Petrus Blomevenna (1466–1536) und die Kölner Kartause in der Renaissance

Petrus Blomevenna OCart (1466-1536)
Petrus Blomevenna OCart (1466-1536) umfaßt das Kreuz Christi

von Amand Tim­mer­mans

Vor genau 550 Jah­ren, am 29. März 1466, wur­de in Lei­den in der nie­der­län­di­schen Pro­vinz Hol­land Pie­ter Blom­me­ve­en (spä­ter lati­ni­siert zu Petrus Blo­me­ven­na) als eines der zwölf Kin­dern einer wohl­ha­ben­den und from­men Fami­lie gebo­ren.

Der begab­te Jun­ge bekam wie sei­ne Lands­leu­te Adria­en Boe­y­ens (1459–1523) und Eras­mus von Rot­ter­dam (1466–1537) einen gedie­ge­nen Schul­un­ter­richt bei den Brü­dern des Gemein­sa­men Lebens (Devo­tio moder­na). Im Anschluß stu­dier­te er ab 1483 an der Uni­ver­si­tät zu Köln und trat 1489 in die berühm­te Köl­ner Kar­tau­se St. Bar­ba­ra ein. St. Bar­ba­ra war die größ­te Kar­tau­se in Deutsch­land und eine der ange­se­hen­sten des Kar­täu­ser­or­dens.

Die Kartäuser als spirituelle und moralische Erneuerungsbewegung in der Kirche

Die Kar­täu­ser führ­ten damals inner­halb  der Kir­che die spi­ri­tu­el­le und mora­li­sche Erneue­rungs­be­we­gung an. Sie leg­ten dabei den Nach­druck auf Gebet, Aske­se, Chri­stus- und Mari­en­fröm­mig­keit.

Kirche der Kölner Kartause, die 1802 unter Frankreich aufgehoben und 1928 in eine evangelische Kirche umgewandelt wurde.
Kir­che der Köl­ner Kar­tau­se, 1802 unter Frank­reich auf­ge­ho­ben, seit 1928 in eine evan­ge­li­sche Kir­che umge­wan­delt

Im Rah­men ihrer evan­ge­li­sie­ren­den Tätig­keit sam­mel­te die Köl­ner Kar­tau­se eine gro­ße theo­lo­gi­sche Hand­bi­blio­thek und betrieb sehr früh eine eige­ne Drucke­rei mit Ver­lag zur Her­stel­lung und Ver­brei­tung von erbau­li­chen Schrif­ten.

Blo­me­ven­na zeich­ne­te sich durch gro­ße Sanft­mut und Unschuld, durch stren­ge Aske­se und durch die Gabe des Gebets und der Trä­nen aus. Gera­de Letz­te­res war der Grund, war­um es Blo­me­ven­na unter­sagt wur­de öffent­lich die Hei­li­ge Mes­se zu lesen. Sei­ne gro­ße Rüh­rung hät­te, so die Obe­ren, die Gläu­bi­gen ver­wir­ren kön­nen.

Mit 43 Jah­ren wur­de er 1507 zum Pri­or der Köl­ner Kar­tau­se gewählt.

Intensive evangelisierende Aktivität

Blo­me­ven­na ent­fal­te­te eine brei­te und tie­fe evan­ge­li­sie­ren­de Akti­vi­tät. Er schrieb meh­re­re theo­lo­gi­sche Wer­ke (z.B. Can­de­la evan­ge­li­ca (Das Licht/die Ker­ze des Evan­ge­li­ums); Asser­ta­tio pur­ga­to­rii (Die Befrei­ung [der See­le] durch das Fege­feu­er).

Epitaph von Anton Woensam: "Christus am Kreuz" mit Heiligen aus dem Kartäuserorden, kniend und das Kreuz umschlungen ist Petrus Blomevenna dargestellt (1535)
Epi­taph von Anton Woen­sam: „Chri­stus am Kreuz“, kniend und das Kreuz umschlun­gen ist Petrus Blo­me­ven­na dar­ge­stellt (1535)

Noch wich­ti­ger war der durch ihn betrie­be­ne Druck und die Ver­brei­tung von zahl­rei­chen Schrif­ten des flä­mi­schen Kar­täu­sers Denis van Lee­u­wen genannt van Rij­kel, bes­ser bekannt unter sei­nem Ordens­na­men Dio­ny­si­us der Kar­täu­ser (1424–1471).

