De Mattei: Die „arme Kirche“ vom Zweiten Vaticanum bis Papst Franziskus

Domitilla-Katakomben: HIer wurde 1965 der "Katakombenpakt" unterzeichnet
Domitilla-Katakomben: HIer wurde 1965 der "Katakombenpakt" unterzeichnet

von Rober­to de Mattei*

Die Doku­men­te von Papst Fran­zis­kus sind, nach dem vor­herr­schen­den Urteil der Theo­lo­gen, all­ge­mei­ne Hin­wei­se pasto­ra­len und mora­li­schen Cha­rak­ters ohne signi­fi­kan­te lehr­amt­li­che Qua­li­tät. Das ist ein Grund, wes­halb die­se Doku­men­te auf freie­re Wei­se dis­ku­tiert wer­den, als es bis­her bei päpst­li­chen Tex­ten gesche­hen ist. Zu den gründ­lich­sten Ana­ly­sen die­ser Tex­te gehört die Stu­die eines Phi­lo­so­phen der Uni­ver­si­tät Perugia, Fla­vio Cuni­ber­to, mit dem Titel Madon­na Pover­tà . Papa Fran­ces­co e la rif­on­da­zio­ne del cri­stia­ne­si­mo (Madon­na Armut. Papst Fran­zis­kus und die Neu­grün­dung des Chri­sten­tums), erschie­nen im Ver­lag Neri Poz­za (Vicen­za 2016). Die Stu­die ist beson­ders den Apo­sto­li­schen Schrei­ben Evan­ge­lii gau­di­um (2013) und Lau­da­to si (2015) gewid­met. Die Prü­fung, der Prof. Cuni­ber­to die Tex­te unter­zieht, ist die eines Gelehr­ten, der die zugrun­de­lie­gen­de The­se zu ver­ste­hen ver­sucht, die häu­fig hin­ter einer gewollt zwei­deu­ti­gen und ellip­ti­schen Spra­che ver­steckt ist. Zum The­ma Armut bringt Cuni­ber­to zwei Wider­sprü­che ans Licht: der erste Wider­spruch ist theo­lo­gisch-dok­tri­nä­rer, der zwei­te prak­ti­scher Natur.

Was den ersten Punkt betrifft, so weist er dar­auf hin, daß Papst Fran­zis­kus, im Gegen­satz zu dem, was man aus dem Evan­ge­li­um fol­gert, aus der Armut einen mehr mate­ri­el­len als spi­ri­tu­el­len Zustand macht, um ihn in eine sozio­lo­gi­sche Kate­go­rie zu ver­wan­deln. Die­se Exege­se schim­mert bei­spiels­wei­se in der Ent­schei­dung durch, für die Rede über die Selig­prei­sun­gen Lukas 6,20 zu zitie­ren, und nicht den prä­zi­se­ren Mat­thä­us 5,3 (der den Begriff pau­pe­r­es spi­ri­tu gebraucht, jene, die demü­tig vor Gott leben). Die Armut scheint gleich­zei­tig ein Übel und ein Wohl zu sein. Cuni­ber­to schreibt dazu:

„Wenn die Armut als mate­ri­el­les Elend, Aus­schluß, Ver­nach­läs­si­gung von Anfang als zu bekämp­fen­des Übel, um nicht zu sagen, als das Übel aller Übel bezeich­net wird und daher das vor­ran­gi­ge Ziel des mis­sio­na­ri­schen Han­delns ist“, macht die neue chri­sto­lo­gi­sche Bedeu­tung, die ihr Fran­zis­kus zuweist, „zugleich einen Wert, viel­mehr einen höch­sten und exem­pla­ri­schen Wert daraus.“

Es han­delt sich, wie der Phi­lo­soph aus Perugia betont, um ein kom­pli­zier­tes Gewirr.

„War­um die Armut bekämp­fen und aus­rot­ten, wenn sie umge­kehrt ein ‘kost­ba­rer Schatz’ und sogar der Weg ins Reich ist? Zu bekämp­fen­der Feind oder kost­ba­rer Schatz?“ (S. 25f).

Luigi Bettazzi beim Konzil (links Erzbischof Heenan von Westminster)
Lui­gi Bet­t­az­zi beim Kon­zil (links Erz­bi­schof Heen­an von Westminster)

Der zwei­te Kno­ten betrifft die „struk­tu­rel­len Ursa­chen“ der Armut. In der Annah­me, es han­delt sich um ein radi­ka­les Übel, scheint Papst Ber­go­glio die ent­schei­den­de Ursa­che in der „Ungleich­heit“ zu sehen. Die von ihm auf­ge­zeig­te Lösung, um die­ses Übel aus­zu­rot­ten, sei die mar­xi­sti­sche und Drit­te-Welt-Lösung der Umver­tei­lung der Reich­tü­mer: den Rei­chen weg­neh­men und den Armen geben. Eine glei­che Neu­ver­tei­lung, die durch eine grö­ße­re Glo­ba­li­sie­rung der Res­sour­cen erfol­gen sol­le, die nicht mehr nur west­li­chen Min­der­hei­ten vor­be­hal­ten sein soll­ten, son­dern der gan­zen Welt. Die Grund­la­ge der Glo­ba­li­sie­rung bil­det jedoch die Logik des Pro­fits, die einer­seits kri­ti­siert, aber ande­rer­seits als Weg zur Besie­gung der Armut vor­ge­schla­gen wird. Der Super­ka­pi­ta­lis­mus braucht eine immer grö­ße­re Men­ge an Kon­su­men­ten, doch die Aus­wei­tung des Wohl­stan­des im gro­ßen Maß­stab nährt in Wirk­lich­keit die Ungleich­hei­ten, die man vor­gibt, besei­ti­gen zu wollen.

Das Buch von Prof. Cuni­ber­to ver­dient es zusam­men mit dem eines nea­po­li­ta­ni­schen Gelehr­ten gele­sen zu wer­den, dem Buch Pover­tà  e ric­chez­za. Ese­ge­si dei testi evan­ge­li­ci (Armut und Reich­tum. Exege­se der evan­ge­li­schen Tex­te) von Don Benia­mi­no Di Mar­ti­no, erschie­nen im Ver­lag Edit­ri­ce Domi­ni­ca­na Ita­lia­na (Nea­pel 2013). Das Buch ist sehr tech­nisch. Don Di Mar­ti­no zer­pflückt durch eine rigo­ro­se Text­ana­ly­se die The­sen einer gewis­sen pau­per­i­sti­schen Theo­lo­gie. Die Aus­sa­ge „Gegen den Geiz, nicht gegen den Reich­tum“ faßt, laut Autor, die Leh­re der Evan­ge­li­en zusam­men, die er analysiert.

Woher rührt aber die theo­lo­gi­sche, exege­ti­sche und mora­li­sche Ver­wir­rung zwi­schen spi­ri­tu­el­ler Armut und mate­ri­el­ler Armut?

In die­sem Zusam­men­hang kann der soge­nann­te „Kata­kom­ben­pakt“ nicht über­gan­gen wer­den, der am 16. Novem­ber 1965 in den Domi­til­la-Kata­kom­ben von Rom von rund 40 Kon­zils­vä­tern unter­zeich­net wur­de, die sich dar­in ver­pflich­te­ten, für eine „arme und glei­che“ Kir­che zu leben und zu kämpfen.

Zu den Grün­dern der Grup­pe gehör­te der Prie­ster Paul Gaut­hi­er (1914–2002), der die Erfah­rung als „Arbei­ter­prie­ster“ von Kar­di­nal Emma­nu­el Suhard gemacht hat­te, die vom Hei­li­gen Stuhl 1953 ver­ur­teilt wor­den war. Dann grün­de­te er 1958 mit Unter­stüt­zung von Bischof Geor­ges Hakim, des­sen Kon­zils­theo­lo­ge er war, in Palä­sti­na die reli­giö­se Gemein­schaft der Les com­pa­gnons et com­pa­gnes de Jésus Char­pen­tier (Gefähr­ten und Gefähr­tin­nen von Jesus Zim­mer­mann). Gaut­hi­er wur­de von sei­ner Kampf­ge­fähr­tin Marie-Thérà¨se Laca­ze beglei­tet, mit der zusam­men­leb­te, nach­dem er sein Prie­ster­tum auf­ge­ge­ben hatte.

