„Ausdruck eines Kompromisses zwischen zutiefst unterschiedlichen Positionen“ — Bischof Bernard Fellay (FSSPX) zum Schlußbericht der Synode

Bischof Bernard Fellay
Bischof Ber­nard Fellay

Der Gene­ral­obe­re der Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X., Bischof Ber­nard Fel­lay, gab eine Erklä­rung zur Rela­tio fina­lis, dem Schluß­be­richt der Bischofs­syn­ode über die Fami­lie ab:

Der Schluß­be­richt der zwei­ten Sit­zung der Syn­ode über die Fami­lie, der am 24.10.2015 ver­öf­fent­licht wor­den ist, ist weit davon ent­fernt, eine Über­ein­stim­mung der Syn­oden­vä­ter erken­nen zu las­sen; er ist viel­mehr der Aus­druck eines Kom­pro­mis­ses zwi­schen zutiefst unter­schied­li­chen Posi­tio­nen. Man kann in ihm gewiß lehr­mä­ßi­ge Wie­der­ho­lun­gen über die Ehe und die katho­li­sche Fami­lie lesen, aber auch bedau­erns­wer­te Zwei­deu­tig­kei­ten und Aus­las­sun­gen; vor allem wur­den Bre­schen in die Dis­zi­plin geschla­gen im Namen einer rela­ti­vi­sti­schen pasto­ra­len Barm­her­zig­keit. Der all­ge­mei­ne Ein­druck, den man von die­sem Text gewinnt, ist jener einer Ver­wir­rung, die bestimmt aus­ge­nützt wird in einem Sinn, der der stän­di­gen Leh­re der Kir­che widerspricht.

Dar­um erscheint es uns not­wen­dig, die von Chri­stus emp­fan­ge­ne Wahr­heit über die Funk­ti­on des Pap­stes und der Bischö­fe ((Mat­thä­us XVI, 18–19; Io XXI, 15–17; Kon­sti­tu­ti­on Pastor Aeter­nus des Ersten Vati­ka­ni­schen Kon­zils)) sowie über die Fami­lie und die Ehe ((Kon­zil von Tri­ent, IV. Ses­si­on; Erstes Vati­ka­ni­sches Kon­zil, Kon­sti­tu­ti­on Dei Fili­us; Dekret Lamen­ta­bi­li, Nr. 6.)) aufs neue klar her­aus­zu­stel­len. Wir tun dies im sel­ben Geist, der uns dazu geführt hat, an Papst Fran­zis­kus ein instän­di­ges Bitt­ge­such vor der zwei­ten Sit­zung die­ser Syn­ode zu richten.

1. Die Funktion des Papstes und der Bischöfe

Als Söh­ne der katho­li­schen Kir­che glau­ben wir, daß der Bischof von Rom, Nach­fol­ger des hei­li­gen Petrus, der Stell­ver­tre­ter Chri­sti ist und gleich­zei­tig damit Ober­haupt der gan­zen Kir­che. Sei­ne geist­li­che Gewalt ist im eigent­li­chen Sin­ne jene einer Hir­ten­ge­walt. Die Hir­ten wie die Gläu­bi­gen der Orts­kir­chen, jeder ein­zeln und alle ver­eint wie zum Bei­spiel auf einem Kon­zil, einer Syn­ode oder in Bischofs­kon­fe­ren­zen sind ihm gegen­über durch eine Pflicht der hier­ar­chi­schen Unter­ord­nung und des wah­ren Gehor­sams gehalten.

Gott hat die Din­ge in die­ser Wei­se ange­ord­net, damit die Kir­che Chri­sti nur eine ein­zi­ge Her­de unter einem ein­zi­gen Hir­ten sei, indem sie mit dem Bischof von Rom die Ein­heit des kirch­li­chen Lebens und das Bekennt­nis des einen Glau­bens bewah­re. Die hei­li­ge Kir­che Got­tes ist in gött­li­cher Wei­se als eine hier­ar­chi­sche Gesell­schaft ver­faßt, bei der die Auto­ri­tät, wel­che die Gläu­bi­gen lenkt und lei­tet, von Gott kommt durch den Papst und die ihm unter­wor­fe­nen Bischöfe.

