Die Krise der Kirche im Licht des Geheimnisses von Fatima

Die drei Hirtenkinder von Fatima
Die drei Hirtenkinder von Fatima

von Rober­to de Mattei*

Mit dem ver­gan­ge­nen Pfingst­fest wur­de die 100. Wie­der­kehr der Mari­en­er­schei­nun­gen von Fati­ma (2016–2017) mit einer Nach­richt eröff­net, die für Auf­se­hen sorg­te. Der deut­sche Theo­lo­ge und Prie­ster Ingo Dol­lin­ger bestä­tig­te gegen­über One­Pe­ter­Fi­ve, daß ihm Kar­di­nal Ratz­in­ger nach der Ver­öf­fent­li­chung des Drit­ten Geheim­nis­ses von Fati­ma anver­traut habe: „Das ist noch nicht alles!“

Das Pres­se­amt des Vati­kans schritt mit einer sofor­ti­gen Gegen­dar­stel­lung ein, in der gesagt wird, daß „der eme­ri­tier­te Papst Bene­dikt XVI. bekannt gibt, ‚nie mit Prof. Dol­lin­ger über Fati­ma gespro­chen zu haben‘ und mit aller Klar­heit erklärt, daß die Prof. Dol­lin­ger zuge­schrie­be­nen Aus­sa­gen zu die­sem The­ma ‚rei­ne Erfin­dun­gen sind, die abso­lut nicht wahr sind‘, und ent­schie­den bestä­tigt: ‚Die Ver­öf­fent­li­chung des Drit­ten Geheim­nis­ses von Fati­ma ist voll­stän­dig‘“.

Die Gegen­dar­stel­lung kann jene nicht über­zeu­gen, die – wie Anto­nio Soc­ci – immer das Vor­han­den­sein eines nicht ver­öf­fent­lich­ten Teils des Geheim­nis­ses ver­tre­ten haben, das von einem Glau­bens­ab­fall durch die Kir­chen­spit­ze spre­chen soll. Ande­re Exper­ten wie Anto­nio Augu­sto Borel­li Mach­a­do hal­ten das vom Hei­li­gen Stuhl ver­brei­te­te Geheim­nis für voll­stän­dig und auf tra­gi­sche Wei­se viel­sa­gend. Auf der Grund­la­ge der uns zur Ver­fü­gung ste­hen­den Infor­ma­tio­nen läßt sich heu­te weder mit abso­lu­ter Sicher­heit sagen, daß der Text des Drit­ten Geheim­nis­ses voll­stän­dig, noch daß er nicht voll­stän­dig ist. Was hin­ge­gen abso­lut sicher scheint, ist, daß die Pro­phe­zei­ung von Fati­ma sich noch nicht zur Gän­ze erfüllt hat, und daß ihre Erfül­lung eine nie dage­we­se­ne Kri­se in der Kir­che betrifft.

In die­sem Zusam­men­hang ist an einen wich­ti­gen her­me­neu­ti­schen Grund­satz zu erin­nern. Der Herr bie­tet uns manch­mal durch Ent­hül­lun­gen und Pro­phe­zei­un­gen, die nichts dem depo­si­tum fidei hin­zu­fü­gen, eine „geist­li­che Ori­en­tie­rung“, um uns in den dun­kel­sten Epo­chen der Geschich­te den Weg zu wei­sen. So wie es stimmt, daß die gött­li­chen Wor­te Licht in die fin­ste­ren Epo­chen brin­gen, so stimmt auch das Gegen­teil: die histo­ri­schen Ereig­nis­se in ihrem dra­ma­ti­schen Ablauf hel­fen uns, den Sinn und die Bedeu­tung der Pro­phe­zei­un­gen zu ver­ste­hen.

Wenn am 13. Juli 1917 die Got­tes­mut­ter in Fati­ma ankün­dig­te, daß Ruß­land sei­ne Irr­tü­mer über die gan­ze Welt aus­brei­ten wer­de, wenn sich die Mensch­heit nicht bekehrt, dann muß­ten die­se Wor­te unver­ständ­lich erschei­nen. Erst die histo­ri­schen Ereig­nis­se der weni­ge Mona­te spä­ter fol­gen­den Okto­ber­re­vo­lu­ti­on ent­hüll­ten ihre Bedeu­tung. Nach der bol­sche­wi­sti­schen Revo­lu­ti­on Anfang Novem­ber 1917 wur­de klar, daß die Expan­si­on des Kom­mu­nis­mus das Instru­ment war, des­sen sich Gott bedie­nen woll­te, um die Welt für ihre Sün­den zu stra­fen.

