„Amoris Laetitia“ und die praktischen Folgen — Die Pfarrer von Biella

Die Pfarrer von Biella
Die Pfarrer von Biella

(Rom) Das nach­syn­oda­le Apo­sto­li­sche Schrei­ben Amo­ris Lae­ti­tia von Papst Fran­zis­kus, mit sei­nen Schluß­fol­ge­run­gen aus den bei­den Bischofs­syn­oden 2014 und 2015 über die Ehe und die Fami­lie, stürz­te die katho­li­sche Kir­che in ein gro­ßes Durch­ein­an­der und zei­tigt erste prak­ti­sche Aus­wir­kun­gen.

Das päpst­li­che Doku­ment führ­te zu einer gro­ßen Unei­nig­keit in der Aus­le­gung. Die eng­sten Ver­trau­ten des Pap­stes fei­ern das Schrei­ben als „bedeu­tend­stes Doku­ment der letz­ten 1000 Jah­re“ (Kar­di­nal Wal­ter Kas­per). Den pro­gres­si­ven Kir­chen­krei­sen däm­mert nach einer ersten Ent­täu­schung die „revo­lu­tio­nä­re“ Trag­wei­te (Alber­to Mel­lo­ni, Schu­le von Bolo­gna). „Kon­ser­va­ti­ve“ ver­su­chen krampf­haft, Amo­ris Lae­ti­tia aus dem offi­zi­el­len Lehr­amt des Pap­stes hin­aus­zu­re­den und zu einer „per­sön­li­chen“ und daher unver­bind­li­chen Wort­mel­dung von Jor­ge Mario Ber­go­glio umzu­deu­ten (Kar­di­nal Ray­mond Bur­ke). Tra­di­ti­ons­ver­bun­de­ne Katho­li­ken, die sich der inhalt­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung nicht ent­zie­hen, spre­chen von einem „kata­stro­pha­len Doku­ment“ (Rober­to de Mattei). Für exter­ne Beob­ach­ter herrscht das per­fek­te Durch­ein­an­der.

Sel­ten zeig­te sich die katho­li­sche Kir­che zer­strit­te­ner und unei­ni­ger dar­über, wie ein päpst­li­ches Doku­ment auf­zu­fas­sen und umzu­set­zen sei. Die Ver­wir­rung betrifft die gan­ze Kir­che. Sie reicht von ganz oben bis ganz unten. Wie ist nun mit den wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen umzu­ge­hen? Und wie mit den ande­ren Per­so­nen, die in einer irre­gu­lä­ren Bezie­hung leben?

Der Prie­ster Don Luca Mele schrieb dem Papst auf Twit­ter: „Sei­en Sie etwas kla­rer: Habe ich sie los­zu­spre­chen oder nicht? Habe ich ihnen die Kom­mu­ni­on zu geben oder nicht? Dan­ke!“

Das Beispiel der piemontesischen Stadt Biella

Die Pfar­rer der Stadt Biel­la (45.000 Ein­woh­ner) in Pie­mont, dem Land aus dem die Vor­fah­ren von Papst Fran­zis­kus stam­men, lie­ßen gestern über die loka­le Tages­zei­tung wis­sen, daß sie „für die Zulas­sung der wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen zur Kom­mu­ni­on“ sei­en. Die Bri­sanz liegt im Unter­ti­tel des Zei­tungs­be­rich­tes: „Nach  der Ver­öf­fent­li­chung von Amo­ris Lae­ti­tia durch Papst Fran­zis­kus“. Mit ande­ren Wor­ten, die Pfar­rer der Stadt waren vor­her ande­rer Mei­nung.

Aus dem deut­schen Sprach­raum hat­ten die Bischö­fe bereits im Vor­feld wis­sen las­sen: Soll­te Rom den öffent­li­chen Ehe­bre­chern die Kom­mu­ni­on nicht gewäh­ren, wer­de man im Allein­gang han­deln. Durch den „Spiel­raum“ (ZDF), den das päpst­li­che Doku­ment läßt, besteht für einen „Allein­gang“ kei­ne Not­wen­dig­keit mehr. Die „Revo­lu­ti­on“ liegt dar­in, daß es kei­ne all­ge­mein­gül­ti­ge Regel mehr gibt. Das kate­go­ri­sche Nein der katho­li­schen Kir­che zur Kom­mu­ni­on für öffent­li­che Ehe­bre­cher wur­de durch die Viel­zahl einer „von Fall zu Fall“-Lösung ersetzt. Eine Metho­de, die durch Amo­ris Lae­ti­tia auf die soge­nann­ten „wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen“ ange­wandt wird, eben­so­gut in einem wei­te­ren Schritt aber auch auf Homo­se­xu­el­le und ande­re Per­so­nen­krei­se und Situa­tio­nen ange­wandt wer­den könn­te.

Der unter Papst Johan­nes Paul II. geform­te „rom­treue“ Teil der Kir­che, der als Reak­ti­on auf die nach­kon­zi­lia­ren Umbrü­che ent­stan­den war, erweist sich wie gebannt. Eini­ge  haben sich seit 2013, unter dem Vor­wand der „Rom­treue“, inhalt­lich in Rich­tung pro­gres­si­ver Posi­tio­nen ver­ab­schie­det. Der gro­ße Rest starrt auf den Papst wie das Kanin­chen auf die Schlan­ge. Er soll die Brü­der im Glau­ben stär­ken und die Her­de wei­den und vor den Wöl­fen schüt­zen. Die Even­tua­li­tät, daß er selbst die Kir­che auf Abwe­ge füh­ren könn­te, wur­de als Denk­mög­lich­keit kate­go­risch aus­ge­schlos­sen.

Nun, da es nach Mei­nung auf­merk­sa­mer Beob­ach­ter soweit ist, wirkt die­ser Teil der Kir­che wie gelähmt und man­chen däm­mert, daß die eige­ne Vor­stel­lung vom Papst­tum auf ihre Rich­tig­keit hin zu hin­ter­fra­gen sein könn­te.

Die katho­li­sche Kir­che scheint damit vor viel­schich­ti­gen neu­en Umbrü­chen zu ste­hen, die als Spät­fol­gen des unver­dau­ten Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils und der damit ent­fes­sel­ten Kräf­te anzu­se­hen sind.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Biel­la­news (Screen­shot)