43 Jahre auf der Lepra-Insel — Zwei österreichische Ordensfrauen für Friedensnobelpreis vorgeschlagen

(Seo­ul) Zwei öster­rei­chi­sche Ordens­frau­en ver­brach­ten mehr als 40 Jah­re auf der Aus­sät­zi­gen-Insel Sorok, wo sie Lepra­kran­ke und deren Kin­der pfleg­ten. Inmit­ten eines Kli­mas von Angst und Aus­gren­zung gaben die Schwe­stern durch ihren stil­len, uner­müd­li­chen Ein­satz den am Mor­bus Han­sen erkrank­ten Korea­nern wie­der etwas von ihrer Men­schen­wür­de zurück. Als sie selbst alt gewor­den waren, zogen sie sich eben­so still zurück, wie sie dort gewirkt haben, um kei­ne Last zu sein. Nun kehr­te eine von ihnen nach elf Jah­ren noch ein­mal zurück, und wur­de von Kin­dern und Enkeln der mehr als 6.000 Lepra­kran­ken, die sie dort betreut hat­ten, mit offe­nen Armen emp­fan­gen.

Sorok (korea­nisch Sorok­do) ist eine von 4.400 korea­ni­schen Inseln, die in der Korea­stra­ße und im Gel­ben Meer lie­gen. Sorok ist nur 440 Hekt­ar groß und seit 2009 durch eine Brücke mit dem einen Kilo­me­ter ent­fern­ten Fest­land ver­bun­den. Bekannt ist sie in Korea als die „Aus­sät­zi­gen-Insel“.

„Weil ich nichts Besonderes getan habe“

„Ich habe mich nie inter­view­en las­sen, weil ich nichts Beson­de­res getan habe“, sag­te Mari­an­ne Stö­ger vor weni­gen Tagen auf Sorok. Stö­ger, die aus Matrei am Bren­ner stammt, soll nun zusam­men mit Mar­git Pis­sa­rek für den Frie­dens­no­bel­preis 2016 vor­ge­schla­gen wer­den.

Schwe­ster Mari­an­ne ist heu­te 82 Jah­re und Schwe­ster Mar­git 81 Jah­re alt. Am 13. April kehr­te Schwe­ster Mari­an­ne noch ein­mal auf die Insel zurück, die sie 2005 mit ihrer Mit­schwe­ster alters­be­dingt ver­las­sen hat­te. Bei­de waren zur 100-Jahr­fei­er des Sorok­do Natio­nal Hospi­tal ein­ge­la­den wor­den. Eine Gele­gen­heit, ihre ehe­ma­li­ge Wahl­hei­mat und deren Men­schen noch ein­mal zu grü­ßen. Schwe­ster Mar­git muß­te aus gesund­heit­li­chen Grün­den auf die Rei­se ver­zich­ten.

Wie ein korea­ni­scher Prie­ster Asia­news bestä­tig­te, woll­te Schwe­ster Mari­an­ne auch die­ses Mal wie­der still und lei­se nach Öster­reich zurück­keh­ren, ohne mit der Pres­se zusam­men­zu­tref­fen. „Die Kin­der und Enkel der Lepra­kran­ken, denen die öster­rei­chi­schen Schwe­stern zu einem neu­en Leben ver­hol­fen haben, konn­ten sie über­zeu­gen, zu blei­ben und auch mit der Pres­se zu spre­chen.“

Sorok: 1916 von Japan zur Quarantäneinsel für Aussätzige gemacht

Japanische Barracken für die Internierten
Japa­ni­sche Bar­racken für die Inter­nier­ten

Nach­dem Korea 1910 von Japan annek­tiert wor­den war, wur­de Sorok 1916 von der japa­ni­schen Besat­zungs­macht als Qua­ran­tä­nein­sel zur Inter­nie­rung von Lepra­kran­ken bestimmt.  Frü­her wur­den die Kran­ken auf die Insel ver­bannt. Noch heu­te ist Sorok die größ­te Lepra-Sta­ti­on Koreas.

Das Erz­bis­tum Gwang­ju hat­te bei der dama­li­gen Apo­sto­li­schen Admi­ni­stra­tur Inns­bruck (öster­rei­chi­scher Anteil der Diö­ze­se Bri­xen) um Kran­ken­schwe­stern gebe­ten. Die bei­den Christ­kö­nigs­schwe­stern hat­ten die Kran­ken­schwe­ster­schu­le an der Uni­ver­si­täts­kli­nik Inns­bruck besucht. Als sie 1962 auf die klei­ne Insel vor der Küste Süd­ko­reas kamen, waren sie 27 und 28 Jah­re alt.

„Als ich 1962 nach Süd­ko­rea auf­brach, hat­te ich die Absicht, fünf Jah­re zu blei­ben“, sag­te Schwe­ster Mari­an­ne nun. Gewor­den sind dar­aus 43 Jah­re.

