„Zur Lage der Hoffnung“ — Wie Kardinal Müller den Papst „liest“

Papst Franziskus gelesen von Kardinal Gerhard Müller

(Rom) Kurz vor Ostern erschien in Spa­ni­en ein neu­es Buch von Kar­di­nal Ger­hard Mül­ler, dem Prä­fek­ten der römi­schen Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on, wie Katholisches.info ankün­dig­te: „Barm­her­zig­keit bedeu­tet nie einen Ver­zicht auf die Gebo­te Got­tes“ – Gesprächs­buch von Kar­di­nal Mül­ler. Der Kar­di­nal nimmt dar­in Punkt für Punkt zu jenen Aus­sa­gen von Papst Fran­zis­kus Stel­lung, die am miß­ver­ständ­lich­sten und zwei­deu­tig­sten sind, und zu The­men wie Prie­ster­z­ö­li­bat, Kom­mu­ni­on für wie­der­ver­hei­ra­te­te Geschie­de­ne, Mar­tin Luther oder Homo­se­xua­li­tät bereits für Irri­ta­tio­nen, Ver­wir­rung und Dis­kus­sio­nen gesorgt haben. Die deut­sche Aus­ga­be des Buches befin­det sich bereits in Vor­be­rei­tung.

Wäh­rend die Welt noch immer auf das nach­syn­oda­le Schrei­ben von Papst Fran­zis­kus war­tet, das die Schluß­fol­ge­run­gen aus zwei Bischofs­syn­oden über die Ehe und die Fami­lie ent­hal­ten soll, herrscht an der Kir­chen­spit­ze erheb­li­che Anspan­nung. Zum Aus­druck kommt sie durch Stel­lung­nah­men füh­ren­der Kir­chen­ver­tre­ter, die sich in gegen­sätz­li­chen Posi­tio­nen gegen­über­ste­hen.

„Spaltungen“ in der Kirche erahnbar, die mit dem nachsynodalen Schreiben „explodieren werden“

„Sie posi­tio­nie­ren sich mit ihren Erwar­tun­gen zum päpst­li­chen Doku­ment bereits an den jewei­li­gen Fron­ten und las­sen bereits jetzt die Spal­tun­gen erah­nen, die nach sei­ner Ver­öf­fent­li­chung explo­die­ren wer­den“, so der Vati­ka­nist San­dro Magi­ster.

Kar­di­nal Wal­ter Kas­per, Wort­füh­rer der von Papst Fran­zis­kus seit 2013 begün­stig­ten Rich­tung, die eine Zulas­sung wie­der­ver­hei­ra­te­ter Geschie­de­ner zur Kom­mu­ni­on, aber auch eine Aner­ken­nung der Homo­se­xua­li­tät for­dert, gibt sich seit Wochen sie­ges­ge­wiß. Tri­um­phie­rend bläst er öffent­lich ist Horn des Sie­gers. Das nach­syn­oda­le Schrei­ben, so Kas­per, „wird der erste Schritt zu einer Reform sein, mit der die Kir­che am Ende einer 1700jährigen Peri­ode“, ein neu­es Kapi­tel auf­schla­gen wer­de. Kas­per führ­te sei­ne fast die gesam­te Kir­chen­ge­schich­te umspan­nen­de Zeit­an­ga­be nicht näher aus. Die Aus­sa­ge scheint jedoch eine Anspie­lung auf das Kon­zil von Nicäa von 325 zu sein, das im Canon 8  — jeden­falls laut einer fälsch­li­chen und ver­zer­ren­den Aus­le­gun­gen des ehe­ma­li­gen Bischofs von Rot­ten­burg-Stutt­gart – die Kom­mu­ni­on für wie­der­ver­hei­ra­tet Geschie­de­ne erlaubt habe.