Hat das höch­ste päpst­li­che Lehr­amt den authen­ti­schen Sinn der geof­fen­bar­ten Wahr­heit auf dog­ma­ti­schem Gebiet wie auch in Sachen der Dis­zi­plin ein­mal fest­ge­hal­ten, dann steht es den kirch­li­chen Orga­nis­men, die der Auto­ri­tät nach auf einer nied­ri­ge­ren Stu­fe ste­hen, „‘ wie zum Bei­spiel die Bischofs­kon­fe­ren­zen „‘ nicht zu, dort Ver­än­de­run­gen einzuführen.

Der Sinn der hei­li­gen Dog­men, der für immer bewahrt wer­den muß, ist jener, den das Lehr­amt des Pap­stes und der Bischö­fe ein für alle mal ver­kün­det hat, und es ist nie in unser Belie­ben gestellt, sich davon zu ent­fer­nen. Von da an muß die Pasto­ral der Kir­che, wenn sie sich in Barm­her­zig­keit klei­det, damit begin­nen, das Elend der reli­giö­sen Unwis­sen­heit zu hei­len, indem sie den See­len den Sinn der Wahr­heit auf­schließt, die sie rettet.

In der so von Gott ein­ge­setz­ten Hier­ar­chie wur­den auf dem Gebiet des Glau­bens und des Lehr­am­tes die geof­fen­bar­ten Wahr­hei­ten als eine gött­li­che Hin­ter­las­sen­schaft den Apo­steln und ihren Nach­fol­gern, näm­lich dem Papst und den Bischö­fen, anver­traut, damit sie die­ses Glau­bens­gut treu bewah­ren und mit Auto­ri­tät leh­ren. Die­ses Glau­bens­gut ist, was sei­ne Quel­len betrifft, in den geschrie­be­nen Büchern der Hei­li­gen Schrift und unge­schrie­be­nen Über­lie­fe­run­gen ent­hal­ten, die, von den Apo­steln aus dem Mun­de Chri­sti selbst emp­fan­gen oder von den Apo­steln selbst auf Dik­tat des Hei­li­gen Gei­stes gleich­sam von Hand zu Hand wei­ter­ge­ge­ben, bis auf uns gekommen.

Wenn die leh­ren­de Kir­che den Sinn die­ser in der Hei­li­gen Schrift und in der münd­li­chen Tra­di­ti­on ent­hal­te­nen Wahr­hei­ten erklärt, dann erlegt sie ihn den Gläu­bi­gen mit Auto­ri­tät auf, damit sie die­sen als von Gott geof­fen­bart anneh­men. Und es ist falsch zu sagen, daß es dem Papst und den Bischö­fen obliegt, das zu bestä­ti­gen, was ihnen der sen­sus fidei oder die gemein­sa­me Erfah­rung des Vol­kes Got­tes eingibt.

Wir haben dies schon in unse­rer „Instän­di­gen Bit­te“ an den Hei­li­gen Vater schrift­lich so aus­ge­drückt: „Unse­re Beun­ru­hi­gung rührt daher, dass der hl. Pius X. in der Enzy­kli­ka Pas­cen­di eine sol­che Anglei­chung des Dog­mas an die angeb­li­chen zeit­ge­nös­si­schen Not­wen­dig­kei­ten ver­ur­teilt hat. Pius X. und Ihr, Hei­li­ger Vater, haben die Fül­le der geist­li­chen Gewalt zu leh­ren, zu hei­li­gen und zu lei­ten im Gehor­sam Chri­stus gegen­über emp­fan­gen, der das Haupt und der Hir­te der Her­de zu allen Zei­ten und an allen Orten ist, und des­sen treu­er Stell­ver­tre­ter der Papst auf die­ser Erde sein muß. Der Inhalt einer dog­ma­ti­schen Ver­ur­tei­lung kann im Lau­fe der Zeit nicht zu einer erlaub­ten pasto­ra­len Pra­xis werden.“

