Rechtfertigung der Abtreibungs-Unmoral — Richard D. Precht zum Ersten …

Hubert Hecker befaßt sich mit dem Zeitgeist-Philosophen Richard David Precht
Hubert Hecker befaßt sich mit dem Zeitgeist-Philosophen Richard David Precht

Phi­lo­so­phie als mul­ti­per­spek­ti­vi­sche Erör­te­rung, um den herr­schen­den Wer­te-Rela­ti­vis­mus abzu­bil­den, kon­kret als Anschrei­ben gegen Lebens­recht und Men­schen­wür­de.

Ein Gast­bei­trag von Hubert Hecker.

Schon vor eini­gen Jah­ren kür­te Der Spie­gel einen neu­en deut­schen Medi­en­star. Das Maga­zin beschrieb ihn als ele­gant und ver­wahr­lost. Er habe dun­kel gebet­te­te Augen, fei­ne blas­se Züge, dazu eine mar­kan­te Nase und lang flie­ßen­des Haar.

Gemeint war der Phi­lo­soph Richard David Precht. In dem Buch: „Lenin kam nur bis Lüden­scheid“ hat er sei­nen mar­xi­sti­schen Migra­ti­ons­hin­ter­grund beschrie­ben.

Ein medientauglicher Allzweck-Philosoph

Seit Jah­ren tum­melt sich Precht als mul­ti­me­dia­le All­zweck­waf­fe — so Der Spie­gel — in zahl­rei­chen TV-Talk­shows. Sei­ne Medi­en-Taug­lich­keit erwarb er sich mit dem Buch: „Wer bin ich und wenn ja, wie vie­le?“ Des­sen 34 Kapi­tel eige­nen sich gut als Grund­la­ge für Dreh­bü­cher von phi­lo­so­phi­schen Talk­shows, bei denen mit ver­teil­ten Rol­len räso­niert wird.

Denn  Precht kann zu jedem The­ma in mul­ti­per­spek­ti­vi­scher Erör­te­run­gen den herr­schen­den Wer­te-Rela­ti­vis­mus abbil­den. Ver­schie­den­ste The­men­ge­bie­te von Evo­lu­ti­on, Hirn­theo­rie, schu­li­sche Bil­dung  bis Glück und Lebens­sinn wer­den als Zeit­geist­me­nüs auf­be­rei­tet. Der Köl­ner Phi­lo­soph kann sie so geglät­tet her­rich­ten und leicht­hin ser­vie­ren, dass sie selbst für einen Spie­gel-Jour­na­li­sten  her­un­ter­ge­hen wie ein küh­les Kölsch an einem war­men Som­mer­abend. Bier­tisch- oder The­ken­phi­lo­so­phie also?

Rechtfertigung der gängigen Abtreibungs-Unmoral …

Precht-Buch: "Lenin kam nur bis Lüdenscheid"
Precht-Buch: „Lenin kam nur bis Lüden­scheid“

Das gilt auch für das The­ma Abtrei­bung von unge­bo­re­nen Kin­dern. Dazu legt Precht zunächst die ver­schie­de­nen Posi­tio­nen dar – von femi­ni­sti­schen Eman­zen bis zu extre­mi­sti­schen Uti­li­ta­ri­sten.

Als Ergeb­nis bekräf­tigt er die land­läu­fi­ge Zeit­geist-Unmo­ral, wie sie von Poli­tik und Medi­en im Bewusst­sein vie­ler Men­schen ver­an­kert wor­den ist. Sei­ne Kern­the­sen kön­nen so zusam­men­ge­fasst wer­den:

  • Das Recht auf Leben und die Wür­de des Men­schen begin­nen nicht mit dem Anfang des unge­bo­re­nen Men­schen nach dem Zeu­gungs­akt.
  • Die Bedeu­tung des frü­hen mensch­li­chen Lebens ist abhän­gig vom Wert, den ihm vor allem die Mut­ter bei­misst.
  • Je wei­ter sich der Embryo ent­wickelt, umso grö­ßer ist der gefühl­te Wert des Fötus.
  • Inso­fern macht die Gren­ze von drei Mona­ten, bis zu der eine Abtrei­bung in Deutsch­land straf­frei gestellt ist, durch­aus einen Sinn. Die­ser Satz ist das Resü­mee von Prechts Über­le­gun­gen in sei­nem Buch: Wer bin ich – und wenn ja wie vie­le? auf S. 195.

