von Ama­tri­ce und alle ande­ren Übel die­ser Welt zele­briert und nach dem Grund  nicht nur des Erd­be­bens, son­dern des Cha­os in der heu­ti­gen Welt fragt, und eine Ant­wort in einem kos­mi­schen Pes­si­mis­mus sucht. Es sind auch die Vor­wür­fe des Gel­tungs­dran­ges zu ver­mei­den, die unwei­ger­lich jene tref­fen, die — wie Papst Fran­zis­kus — das Schein­wer­fer­licht  der gro­ßen Büh­ne etwas zu sehr lie­ben, der in den ver­gan­ge­nen Tagen mit Film­auf­nah­men in den Vati­ka­ni­schen Gär­ten beschäf­tigt war, um – wie es scheint – für einen Film sich selbst dar­zu­stel­len, obwohl der Vati­kan noch im ver­gan­ge­nen Febru­ar demen­tiert hat­te, daß Papst Ber­go­glio die Absicht habe, das Dar­stel­ler in einem Film mit­zu­wir­ken.

Was an Scal­fa­ris Kom­men­tar stimmt ist die Tat­sa­che, daß die Erd­be­ben­tra­gö­die sich in eine stür­mi­sche inter­na­tio­na­le Situa­ti­on ein­fügt. Die ersten Sei­ten der Tages­zei­tun­gen waren in der ver­gan­ge­nen Woche vom Erd­be­ben in Ita­li­en belegt, so wur­de einer ande­ren, besorg­nis­er­re­gen­den Nach­richt kaum Auf­merk­sam­keit geschenkt: der Auf­for­de­rung der deut­schen Bun­des­re­gie­rung an die Bür­ger, mit Blick auf eine even­tu­el­le natio­na­le Kata­stro­phe, Lebens­mit­tel­vor­rä­te anzu­le­gen.

Die Gläu­bi­gen erwar­ten sich, daß der Papst dar­an erin­nert, daß mate­ri­el­le Unglücke den Kör­per schä­di­gen und zer­stö­ren kön­nen, daß es aber noch schwe­re­re spi­ri­tu­el­le und mora­li­sche Kata­stro­phen gibt, die die See­len schä­di­gen kön­nen. Die Katho­li­sche Kir­che selbst ist heu­te in ihrem Inne­ren durch ein Erd­be­ben erschüt­tert.

Im Inter­net wur­den Fotos einer Mari­en­sta­tue ver­öf­fent­licht, die auf wun­der­sa­me Wei­se inmit­ten einer zer­stör­ten Kir­che von Arqua­ta del Tron­to unbe­schä­digt blieb. Die Anru­fun­gen der Got­tes­mut­ter haben unter den Erd­be­ben­ge­schä­dig­ten stark zuge­nom­men, und Anto­nio Soc­ci hat sich zum Wort­füh­rer der Bit­te eini­ger Katho­li­ken an Kar­di­nal Ange­lo Bag­nas­co, den Vor­sit­zen­den der Ita­lie­ni­schen Bischofs­kon­fe­renz gemacht, die Wei­he Ita­li­ens an das Unbe­fleck­te Herz Mari­ens zu erneu­ern.

Die Got­tes­mut­ter hat­te aber kei­nen Platz beim Mee­ting von Com­u­nio­ne e Libe­ra­zio­ne (CL) in Rimi­ni, wo sie von einem Stand ent­fernt bzw. ver­hüllt wer­den muß­te. Die Mari­en­ver­eh­rung scheint unver­ein­bar mit der öku­me­nisch-inter­re­li­giö­sen Umar­mung von Mus­li­men und Pro­te­stan­ten.

*Rober­to de Mattei, Histo­ri­ker, Vater von fünf Kin­dern, Pro­fes­sor für Neue­re Geschich­te und Geschich­te des Chri­sten­tums an der Euro­päi­schen Uni­ver­si­tät Rom, Vor­sit­zen­der der Stif­tung Lepan­to, Autor zahl­rei­cher Bücher, zuletzt erschie­nen: Vica­rio di Cri­sto. Il pri­mato di Pie­tro tra nor­ma­li­tà  ed ecce­zio­ne (Stell­ver­tre­ter Chri­sti. Der Pri­mat des Petrus zwi­schen Nor­ma­li­tät und Aus­nah­me), Vero­na 2013; in deut­scher Über­set­zung zuletzt: Das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil – eine bis­lang unge­schrie­be­ne Geschich­te, Rup­pich­teroth 2011.

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ris­pon­den­za Roma­na