Die­ser größ­te nie­der­län­di­sche Theo­lo­ge des Spät­mit­tel­al­ters war sehr mystisch ver­an­lagt. Wegen sei­ner visio­nä­ren Schrif­ten wur­de er, im Unter­schied zum hei­li­gen Hoch­scho­la­sti­ker Tho­mas von Aquin (dem Doc­tor ange­li­cus), Doc­tor ecsta­ti­cus genannt. Er beein­druck­te durch sei­ne stren­ge Lebens­wei­se unge­mein die from­men Gläu­bi­gen und den Orden­skle­rus. Die inner­kirch­li­che Reform­be­we­gung der Devo­tio Moder­na bekam hier eine theo­lo­gi­sche Fun­die­rung mit Beto­nung des Gebets, der Abkehr von der Welt und der Ein­bet­tung in die Kreu­zes­my­stik und die Mari­en­fröm­mig­keit.

Blomevenna als Herausgeber der Schriften von Dionysius dem Kartäuser

Dio­ny­si­us der Kar­täu­ser war meh­re­re Jah­re Beglei­ter von Kar­di­nal Niko­laus von Kues und streb­te schon Mit­te des 15. Jahr­hun­derts eine inne­re Rei­ni­gung und Ver­gei­sti­gung der Kir­che mit­ten in einer tur­bu­len­ten Welt an.

1509 über­setz­te Blo­me­ven­na den „Spieg­hel der Vol­co­men­heit“ (Spie­gel der Voll­kom­men­heit) des bra­ban­ti­schen Fran­zis­ka­ners Hen­drik Herp (ca. 1410–1477), eines ande­ren Prot­ago­ni­sten der geist­li­chen Erneue­rungs­be­we­gung in den Nie­der­lan­den, ins Latein. Wei­te­re mystisch-kon­tem­pla­ti­ve Wer­ke folg­ten.

Die Kar­täu­ser waren an das Schwei­ge­ge­lüb­de gebun­den. Da ande­rer­seits ihr Ein­satz in der Seel­sor­ge in Köln in den dama­li­gen wir­ren Zei­ten äusserst not­wen­dig war und aus­drück­lich ange­for­dert wur­de, ließ Blo­me­ven­na an der Außen­mau­er der Kar­tau­se eine Kapel­le errich­ten, wodurch auch die Seel­sor­ge für Ordens­frau­en mög­lich wur­de.

Er führ­te einen inten­si­ven Brief- und  Schrift­wech­sel mit nie­der­län­di­schen und nie­der­deut­schen Begi­nen und Ordens­frau­en. Enge Kon­tak­te bestan­den mit Papst Cle­mens VII. und Kai­ser Karl V.

Die Kölner Kartause als Bollwerk der Katholizität

Unter Blo­me­ven­nas Prio­rat tra­ten vie­le jun­ge Män­ner in die Kar­tau­se ein.

Her­vor­zu­he­ben sind hier die Brü­der Johan­nes und Die­ter (Dirk) Loher (Lohe­ri­us de Stra­tis). Letz­te­rer, der spä­te­re Ret­ter der Kar­tau­se Bux­heim bei Mem­min­gen (Schwa­ben), soll­te den deut­schen Kar­täu­ser­or­den durch die Wir­ren der 1540er Jah­ren füh­ren.

Eine von Blomevenna herausgegeben Schrift von Dyonisius dem Kartäuser
Blo­me­ven­na als Her­aus­ge­ber der Schrif­ten von Dio­ny­si­us dem Kar­täu­ser

Noch wich­ti­ger war die Kon­takt­auf­nah­me des damals noch blut­jun­ge aus Gel­dern stam­men­den Pie­ter Kanis, eigent­lich Peter de Hondt, — der als Petrus Cani­si­us zum ersten und bedeu­tend­sten deut­schen und nie­der­län­di­schen Jesui­ten wur­de — mit der Köl­ner Kar­tau­se. Die erste Jesui­ten auf deut­schem Boden wur­den maß­geb­lich von der Köl­ner Kar­tau­se finan­zi­ell und orga­ni­sa­to­risch unter­stützt.

Wäh­rend sich die Refor­ma­ti­on ab 1517 in Deutsch­land und in Nord­west­eu­ro­pa aus­brei­te­te, bil­de­te die Köl­ner Kar­tau­se unter Blo­me­ven­na das größ­te und wich­tig­ste Boll­werk des Katho­li­zis­mus.