Zwi­schen 1989 und 1991 brach das sowje­ti­sche Reich des Bösen vor aller Augen zusam­men, doch das Ver­schwin­den der poli­ti­schen Hül­le erlaub­te unter ande­rem Gewand eine noch grö­ße­re Ver­brei­tung des Kom­mu­nis­mus in der Welt, des­sen ideo­lo­gi­scher Kern der phi­lo­so­phi­sche Evo­lu­tio­nis­mus und der mora­li­sche Rela­ti­vis­mus ist. Die „Phi­lo­so­phie der Pra­xis“, die laut Anto­nio Gram­sci die mar­xi­sti­sche Kul­tur­re­vo­lu­ti­on zusam­men­faßt, wur­de zum theo­lo­gi­schen Hori­zont des neu­en Pon­ti­fi­kats, der von Theo­lo­gen wie dem deut­schen Kar­di­nal Wal­ter Kas­per und dem argen­ti­ni­schen Erz­bi­schof Vic­tor Manu­el Fer­nan­dez abge­steckt wird, die auch die Stich­wort­ge­ber des nach­syn­oda­len Apo­sto­li­schen Schrei­bens Amo­ris lae­ti­tia sind.

Aus die­sem Grund soll­ten wir nicht vom Geheim­nis von Fati­ma aus­ge­hen, um die Tra­gö­die der Kir­che zu ver­ste­hen, son­dern von der Kir­chen­kri­se, um die Bedeu­tung des letz­ten Geheim­nis­ses von Fati­ma zu ver­ste­hen. Es geht um eine Kri­se, deren sicht­ba­re Spu­ren bereits auf die 60er Jah­re des 20. Jahr­hun­derts zurück­ge­hen, die aber durch die Abdan­kung von Bene­dikt XVI. und das Pon­ti­fi­kat von Papst Fran­zis­kus eine beein­drucken­de Beschleu­ni­gung erfah­ren hat.

Erzbischof Georg am 20. Mai an der Gänswein Gregoriana
Erz­bi­schof Georg Gäns­wein am 20. Mai an der Gre­go­ria­na

Wäh­rend das Pres­se­amt sich beeil­te, den Fall Dol­lin­ger zu ent­schär­fen, explo­dier­te eine ande­re Bom­be mit um so grö­ße­rem Getö­se. Bei der Vor­stel­lung des neu­en Buches des Prie­ster Prof. Rober­to Rego­li „Olt­re la cri­si del­la Chie­sa. Il pon­ti­fi­ca­to di Bene­det­to XVI“ (Jen­seits der Kir­chen­kri­se. Das Pon­ti­fi­kat von Bene­dikt XVI.), die am 20. Mai in der Aula Magna der Päpst­li­chen Uni­ver­si­tät Gre­go­ria­na statt­fand, empha­ti­sier­te Msgr. Georg Gäns­wein den Ver­zicht von Papst Ratz­in­ger auf das Pon­ti­fi­kat mit den Wor­ten:

„Seit dem 11. Febru­ar 2013 ist das Papst­tum nicht mehr das­sel­be, das es vor­her war. Es ist und bleibt das Fun­da­ment der katho­li­schen Kir­che; es ist aber ein Fun­da­ment, das Bene­dikt XVI. in sei­nem Aus­nah­me­pon­ti­fi­kat grund­le­gend und dau­er­haft ver­än­dert hat.“

Laut Erz­bi­schof Gäns­wein ist der Rück­tritt des Theo­lo­gen­pap­stes „epo­chal“, weil er in die katho­li­sche Kir­che die neue Insti­tu­ti­on des eme­ri­tier­ten Pap­stes ein­führ­te, indem er das Ver­ständ­nis vom munus petrinum, dem Petrus­dienst ver­än­der­te.