Schutz­klei­dung gab es für sie damals kei­ne. Die bei­den Schwe­stern pfleg­ten die Pati­en­ten mit blo­ßen Hän­den, wäh­rend die Ärz­te aus Angst vor Ansteckung jeden Kon­takt mie­den.

„Mei­ne größ­te Freu­de war es jedes­mal, wenn Pati­en­ten ent­las­sen wur­den“, erzählt die Tiro­le­rin. „Sie durf­ten die Insel ver­las­sen und konn­ten nach Hau­se zurück­keh­ren.“

„Schreckliche Zustände“

Während der Besatzungszeit waren die auf Sorok Internierten Patienten zu Zwangsarbeit verpflichtet
Wäh­rend der Besat­zungs­zeit waren die auf Sorok Inter­nier­ten Pati­en­ten zu Zwangs­ar­beit ver­pflich­tet

Wäh­rend der japa­ni­schen Besat­zungs­zeit war die Insel eine Art Inter­nie­rungs­la­ger für die Lepra­kran­ken, die man fürch­te­te und aus­grenz­te. Als Korea nach 35 Jah­ren japa­ni­scher Besat­zung Ende des Zwei­ten Welt­krie­ges wie­der frei wur­de, änder­te sich für die Lepra­kran­ken zunächst nicht viel. Sie blie­ben Gemie­de­ne, die man auf die Insel ver­bann­te, um jeden Kon­takt mit ihnen zu mei­den.

„Die Zustän­de waren schreck­lich, als wir anka­men. Die Aus­stat­tung war noch die­sel­be von 1916, als die Leprasta­ti­on errich­tet wor­den war. Die Kran­ken hat­ten unter­wür­fig zu sein. Schlä­ge stan­den an der Tages­ord­nung, auch Zwangs­ab­trei­bun­gen und Ste­ri­li­sa­tio­nen. Es brauch­te Jahr­zehn­te, um das zu ändern“, schil­dert Schwe­ster Mari­an­ne die Situa­ti­on. „Das Evan­ge­li­um Chri­sti hat uns die Kraft geschenkt, durch­zu­hal­ten und für die Kran­ken da zu sein.“

Die bei­den Ordens­schwe­stern aus Tirol sahen ihre Auf­ga­be im Dienst an den Kran­ken. Die Men­ta­li­tät und die Orga­ni­sa­ti­on der Lepra-Sta­ti­on konn­ten sie nicht direkt ver­än­dern. Sie woll­ten den Pati­en­ten jedoch ihre Men­schen­wür­de zurück­ge­ben, soweit es ihnen mög­lich war, und durch ihr Bei­spiel auch auf das übri­ge Per­so­nal und die vor­ge­setz­ten Behör­den ein­wir­ken.

„Wir ver­such­ten die Kran­ken immer ganz früh am Mor­gen, um 5 Uhr zu besu­chen, als noch nie­mand im Dienst war. Das war die Zeit, in der wir mit ihnen reden konn­ten. Sehr oft aßen wir auch spät am Abend mit ihnen, wenn die ande­ren schon weg waren, und uns nie­mand über­wa­chen konn­te.“

Die Menschenwürde achten

Die Lepra-Kolonie als die beiden Schwestern auf die Insel kamen
Die Lepra-Kolo­nie als die bei­den Schwe­stern auf die Insel kamen

Es habe sie mit Genug­tu­ung erfüllt, als sie hör­te, daß die süd­ko­rea­ni­sche Regie­rung im Mai 2015 beschloß, ehe­ma­li­ge Lepra-Pati­en­ten, die Opfer von Abtrei­bung und Ste­ri­li­sa­ti­on wur­den, zu ent­schä­di­gen.

In Öster­reich orga­ni­sier­ten die bei­den Schwe­stern Aktio­nen, mit denen sie Medi­ka­men­te und Geld sam­mel­ten, um auf der Insel ein Haus für die nicht am Mor­bus Han­sen erkrank­ten Kin­der der Lepra-Pati­en­ten zu errich­ten. Dann errich­te­ten sie einen neu­en Kran­ken­trakt für Tuber­ku­lo­se-Pati­en­ten und einen wei­te­ren für Gei­stes­kran­ke. Die Pati­en­ten von Sorok nann­ten die bei­den Schwe­stern im Lau­fe der Zeit lie­be­voll „unse­re Groß­müt­ter“. „Zwei Engel aus Öster­reich sagen uns, was Lie­be ist“, schrieb 1981 der Kamil­lia­ner­or­den, der die bei­den Schwe­stern unter­stütz­te.