… mit den Thesen eines unmoralischen Wissenschaftlers

Bei die­ser Argu­men­ta­ti­on zeich­net Precht die Phi­lo­so­phie des ame­ri­ka­ni­schen Evo­lu­ti­ons­bio­lo­gen Marc Hau­sers nach. Der ehe­ma­li­ge Havard-Pro­fes­sor wur­de 2010 wegen wis­sen­schaft­li­chen Fehl­ver­hal­tens in min­de­stens acht Fäl­len von der Uni­ver­si­tät ver­wie­sen.

Der zwie­lich­ti­ge Wis­sen­schaft­ler behaup­tet einen intui­ti­ven Moral­sinn in jedem nor­ma­len Men­schen. Auf die­ses unsi­che­re Postu­lat eines sub­jek­ti­ven Moral­ge­fühls baut Precht dann sei­ne Abtrei­bungs­leh­re auf. Das oben ange­führ­te Ergeb­nis sei­ner gefühl­ten Abtrei­bungs­mo­ral erklärt er dann zugleich als natur­ge­mäß mit der Behaup­tung, nach dem drit­ten Monat sei eine natür­li­che Gren­ze zwi­schen Vege­tie­ren und einem Leben mit Bewusst­sein erreicht.

Mit die­ser Pas­sa­ge gibt der TV-Phi­lo­soph ein Bei­spiel dafür, sol­che schwer­wie­gend-mora­li­sche The­men wie Abtrei­bung so leicht­hin-ele­gant prä­sen­tie­ren zu kön­nen, dass sich das Publi­kum in sei­ner gefühl­ten Auf­fas­sung bestä­tigt sieht.

… gegen die Wertebasis des Grundgesetzes

Tat­säch­lich zeigt der angeb­li­che Star-Phi­lo­soph eine ver­wahr­lo­ste Argu­men­ta­ti­on, die zur Wer­te­grund­la­ge unse­rer Ver­fas­sung im dia­me­tra­len Gegen­satz steht. Im Urteil des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts von 1993 heißt es:

Lebens­recht und Men­schen­wür­de kom­men dem Unge­bo­re­nen von Anfang an zu und wer­den nicht erst durch die Annah­me sei­tens der Mut­ter begrün­det.
Des­halb muss Abtrei­bung grund­sätz­lich für die gan­ze Dau­er der Schwan­ger­schaft als Unrecht ange­se­hen und auch nach der Bera­tungs­re­ge­lung inner­halb der Drei-Monats-Frist für rechts­wid­rig erklärt wer­den.

Grausame Nützlichkeitsmoral an Ungeborenen

Ungeborenes Kind
Unge­bo­re­nes Kind

Wenn ein­mal die mora­li­schen Däm­me zur Tötung von unge­bo­re­nen Kin­dern durch­sto­ßen sind, dann kann die Wel­le wei­te­rer Ansprü­che auch nicht an der will­kür­li­chen Drei­mo­nats­frist gestoppt wer­den:

Precht plä­diert für nach­voll­zieh­ba­re Aus­nah­me-Tötun­gen bis zum Zeit­punkt der  Geburt eines behin­der­ten Kin­des. Der Uti­li­ta­ris­mus des austra­li­schen Phi­lo­so­phen Peter Sin­ger  muss als Begrün­dung für die Tötung von behin­der­ten Unge­bo­re­nen her­hal­ten:

Die uti­li­ta­ri­sti­sche Glei­chung, die die Wün­sche, die Absich­ten und das poten­ti­el­le Lei­den der Eltern mit denen des Fötus abwägt, ist grau­sam, aber ohne Alter­na­ti­ve (S. 195).

Kindereuthanasie nach historischen Ansätzen

Precht scheut auch nicht davor zurück, die­se nach sei­ner Mei­nung alter­na­tiv­lo­se Argu­men­ta­ti­on auf Gebo­re­ne aus­zu­wei­ten. Er ver­bin­det sie mit der Theo­rie des intui­ti­ven Moral­sinns:  Nach der Geburt eines behin­der­ten Kin­des soll­te den Eltern als Maß­stab einer Eutha­na­sie­ent­schei­dung die­nen, ihre Emp­fin­dun­gen, also ihren Moral­sinn und die dar­aus abge­lei­te­ten Wün­sche und Absich­ten abzu­wä­gen, nach Mög­lich­keit unter klu­ger und ein­fühl­sa­mer Bera­tung.