KP-Chef Enrico Berlinguer
KP-Chef Enri­co Berlinguer

Zu den Unter­stüt­zern der Bewe­gung gehör­ten Msgr. Charles-Marie Him­mer, der Bischof von Tour­nai (Hen­ne­gau, Bel­gi­en), der die Tref­fen im Bel­gi­schen Kol­leg in Rom durch­füh­ren ließ, Dom Hel­der Cama­ra, der damals noch Weih­bi­schof von Rio de Janei­ro war und dann Bischof von Reci­fe wur­de, und Kar­di­nal Pierre-Marie Ger­lier, der Erz­bi­schof von Lyon. Zudem bestand ein enger Kon­takt mit Kar­di­nal Gia­co­mo Ler­ca­ro, dem Erz­bi­schof von Bolo­gna, der sich von sei­nem Bera­ter Giu­sep­pe Dos­set­ti und sei­nem Weih­bi­schof Lui­gi Bet­t­az­zi ver­tre­ten ließ. Mehr dazu fin­det sich in Il pat­to del­le Cat­a­com­be. La mis­sio­ne dei pove­ri nella Chie­sa (Der Kata­kom­ben-Pakt. Die Auf­ga­be der Armen in der Kir­che), her­aus­ge­ge­ben von Xabier Piza­ka und José Antu­nes da Sil­va (Edi­zio­ni Mis­sio­na­rie Ita­lia­ne, Bolo­gna 2015).

Msgr. Bet­t­az­zi, der ein­zi­ge noch leben­de ita­lie­ni­sche Bischof, der am Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil teil­nahm, war auch der ein­zi­ge Ita­lie­ner, der den „Kata­kom­ben-Pakt“ unter­zeich­ne­te. Bet­t­az­zi, heu­te 93 Jah­re alt, nahm an drei Sit­zungs­pe­ri­oden des Zwei­ten Vati­ca­num teil. Von 1966 bis 1999 war er Bischof von Ivrea, bis er aus Alters­grün­den eme­ri­tiert wurde.

Wenn Dom Hel­der Cama­ra der „rote Bischof“ Bra­si­li­ens war, so ging Msgr. Bet­t­az­zi als „roter Bischof“ Ita­li­ens in die Geschich­te ein. Im Juli 1976, als der Kom­mu­nis­mus unmit­tel­bar davor zu ste­hen schien, die Macht in Ita­li­en zu über­neh­men, schrieb Bet­t­az­zi einen Brief an den dama­li­gen Gene­ral­se­kre­tär der Kom­mu­ni­sti­schen Par­tei Ita­li­ens (KPI), Enri­co Ber­lin­guer, dem er die Nei­gung zusprach, „eine ori­gi­nel­le Erfah­rung des Kom­mu­nis­mus, die ver­schie­den von den Kom­mu­nis­men ande­rer Natio­nen ist“, ver­wirk­li­chen zu wol­len. Gleich­zei­tig bat er dar­um, die Kir­che „nicht zu bekämp­fen“, son­dern deren „Wei­ter­ent­wick­lung zu sti­mu­lie­ren, gemäß den Not­wen­dig­kei­ten der Zeit und den Erwar­tun­gen der Men­schen, vor allem der Armen, die Ihr viel­leicht recht­zei­ti­ger inter­pre­tie­ren könnt oder zu inter­pre­tie­ren versteht“.

Der KP-Chef ant­wor­te­te dem Bischof von Ivrea mit dem Schrei­ben Comu­ni­sti e cat­to­li­ci: chia­rez­za di princà¬pi e basi di inte­sa (Kom­mu­ni­sten und Katho­li­ken: Klar­heit der Grund­sät­ze und Grund­la­gen eines Bünd­nis­ses), das am 14. Okto­ber 1977 in der Wochen­zei­tung Rina­sci­ta der Kom­mu­ni­sti­schen Par­tei abge­druckt wurde.

Bischof Bettazzi mit Papst Franziskus
Bischof Bet­t­az­zi mit Papst Franziskus

In die­sem Schrei­ben leug­ne­te Ber­lin­guer, daß die Kom­mu­ni­sti­sche Par­tei Ita­li­ens expli­zit die mar­xi­sti­sche Ideo­lo­gie als mate­ria­li­sti­scher, athe­isti­scher Phi­lo­so­phie beken­ne, und bestä­tig­te die Mög­lich­keit einer Begeg­nung zwi­schen Chri­sten und Kom­mu­ni­sten auf der Ebe­ne der „Ent-Ideo­lo­gi­sie­rung“. Das bedeu­te nicht, so Ber­lin­guer, das Glei­che zu den­ken, aber den­sel­ben Weg gemein­sam zu gehen in der Über­zeu­gung, daß man nicht durch das Den­ken Mar­xist ist, son­dern in der Pra­xis wird.

Das mar­xi­sti­sche Pri­mat der Pra­xis ist heu­te in die Kir­che ein­ge­drun­gen, indem die Leh­re durch die Pasto­ral absor­biert wird. Die Kir­che ris­kiert in der Pra­xis mar­xi­stisch zu wer­den und auch das theo­lo­gi­sche Ver­ständ­nis der Armut zu ver­fäl­schen. Die wah­re Armut ist die Abkehr von den Gütern die­ser Erde, in dem Sinn, daß sie der Ret­tung der See­len die­nen sol­len und nicht damit sie ver­lo­ren­ge­hen. Alle Chri­sten müs­sen sich von den Gütern der Erde los­sa­gen, denn das Him­mel­reich ist den „Armen im Geist“ vor­be­hal­ten, und eini­ge von ihnen sind beru­fen in wirk­li­cher Armut zu leben, indem sie auf den Besitz und den Gebrauch der mate­ri­el­len Güter verzichten.

Die­se Ent­schei­dung hat aber des­halb Wert, weil sie frei erfolgt und von nie­man­dem auf­er­legt wird. Die häre­ti­schen Sek­ten hin­ge­gen woll­ten seit den ersten christ­li­chen Jahr­hun­der­ten die Güter­ge­mein­schaft auf­zwin­gen mit dem Ziel, bereits auf die­ser Erde eine Gleich­heits-Uto­pie zu verwirklichen.

Auf die­ser Linie bewegt sich heu­te, wer die reli­giö­se Kate­go­rie der Armen im Geist durch die sozio­lo­gi­sche Kate­go­rie der mate­ri­ell Armen erset­zen will. Msgr. Lui­gi Bet­t­az­zi, Autor des Büch­leins La chie­sa dei pove­ri dal con­ci­lio a Papa Fran­ces­co (Die Kir­che der Armen vom Kon­zil bis Papst Fran­zis­kus“, erschie­nen im Ver­lag Pazzi­ni (Vil­la Ver­uc­chio 2014), wur­de am 4. April 2016 die Ehren­bür­ger­schaft des „roten“ Bolo­gna ver­lie­hen. Von Papst Fran­zis­kus könn­te er die Kar­di­nal­s­wür­de erhal­ten, denn unter sei­nem Pon­ti­fi­kat, habe sich – laut dem ehe­ma­li­gen Bischof von Ivrea – der Kata­kom­ben­pakt ent­fal­tet „wie ein Wei­zen­korn, das – in die Erde gelegt – lang­sam, lang­sam gewach­sen ist, bis es sei­ne Früch­te trägt“.

*Rober­to de Mattei, Histo­ri­ker, Vater von fünf Kin­dern, Pro­fes­sor für Neue­re Geschich­te und Geschich­te des Chri­sten­tums an der Euro­päi­schen Uni­ver­si­tät Rom, Vor­sit­zen­der der Stif­tung Lepan­to, Autor zahl­rei­cher Bücher, zuletzt erschie­nen: Vica­rio di Cri­sto. Il pri­mato di Pie­tro tra nor­ma­li­tà  ed ecce­zio­ne (Stell­ver­tre­ter Chri­sti. Der Pri­mat des Petrus zwi­schen Nor­ma­li­tät und Aus­nah­me), Vero­na 2013; in deut­scher Über­set­zung zuletzt: Das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil – eine bis­lang unge­schrie­be­ne Geschich­te, Rup­pich­teroth 2011. Die Zwi­schen­ti­tel stam­men von der Redaktion.