Was Schwe­ster Mari­an­ne „nichts Beson­de­res“ nennt, ist in Wirk­lich­keit ein außer­ge­wöhn­li­ches Leben der Näch­sten­lie­be, die gibt, ohne etwas dafür zu erwar­ten.

„Mein Leben wäre nichts gewe­sen ohne Gott“, sag­te die Ordens­frau bei ihrem Besuch auf der Insel. „Er war uns immer nahe und hat es uns immer neu gezeigt durch das Lei­den Chri­sti am Kreuz. Er ist in Schmer­zen gestor­ben, des­halb kön­nen wir mit Freu­de unser Leben und unse­ren Glau­ben leben. Wenn man das ver­steht und erkennt, daß Jesus in uns lebt, dann kann man jeden Men­schen lie­ben.“ Sie hät­ten ledig­lich ver­sucht, die unver­äu­ßer­li­che Men­schen­wür­de der Pati­en­ten und ihrer Kin­der zu ach­ten.

Für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen

 Sr. Margit Pissarek und Sr. Marianne Stöger
Sr. Mar­git Pis­sa­rek und Sr. Mari­an­ne Stö­ger

Im Kampf gegen Lepra konn­te Süd­ko­rea gro­ße Fort­schrit­te machen. Heu­te leben noch 539 Pati­en­ten auf der Insel. 2005 waren es noch 711. Das Durch­schnitts­al­ter beträgt 75 Jah­re. Die Zahl der Neu­erkran­kun­gen hat sich stark ver­rin­gert. 1997 gab es nur mehr 49 Neu­erkran­kun­gen, 2005,- als die bei­den Öster­rei­che­rin­nen die Insel ver­lie­ßen — waren es noch 15, und 2012 nur mehr fünf.

Die katho­li­sche Kir­che von Sorok, gelei­tet von Pfar­rer Kim Yeon-jun berei­tet einen Doku­men­tar­film für „Die Schwe­stern der Lepra-Kran­ken“ vor. Seit Mit­te der 90er Jah­re erhiel­ten die bei­den Schwe­stern zahl­rei­che Aus­zeich­nun­gen. Es waren Zei­chen des Dan­kes für ihre auf­op­fern­de Tätig­keit. Sie hat­ten auf der Insel eine Hal­tung des Respekts und der Men­schen­wür­de gelebt, als noch eine roher, abschät­zi­ger Umgang mit den Lepra-Kran­ken vor­herrsch­te. Was die bei­den Ordens­frau­en vor­ge­lebt haben, ist heu­te all­ge­mei­ner Stan­dard gewor­den.

1996 erhiel­ten die vom süd­ko­rea­ni­schen Mini­ster­prä­si­den­ten die Korea­ni­sche Natio­nal­me­dail­le ver­lie­hen. 1999 wur­den sie Trä­ge­rin­nen des Ho-Am-Prei­ses. Das damit ver­bun­de­ne Preis­geld von 200.000 Dol­lar spen­de­ten sie dem Lepra-Kran­ken­haus.

Im sel­ben Jahr schrieb das süd­ko­rea­ni­sche Wochen­ma­ga­zin News­Re­view (inzwi­schen Teil des Korea Herald) über Schwe­ster Mari­an­ne Stö­ger: „Sie betet immer sehr viel. Nur Hei­li­ge kön­nen tun, was sie seit so vie­len Jah­ren hier getan hat“.

2005, als auch Schwe­ster Mar­git ihr 70. Lebens­jahr voll­endet hat­te, kehr­ten die bei­den Christ­kö­nigs­schwe­stern wie­der nach Öster­reich zurück. Sie waren alt gewor­den und woll­ten dem Kran­ken­haus kei­ne Last sein. So still, wie sie gekom­men und so still, wie sie auf Sorok­do gewirkt hat­ten, so lei­se ver­lie­ßen sie die Insel nach 43 Jah­ren auch wie­der ohne jede Abschieds­fei­er.

Die Bezirks­ver­wal­tung von Gohe­ung in der Pro­vinz Jeol­lanam-do, zu der die Insel gehört, gab bekannt, die bei­den Tiro­ler Ordens­frau­en für den Frie­dens­no­bel­preis vor­schla­gen zu wol­len. Die Häu­ser der Schwe­stern wur­den zu natio­na­len Kul­tur­gü­tern des Lan­des erklärt.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: korea.net/Korea Joongang/James Card (Screen­shots)

2 Kommentare

  1. Vie­len Dank für die­sen groß­ar­ti­gen Bericht! Wo kann man soet­was schon lesen?
    Die­se bei­den Ordens­schwe­stern gehö­ren zu den wirk­lich Gro­ßen unse­rer Tage.

    Deo gra­ti­as!

    • Deo gra­ti­as für die­se Schwe­stern und für katholisches.info, die über sie berich­ten!

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