Kardinal Loris Capovilla, Johannes XXIII., Fatima und sein „letzter Wille“

Johannes XXIII. und sein Sekretär Loris Capovilla
Johannes XXIII. und sein Sekretär Loris Capovilla

(Rom) Am gest­ri­gen Sonn­tag starb Kar­di­nal Loris Capo­vil­la im Alter von 100 Jah­ren. Der 1915 in der Nähe von Padua gebo­re­ne Capo­vil­la wur­de 1940 zum Prie­ster des Patri­ar­chats Vene­dig geweiht. Dort wirk­te er als Zere­mo­ni­en­mei­ster im Mar­kus­dom und ab 1949 als Schrift­lei­ter der Kir­chen­zei­tung des Patri­ar­chats.

Seit 1925 mit Angelo Roncalli befreundet

1953 mach­te ihn der im sel­ben Jahr zum Patri­ar­chen ernann­te Kar­di­nal Ange­lo Giu­sep­pe Ron­cal­li zu sei­nem Pri­vat­se­kre­tär. Die Bei­den kann­ten sich bereits seit 1925. Aus jenem Jahr stammt der erste Brief, den Capo­vil­la dem spä­te­ren Patri­ar­chen und Papst schrieb. Der 1958 zum Papst Johan­nes XXIII. gewähl­te Ron­cal­li nahm Capo­vil­la als sei­nen Sekre­tär mit nach Rom. Eine Ver­trau­ens­stel­lung, die die­ser bis zum Tod des Pap­stes 1963 inne­hat­te.

Papst Paul VI. ernann­te ihn 1967 zum Erz­bi­schof von Chie­ti. Sein Nach­fol­ger in die­sem Amt ist seit 2004 der Theo­lo­ge Bru­no For­te, der Autor des skan­dal­träch­ti­gen Para­gra­phen zur Homo­se­xua­li­tät im Zwi­schen­be­richt der Bischofs­syn­ode von 2014. Capo­vil­las Wir­ken als Diö­ze­san­bi­schof dau­er­te jedoch nicht lan­ge. Bereits 1971 ernann­te ihn Paul VI. zum Prä­la­ten der klei­nen Ter­ri­to­ri­al­prä­la­tur Lore­to und Päpst­li­chen Gesand­ten für das Mari­en­hei­lig­tum Lore­to. Im Alter von 73 Jah­ren resi­gnier­te Capo­vil­la 1988 als Prä­lat und leb­te seit­her im Geburts­ort von Johan­nes XXIII., als des­sen Nach­laß­ver­wal­ter er wirk­te und des­sen Selig­spre­chung er betrieb.

Capo­vil­la publi­zier­te über Johan­nes XXIII. und gab Tei­le von des­sen Kor­re­spon­denz und Tage­bü­chern her­aus. Zuletzt ver­öf­fent­lich­te er 2013 zusam­men mit einem Groß­nef­fen von Papst Ron­cal­li Aus­schnit­te aus sei­nen eige­nen Kon­zils­ta­ge­bü­chern. Den­noch trug er wenig dazu bei, die eigent­li­chen Beweg­grün­de von Johan­nes XXIII. zu beleuch­ten, die zur über­ra­schen­den Ein­be­ru­fung eines öku­me­ni­schen Kon­zils führ­ten. Dafür bie­ten sei­ne Publi­ka­tio­nen zahl­rei­che ande­re inter­es­san­te Hin­wei­se für die jüng­ste Kir­chen­ge­schich­te.