Der Kon­flikt sieht auf bei­den Sei­ten der Front  sich deut­sche Kir­chen­ver­tre­ter gegen­über­ste­hen, weil es sich um einen zutiefst deut­schen Kon­flikt han­delt. Er stellt eine Fort­set­zung jenes Kon­flikts dar, der in den 60er Jah­ren durch die „Rhei­ni­sche Alli­anz“ ver­ur­sacht wur­de, als die deut­sche Kir­che maß­geb­li­chen Ein­fluß auf die Aus­rich­tung des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils such­te. „Am deut­schen Wesen soll die Kir­che gene­sen?“ lau­te­te bereits damals eine  sar­ka­sti­sche Gegen­fra­ge zu die­ser deut­schen Hybris.

Einer der deut­schen Gegen­spie­ler von Kar­di­nal Kas­per ist Kuri­en­erz­bi­schof Georg Gäns­wein, Prä­fekt des Apo­sto­li­schen Hau­ses und nach wie vor per­sön­li­cher Sekre­tär des eme­ri­tier­ten Pap­stes Bene­dikt XVI. Gäns­wein, der sich zuletzt mehr­fach zu Wort mel­de­te, kon­ter­te im media­len Wett­ren­nen mit der Aus­sa­ge: Das nach­syn­oda­le Schrei­ben wer­de nichts ande­res ent­hal­ten als das, „was das Lehr­amt der Kir­che immer gesagt“ habe. Es wer­de weder Brü­che in der Leh­re noch in der pasto­ra­len Pra­xis geben.

Beide Seiten berufen sich „wegen der unbesiegbaren Zweideutigkeit“ seiner Aussagen auf Papst Franziskus

Kardinal Müller und Papst Franziskus, Titelseite des neuen Buches
Kar­di­nal Mül­ler und Papst Fran­zis­kus, Titel­sei­te des neu­en Buches

Bei­de Sei­ten beru­fen sich dabei auf Papst Fran­zis­kus. „Der ver­brei­te­te Ein­druck ist, als hät­ten bei­de Sei­ten gute Grün­de dafür, ange­sichts der unbe­sieg­ba­ren Zwei­deu­tig­keit, die die Äuße­run­gen von Papst Fran­zis­kus kenn­zeich­nen“, so Magi­ster. Es sei leicht vor­her­seh­bar, daß jeder in dem 200 Sei­ten star­ken Doku­ment jene Stel­le aus­gra­ben wird, die ihm am mei­sten zusagt und dann danach han­deln wer­de.

Der Ent­wurf für das nach­syn­oda­le Schrei­ben wur­de auch der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on zur Prü­fung vor­ge­legt. „Laut Indis­kre­tio­nen sei er mit zahl­rei­chen Kor­rek­tur- und Ände­rungs­emp­feh­lun­gen an den Papst zurück­ge­schickt wor­den“, so Magi­ster. Ob und inwie­weit sich Fran­zis­kus an die Emp­feh­lun­gen der Glau­bens­kon­gre­ga­tio­nen hält, wird aller­dings ein Geheim­nis blei­ben.

Kein Geheim­nis ist hin­ge­gen die Posi­ti­on von Glau­bens­prä­fekt Kar­di­nal Mül­ler. Er ist der eigent­li­che deut­sche Gegen­spie­ler Kas­pers und gehört zu den Kar­di­nä­len, die bereits vor der ersten Bischofs­syn­ode 2014 ihre Stim­me gegen den Kas­per-Kurs erho­ben. Er gehör­te auch zu den drei­zehn Kar­di­nä­len, die sich am Beginn der Bischofs­syn­ode 2015 mit einem Schrei­ben an Papst Fran­zis­kus wand­ten und gegen eine ver­such­te Mani­pu­la­ti­on der Syn­ode pro­te­stier­ten. Sie lie­ßen den Papst wis­sen, daß eine Syn­ode, die einem bereits vor­ge­fer­ti­gen (Kas­per-) Kurs die­nen sol­le, der einen Bruch mit der Tra­di­ti­on dar­stel­le, nicht akzep­ta­bel sei. Die gesam­te Syn­oden­re­gie wur­de dadurch zunich­te gemacht, was man­chen Papst-Ver­trau­ten zur Weiß­glut trieb. Wäh­rend Papst Fran­zis­kus selbst, wenn auch ohne direk­te Namens­nen­nung, vor einer „Her­me­neu­tik der Ver­schwö­rung“ warn­te, muß­ten sich die drei­zehn Kar­di­nä­le von Kas­pe­ria­nern und aus dem direk­ten Umfeld des Pap­stes eini­ges an unsach­li­cher Kri­tik gefal­len las­sen.