Die­ser Pro­zess von Eltern­wunsch und Ärz­te-Bera­tung mit dem Ergeb­nis der Kin­der­eu­tha­na­sie wird in Bel­gi­en schon seit Jah­ren prak­ti­ziert. Er unter­schei­det sich in sei­ner Grund­form nicht von dem Vor­ge­hen der Nazis Mit­te des Jah­res 1939. Damals hat­te ein Vater eines miss­ge­bil­de­ten Kin­des gegen­über dem Direk­tor der Leip­zi­ger Uni­ver­si­täts­kli­nik den Wunsch nach einem guten Tod geäu­ßert. Beim Bera­tungs­ge­spräch hielt der Arzt die Erlö­sung des Kin­des durch einen bal­di­gen Tod für den besten Aus­weg für alle Betei­lig­ten. Die Fall-Ent­schei­dung wur­de damals der Kanz­lei des Füh­rers vor­ge­legt. Hit­ler selbst geneh­mig­te die straf­freie Tötung des Kin­des K. Nach die­sem Prä­ze­denz­fall soll­te danach auch bei ande­ren schwer­be­hin­der­ten Kin­dern ver­fah­ren wer­den. Mit Datum vom 1. Sep­tem­ber 1939 — Kriegs­be­ginn – beauf­trag­te Hit­ler NS-Ärz­te, nach dem Muster der Kin­der­eu­tha­na­sie die Tötung von kran­ken und behin­der­ten Erwach­se­nen zu orga­ni­sie­ren.

Abkanzlung von Kant

Das Gesel­len­stück einer sophi­sti­schen Abtrei­bungs­be­grün­dung lie­fert Precht mit sei­ner Kri­tik an Imma­nu­el Kant (+1804). Dabei ver­such­te er den Erkennt­nis- und Moral­phi­lo­so­phen aus Königs­berg  lächer­lich zu machen:

Kants Begrün­dung von der unbe­ding­ten Schutz­be­dürf­tig­keit des Embryo ist aus heu­ti­ger Sicht an den Haa­ren her­bei­ge­zo­gen (S. 187).

Precht behaup­tet fälsch­lich, Kant habe sich nur ein­mal, und zwar in sei­ner vor­kri­ti­schen Pha­se zum Sta­tus des Embryo geäu­ßert. Nach sei­ner Gele­gen­heits­schrift von 1780  wäre die Men­schen­wür­de des Embry­os nur bei frei­wil­li­ger und gewoll­ter ehe­li­cher Zeu­gung gege­ben. Kants Posi­ti­on sei als nicht ver­all­ge­mei­ne­rungs­fä­hig schlicht­weg ver­al­tet und heu­te ohne Bedeu­tung – so Precht.

Jedem Menschen kommt von Anfang an Würde und Personsein zu

Immanuel Kant
Imma­nu­el Kant

Mit die­ser Abkan(t)zelung hat sich der Popu­lär-Phi­lo­soph aus Köln an dem Königs­ber­ger Groß­phi­lo­so­phen aller­dings schwer ver­ho­ben. Er macht sich selbst lächer­lich, wenn er Kants Grund­satz­schrif­ten zur Moral sowie spe­zi­ell zu Per­son und Wür­de des Men­schen nicht berück­sich­tigt oder gar nicht zu ken­nen scheint. Kant äußert sich in sei­ner Schrift: „Anthro­po­lo­gie in prag­ma­ti­scher Hin­sicht“ dahin­ge­hend:

Men­schen kom­me von Anfang an Wür­de und Per­son­sein zu. Denn schon der mensch­li­che Embryo habe die natur­ge­ge­be­ne Potenz zum ich­be­wuss­ten Ver­nunft­we­sen, selbst wenn er das Ich noch nicht spre­chen kann.

Unter ande­rem auf Kants Argu­men­ta­tio­nen stützt sich auch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in sei­ner Aus­le­gung zum Lebens­recht-Arti­kel des Grund­ge­set­zes bzw. der Begrün­dung zum Para­graf 218-Urteil von 1993:

Die von Anfang an im mensch­li­chen Sein ange­leg­ten poten­ti­el­len Fähig­kei­ten genü­gen, um die Men­schen­wür­de zu begrün­den.

Für Kant ist jeder Embryo bereits unmit­tel­bar nach der Zeu­gung eine Per­son, wie fol­gen­des Zitat aus sei­nem Buch: „Meta­phy­sik der Sit­ten“ belegt:

Es ist des­halb eine rich­ti­ge und nothwen­di­ge Idee, den Act der Zeu­gung als einen sol­chen anzu­se­hen, wodurch wir eine Per­son ohne ihre Ein­wil­li­gung auf die Welt gesetzt haben; für wel­che Tat  auf den Eltern nun eine Ver­bind­lich­keit haf­tet. Sie kön­nen ihr Kind nicht gleich­sam als ein Gemäch­sel und als ihr Eigen­tum zer­stö­ren oder es auch nur dem Zufall über­las­sen, weil an ihm ein Welt­bür­ger ins Dasein gekom­men ist.

Gemäch­sel bedeu­tet nach Kant etwas Gemach­tes oder Her­ge­stell­tes, wor­über die machen­den Men­schen frei und unver­bind­lich ver­fü­gen könn­ten.

