Rückblick 2015 — Verfälschungen der Weihnachtsgeschichte

Geburt Jesu - Verfälschungen der Weihnachtsgeschichte
Die Geburt Jesu - Verfälschungen der Weihnachtsgeschichte

Man­che Weih­nachts­pre­di­ger redu­zie­ren heu­te das Weih­nachts­er­eig­nis auf den Men­schen und die Mensch­lich­keit Jesu – viel­fach mit aria­ni­schen Folgerungen.

Ein Gast­bei­trag von Hubert Hecker.

Bei einer Nach­be­trach­tung von Weih­nachts­pre­dig­ten und ‑Medi­ta­tio­nen fällt Fol­gen­des auf:
Die mit Abstand am mei­sten zitier­te Weih­nachts­aus­sa­ge war: Gott ist Mensch gewor­den. Dann folgt der Satz von der Men­schen­freund­lich­keit Got­tes auf­grund der Mensch­wer­dung. Das sind zwar rich­ti­ge und biblisch fun­dier­te Basis­sät­ze der Weih­nachts­bot­schaft. Gleich­wohl ergibt sich ein Unbe­ha­gen und zwar dadurch,

was die Pre­di­ger nicht zitiert und aus­ge­führt haben – etwa aus dem Lukas-Evangelium:

â–ª Der Engel kün­digt an: Heu­te ist euch der Erlö­ser gebo­ren, der Mes­si­as und Herr.
â–ª Die Engel rüh­men die Ehre Gottes.
â–ª Die Hir­ten loben und prei­sen Gott.
â–ª In die­sem Kind ist das Heil für alle Völ­ker, das Licht zur Offen­ba­rung für die Hei­den erschienen.
â–ª Das Kind ist vom Hei­li­gen Geist gezeugt– so bei Matthäus.
â–ª Jesus wird sein Volk erlö­sen von sei­nen Sünden.
â–ª Wir (die drei Wei­sen) sind gekom­men, um dem neu­ge­bo­re­nen König zu huldigen.
â–ª Der in die Welt kam, durch den ist die Welt gewor­den – heißt es im Johannes-Prolog.
â–ª Wir schau­ten die Herr­lich­keit des Ein­ge­bo­re­nen vom Vater.

Der Über­blick macht klar: Man­che Weih­nachts­pre­di­ger redu­zie­ren heu­te das Weih­nachts­er­eig­nis auf den Men­schen und die Mensch­lich­keit Jesu. Die gleich­zei­tig erschie­ne­ne Herr-lich­keit Got­tes, die Gött­lich­keit des Kin­des, der lang erwar­te­te Mes­si­as und Herr, der Erlö­ser von unse­ren Sün­den, das Heil für alle Völ­ker und das Licht für die Hei­den – alle die­se biblisch geof­fen­bar­ten Bestim­mun­gen des neu­ge­bo­re­nen Kin­des wer­den weit­ge­hend ausgeblendet.

Arianische Folgerungen aus der Reduktion der Weihnachtsgeschichte

Die Fokus­sie­rung der Weih­nachts­bot­schaft auf die Mensch­lich­keit des neu­ge­bo­re­nen Men­schen Jesus zieht ein aria­ni­sches Chri­stus­bild nach sich. So hat es der pro­te­stan­ti­sche Theo­lo­ge Fried­rich W. Graf kürz­lich in einem FAZ-Streit­ge­spräch mit Mar­tin Mose­bach dar­ge­legt: Jesus war nichts als ein Mensch, in sei­nem erwach­se­nen Leben ein jüdi­scher Wan­der­pre­di­ger Und dann haben von ihm beein­druck­te from­me Leu­te ihm den Titel ‚Mes­si­as’ oder ‚Sohn Got­tes’ gege­ben. Alle bibli­schen Glau­bens­aus­sa­gen wer­den von Graf aria­nisch-imma­nent inter­pre­tiert wie etwa die Auf­er­ste­hung: Sie sei eine Sym­bo­li­sie­rung von Frei­heit oder inner­welt­li­cher Tran­szen­denz: Nie­mand geht im Vor­han­de­nen auf. Auch von katho­li­schen Theo­lo­gen und Emi­nen­zen wer­den die bibli­schen Erlö­ser- und Erlö­sungs­aus­sa­gen zu Jesus Chri­stus auf ähn­li­che Imma­nenz-Per­spek­ti­ven heruntergebrochen.