Bild: Cor­ris­pon­den­za Romana/Wikicommons/Quotidianoeuropeo (Screen­shot)

16 Kommentare

  1. Man darf nicht über­se­hen, dass der Mar­xis­mus ein Kind der Auf­klä­rung ist und sich sein mate­ria­li­sti­sches Welt­ver­ständ­nis aus dem Posi­ti­vis­mus, dem Erkennt­nis­prin­zip der Auf­klä­rung, her­lei­tet. Dass der Posi­ti­vis­mus in sich wider­sprüch­lich ist, haben schon Ador­no und Hork­hei­mer in der „Nega­ti­ven Dia­lek­tik“ nach­ge­wie­sen. Die Auf­klä­rung ver­keh­re sich ins Irra­tio­na­le, weil sie sich als posi­ti­vi­sti­sches Erkennt­nis­prin­zip einer­seits ver­ab­so­lu­tie­re, ande­rer­seits Erkennt­nis als rela­tiv betrach­te, wobei sie ihre theo­re­ti­schen Set­zun­gen eben nicht begrün­den kön­ne und wol­le und jede Kri­tik an die­sen Set­zun­gen unter ein Denk­ver­bot stellt. Ador­no ging in sei­ner Ana­ly­se so weit, die Fra­ge auf­zu­wer­fen, ob nicht schon ein Zustand erreicht sei, indem Ratio­na­li­tät voll­stän­dig durch Irra­tio­na­li­tät ersetzt sei, da das von der Auf­klä­rung bestimm­te Den­ken einen ins Unend­li­che trans­po­nier­ten idea­li­sier­ten Seins­zu­stand ver­ab­so­lu­tie­re. Die Auf­klä­rung legi­ti­mie­re so den von ihr pro­pa­gier­ten revo­lu­tio­nä­ren Kampf durch eine ins Abstrak­te auf­ge­lö­ste Moral. In der Lebens­wirk­lich­keit domi­nie­re dann die Phra­se, die Betrof­fen­heit über den schlech­ten Welt­zu­stand, den zu ändern die Auf­ga­be des Men­schen sei. Eman­zi­pa­ti­on wird zum grund­le­gen­den Prin­zip des Seins. Sinn mensch­li­cher Exi­stenz löst sich dar­in auf, das Bestehen­de zu bekämp­fen. Zukunft wird zum Zau­ber­wort, dass alles bestimmt. Das „Neue“ als erahn­te, nebu­lö­se Wirk­lich­keit setzt sich an die Stel­le des Rea­len. Die Rea­li­tät wird zum Schein erklärt und die Visi­on zur Rea­li­tät. Das End­ziel legi­ti­miert dann das Han­deln in der Pra­xis. In der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on war das Grau­en nicht eine zufäl­li­ge Erschei­nung son­dern not­wen­di­ges Moment des revo­lu­tio­nä­ren Han­delns. Der schlech­te Welt­zu­stand soll eben um jeden Preis über­wun­den wer­den, eben­so wie die natur­haf­te Bestim­mung des Men­schen bis hin zur Sexua­li­tät. Da die Auf­klä­rung die Erkennt­nis von abso­lu­ten Wahr­hei­ten kate­go­risch aus­schließt, ver­fällt Erkennt­nis ins sub­jek­ti­ve Emp­fin­den. Das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil stellt einen Umbruch in der Kir­che inso­fern dar, als der Geist der Auf­klä­rung in ihm star­ken Ein­fluss auf die Leh­re der Kir­che genom­men hat. Der Rela­ti­vis­mus wur­de plötz­lich zum theo­lo­gi­schen Prin­zip, wobei sich damit die Grund­la­gen des Glau­bens suk­zes­si­ve immer mehr auf­lö­sten. Die Theo­lo­gie wur­de eben­so blind, wie es im Posi­ti­vis­mus die Phi­lo­so­phie schon war. Mit dem Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil hat also auch in der Kir­che die Furie des Ver­schwin­dens Ein­zug genommen.

    • @ Sua­rez

      Lie­ber Suarez,

      ich möch­te Ihnen für Ihre gute, fun­dier­te Bei­trä­ge zur Auf­klä­rung dan­ken, die mir immer wei­ter die Augen öff­nen und die bis­her feh­len­den Tei­le einer Argu­men­ta­ti­ons­ket­te darstellen.

      Mei­nen Sie aber hier das Buch:

      1) „Dia­lek­tik der Auf­klä­rung“ von Ador­no und Horkheimer
      oder
      2) „Nega­ti­ve Dia­lek­tik“ von Ador­no selbst?

      Ich wür­de mir ger­ne die­ses Buch bestel­len und des­we­gen die­se Frage.

      Sua­rez wäre stolz auf Sie, bzw. er ist es wohl, da er schon im Him­mel ist.

      • Lie­ber Tra­di­ti­on und Glauben,

        herz­li­chen Dank für Ihre freund­li­che Bewer­tung mei­ner Gedan­ken zur gegen­wär­ti­gen Kri­se des Den­kens. Ich bezog mich auf die „Dia­lek­tik der Auf­klä­rung“ der bei­den genann­ten Autoren. In der „Nega­ti­ven Dia­lek­tik“ ver­sucht Ador­no Auf­klä­rung als Pro­zess einer radi­ka­len Kri­tik wei­ter vor­an­zu­trei­ben und die der Auf­klä­rung inhä­ren­te Tota­li­tät des Posi­ti­vis­mus als ver­ab­so­lu­tier­te Ideo­lo­gie auf­zu­bre­chen. Die Dia­lek­tik ist dann eine nega­ti­ve Dia­lek­tik, weil sie den Rela­ti­vis­mus in sei­ne letz­ten Kon­se­quen­zen vor­an­treibt und so offen legt, dass die Set­zun­gen der Auf­klä­rung sich ratio­nal eben nicht begrün­den las­sen. Eine posi­ti­ve Wahr­heit sei also auf Grund der der Dia­lek­tik inne­woh­nen­den Geset­ze des Den­kens gar nicht mög­lich. Man könn­te dies auf der Ebe­ne der Abstrak­ti­on als einen theo­re­ti­schen Nihi­lis­mus betrach­ten, der sich aber eben wei­gert, das Nega­ti­ve als letz­te Kon­se­quenz des Den­kens anzu­er­ken­nen. Anders wie Hork­hei­mer, der dem Pes­si­mis­mus Scho­pen­hau­ers nahe stand, sah Ador­no in der Kunst, ins­be­son­de­re in der Musik, noch Mög­lich­kei­ten der Erkennt­nis, die über die Beschrän­kun­gen der Ratio­na­li­tät der Auf­klä­rung hin­aus­zu­ge­hen ver­mag. Ador­no sträub­te sich hart­näckig, das war wohl sei­ner tie­fen Ver­wur­ze­lung im auf­klä­re­ri­schen Den­ken geschul­det, dem Glau­ben also Reli­gi­on die­ses Erkennt­nis­ver­mö­gen zuzu­spre­chen. Zwar gibt es Ansät­ze, in denen auch Ador­no aner­kennt, dass nur der Glau­be in der Lage ist, eine qua­li­ta­ti­ve Erkennt­nis her­vor­zu­brin­gen, er woll­te oder konn­te aber die­sen Gedan­ken nicht wei­ter fol­gen, da die Auf­klä­rung sich ja gera­de aus ihrer radi­ka­len Ent­ge­gen­set­zung zur Reli­gi­on defi­niert. Hork­hei­mer und Ador­no waren bewusst, dass die Auf­klä­rung sich als radi­ka­le Eman­zi­pa­ti­on von Gott als die den Men­schen bestim­men­de Macht begreift, um so den Men­schen von den Fes­seln des Mythos zu befrei­en. Dass die Auf­klä­rung von ihren Ansatz her selbst mytho­lo­gi­schen Cha­rak­ter hat, zei­gen die bei­den Phi­lo­so­phen mit der Uner­bitt­lich­keit abstrak­ter Erkennt­nis­ka­te­go­rien. Wes Kind die Auf­klä­rung in Wahr­heit ist, zeigt sich schon durch das Grau­en und die Absur­di­tä­ten der Fran­zö­si­schen Revolution. 