Philosophie zum Weglaufen

Im Ver­gleich zu den Wer­ken des Phi­lo­so­phen Kant sind die Ela­bo­ra­te des Viel­schrei­bers Precht Vie­le­so­phie to go. Er model­liert sei­ne gefäl­li­gen The­sen so nach dem Geschmack des zah­len­den Publi­kums, dass sie her­un­ter­ge­hen wie ein küh­les Kölsch an einem war­men Som­mer­abend.

Text: Hubert Hecker
Bild: Wikicommons/LifeSiteNews

4 Kommentare

  1. Ich fin­de das gan­ze Gere­de nur Zeit­ver­schwen­dung. Abor­tus ist Mord und des­halb verboten,klar.

  2. Nun, Richard David Precht ist eben eine tri­via­li­sie­ren­de Neu­auf­la­ge von Nietz­sche.
    Der in popu­lä­re Slo­gan ver­pack­te Nihi­lis­mus klei­det sich noch in Rudi­men­ten einer abstrak­ten Moral, die kon­kret nichts mehr zu bedeu­ten hat. Die Auf­klä­rung, befreit in ihrer End­kon­se­quen­zen den Men­schen nicht, son­dern unter­wirft ihn einer Pra­xis, die ihn zur Sache macht. Per­son wird zur lee­ren Wort­hül­le, daher kann Precht Kant gar nicht ver­ste­hen, ihm ist schlicht das Ver­ständ­nis von Per­son abhan­den gekom­men, was natür­lich auch logisch ist, da es ja eine mensch­li­che Wür­de ohne Got­tes­vor­stel­lung nicht gibt. Die Wür­de des Men­schen lei­tet sich eben nicht aus dem Mensch­sein als sol­chem ab, son­dern dar­aus, dass er ein Geschöpf Got­tes ist, dem von Gott auf­ge­tra­gen ist, den Men­schen als Geschöpf zu ach­ten. Das auf­klä­re­ri­sche Den­ken ver­sucht zwar noch durch will­kür­li­che Set­zun­gen zu ret­ten, was längst nicht mehr zu ret­ten ist, weil der Schrecken über die Kon­se­quen­zen doch tie­fer wirkt, als die angeb­lich auf­ge­klär­ten Zeit­ge­nos­sen zuge­ben wol­len. Denn wo es die öko­no­mi­sche „Pra­xis“= „Not­wen­dig­keit“ gebie­tet, wird aus Näch­sten­lie­be das Tötungs­ge­bot. Dass das kei­ne Fik­ti­on ist, lässt sich an der Pra­xis der Ein-Kind-Poli­tik in Chi­na bewei­sen. Im Grun­de ist die Moral der Auf­klä­rung so weit funk­tio­na­li­siert, dass sie jeder­zeit auch die Moral eines Mafia-Kil­lers sein kann.

  3. Wie ver­blen­det muss man sein, wenn man sol­che Ansich­ten ver­tritt??!!
    Lasst uns beten für a L L e, die die Lie­be GOTTES noch nie erfah­ren haben,
    dass GOTT sich ihnen offen­bart!
    Der HERR möch­te, dass mög­lichst a L L e See­len geret­tet wer­den!

  4. Recht­fer­ti­gung und Beweih­räu­che­rung der poli­ti­schen Nomen­kla­tu­ra und deren (Gewalt)taten ist die Haupt­auf­ga­be der Intel­lek­tu­el­len in der moder­nen Demo­kra­tie. Kein Wun­der, daß es sovie­le davon gibt.

    Die mör­de­ri­sche Gewalt gegen (im Rechts­sin­ne) unschul­di­ge Men­schen im Mut­ter­leib erfährt dann auch noch Ver­tei­di­gungs­ge­re­de. Das anti­ke römi­sche Recht des Haus­herrn über das Leben und Able­ben der Sei­nen zu ent­schei­den. es wird modern ega­li­tär und ver­meint­lich matri­ar­cha­lisch indi­vi­dua­li­siert neu auf­ge­brüht. In aller Regel ent­schei­det aller­dings auch heu­te vor allem der lust­lo­se Kinds­va­ter über die Erschlach­tung des Kin­des.

    Marx sprach von Bar­ba­rei auf einem höhe­ren Niveau. Schon er mein­te damit wohl eher ein bloß tech­nisch höhe­res Niveau. Lebens­freund sein und Lebens­freu­de schaf­fen und auch im Leid noch wach­sen, dafür braucht die Welt kei­ne demo­kra­ti­schen Intel­lek­tu­el­len, dafür braucht die Welt Chri­stus und sei­ne Katho­li­ken.

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