„Vor und nach sei­nem Rück­tritt hat Bene­dikt sei­ne Auf­ga­be als Teil­ha­be an einem bestimm­ten  ‚Petrus­dienst‘ ver­stan­den und ver­steht es so bis heu­te. Er hat den Stuhl Petri geräumt, aber den­noch die­sen Dienst mit sei­nem Schritt vom 11. Febru­ar 2013 kei­nes­wegs auf­ge­ge­ben. Er hat statt­des­sen das per­sön­li­che Amt mit einer kol­le­gia­len und syn­oda­len Dimen­si­on ergänzt, qua­si ein gemein­sa­mer Dienst. […] Seit der Wahl sei­nes Nach­fol­gers Fran­zis­kus am 13. März 2013 gibt es daher nicht zwei Päp­ste, aber de fac­to ein erwei­ter­tes Amt – mit einem akti­ven und einem kon­tem­pla­ti­ven Glied. Des­halb hat Bene­dikt XVI. weder auf sei­nen Namen ver­zich­tet noch auf sei­nen wei­ßen Talar. Des­halb ist die kor­rek­te Anre­de, mit der man sich an ihn wen­det, noch heu­te Euer Hei­lig­keit; und des­halb hat er sich zudem nicht in ein abge­le­ge­nes Klo­ster zurück­ge­zo­gen, son­dern inner­halb des Vati­kans – so als hät­te er nur einen Schritt zur Sei­te gemacht, um sei­nem Nach­fol­ger und einer neu­en Etap­pe in der Geschich­te des Papst­tums Platz zu machen. […] Mit einer außer­or­dent­lich wage­mu­ti­gen Hand­lung hat er statt­des­sen das Amt (auch gegen die Mei­nung der wohl­mei­nen­den und ohne Zwei­fel kom­pe­ten­ten Bera­ter) mit einer letz­ten Anstren­gung gestärkt (wie ich hof­fe). Das kann natür­lich ein­zig und allein die Geschich­te bewei­sen. Blei­bend wird in der Kir­chen­ge­schich­te aber sein, daß im Jahr 2013 der berühm­te Theo­lo­ge auf dem Stuhl des Petrus der erste ‚Papa eme­ri­tus‘ der Geschich­te wur­de.“

Die­se Rede hat einen explo­si­ven Cha­rak­ter und belegt bereits für sich allein schon, daß wir uns nicht jen­seits, son­dern mehr denn je in der Kir­chen­kri­se befin­den. Das Papst­tum ist nicht ein Dienst, der „erwei­tert“ wer­den könn­te, weil es per­sön­lich von Jesus Chri­stus einem ein­zi­gen Stell­ver­tre­ter und einem ein­zi­gen Nach­fol­ger des Petrus über­tra­gen ist. Was die katho­li­sche Kir­che von jeder ande­ren Kir­che oder Reli­gi­on unter­schei­det, ist gera­de die Exi­stenz eines einen­den und untrenn­bar in der Per­son des Pap­stes ver­kör­per­ten Prin­zips. Die Rede von Msgr. Gäns­wein legt eine dop­pel­köp­fi­ge Kir­che nahe und fügt damit ledig­lich neue Ver­wir­rung zu einer ohne­hin bereits mehr als wir­ren Situa­ti­on hin­zu.

Ein Satz ver­bin­det den zwei­ten und den drit­ten Teil des Geheim­nis­ses von Fati­ma: „In Por­tu­gal wird sich das Glau­bens­dog­ma immer bewah­ren.“ Die Got­tes­mut­ter wen­det sich an die drei por­tu­gie­si­schen Hir­ten­kin­der und ver­si­chert ihnen, daß ihr Land den Glau­ben nicht ver­lie­ren wird. Wo aber wird der Glau­ben ver­lo­ren­ge­hen? Man dach­te immer, die Got­tes­mut­ter bezie­he sich auf den Glau­bens­ab­fall gan­zer Natio­nen. Heu­te scheint es immer deut­li­cher zu wer­den, daß sich der größ­te Glau­bens­ver­lust unter den Män­ner der Kir­che voll­zieht.

Ein „weiß geklei­de­ter Bischof“ und „ver­schie­de­ne ande­re Bischö­fe, Prie­ster, Ordens­män­ner und Ordens­frau­en“ ste­hen im Mit­tel­punkt des Drit­ten Geheim­nis­ses vor dem Hin­ter­grund von Rui­nen und Tod. Es ist legi­tim, sich das nicht nur mate­ri­ell, son­dern spi­ri­tu­ell vor­zu­stel­len. Das wird durch die Offen­ba­rung bestä­tigt, die Schwe­ster Lucia am 3. Janu­ar 1944 in Tuy hat­te, bevor sie das Drit­te Geheim­nis nie­der­schrieb und die damit untrenn­bar mit die­sem ver­bun­den ist. Nach­dem sie eine schreck­li­che, kos­mi­sche Kata­stro­phe geschaut hat­te, erzählt Schwe­ster Lucia, im Her­zen „eine leich­te Stim­me“ gehört zu haben, die sag­te:

„in der Zeit den einen Glau­ben, die eine Tau­fe, die eine hei­li­ge, katho­li­sche und apo­sto­li­sche Kir­che. In der Ewig­keit den Him­mel!“

Die­se Wor­te stel­len die radi­ka­le Zurück­wei­sung jeder Form von reli­giö­sem Rela­ti­vis­mus dar, dem die himm­li­sche Stim­me die Ver­herr­li­chung der Hei­li­gen Kir­che und des katho­li­schen Glau­bens ent­ge­gen­setzt. Der Rauch Satans kann in der Geschich­te in die Kir­che ein­drin­gen, wer aber die Inte­gri­tät des Glau­bens gegen die Mäch­te der Höl­le ver­tei­digt, wird in der Zeit und in der Ewig­keit, den Tri­umph der Kir­che und des Unbe­fleck­ten Her­zens von Maria sehen, dem end­gül­ti­gen Sie­gel der tra­gi­schen, aber auch mit­rei­ßend begei­stern­den Pro­phe­zei­ung von Fati­ma.