Inkarnation als das Zentrale des Christentums

Dage­gen stellt Mose­bach die Inkar­na­ti­on als das Zen­tra­le des Chri­sten­tums hin. Weih­nach­ten – das ist zunächst der Ein­tritt Got­tes in die Geschich­te, in die „Fül­le der Zei­ten“. Eigent­lich müss­ten wir das gan­ze Jahr über Weih­nach­ten fei­ern, weil es immer um die Mensch­wer­dung Got­tes geht. Tat­säch­lich fei­ern wir in jeder hei­li­gen Mes­se Weih­nach­ten: Chri­stus wird in der Mes­se gebo­ren, stirbt dar­in und steht auf. Dar­in unter­schei­det sich die christ­li­che Auf­fas­sung von Goe­thes Lebens­phi­lo­so­phie.

Nach die­sem Plä­doy­er für eine kon­se­quen­te Inka­na­ti­ons-Theo­lo­gie (und ‑Lit­ur­gie) scheint in der Weih­nachts­aus­sa­ge: Gott ist Mensch gewor­den eben doch die gan­ze christ­li­che Wahr­heit ent­hal­ten zu sein, nach der Jesus, der Chri­stus, wah­rer Gott und wah­rer Mensch ist.

Aus dem Inkarnationsgedanken den Tod Gottes folgern

Doch die Ant­wort vom Theo­lo­gen Graf zer­stört post­wen­dend die­sen schein­ba­ren theo­lo­gi­schen Licht­blick: Ich bin gewiss dafür, den Inkar­na­ti­ons­ge­dan­ken sehr, sehr ernst zu neh­men. Inkar­na­ti­on bedeu­tet immer auch den Gedan­ken des Todes Got­tes zu den­ken, wenn Sie theo­lo­gisch kon­se­quent sind. Inkar­na­ti­on bedeu­tet Aner­ken­nung und Frei­heit: Er wird ein Knecht und ich ein Herr, das mag ein Wech­sel sein.

Wie funk­tio­niert so eine Argu­men­ta­ti­on, aus dem Inkar­na­ti­ons­ge­dan­ken den Tod Got­tes zu fol­gern? Oder wie ist Inkar­na­ti­on als Pro­zess zu den­ken, bei dem Gott ein Knechts­mensch wird und der Mensch sich zum Dominus/Herr vergöttlicht?

Grafls dialektische Inkarnationstheologie landet bei den Arianern

Mit dem Stich­wort vom Wech­sel zwi­schen Herr und Knecht gibt Graf einen Hin­weis auf eine berühm­te Schrift des deut­schen Phi­lo­so­phen G. W. F. Hegel. An des­sen dia­lek­ti­scher Phi­lo­so­phie – oder was er dafür hält — scheint er sich zu ori­en­tie­ren. Jeden­falls bedient er sich sei­ner Spra­che. Der Gedan­ke vom Tode Got­tes wäre in die­sem Rah­men mit fol­gen­der Argu­men­ta­ti­on zu denken:
Mit der Inkar­na­ti­on ist die Gött­lich­keit im ganz Ande­ren des Men­schen auf­ge­ho­ben und das in zwei­sin­ni­ger Bedeutung:
â–ª Das Gott­sein Got­tes ist mit sei­ner Mensch­wer­dung auf­ge­ho­ben im Sin­ne von ‚zum Ende gekom­men’. Damit wäre der Tod Got­tes angesagt.
â–ª Ande­rer­seits lebt durch die Inkar­na­ti­on das Gött­li­che im Mensch­sein wei­ter. Somit ist in der Mensch­heit das Gött­li­che auf­ge­ho­ben im Sin­ne von aufbewahrt.