Sie war unge­mein tüch­tig in der theo­lo­gi­schen Ver­tei­di­gung des Glau­bens und  in der Erwi­de­rung auf die Vor­wür­fe und Beschul­di­gun­gen.

Sie schul­te ihre Mit­glie­der und Sym­pa­thi­san­ten, benutz­te moder­ne Druck­tech­ni­ken, gab from­me und pole­mi­sche Schrif­ten her­aus und betrieb eine äußerst tüch­ti­ge Netz­ar­beit mit wich­ti­gen und inter­es­san­ten Per­so­nen.

Andert­halb Jah­re nach sei­nem Tode wur­de von Blo­me­ven­nas Nach­fol­ger, Ger­hard Kalck­bren­ner, post­hum sein Haupt­werk  „De boni­ta­te divina“ (Über die Gött­li­che Güte) ver­öf­fent­licht: eine äußerst wich­ti­ge Quel­le für die nie­der­rhei­nisch-nie­der­län­di­sche Theo­lo­gie in die­ser Zeit.

Die Kon­tak­te mit den nie­der­län­di­schen Begi­nen und weib­li­chen Reli­gio­sen wur­den noch inten­si­viert. Sie führ­ten zum Zuzug der hoch­an­ge­se­he­nen nie­der­län­di­schen Mysti­ke­rin Maria van Oyster­wi­jck mit ihrem mystisch ori­en­tier­ten Bekann­ten­kreis.

Authentisches Vorbild in Gebet, Askese und Einsatz für den Glauben

Blo­me­ven­na ist heu­te in sei­ner Hei­mat fast kom­plett ver­ges­sen. Er ist und bleibt nichts­de­sto­trotz histo­risch und zual­ler­erst katho­lisch eine äußerst wich­ti­ge Per­sön­lich­keit.

Am Anfang der Neu­zeit, in den auf­ge­wühl­ten Zei­ten direkt vor und wäh­rend der früh­re­for­ma­to­ri­schen Pha­se, schuf er durch gro­ßes theo­lo­gi­sches Wis­sen, durch gewal­ti­gen seel­sor­ge­ri­schen Ein­satz, durch tüch­ti­ge und gekonn­te Nut­zung von moder­nen Tech­ni­ken, durch Schul­bil­dung und Ver­net­zung von wich­ti­gen und spi­ri­tu­ell hoch­ste­hen­dem Per­so­nen und zual­ler­erst durch sein per­sön­li­ches Bei­spiel der Authen­ti­zi­tät von Gebet, Aske­se und Ein­satz für den Glau­ben, die not­wen­di­ge Stabs­ar­beit für die Anfän­ge der Gegen­re­for­ma­ti­on.

Petrus Blomevenna 2
Petrus Blo­me­ven­na als Pri­or der Köl­ner Kar­tau­se, Glas­fen­ster, um 1510–1530

Man hat im 20. Jahr­hun­dert die Gegen­re­for­ma­ti­on auch als „die zwei­te Refor­ma­ti­on“ bezeich­net — wohl um das „Kon­tra“ zu rela­ti­vie­ren.

Das ist jedoch so nicht ganz rich­tig. Es gab schon sehr lan­ge, seit dem Anfang des 15. Jahr­hun­derts, inner­kirch­li­che Bestre­bun­gen für eine katho­li­sche Erneue­rung.

Die­se Reform­be­we­gun­gen wur­den nicht zuletzt vom Kar­täu­ser­or­den geführt und getra­gen, von dem es so schön heißt: „Num­quam refor­ma­ta qua­lis num­quam defor­ma­ta“ (Nie­mals refor­miert, weil nie­mals defor­miert).

Der Kar­täu­ser­or­den wur­de damals zum wich­tig­sten Mit­tel­punkt katho­li­scher Fröm­mig­keit. Er stand tap­fer und treu zum alt­ehr­wür­di­gem Glau­ben, war den Anfech­tun­gen der Welt abhold und in sich sta­bil gefe­stigt; und er ver­tei­dig­te den Glau­ben in den refor­ma­to­ri­schen Wir­ren äußerst tüch­tig und sehr effi­zi­ent.