        Ich habe mich inten­siv in jun­gen Jah­ren mit den bei­den Phi­lo­so­phen beschäf­tigt, weil in ihren Arbei­ten end­lich die Auf­klä­rung selbst dem Sezier­mes­ser der Kri­tik unter­zo­gen wird und sich so völ­lig neue Fra­gen hin­sicht­lich des Erkennt­nis­ver­mö­gens stel­len, die von der Auf­klä­rung bis dahin radi­kal unter Tabu gestellt waren.

        Inter­es­sant, aber das ist dann wirk­lich eine doch sehr wei­te Aus­deh­nung des The­mas, ist hier auch die Habi­li­ta­ti­ons­schrift des jun­gen Ratz­in­ger zum Offen­ba­rungs­ver­ständ­nis von Bona­ven­tu­ra. Offen­ba­rung hat ja immer etwas mit Erkennt­nis zu tun, sie ist ja eine bestimm­te Art und Wei­se von Erkennt­nis. Bona­ven­tu­ra hat den Begriff der „reve­la­tio“, also Offen­ba­rung, nicht nur auf Gott allein, son­dern in einer nega­ti­ven Aus­le­gung auch auf den Teu­fel bezo­gen. Nach Bona­ven­tu­ra gibt es eine „nega­ti­ve“ Offen­ba­rung, in der der „per­ver­sus imi­ta­tor Dei“, also der „Nach­äf­fer“ Got­tes, das Den­ken, respek­ti­ve die See­len der Men­schen ver­wirrt, also gött­li­che Erkennt­nis in ihr Gegen­teil ver­kehrt. Die­se Ver­zer­rung der Wahr­heit erfolgt durch Imi­ta­ti­on der Macht Got­tes. Es ist sozu­sa­gen die radi­kal­ste Auf­for­de­rung zur Eman­zi­pa­ti­on, die ver­ab­so­lu­tier­te Frei­heit, die den Men­schen an die Stel­le Got­tes setzt. 

        Wört­lich schreibt Ratz­in­ger: Dazu ist jedoch zu beach­ten, dass im sel­ben Zusam­men­hang auch des­sen „mira­cu­la“ und der die­sen zuge­ord­ne­ten „fides per­ver­sa“ die Rede ist, von „coe­tus chri­stia­nus“ und „socie­tas“ des Teu­fels, ja, dass end­lich in fühl­ba­rer Anti­the­se zum „Deus Chri­stiano­rum“ der Teu­fel als „per­ver­sus imi­ta­tor Dei“ bezeich­net wird. Im Rah­men die­ser „Nach­äf­fung“ Got­tes – die Geschich­te die­ser Vor­stel­lung wäre eine Unter­su­chung wert – wird auch von den (Pseu­do-) „Offen­ba­run­gen“ des Teu­fels gere­det. So bestä­tigt aber am Ende gera­de die­se Stel­le wie­der die ursprüng­li­che Zuge­hö­rig­keit von „Offen­ba­rung“ zu Gott und damit den ursprüng­li­chen Sinn von „reve­la­tio“. (Joseph Ratz­in­ger, Offen­ba­rung und Heils­ge­schich­te nach der Leh­re des hei­li­gen Bonaventura)

        In der Tat wären die Gedan­ken Bona­ven­turas zum „per­ver­sus imi­ta­tor Deus“ eine tie­fe­re Unter­su­chung wert, denn vie­les, was uns als unum­stöß­li­che Wahr­hei­ten sei­tens der Auf­klä­rung aus­ge­ge­ben wird, hat nichts ande­res als „Offen­ba­rungs­cha­rak­ter“, nur fehlt eben der „Deus Chri­stiano­rum“ als Urhe­ber der Offenbarung.

        Der Mensch gewinnt durch sei­ne radi­ka­le Eman­zi­pa­ti­on nicht den Him­mel son­dern er fällt ins Grau­en, genau das haben dann Ador­no und Hork­hei­mer anhand ihrer Ana­ly­sen zum Phä­no­men des Natio­nal­so­zia­lis­mus und damit des Holo­caust sehr klar erkannt. Erst die Auf­klä­rung mit ihrem ver­ab­so­lu­tier­ten Frei­heits­be­griff hat ein Den­ken her­vor­ge­bracht, in dem der ein­zel­ne Mensch ledig­lich Mate­ri­al ist, über das eine Macht, die sich als „Her­ren­ras­se“ ver­steht, frei ver­fü­gen, ja sie jeder­zeit ver­nich­ten kann. In den Per­so­nen Hit­ler und Sta­lin hat sich also die Frei­heit der Auf­klä­rung nicht per­ver­tiert, son­dern ist zu ihrer letz­ten Kon­se­quenz gelangt. Die der Auf­klä­rung inne­woh­nen­de radi­ka­le Eman­zi­pa­ti­on endet not­wen­dig im Grau­en. Die Kri­tik von Hork­hei­mer und Ador­no am Erkennt­nis­be­griff der Auf­klä­rung hat höchst inter­es­san­te Par­al­le­len zur Leh­re vom Sün­den­fall. Die radi­ka­le Eman­zi­pa­ti­on des Men­schen durch ein ver­ab­so­lu­tier­tes sub­jek­ti­ves Erkennt­nis­ver­mö­gen führt eben nicht ins Licht, son­dern in die Fin­ster­nis der Nega­ti­vi­tät, der blo­ßen Ver­nei­nung und in der Pra­xis in die Höl­le des KZ oder Gulags.

        P.S.Es macht immer wie­der Freu­de, hier auf katholisches.info Gedan­ken aus­tau­schen zu können.

      • Ergän­zung:

        Offen­ba­rung, das scheint mir in mei­nen obe­ren Anmer­kun­gen nicht deut­lich genug gewor­den zu sein, ist von zen­tra­ler Bedeu­tung für die Erkennt­nis. Die mensch­li­che Ratio ist ohne Offen­ba­rung wei­test­ge­hend blind und auf die blo­ßen Erschei­nun­gen im Hier und Jetzt ver­schränkt. Daher ist das Offen­ba­rungs­ver­ständ­nis Bona­ven­turas auch im the­ma­ti­schen Zusam­men­hang mit erkennt­nis­theo­re­ti­schen Fra­gen über­haupt von gro­ßer Bedeutung.

  2. Sehr geehr­ter Herr @Suarez,

    ich bin Ihnen noch eine Ant­wort auf Ihre Fra­gen v. 15.06.16 um 20.15Uhr schuldig.

    Das Her­ren­wort in Joh14,6 „Ich bin der Weg, …und das Leben. Nie­mand kommt zum Vater außer durch mich.“ gilt uni­ver­sell für alle Men­schen — egal wel­chen Glau­ben oder wel­che Welt­an­schau­ung sie zu Leb­zei­ten hatten. 

    Ein wahr­haft gött­li­ches Wort. 

    Es gilt nach dem irdi­schen Tod des Men­schen und besagt, dass nie­mand dem Gericht durch den Herrn Jesus Chri­stus ent­ge­hen kann.
    Wer zu Gott­va­ter in den Him­mel will, kann das nur über den Herrn. Einen ande­ren Weg gibt es nicht.

    Ich glau­be selbst­ver­ständ­lich auch an kei­nen Auto­ma­tis­mus etwa in Form einer All-Erlö­sung; viel­mehr sehr wohl an ein per­sön­li­ches Gericht für jede Men­schen­see­le — so wie es Chri­stus ver­kün­det hat.
    Natür­lich ist die Erlö­sungs­tat Chri­sti durch Sei­nen Tod am Kreuz evi­dent und eben­falls unver­zicht­bar ist die christ­li­che Mis­si­on mög­lichst vie­ler, ja im Ide­al­fall aller, Menschen.