Bei die­ser Art von Inkar­na­ti­ons­theo­lo­gie wird viel­fach die Leh­re vom drei­ei­n­i­gen Got­tes geleug­net, inso­fern man nicht an die Prä­exi­stenz des Fleisch gewor­de­nen Logos und die Leh­re vom ein­ge­bo­re­nen Sohn des Vaters (Johan­nes-Pro­log) glaubt. Dar­aus folgt die Theo­lo­gie der Aria­ner, die an das wah­re Gott­sein von Jesus Chri­stus nicht wirk­lich glau­ben. Schließ­lich erge­ben sich aus die­sem Gedan­ken­gang Phan­ta­sien über die Ver­gött­li­chung der Mensch­heit im hybri­den Sin­ne, näm­lich zu sein wie Gott.

Alle Theologie auf ewig Anthropologie?

Der katho­li­sche Theo­lo­ge Karl Rah­ner geht einen ande­ren Argu­men­ta­ti­ons­weg, kommt aber zu ähn­li­chen Ergebnissen:
â–ª Wenn Gott selbst Mensch ist und es in Ewig­keit bleibt, dann wird alle Theo­lo­gie auf ewig Anthro­po­lo­gie sein. Hin­ter die­ser anma­ßen­den Aus­sa­ge steht die theo­lo­gi­sche Spe­ku­la­ti­on, dass Gott in der Mensch­lich­keit auf­geht.
â–ª Die Gott­mensch­lich­keit darf nicht so sehr als etwas gese­hen wer­den, was uns von Jesus (nicht Chri­stus!) unter­schei­det. Sie ist der Anfang der Bewe­gung der Selbst­tran­szen­denz zur Nähe Got­tes. Von da aus erscheint die Inkar­na­ti­on als der blei­ben­de Anfang der Ver­gött­li­chung der Welt im Gan­zen (Zita­te aus Rah­ners ‚Kurs­buch des Glaubens’).

Zwei widerstreitende Inkarnationstheologien

Aus die­sem Befund ergibt sich, dass es zwei wider­strei­ten­de Inkar­na­ti­ons­theo­lo­gien gibt: zum einen die klas­sisch-katho­li­sche, die auch Mar­tin Mose­bach ver­tritt, und zum andern die aria­nisch-dia­lek­ti­sche. Die Ver­tre­ter die­ser Phi­lo­so­phie benut­zen die For­mel: Gott ist Mensch gewor­den als Ein­falls­tor für ihre hete­ro­do­xen Wei­ter­füh­run­gen. Manch einer täuscht damit den Gläu­bi­gen Katho­li­zi­tät vor. Um in Zei­ten des Aria­nis­mus’ jeder Miss­deu­tung vor­zu­beu­gen, soll­te der Glau­bens­satz stets in fol­gen­der Form aus­ge­sagt wer­den: Der (ein­ge­bo­re­ne) Got­tes­sohn ist Mensch geworden. 

Die Hand­schrift von Aria­nis­mus und dia­lek­ti­scher Inkar­na­ti­ons­leh­re kann man in man­chen Aus­le­gun­gen der bibli­schen Weih­nachts­ge­schich­te erken­nen. Ein Ele­ment ist die direk­te oder impli­zi­te Bestrei­tung des (histo­ri­schen) Wahr­heits­ge­halts der bei­den Weih­nachts­evan­ge­li­en. Denn Zeu­gung durch den Hei­li­gen Geist sowie Engels­ver­kün­di­gung von Mari­as Kind als Mes­si­as und Erlö­ser, als Herr und Gott haben für moder­ne Theo­lo­gen allen­falls Sym­bol­wert. Der evan­ge­li­sche ‚Lan­des­bi­schof’ in Braun­schweig nann­te kürz­lich die bibli­sche Weih­nachts­ge­schich­te aus­drück­lich eine Legen­de und deren Haupt­aus­sa­gen Meta­phern.