Der Kar­täu­ser Petrus Blo­me­ven­na war dabei der wich­tig­ste Stabs­chef. Blo­me­ven­na, der bis an sein Lebens­en­de Pri­or der Köl­ner Kar­tau­se und Visi­ta­tor der Rhei­ni­schen Kar­täu­ser­pro­vinz war, starb am 30. Sep­tem­ber 1536 in Köln.

Von Blo­me­ven­na gibt es zwei über­lie­fer­te zeit­ge­nös­si­sche Por­träts:

Im Wall­raf-Rich­artz-Muse­um in Köln befin­det sich das Epi­taph von Anton Woen­sam „Chri­stus am Kreuz mit Hei­li­gen des Kar­täu­ser­or­dens und dem Stif­ter Petrus Blo­me­ven­na“ (Inv Nr: WRM0208/Zugang 1857).

Zudem ist Blo­me­ven­na abge­bil­det auf einem herr­li­chen Farb­glas­fen­ster, das er selbst stif­te­te; heu­te befin­det es sich im Worce­ster Art Muse­um in Mas­sa­chu­setts (USA).

Dum mun­dus volvi­tur, crux stat.

Text: Armand Tim­mer­mans
Bild: Cartusiana/Worcesterart/Universitätsbibliothek Frei­burg im Breisgau/Wikicommons

4 Kommentare

  1. Armand Tim­mer­mann gro­sses Lob und gro­ssen Dank.In einer Zeit, die uns so vie­les lei­den lässt an Haupt und Glie­dern der Kir­che leuch­ten die Trä­ger de Glau­bens­lich­tes herr­lich hervor.Ein guter Bekann­ter erzähl­te mir, wie er vor 60 Jah­ren die Kar­tau­se La Val­sain­te besuch­te und den dor­ti­gen Fried­hof besah-nur hoch­wach­se­nes Gras dazwi­schen halb­zer­fal­le­ne Holz­kreu­ze ohne Namen.Welcher Gegen­satz zu so man­chen Lob­hu­de­lei­en in den Medi­en angeb­li­cher VIP die uns belo­gen und betro­gen haben durch ihr ober­fläch­li­ches gott­fer­nes Leben.Wie schön wenn dem Brun­nen der Ver­gan­gen­heit sol­che wert­vol­len Glau­bens­zeu­gen ersteigen.Sie mah­nen mich, dass wir trotz der unsäg­li­chen Umstän­den in der Hei­li­gen Kir­che immer ganz still und unbe­ach­tet und unge­ach­tet treue See­len haben, die für uns beten leben und leiden.Miserable Ver­knüp­fun­gen hat es zu allen Zei­ten gege­ben-aber der Blick auf die gro­ssen Klei­nen im Rei­che Got­tes geben uns freu­di­ge Zuversicht.Mag noch soviel Gras des Unbe­deu­tendseins in den Augen der Toren dar­über wuchern-sie leuch­ten, ihr Licht wird nie erlö­schen.

  2. Die Kar­täu­ser sind ein gro­ßer geist­li­cher Schatz, der im Ver­bor­ge­nen wirkt durch Opfer und Gebet. Johan­nes Paul II. und Papst Bene­dikt XVI. besuch­ten auf ihren Rei­sen jeweils eine spa­ni­sche Kar­tau­se. Sie wuss­ten um den Wert und die wah­re Bedeu­tung des kon­tem­pla­ti­ven Lebens für das Leben der Kir­che, auch dar­in unter­schie­den sie sich wohl­tu­end von Ber­go­glio, der lie­ber solch demü­ti­gen Die­nern der Kir­che die Füsse waschen soll­te, anstatt irgend­wel­chen rechts­kräf­tig ver­ur­teil­ten Zucht­häus­lern!

    • An hicest­ho­die (den ech­ten!)
      Als ich gestern die Prä­zi­sie­rung Ihres Nick­na­mes las, muss­te ich lächeln.
      Sie haben sich zu hel­fen gewusst und dabei Humor bewie­sen.
      Pri­ma!
      Wer es nötig hat, sich unter einem schon bekann­ten Pseud­onym zu ver­stecken und dabei kon­trä­re Ansich­ten ver­tritt, um damit die Kom­men­ta­to­ren zu ver­wir­ren, ist ein armer Wicht.

  3. Das war alles in mei­ner Gegend-aber nie vor­her habe ich davon geho­ert. So vie­le unbe­kann­te Katho­li­sche Schaet­ze sind noch zu ent­decken ueber­all!

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