    Aber es wird doch vor­kom­men, dass man­che, sogar zahl­rei­che, Men­schen in ein ande­res reli­giö­ses oder welt­an­schau­li­chen Umfeld, das eben nicht christ­lich ist, hin­ein­ge­bo­ren wer­den , dar­in auf­wach­sen und leben.

    Was ist mit ihnen nach ihrem Tod? Sind die­se ohne eige­ne Schuld nicht mit dem Chri­sten­tum und Jesu Leh­re zu irdi­schen Leb­zei­ten in Berüh­rung gekom­me­nen Men­schen alle verloren?

    Ich kann das ein­fach nicht glauben. 

    Viel­mehr glau­be ich, dass auch sol­che Men­schen durch des Herrn Erlö­sungs­tat geret­tet wer­den kön­nen, wenn sie nach dem Dop­pel­ge­bot der Got­tes- und der Näch­sten­lie­be im irdi­schen Leben leb­ten. Was mit Athe­isten ist, die ja logi­scher­wei­se kei­ne Got­tes­lie­be prak­ti­zie­ren konn­ten, weiß ich nicht. Hier kann allen­falls Got­tes Barm­her­zig­keit ihnen den Weg zum Him­mel ebnen.

    Ein gläu­bi­ger Mus­lim dürf­te Gott (Allah) ver­eh­ren und auf gewis­se Art lie­ben und zumin­dest Näch­sten­lie­be für sei­ne Glau­bens­ge­nos­sen prak­ti­zie­ren, wie es der Koran gebietet.

    Fein­des­lie­be wie sie Chri­stus for­dert, kennt er aller­dings nicht. Aber auch so jeman­den hal­te ich nicht auto­ma­tisch für ver­lo­ren, denn auch für sol­che Unvoll­kom­men­heit ist Chri­stus gestor­ben zum Zwecke der Erlö­sung der Menschen.

    Zu dem ande­ren Wort aus dem Johan­nes­evan­ge­li­um, das Sie anführten:
    Ja, wer den Herrn liebt, hält an Sei­nem Wort fest. Gott­va­ter wird die­sen Men­schen lie­ben und zusam­men mit dem Herrn ihn in sei­nem Her­zen besuchen.
    Wo Gott­va­ter und Gott­sohn sind, ist aber auch eben der Hei­li­ge Geist, der ja die Lie­be zwi­schen den bei­den erst­ge­nann­ten Per­so­nen der Tri­ni­tät in Per­son ist.
    Der Hl. Geist führt den betref­fen­den Men­schen tie­fer in die Geheim­nis­se Got­tes ein, kann ihm den Sinn der hei­li­gen Schrif­ten erschlie­ßen und ihn mit Sei­nen Gna­den­ga­ben beschenken.

    So ver­ste­he ich die­ser Wort des Herrn.

  3. Ver­ehr­ter Kassandro,
    Ihrem Gedan­ken­gang kann ich nicht zustimmen.

    Wenn es egal wäre, wel­chen Glau­ben oder wel­che Welt­an­schau­ung wir zu Leb­zei­ten haben, dann ist Ver­kün­di­gung, die ja nur zu Leb­zei­ten gesche­hen kann, ein lee­res Geschäft und völ­lig sinnlos.

    Sie ver­keh­ren Joh 14,6 ins Gegen­teil, denn es geht ja dar­um, dass Mis­si­on gera­de die­je­ni­gen errei­chen will, die die Wahr­heit noch nicht erkannt haben, wozu natür­lich auch die Mus­li­me zäh­len. Mis­si­on führ­te sich aber ad absur­dum, wenn es dazu kei­ne Not­wen­dig­keit gäbe. Wie sagt Pau­lus: Wenn ich näm­lich das Evan­ge­li­um ver­kün­de, kann ich mich des­we­gen nicht rüh­men; denn ein Zwang liegt auf mir. Weh mir, wenn ich das Evan­ge­li­um nicht ver­kün­de! (1 Kor 9,16)

    Ich hat­te zudem noch auf Mt 7,13–14 hingewiesen.

    Es kommt ent­schei­dend für das Heil dar­auf an, ob sich der Mensch der Wahr­heit — und es gibt nur die eine Wahr­heit — öff­net oder sich gegen sie verschließt.

    Neh­men Sie die Situa­ti­on, die Pau­lus bei den Hei­den vor­fand. Vie­len war das Evan­ge­li­um eine Tor­heit und doch hat Pau­lus klar erkannt, dass Ver­kün­di­gung not­wen­dig ist, da sonst die Men­schen den rich­ti­gen Weg ins Leben nicht finden.

    Es gibt einen klu­gen Satz von Ador­no, der mir hier pas­send erscheint: Es gibt kein rich­ti­ges Leben im falschen.

  4. Sehr geehr­ter Herr Suarez,
    es ist ein Miss­ver­ständ­nis, dass ich christ­li­che Mis­si­on nicht für not­wen­dig halte.
    Und zwar in Form vom Zeug­nis geben vom christ­li­chen Glau­ben ins­be­son­de­re von der Per­son des Herrn Jesus Christus.
    Dass aber alle, die ent­we­der den christ­li­chen Glau­ben gar nicht ken­nen­ge­lernt haben oder aber nicht den Schritt zur Kon­ver­si­on zum christ­li­chen Glau­ben — nach einem Dog­ma sogar aus­schließ­lich zur katho­li­schen Kir­che — tun, sämt­lich durch die Bank ver­lo­ren sind und in die Höl­le gehen, das glau­be ich aller­dings nicht.
    Eben­so­we­nig ist die rein nomi­nel­le Zuge­hö­rig­keit zur kath. Kir­che nach mei­ner Über­zeu­gung auch längst kein Frei­fahrt­schein für den Himmel.
    So ver­ste­he ich auch Mt7,13–14:
    Ganz so ein­fach, wie uns selbst man­che Pre­di­ger weis­ma­chen wol­len, ist der Weg in den Him­mel nicht:
    Je mehr ein Mensch vom christ­li­chen Glau­ben ver­stan­den hat, desto mehr wird von ihm auch gefor­dert an per­sön­li­cher Zeug­nis­ga­be gegen­über sei­ner ggf. nicht­christ­li­chen Umwelt.
    Letzt­lich sind wir da auf die Gna­de und Barm­her­zig­keit Got­tes mit unse­rer mensch­li­chen Unvoll­kom­men­heit angewiesen.
    Auch dafür ist der Herr am Kreuz gestorben.

    • Ver­ehr­ter Kassandro,

      Sie nähern sich hier pro­te­stan­ti­schen Posi­tio­nen. Für Luther war ja gera­de die Fra­ge der gött­li­chen Gna­de unab­hän­gig von der Kir­che ein zen­tra­les Moment sei­nes Protestes. 

      Mir scheint, Sie lieb­äu­geln da mit der The­se von der Gra­dua­li­tät, wie sie z.B. von Kar­di­nal Schön­born ver­tre­ten wird.

      Wer sich aber der Wahr­heit ver­schließt, der tut dies nicht gra­du­ell, son­dern absolut.

      „Letzt­lich sind wir da auf die Gna­de und Barm­her­zig­keit Got­tes mit unse­rer mensch­li­chen Unvoll­kom­men­heit angewiesen.“

      Sie ver­mei­den hier Sün­de zu sagen, warum?

      Ist der Mensch also von Gott in Unvoll­kom­men­heit geschaf­fen wor­den? Ist er dann noch fähig zur Sün­de, also ver­ant­wort­lich für sein Handeln?

      Dass die nomi­nel­le Zuge­hö­rig­keit zur Kir­che kein Frei­fahrt­schein zum Him­mel ist, ist kei­ne neue Erkennt­nis, ich habe dies auch nir­gends so behaup­tet, es wider­sprä­che auch der Leh­re der Kir­che. Anders müss­te ein Katho­lik ja nicht beichten.