Humanistische Weihnachtspredigten im Rotary-Club

Auch der Kir­chen­ge­schichts­pro­fes­sor und Prie­ster Hubert Wolf betei­ligt sich an die­ser Rela­ti­vie­rung, bei der die Weih­nachts­evan­ge­li­en nicht in erster Linie als histo­ri­sche Berich­te zu ver­ste­hen sei­en – im Gegen­satz zu Papst Bene­dikts Dar­le­gung in sei­nem drit­ten Jesus-Buch. Wolf leg­te kürz­lich sei­ne Schrift Ankunft 24. Dezem­ber vor, in der er Medi­ta­tio­nen zu Weih­nachts­fei­ern sei­nes Rota­ry-Clubs in Mün­ster ver­sam­melt. Dar­in will er vor allem die unge­heue­ren Poten­tia­le der Mensch­wer­dung Jesu Chri­sti für die Mensch­wer­dung des Men­schen von heu­te aus­schöp­fen. Es geht dem Ver­fas­ser aber nicht um die spe­zi­fisch christ­li­che Über­win­dung der Sün­den­knecht­schaft, um die Nach­fol­ge Chri­sti oder die Anglei­chung an Jesus Chri­stus auf dem Weg zur Voll­kom­men­heit wie der Vater. Son­dern Wolf destil­liert aus der Bibel aus­schließ­lich all­ge­mein-huma­ni­sti­sche Rat­schlä­ge: Einem Stern fol­gen soll bedeu­ten, gewohn­te Bah­nen zu ver­las­sen. Oder: So wie Gott Mensch wur­de in Beth­le­hem, … so ste­hen dir, Mensch, vor Gott stets alle unver­bau­ten Mög­lich­kei­ten der Mensch­wer­dung offen. Oder: Die Zukunft als Chan­ce soll hei­ßen, begei­ste­rungs­fä­hig blei­ben und alle Sei­ten zum Klin­gen brin­gen.

Banalisierung der Weihnachtsgeschichte versus …

Mensch­wer­dung des Men­schen heißt für Wolf ein­fach, Ent­fal­tung der mensch­li­chen Fähig­kei­ten. Die Anre­gun­gen des Autors mögen ja sinn­vol­le Lebens­rat­schlä­ge sein. Aber hat dazu Gott sei­nen Sohn in die Welt geschickt, damit die Men­schen alle mensch­li­chen Sei­ten ihrer Anla­gen zum Klin­gen brin­gen kön­nen? Braucht man für sol­che huma­ni­sti­sche Rat­ge­ber-Pre­dig­ten eigent­lich noch die Bibel?

… Weihnachtsfrömmigkeit in alten Liedern

Die Bana­li­sie­rung man­cher Evan­ge­li­ums-Aus­le­gung und beson­ders der Weih­nachts­ge­schich­te wird im Ver­gleich mit der Krip­pen­fröm­mig­keit der Chri­sten frü­he­rer Jahr­hun­der­te deut­lich, wie sie in den alten Weih­nachts­lie­dern aufscheint.

â–ª Sehet auf, der Ret­ter kommt. Denn der Herr erlöst sein Volk.
â–ª Christ, der Ret­ter, stieg her­nie­der, der sein Volk von Schuld befreit..
â–ª Wahr’ Mensch und wah­rer Gott, hilft uns aus allem Lei­de, ret­tet von Sünd’ und Tod
â–ª Der Abglanz des Vaters, Herr der Her­ren alle, ist heu­te erschie­nen in unserm Fleisch…
â–ª Oh gött­li­ches Kind, was lei­dest du alles für unse­re Sünd’.
â–ª Es ist der Herr Christ, unser Gott, der will euch führ’n aus aller Not; er will euer Hei­land sel­ber sein, von allen Sün­den machen rein.

Die Ant­wor­ten der Chri­sten auf das Geheim­nis der Mensch­wer­dung des Gottessohnes:
â–ª Sei uns will­kom­men, Her­re Christ, der du unser aller Her­re bist (11./13. Jh.)
â–ª Dich wah­ren Gott ich fin­de in mei­nem Fleisch und Blut, dar­um ich fest mich bin­de an dich mein höch­stes Gut, eja, eja, an dich mein höch­stes Gut (Fried­rich Spee, 1637)
â–ª Oh lasst uns ihn lie­bend emp­fan­gen, die Her­zen ihm öff­nen all­hier … (1781)
â–ª Kommt las­set uns anbe­ten den König, den Herrn (Ade­ste, fide­les, 1790)
â–ª Lasst uns vor ihm nie­der­fal­len, ihm soll unser Dank erschal­len: Ehre sei Gott in der Höhe!
â–ª Oh beugt wie die Hir­ten anbe­tend die Knie… (1811)

Text: Hubert Hecker
Bild: Lucas Cra­nach (1515)

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