Das Konzil, das „Feuer“ und die „Aasgeier“

Im Mit­tel­punkt von Capo­vil­las Kon­zils-Dar­stel­lung steht ein „Wind der Ver­än­de­rung“. Aus den ver­öf­fent­lich­ten Brie­fen von Johan­nes XXIII. und an ihn geht her­vor, daß maß­geb­li­che Gestal­ten des spä­te­ren Kon­zils, dar­un­ter Mai­lands Erz­bi­schof Gio­van­ni Bat­ti­sta Mon­ti­ni, der spä­te­re Nach­fol­ger als Papst Paul VI., oder der dama­li­ge Weih­bi­schof von Mecheln, Léon-Joseph Sue­n­ens, der spä­te­re Erzb­si­chof von Mecheln-Brüs­sel und Kar­di­nal, weder über­rascht noch irri­tiert über die Kon­zils­ein­be­ru­fung waren. Viel­mehr befaß­ten sie sich im direk­ten Kon­takt mit dem Papst umge­hend mit der Fra­ge der Aus­rich­tung des Kon­zils, wohin es füh­ren und wel­cher Spra­che es sich bedie­nen sol­le. Mon­ti­ni und Sue­n­ens sei­en von einem „Feu­er“ getrie­ben wor­den, so Capo­vil­la, von dem er über­zeugt war, daß „Gott die­ses Feu­er ent­zün­det hat“. Es habe damals aber „vie­le“ gege­ben, die die­ses „Feu­er zu ersticken“ ver­such­ten, so der Papst­se­kre­tär.

Damit ist bereits der gro­ße Rah­men skiz­ziert, inner­halb dem Capo­vil­la eine gewis­se Kon­zils­ver­klä­rung betrieb, die auch und gera­de die Gestalt des Pap­stes betraf. Johan­nes XXIII. habe ein „Aggior­na­men­to“ gewollt, das die römi­sche Kurie und ande­re Kräf­te in der Kir­che ver­hin­dern woll­ten. In der Spra­che Capo­vil­las waren das „die alten Aas­gei­er, die nach einem ersten Schreck wie­der zurück­keh­ren“, wie er sei­nem Tage­buch anver­trau­te.

Papst Franziskus und Capovilla recte Johannes XXIII.

Um den hoch­be­tag­ten Capo­vil­la war es unter Papst Bene­dikt XVI. ruhig gewor­den. Das änder­te sich mit der Wahl von Papst Fran­zis­kus. Kei­ne drei Wochen nach sei­ner Wahl zum Papst griff Fran­zis­kus zum Tele­fon und rief Capo­vil­la am 1. April 2013 an. Er teil­te dem 97-Jäh­ri­gen mit, ihn tref­fen zu wol­len. Er sol­le dazu nach Rom kom­men. In Rom war Capo­vil­la zuletzt im Jahr 2000 gewe­sen zur Selig­spre­chung von Johan­nes XXIII.

Über die Hin­ter­grün­de des päpst­li­chen Wun­sches wur­de viel spe­ku­liert. Er wur­de mit dem Drit­ten Geheim­nis von Fati­ma in Ver­bin­dung gebracht, über das sich Fran­zis­kus infor­mie­ren habe wol­len. Als wahr­schein­li­cher gilt, daß der neue Papst über die Per­son Capo­vil­las die Ver­bin­dung zu Johan­nes XXIII. signa­li­sie­ren woll­te. Damit wur­de am Image eines „zwei­ten“ Johan­nes XXIII. gewo­ben, was von man­chen als Bot­schaft an pro­gres­si­ve Kir­chen­krei­se ver­stan­den wur­de, die sich durch die Pon­ti­fi­ka­te von Johan­nes Paul II. und Bene­dikt XVI. um die voll­stän­di­ge Umset­zung des Kon­zils gebracht fühl­ten.

Mit den Mari­en­er­schei­nun­gen von Fati­ma wird Capo­vil­la in Ver­bin­dung gebracht, weil er als Papst­se­kre­tär nicht nur Kennt­nis des Drit­ten Geheim­nis hat­te, son­dern durch Ver­öf­fent­li­chun­gen von Doku­men­ten von Johan­nes XXIII. und Paul VI. Unge­reimt­hei­ten in der offi­zi­el­len vati­ka­ni­schen Ver­si­on auf­deck­te.

Heiligsprechungen und Kirchenpolitik

Kardinal Loris Capovilla (1915-2016)
Kar­di­nal Loris Capo­vil­la (1915–2016)

Am 22. Febru­ar 2014 wur­de Capo­vil­la von Papst Fran­zis­kus in den Kar­di­nals­stand erho­ben. Zwei Mona­te spä­ter erfolg­te die Hei­lig­spre­chung von Johan­nes XXIII. Eine Kano­ni­sie­rung, die als umstrit­ten gilt, da Papst Fran­zis­kus für ihre Durch­füh­rung die Bedin­gun­gen für eine Hei­lig­spre­chung außer Kraft setz­te. Für eine Kano­ni­sie­rung des Kon­zils­pap­stes fehlt bis heu­te das dafür not­wen­di­ge zwei­te Wun­der.