      Wie sieht denn die „per­sön­li­che Zeug­nis­ab­ga­be“ Ihrer Auf­fas­sung nach aus, wenn sie nicht im Bewusst­sein der Wahr­heit steht. Wie soll man der „nicht­christ­li­chen“ Umwelt vom Glau­ben Zeug­nis geben, wenn man im glei­chen Atem­zug die­ses Zeug­nis als nicht heils­not­wen­dig wie­der relativiert?

      Wenn Jesus für unse­re „Unvoll­kom­men­heit“ am Kreuz gestor­ben wäre, wäre er umsonst gestor­ben, da die Unvoll­kom­men­heit ja dann aus der gött­li­chen Schöp­fung selbst ent­sprin­gen wür­de. Das ist aber nicht die Leh­re der Kirche!

      • Sehr geehr­ter Herr Suarez!
        Ich habe über­haupt kein Pro­blem mit dem Begriff der Sün­de, zu der wir ja eben fähig sind.
        Ich habe den Begriff auch nicht gewollt vermieden.
        Aber für voll­kom­men wie Gott hal­te ich zumin­dest den gefal­le­nen Men­schen nicht.
        Nur Gott ist in jeder Hin­sicht vollkommen.
        Zeug­nis­ga­be vom christ­li­chen Glau­ben ist not­wen­dig, damit auch Nicht­chri­sten mehr von der Wahr­heit zu Leb­zei­ten erken­nen können.

        Aber hal­ten Sie denn wirk­lich nur und aus­schließ­lich gläu­bi­ge Katho­li­ken des ewi­gen See­len­heils für der­einst teil­haf­tig werdend?

        Kom­men nach Ihrer Auf­fas­sung bereits gläu­bi­ge Pro­te­stan­ten nicht mehr in den Himmel?

        Geschwei­ge denn Ange­hö­ri­ge ande­rer Reli­gio­nen, auch wenn sie sich zu Leb­zei­ten im Rah­men ihrer Mög­lich­kei­ten und ihres Wis­sens um ein Gott gefäl­li­ges Leben bemüht haben?

      • Ver­ehr­ter Kassandro,
        das habe ich so, wie Sie es for­mu­lie­ren, nicht geschrie­ben, denn natür­lich gab es schon eine dunk­le Ahnung der Wahr­heit bevor das Wort, der Logos, Fleisch ange­nom­men hat. 

        Was genau ver­ste­hen Sie unter einem Gott gefäl­li­gen Leben, um das man sich im Rah­men der eige­nen Mög­lich­kei­ten und des eige­nen Wis­sens bemüht hat?

        Ein IS Kämp­fer beruft sich doch dar­auf, durch sei­nen blu­ti­gen Kampf gegen die „Ungläu­bi­gen“ ein Gott gefäl­li­ges Leben erst zu füh­ren. Wer bestimmt also, was Gott gefäl­lig ist und was nicht? Nicht anders bei Boko Haram. 

        Und wenn ein Jugend­li­cher in einer mit­tel­ame­ri­ka­ni­schen Jugend­ban­de Men­schen allein aus blo­ßer Mord­lust tötet, dann lie­ße sich das doch auch mit sei­nem höchst begrenz­ten mora­li­schen Hori­zont bzw. mit mora­li­schen Erkennt­nis­de­fi­zi­ten recht­fer­ti­gen. Schon Scho­pen­hau­er hat aber Kant nach­ge­wie­sen, dass sein Kate­go­ri­scher Impe­ra­tiv und damit die gan­ze Kri­tik der prak­ti­schen Ver­nunft auf blo­ßen Set­zun­gen beruht, die sich einer ratio­na­len Begrün­dung ver­schlie­ßen. War­um ein Mensch mora­lisch han­deln soll, lässt sich ohne Bezug auf Gott gar nicht begründen.

        Was machen Sie aber dann mit all den Athe­isten und denen, die an dif­fu­se Göt­ter­wel­ten glau­ben oder die gan­zen Agno­sti­ker. Die füh­ren doch per Defi­ni­ti­on kein gott­ge­fäl­li­ges Leben und bemü­hen sich auch nicht dar­um, weil sie ja nicht an Gott glau­ben. Ein Athe­ist ist ja kein Mon­ster und ent­behrt jeg­li­cher Moral­vor­stel­lung, nur weil er Athe­ist ist. 

        Wie steht es da mit dem Heil?

        Ich mas­se mir da kein Urteil an, denn Gott rich­tet. Dar­um ist aber doch die Ver­kün­di­gung nicht blo­ßes, neben­säch­li­ches, für das Heil nur peri­pher not­wen­di­ges Beiwerk!

        Was ist mit den KZ Scher­gen? Die glaub­ten doch an die­se mör­de­ri­sche Ideo­lo­gie der Nationalsozialisten?

        Las­sen Sie es mich so sagen: bevor Jesus Chri­stus, der Sohn Got­tes, vom Vater in die Welt gesandt wur­de, erwar­te­ten die Men­schen das Heil als noch kom­men­des Heil (sie­he Juden­tum und Glau­be an den kom­men­den Mes­si­as). Trotz sei­ner Hin­ga­be und Lei­den am Kreuz für unse­re Sün­den, haben sie IHN dann nicht erkannt. Auch die Mus­li­me haben den IHN als Sohn nicht erkannt, Moham­med hat aus­drück­lich die Sohn­schaft bestritten.

        Führt einen der „Irr­tum“ ins Heil oder ins Unheil?

        Es ist doch nicht so, dass Mus­li­me nicht die Wahr­heit erken­nen könn­ten, sie wol­len sie nicht erken­nen, sie leh­nen sie ab. Was ist dar­an wohlgefällig? 

        Wenn ein Berg­stei­ger eine fal­sche Rou­te wählt, die ihn in den Abgrund und nicht auf den Gip­fel führt, so wird er abstür­zen, auch wenn er im Glau­ben war, die rich­ti­ge Rou­te gewählt zu haben. Erst recht, wenn er sich bes­se­rer Ein­sicht ver­schlos­sen hat.

  5. @ Sua­rez

    Vie­len Dank für Ihre aus­führ­li­che Ant­wort. Ich muss zuge­ben, dass ich in den ange­schnit­te­nen Themenbereichen
    1) Hork­hei­mer, Adorno,
    2) Offen­ba­rungs­be­griff bei Bonaventura
    3) Jun­ge Ratzinger

    (noch?) nicht die Kom­pe­ten­zen haben, um mit Ihnen mitzudiskutieren. 

    Ich hör­te aber vor eini­ger Zeit einen Vor­trag eines sehr pro­gres­si­ven und zer­set­zen­den Theo­lo­gen, wel­cher den jun­gen Ratz­in­ger gegen den alten stell­te und unter­strich, dass nach dem jun­gen Ratz­in­ger und dem Offen­ba­rungs­be­griff von Bona­ven­tu­ra, wel­cher sub­jekt­theo­re­tisch irgend­wie mit dem deut­schen Idea­lis­mus kon­form geht, der Mensch, ver­ein­facht aus­ge­drückt, „sich sei­ne Offen­ba­rung selbst macht“, da der Erken­nen­de das Erkann­te der­ma­ßen prägt, dass von der objek­ti­ven Offen­ba­rung kaum etwas übrigt bleibt.

    Ich weiß natür­lich nicht, inwie­fern die­se Lese­art dem jun­gen Ratz­in­ger gerecht wird, da aber die Erst­fas­sung sei­ner Habi­li­ta­ti­on abge­lehnt wur­de, so gab es dafür doch Gründe.

    Die­ser oben vor­ge­stell­te Offen­ba­rungs­be­griff ent­spricht natür­lich nicht dem Ver­ständ­nis von Vati­ka­num I.

    Es stellt sich aber für micht die Fra­ge, ob reve­la­tio bei Bona­ven­tu­ra nicht eine mysti­sche Offen­ba­rung, im Sin­ne von Visi­on, Audi­tion etc. meint, wobei wir bei der wirk­lich sub­jek­ti­ven mysti­schen Theo­lo­gie wären.