Kardinal Müller kommt Franziskus zuvor und schafft Klarheit zu Lehre und Praxis

Es scheint, daß Kar­di­nal Mül­ler Papst Fran­zis­kus mit dem Gesprächs­buch zuvor­kom­men woll­te, um Klar­heit in Leh­re und Pra­xis zu schaf­fen, noch bevor ein Hau­en und Ste­chen über mög­li­che, jeden­falls befürch­te­te Zwei­deu­tig­kei­ten im päpst­li­chen Doku­ment beginnt. Das neue Buch ist das Gespräch eines spa­ni­schen Prie­sters mit Kar­di­nal Mül­ler. Die spa­ni­sche Ori­gi­nal­aus­ga­be des Buches liegt vor. Aus­ga­ben in deut­scher, eng­li­scher, ita­lie­ni­scher und fran­zö­si­scher Spra­che sind bereits in Vor­be­rei­tung.

Magi­ster weist auf die Ähn­lich­keit des Buch­ti­tels mit dem berühm­ten Gesprächs­buch von Vit­to­rio Mess­o­ri mit dem dama­li­gen Glau­bens­prä­fek­ten Joseph Kar­di­nal Ratz­in­ger hin. Das 1985 erschie­ne­ne Buch „Zur Lage des Glau­bens“ löste gro­ßes Auf­se­hen aus, weil es einen Wen­de­punkt anzeig­te, da auch von höch­ster römi­scher Ebe­ne die Ent­wick­lung seit dem Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil einer akzen­tu­ier­ten Kri­tik unter­zo­gen wur­de. Das Buch von Kar­di­nal Mül­ler, Ratz­in­gers Nach­fol­ger als Glau­bens­prä­fekt, könn­te über­setzt in den deut­schen Aus­ga­be: „Zur Lage der Hoff­nung“ hei­ßen, und sich damit an die zwei­te gött­li­che Tugend anleh­nen.

Kar­di­nal Mül­ler nimmt unter ande­rem zum berühmt-berüch­tig­ten Satz von Papst Fran­zis­kus Stel­lung: „Wer bin ich, um zu urtei­len?“

„Wer bin ich, um zu urteilen?“

Dazu heißt es im Buch:

„Aus­ge­rech­net jene, die bis heu­te kei­ner­lei Respekt für die Leh­re der Kir­che gezeigt haben, bedie­nen sich eines iso­lier­ten Sat­zes des Hei­li­gen Vaters: ‚Wer bin ich, um zu urtei­len?‘, der aus dem Zusam­men­hang geris­sen wird, um ver­zerr­te Ideen über die Sexu­al­mo­ral zu ver­tre­ten, die sie mit einer angeb­li­chen Inter­pre­ta­ti­on des ‚authen­ti­schen‘ Den­kens des Pap­stes recht­fer­ti­gen.“

Der Kar­di­nal weist auf die gött­li­che Offen­ba­rung zur „homo­se­xu­el­len Fra­ge“ in der Bibel hin, sowohl im Alten wie auch im Neu­en Testa­ment, und auf die den homo­se­xu­el­len Hand­lun­gen inne­woh­nen­de Unord­nung, weil sie „kei­ner wah­ren affek­ti­ven und sexu­el­len Ergän­zung“ ent­spre­chen.

Der Satz von Papst Fran­zis­kus, der damit „ein Zei­chen des Respekts für die Wür­de der Per­son“ zum Aus­druck brin­gen woll­te, sei aus dem Zusam­men­hang geris­sen wor­den. Es ste­he jedoch „außer Dis­kus­si­on“, daß die Kir­che „mit ihrem Lehr­amt die Fähig­keit besitzt, über die Mora­li­tät bestimm­ter Situa­ti­on zu urtei­len.“

„Das ist eine unbe­strit­te­ne Wahr­heit: Gott ist der allei­ni­ge Rich­ter, der uns am Ende der Zei­ten rich­ten wird, und der Papst und die Bischö­fe haben die Pflicht, die offen­bar­ten Kri­te­ri­en für die­ses Letz­tur­teil auf­zu­zei­gen, das bereits heu­te in unse­rem mora­li­schen Gewis­sen ankün­digt ist.