Am 27. April 2014 wur­de aus Papst Johan­nes Paul II. hei­lig­ge­spro­chen. Für den pol­ni­schen Papst war ein ordent­li­ches Hei­lig­spre­chungs­ver­fah­ren abge­schlos­sen und das zwei­te Wun­der aner­kannt wor­den.

Es gilt in Rom als offe­nes Geheim­nis, daß Papst Fran­zis­kus die Hei­lig­spre­chung Karol Woj­ty­las am Beginn sei­nes Pon­ti­fi­kats sehr unge­le­gen kam. Es muß­te den Ein­druck einer Kon­ti­nui­tät ver­mit­teln, den Fran­zis­kus gera­de ver­mei­den woll­te. Der argen­ti­ni­sche Papst schick­te nach sei­ner Wahl eine Viel­zahl von Signa­len aus, an das Pon­ti­fi­kat von Johan­nes XXIII. anknüp­fen und das unter Pro­gres­si­ven als „restau­ra­ti­ve Pha­se“ ver­schrie­ne pol­nisch-deut­sche Dop­pel­pon­ti­fi­kat von 1978–20013 über­win­den zu wol­len.

Um die unver­meid­li­che Hei­lig­spre­chung von Johan­nes Paul II. „neu­tra­li­sie­ren“ und den­noch das „rich­ti­ge“ Signal aus­sen­den zu kön­nen, dekre­tier­te er mit päpst­li­cher Voll­macht, gleich­zei­tig auch Johan­nes XXIII. zu den Altä­ren zu erhe­ben. Daß des­sen Hei­lig­spre­chungs­ver­fah­ren nicht abge­schlos­sen war und das not­wen­di­ge Wun­der fehl­te, über­ging Fran­zis­kus selbst­herr­lich. Die Dop­pel-Hei­lig­spre­chung gilt seit­her als evi­den­tes Bei­spiel einer zwei­fel­haf­ten Kir­chen­po­li­tik. Fran­zis­kus wird zudem vor­ge­wor­fen, der Hei­li­gen­ver­eh­rung und der Hei­lig­spre­chungs­pra­xis der katho­li­schen Kir­che, die von pro­te­stan­ti­scher und lai­zi­sti­scher Sei­te kri­ti­siert wird, einen schlech­ten Dienst erwie­sen zu haben.

Der dama­li­ge Neo-Kar­di­nal Loris Capo­vil­la war hin­ge­gen begei­stert von der päpst­li­chen Zuwen­dung.

Letzte Verfügungen für die Begräbnisfeier

Nach sei­nem Tod wur­den gestern Capo­vil­las letz­ten Ver­fü­gun­gen für die Begräb­nis­fei­er bekannt­ge­ge­ben.

„Ich möch­te in Stil­le gehen, so wie ich in die Welt gekom­men bin, ohne Applaus und ohne Auf­se­hen. Mein Leich­nam soll in der Camai­ti­no­ka­pel­le auf­ge­bahrt wer­den. Nur eine Zere­mo­nie für die eng­sten Freun­de und für die Gläu­bi­gen, die mir in vie­len Jah­ren nahe waren. Die Mes­se soll am Mor­gen zei­tig von mit mir befreun­de­ten Prie­stern zele­briert wer­den, Weg­ge­fähr­ten mei­nes gan­zen Lebens. Nach der Zele­bra­ti­on soll der Weg zum Fried­hof von Font­al­la füh­ren, wo Maria Davi­de Tur­oldo begra­ben ist, einer der gro­ßen Dich­ter, den die katho­li­sche Kir­che hat­te. Kei­ne öffent­li­che Fei­er. Wenn gewünscht, kann eine Mes­se zu mei­nem Nut­zen gele­sen wer­den, aber erst, nach­dem mei­ne sterb­li­chen Über­re­ste der Erde über­ge­ben wor­den sind.“

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Secretum meum mihi/Avvenire