    Den­noch hört sich Ihre Dar­stel­lung der nega­ti­ven „Offen­ba­rung des Teu­fels“ bei Bona­ven­tu­ra für mich sehr gno­stisch an. Wenn man dies im Sin­ne der fal­schen Pri­va­tof­fen­ba­run­gen deu­tet, dann ist es rich­tig, aber mit scheint, dass schon mit Ratz­in­ger die gno­sti­sche Wen­de des Katho­li­zis­mus statt­ge­fun­den hat. Bei­spiel: Hil­de­gard von Bin­gen, in deren Schrif­ten es wirk­lich die gno­sti­schen Topoi und Bil­der gibt (der Urmensch, Anthro­pos, das Ei etc.) wird zur Kir­chen­leh­re­rin erho­ben. M.E. unver­dient und unnö­tigt und das wirk­lich gno­sti­sche Opus Angelo­rum mit den Engels­hier­ar­chien von Gabrie­le Bit­ter­lich wird unter Bene­dikt wie­der zugelassen.

    Die Auf­klä­rung führ­te ja zu Gno­sis, deut­scher Idea­li­mus, Schel­ling, Solo­wjow und Sophio­lo­gie, Stei­ner etc. Im katho­li­schen Bereich Franz von Baa­der, den angeb­lich Johan­nes XXIII neben Stei­ner ger­ne las.

    Bei Woj­ty­la und Johan­nes Paul II gibt es in sei­ner „Theo­lo­gie des Lei­bes“ wirk­lich gno­sti­sche Züge und dass Amo­ris Lae­ti­tia durch und durch gno­stisch ist, braucht wirk­lich nicht gesagt zu werden.

    Aber bei dem ver­nunft­be­ton­ten Bene­dikt lei­der auch. Sie, lie­ber Sua­rez, haben recht: die Auklä­rung führt zum Irra­tio­na­lis­mus und die­ser durch die dunk­le Offen­ba­rung wird zur Gno­sis, was wir zur­zeit durch Papst Fran­zis­kus am eige­nen Leib sozu­sa­gen erfah­ren können.

    Und wo fing es an? Bei der Auf­ga­be der Seins­me­ta­phy­sik oder anders for­mu­liert „Tho­mis­mus oder der Tod“. Denn unter Fran­zis­kus erle­ben wir den Zusam­men­bruch und die Auf­ga­be jeg­li­cher Ratio­na­li­tät. Und lei­der hat Ratzinger/Benedikt, der jet­zi­ge „Zweit­papst“ dazu sowohl theo­re­tisch als auch prak­tisch beigetragen.

    Es ist ein­fach so, dass der katho­li­sche Ver­nunft­be­griff ein ande­rer als der der Auf­klä­rung ist. Er ist weder sub­jek­tiv noch auto­nom und des­we­gen kann es eine Ver­söh­nung zwi­schen Auf­klä­rung, sprich der moder­nen Welt und der Kir­che nie­mals geben. Des­we­gen ist Vati­ka­num II geschei­tert und Bene­dikt XVI ja auch. Die Prä­mis­se „des Dia­logs mit der Welt“ war phi­lo­so­phisch, meta­phy­sisch und theo­lo­gisch schlicht­weg falsch und jetzt haben wir Papst Fran­zis­kus eine defi­ni­tio per demon­stra­tio­nem dafür, dass das Vat. II falsch lag.

    Sie­he: https://traditionundglauben.wordpress.com/2016/06/01/steve-skojec-raus-aus-dem-kaninchenloch/ für alle, die es noch nicht kennen.

  6. Lie­ber Tra­di­ti­on und Glauben,

    „reve­la­tio“ wird von Bona­ven­tu­ra, das belegt Ratz­in­ger sehr aus­führ­lich, in unter­schied­li­chen Kon­tex­ten gebraucht. Dass pro­gres­si­ve Theo­lo­gen eine inten­si­ve Nei­gung zei­gen, das Ver­ständ­nis eines Tex­tes ihrem Inter­es­se zu unter­wer­fen, braucht nicht betont zu wer­den. So weit ich Ratz­in­gers Arbeit rich­tig ver­stan­den habe, geht es bei Bona­ven­tu­ra dar­um, dass gera­de Offen­ba­rung ein gött­li­ches und kein mensch­li­ches Tun ist. Nicht der Mensch offen­bart sich Gott, son­dern Gott offen­bart sich dem Men­schen. Natür­lich steht man damit vor der Schwie­rig­keit, wie man das in eine theo­re­ti­sche Form bringt, die eben nicht gno­stisch ist. Hier ist sicher zu fra­gen, wel­chen Kir­chen­be­griff Bona­ven­tu­ra in die­sem Zusam­men­hang hat. Nicht ohne Grund scheint mir der „spä­te“ Ratz­in­ger ein so gro­ßes Gewicht dar­auf zu legen, dass es die Kir­che ist, die die Authen­ti­zi­tät der Offen­ba­rung garan­tiert und eben nicht der ein­zel­ne Mensch als erken­nen­des Sub­jekt. Bona­ven­tu­ra hat sehr deut­lich zwi­schen der mysti­schen Schau und gött­li­cher Offen­ba­rung unter­schie­den. Die Schwie­rig­keit, die sich hier eröff­net, ist in der Tat eine grund­le­gend erkennt­nis­theo­re­ti­sche, denn Offen­ba­rung ist eine Tat Got­tes, die wir ja nicht im Sin­ne posi­ti­vi­sti­scher Veri­fi­zier­bar­keit, bewei­sen könn­ten. Es ist die Selbst­mit­tei­lung Got­tes, die ihre Auto­ri­tät allein im Glau­ben fin­det. Der Gno­sti­ker ver­sucht Gott zu erken­nen und zwar in über­grei­fen­der Erkennt­nis. Gott kann aber nicht voll­stän­dig erkannt wer­den, weil dann der Erken­nen­de über Gott ste­hen müss­te. Gott bleibt immer Geheim­nis und was wir von ihm erken­nen, ist das, was er uns von sich zeigt, zei­gen will. Das meint wohl Bona­ven­tu­ra mit Offen­ba­rung. Die­ses Sich-Zei­gen Got­tes ist und bleibt immer ein Tun Got­tes. Wo Gott sich nicht zei­gen will, kann er auch nicht erkannt wer­den. Offen­ba­rung ist also kei­ne mysti­sche Natur­schau, denn die Natur offen­bart sich not­wen­dig in ihren Erschei­nun­gen und kann sich der Erkennt­nis nicht aus einem Wil­lens­akt ent­zie­hen, dass kann eben nur Gott. Inso­fern hinkt der Ver­gleich des Theo­lo­gen mit dem Idea­lis­mus ohne­hin. Der Mensch kann eben Offen­ba­rung nicht her­vor­brin­gen. Man sieht, wie kom­plex das The­ma Erkennt­nis und Offen­ba­rung ist und wel­che Fall­stricke sich dort auftun. 

    Ratz­in­ger sieht den Ver­nunft­be­griff der Auf­klä­rung als ver­kürzt an, eben­so wie Hork­hei­mer und Ador­no und sieht die Not­wen­dig­keit die­sen durch den Glau­ben zu ergän­zen. Wie das genau zu rea­li­sie­ren ist, bleibt eine offe­ne Fra­ge, sie scheint mir aber trotz aller Skep­sis notwendig.

    • Kor­rek­tur
      Es soll­te natür­lich hei­ßen: Der Gno­sti­ker ver­sucht Gott zu erken­nen und zwar in umgrei­fen­der Erkenntnis.

    • Lei­der noch eine not­wen­di­ge Korrektur:
      Ich schrieb oben irr­tüm­lich von „in eine theo­re­ti­sche Form bringt“. Es soll­te aber hei­ßen; „in eine theo­lo­gi­sche Form bringt“.