Die Kir­che hat immer gesagt, ‚ das ist wahr, das ist falsch‘ und nie­mand kann auf sub­jek­ti­vi­sti­sche Wei­se die Gebo­te Got­tes, die Selig­prei­sun­gen, die Kon­zi­le nach einen eige­nen Kri­te­ri­en, sei­nen eige­nen Inter­es­sen oder sogar sei­nen eige­nen Bedürf­nis­sen aus­le­gen, so als sei Gott nur der Hin­ter­grund sei­ner Auto­no­mie. Die Bezie­hung zwi­schen dem per­sön­li­chen Gewis­sen und Gott ist kon­kret und real, sie wir erleuch­tet durch das Lehr­amt der Kir­che. Die Kir­che besitzt das Recht und die Pflicht, zu erklä­ren, daß eine Leh­re Falsch ist, des­halb, weil die­se Leh­re die ein­fa­chen Men­schen vom Weg abbringt, der zu Gott führt.

Das Haupt­ziel der Angrif­fe der libe­ra­len Regime und der tota­li­tä­ren Syste­me des 20. Jahr­hun­derts war, seit der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on, immer die christ­li­che Sicht der mensch­li­chen Exi­stenz und deren Schick­sal.

Wenn man deren Wider­stand nicht bezwin­gen konn­te, erlaub­te man die Bei­be­hal­tung eini­ger ihrer Ele­men­te, aber nicht des Chri­sten­tums in sei­ner Sub­stanz. Das Ergeb­nis war, daß das Chri­sten­tum auf­hör­te, das Kri­te­ri­um für die gesam­te Wirk­lich­keit zu sein, und man die oben genann­ten sub­jek­ti­vi­sti­schen Posi­tio­nen ermu­tig­te.

Die­se haben ihren Ursprung in einer neu­en, nicht christ­li­chen, rela­ti­vi­sti­schen Anthro­po­lo­gie, die auf das Ver­ständ­nis von Wahr­heit ver­zich­tet: Der heu­ti­ge Mensch sieht sich gezwun­gen, stän­dig im Zwei­fel zu leben. Mehr noch: Die Behaup­tung, die Kir­che kön­ne über kei­ne per­sön­li­chen Situa­tio­nen urtei­len, beruht auf der fal­schen Heils­leh­re, daß der Mensch sich selbst sein eige­ner Ret­ter und Erlö­ser ist.

Mit der Unter­wer­fung der christ­li­chen Anthro­po­lo­gie unter die­sen bru­ta­len Reduk­tio­nis­mus wen­det die Her­me­neu­tik der Rea­li­tät, die davon aus­geht, nur jene Ele­men­te an, die sie inter­es­sie­ren oder die dem Indi­vi­du­um beque­men: eini­ge Ele­men­te der Gleich­nis­se, bestimm­te wohl­wol­len­de Gesten Chri­sti oder jene Stel­len, die ihn bloß als Sozi­al­pro­phe­ten oder als Lehr­mei­ster des Mensch­li­chen zei­gen.

Gleich­zei­tig wird der Herr der Geschich­te, der Sohn Got­tes, der zur Umkehr ruft, oder der Men­schen­sohn, der kom­men wird, um die Leben­den und die Toten zu rich­ten, zen­su­riert. In Wirk­lich­keit ent­leert sich die­ses bloß gedul­de­te Chri­sten­tum sei­ner Bot­schaft und ver­gißt, daß die Bezie­hung mit Chri­stus ohne eine per­sön­li­che Umkehr unmög­lich ist.“

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Bac-Edi­to­ri­al

2 Kommentare

  1. Ich kann immer nur wie­der­ho­len: beten wir für die weni­gen bis­her stand­haf­ten, muti­gen katho­li­schen Prie­ster und Bischö­fe und Kar­di­nä­le.

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