*Rober­to de Mattei, Histo­ri­ker, Vater von fünf Kin­dern, Pro­fes­sor für Neue­re Geschich­te und Geschich­te des Chri­sten­tums an der Euro­päi­schen Uni­ver­si­tät Rom, Vor­sit­zen­der der Stif­tung Lepan­to, Autor zahl­rei­cher Bücher, zuletzt erschie­nen: Vica­rio di Cri­sto. Il pri­mato di Pie­tro tra nor­ma­li­tà  ed ecce­zio­ne (Stell­ver­tre­ter Chri­sti. Der Pri­mat des Petrus zwi­schen Nor­ma­li­tät und Aus­nah­me), Vero­na 2013; in deut­scher Über­set­zung zuletzt: Das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil – eine bis­lang unge­schrie­be­ne Geschich­te, Rup­pich­teroth 2011. Die Zwi­schen­ti­tel stam­men von der Redak­ti­on.

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ris­pon­den­za Romana/Formiche (Screen­shot)

4 Kommentare

  1. Papst Bene­dikt noch eme­ri­tus ist ein Papst in der War­te­schlei­fe. Er ist gezwun­gen, gute Mie­ne zum bösen Spiel zu machen und sich dabei nichts anmer­ken zu las­sen; schon gar nicht was er weiß, wie er fühlt und was er denkt. Sein ihm treu erge­be­ner Sekre­tär spielt das Spiel­chen mei­ster­haft mit. Wir sind gespannt wie’s aus­geht.
    Soll­te ihm zum zwei­ten Mal die Last des Petrusam­tes auf­ge­bür­det wer­den — was nicht unmög­lich ist — könn­te man wirk­lich, wie Msgr. Gäns­s­wein betont, von einem Aus­nah­me­pon­ti­fi­kat spre­chen!

  2. Kom­men Sie zu sich, Pia. Eine Rück­kehr Bene­dikts XVI. ins akti­ve Papst­amt ist rei­nes Wunsch­den­ken Ihrer­seits. Völ­lig unrea­li­stisch — allein schon wegen sei­nes hohen Alters und Gesund­heits­zu­stands.

  3. Das fuerch­te ich auch,dass Papst Bene­dikt das ein­fach nicht mehr kann- er ist auch nur ein sterb­li­cher Mensch. Und auch bin ich nicht mehr so sicher davon dass er das ueber das drit­te Geheim­nis von Fati­ma wirk­lich sel­ber gesagt hat.Oder wird sei­ne Auto­ri­ta­et nur benutzt?

  4. Man könn­te die Sache mit dem Inter­view von Dr. Mai­ke Hick­son mit Prof. Dol­lin­ger auch fol­gern­der­ma­ßen sehen, wobei ich vor­aus­schicken möch­te, daß ich nicht am Wahr­heits­ge­halt des Berich­te­ten zweif­le: wenn jemand Papst Bene­dikt XVI. scha­den woll­te, käme kaum eine plau­si­ble­re Per­son in Fra­ge als ein „alter Freund“. Die­ser Gedan­ken­gang ist in mei­ner Sicht nicht völ­lig aus­zu­schlie­ßen oder ver­werf­lich.

    Man muß davon aus­ge­hen, daß die 3 Geheim­nis­se von Fati­ma vom Vati­kan voll­stän­dig ver­öf­fent­licht wor­den sind. Das heißt doch nicht, daß der Schwe­ster Luzia nicht in den Jah­ren danach auch noch vie­les von der Mut­ter­got­tes und dem Herrn selbst mit­ge­teilt wor­den ist- und das war ja bekannt­lich der Fall. Aber „schlech­te Mes­se“ und „schlech­tes Kon­zil“ paßt über­haupt nicht zu Papst Bene­dikt: es ist absurd, ihm sol­ches zu „unter­stel­len“.
    Und außer­dem: wer soll der Prie­ster sein, der wis­sen will, daß für Papst Bene­dikt der Erz­bi­schof Lef­eb­v­re der größ­te Theo­lo­ge des 20 Jh. gewe­sen ist?- Auch das ist abwe­gig. Da kom­men wohl man­che Theo­lo­gen in Fra­ge für Papst Bene­dikt, wenn man sei­ne Wer­ke liest, aber sicher­lich nicht Mar­cel Lef­eb­v­re.

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