  7. Nach­be­trach­tun­gen

    Ich möch­te, lie­ber Tra­di­ti­on und Glau­ben, noch auf Ihre The­se ein­ge­hen, dass Ratz­in­gers Theo­lo­gie gno­stisch sei und sich dies unter Umstän­den aus sei­ner Beschäf­ti­gung mit Bona­ven­tu­ra herleite.

    Rich­tig ist, dass Bona­ven­tu­ra Offen­ba­rung „dyna­misch“ ver­steht und nicht sta­tisch. D.h. kon­kret, dass sich die Leh­re der Kir­che in der Zeit ver­än­dern kann. Wich­tig ist aber hier zu beach­ten, dass Bona­ven­tu­ra die Ver­än­der­bar­keit der Leh­re immer auf dem Boden der Schrift ver­an­kert sieht. Für Bona­ven­tu­ra war eine pro­gres­si­ve Lehr­aus­le­gung, wie sie z.B. Kar­di­nal Kas­per ver­tritt, schon aus sei­ner Zeit her­aus gar nicht denk­bar. Ihm ging es viel­mehr um das Pri­mat des Pap­stes, der von ihm ein­zig als Garant der rich­ti­gen Leh­re ange­se­hen wur­de. Der Papst sei völ­lig frei, was die Leh­re anbe­trifft. Im Gegen­satz dazu sagt Tho­mas von Aquin, dass die Dog­men­ent­wick­lung ein­zig der Kor­rek­tur von Irr­leh­ren dient. Offen­ba­rung wird also nicht geschicht­lich ver­stan­den, hin­ge­gen das Ver­ständ­nis der Offen­ba­rung schon. Die Wahr­heit ist unver­än­der­lich, aber es kann durch­aus zu Irr­tü­mern im Glau­ben kom­men, die von der Kir­che in der Kon­ti­nui­tät der Leh­re kor­ri­giert wer­den müs­sen. Der Garant für die rich­ti­ge Leh­re ist bei Tho­mas von Aquin also die Leh­re der Kir­che in ihrer Kon­ti­nui­tät und weni­ger der Papst, der sie dann for­mal garan­tiert. Für bei­de ist aber allein die Kir­che Trä­ger der Wahrheit!

    Wenn man also heu­te auf Papst Fran­zis­kus schaut, dann müss­te man ihm eher eine Nähe zu Bona­ven­tu­ra als zum Aqui­na­ten zuspre­chen, wobei sol­che Zuwei­sen eigent­lich unstatt­haft sind, da der heu­te theo­lo­gi­sche Denk­ho­ri­zont ein ande­rer ist, im Sin­ne einer Theo­lo­gie, die an ihrem Wahr­heits­an­spruch zweifelt. 

    Ich emp­fin­de es als sehr pro­ble­ma­tisch, die Kri­se der Kir­che in der heu­ti­gen Zeit auf das Vati­ca­num II zu redu­zie­ren und das Vati­ca­num I als allei­ni­gen Garant der wah­ren Leh­re anzu­se­hen. Dann zer­fällt not­wen­dig die Auto­ri­tät der Kir­che, die ja dann in sich wider­sprüch­lich gewor­den wäre. Wo soll man außer­halb der Kir­che eine Auto­ri­tät fin­den, die die wah­re Leh­re fest­legt? Gerät man nicht not­wen­dig auf die schie­fe Ebe­ne des Pro­te­stan­tis­mus, wenn man das Vati­ca­num II grund­sätz­lich ablehnt und somit die Auto­ri­tät der Kir­che auf­hebt? Ich sehe da erheb­li­che Flieh­kräf­te, die die Kir­che in dun­kel­ste Zei­ten und Zustän­de stür­zen könn­te. Erz­bi­schof Lef­eb­v­re stimm­te den mei­sten Doku­men­ten des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils zu. Die­se Doku­men­te selbst waren nicht das Kern­pro­blem, dass ihn dann in Oppo­si­ti­on zur Kir­che brach­te, son­dern die auf das Kon­zil fol­gen­de Rezep­ti­on, die radi­ka­le Will­kür der Rezep­ti­on, der soge­nann­ten Her­me­neu­tik des Kon­zils. Die Errich­tung der Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X. war also eine Reak­ti­on auf Ver­zer­run­gen der Kon­zils­tex­te, die durch­aus auch Raum für die tra­di­tio­nel­le Leh­re las­sen. Ich den­ke, dass die Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X. wie­der in die Kir­che zurück­fin­den muss, schon um der Tra­di­ti­on wil­len, die doch nur in der Kir­che zu fin­den ist. Anson­sten gibt es doch nichts katho­li­sches mehr, son­dern nur noch ein Zer­fal­len in unend­lich vie­le Spiel­ar­ten von Inter­pre­ta­tio­nen der Leh­re, die ohne ihre umgrei­fen­de Auto­ri­tät der Kir­che kei­ne Ver­bind­lich­keit mehr fin­den kann. Das weiß man wohl auch in der Prie­ster­bru­der­schaft. Ich will mit all dem sagen; man darf den pro­gres­si­ven Kräf­ten eben nicht die Inter­pre­ta­ti­ons­ho­heit des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils über­las­sen, son­dern muss die Kon­zils­tex­te sehr genau im Sin­ne der Kon­ti­nui­tät der Leh­re lesen. Die pro­gres­si­ve Theo­lo­gie ent­leert doch stän­dig ihre Inhal­te, daher wird sie auf kurz oder lang ohne­hin als das erkannt, was sie ist; hoh­les Geschwätzt und sonst nichts. Aus mei­ner Sicht garan­tiert nur die Ein­heit der Kir­che die Kon­ti­nui­tät der Leh­re. Außer­halb der Kir­che ver­liert sich auf Dau­er not­wen­dig jede Auto­ri­tät, die immer nur vom Anfang kom­men kann.

    Papst Bene­dikt hat aus mei­ner Sicht kei­ne Nähe zur Gno­sis. Im Gegen­teil, er hat Ver­nunft wie­der an den Glau­ben zurück gebun­den. Im Sin­ne des Aqui­na­ten hat er dabei immer im Auge behal­ten, Glau­bens­irr­tü­mer durch ein prä­zi­se­res Ver­ständ­nis der Leh­re von ihren Ursprün­gen(!) her, zu kor­ri­gie­ren. Das mit den Bil­dern soll­te man nicht über­be­wer­ten, denn auch hier fin­det sich Inter­es­san­tes in sei­ner Arbeit über Bona­ven­tu­ra. Das Bild steht nicht in einem radi­ka­len Gegen­satz zum Wort. Das Sehen ist eben­so wich­tig wie das Hören. Der ein­fa­che Gläu­bi­ge kann durch ein Bild im Glau­ben gestärkt wer­den. Natür­lich stel­len sich hier auch wie­der sehr dif­fi­zi­le Fra­gen zu den Gren­zen, wo Bil­der ins Magi­sche umge­deu­tet wer­den, was dann wie­der ein Abfall bedeu­tet und im Gegen­satz zur Leh­re steht.

    Noch­mals vie­len Dank für Ihre aus­führ­li­che Antwort!

    • „Ich den­ke, dass die Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X. wie­der in die Kir­che zurück­fin­den muss, schon um der Tra­di­ti­on wil­len, die doch nur in der Kir­che zu fin­den ist.“ 

      Lie­ber Sua­rez, so sehr ich die Rück­kehr der Pius­bru­der­schaft in die Kir­che begrü­ßen wür­de — wür­den bestimm­te Tei­le der Kir­che, die nicht mehr unbe­dingt katho­lisch sind, dies über­haupt zulassen?
      Sie wür­den Zeter und Mor­dio schrei­en, wür­den der Kir­che einen Rück­fall in das Mit­tel­al­ter vor­wer­fen, hilf­reich unter­stützt durch die Medien.
      Könn­te die Bru­der­schaft inner­halb der Kir­che ihr urei­ge­nes Pro­fil bewah­ren oder sähe sie sich gezwun­gen, sich anzupassen?
      Und wie käme sie, ange­nom­men sie wür­de in der bal­di­gen Zukunft wie­der ein­ge­glie­dert, mit Papst Fran­zis­kus klar? Wie pas­sen bei­de zusammen?

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