Dies ist es, was Erz­bi­schof Mar­cel Lef­eb­v­re in sei­ner Erklä­rung vom 21.11.1974 schrei­ben ließ: „Kei­ne Auto­ri­tät, selbst nicht die höchst in der Hier­ar­chie kann uns zwin­gen, unse­ren Glau­ben, so wie er vom Lehr­amt der Kir­che seit 19 Jahr­hun­der­ten klar for­mu­liert und ver­kün­det wur­de, auf­zu­ge­ben oder zu schmä­lern. Der hei­li­ge Pau­lus sagt: ‚Allein, wenn auch wir oder ein Engel vom Him­mel euch ein ande­res Evan­ge­li­um ver­kün­de­te, als wir euch ver­kün­det haben, der sei aus­ge­sto­ßen!‘“ ((Gala­ter 1,8))

2. Die Ehe und die katholische Familie

Was die Ehe anbe­trifft, so hat Gott für das Wachs­tum des Men­schen­ge­schlech­tes gesorgt, indem er die Ehe ein­ge­setzt hat, wel­che die feste und dau­ern­de Ver­bin­dung eines Man­nes und einer Frau ist. ((Gene­sis 2, 18–25)) Die Ehe Getauf­ter ist ein Sakra­ment, denn Chri­stus hat sie zu die­ser Wür­de erho­ben. Die Ehe und die Fami­lie sind also gött­li­cher und natur­recht­li­cher Einsetzung.

Das erste Ziel der Ehe ist die Fort­pflan­zung und die Erzie­hung der Kin­der, und kein mensch­li­cher Wil­le kann die­ses aus­schlie­ßen, indem er Hand­lun­gen voll­zieht, die die­sem Ziel ent­ge­gen­ste­hen. Der unter­ge­ord­ne­te Zweck der Ehe ist die gegen­sei­ti­ge Unter­stüt­zung, die sich die Ehe­leu­te gewäh­ren, wie auch das Heil­mit­tel gegen die Begierlichkeit.

Chri­stus hat die Ein­heit der Ehe als end­gül­tig ein­ge­setzt, sowohl für die Chri­sten als auch für alle Men­schen. Die­se Ein­heit erfreut sich der Unauf­lös­lich­keit der­ge­stalt, daß sie nie gebro­chen wer­den kann, weder durch den Wil­len der bei­den Ehe­leu­te noch durch eine mensch­li­che Auto­ri­tät: „Was Gott ver­bun­den hat, das kann der Mensch nicht trennen.“((Matthäus 19,6)) Im Fall der sakra­men­ta­len Ehe der Getauf­ten erklärt sich die Ein­heit und Unauf­lös­lich­keit auch aus der Tat­sa­che, daß sie Zei­chen der Ein­heit Chri­sti mit sei­ner Braut, der Kir­che, ist.

Alles, was die Men­schen gegen die Ein­heit oder Unauf­lös­lich­keit der Ehe ver­ord­nen oder unter­neh­men kön­nen, ent­spricht nicht dem, was die Natur noch das Wohl der mensch­li­chen Gesell­schaft for­dert. Dar­über hin­aus haben die katho­li­schen Gläu­bi­gen die schwe­re Pflicht, sich nicht nur durch eine Zivil­ehe zu bin­den, ohne die Ehe­schlie­ßung vor der Kir­che in Betracht zu zie­hen, wel­che dies vorschreibt.

Der Emp­fang der Eucha­ri­stie bzw. der sakra­men­ta­len Kom­mu­ni­on for­dert den Stand der hei­lig­ma­chen­den Gna­de und die Ein­heit mit Chri­stus durch die gött­li­che Lie­be; sie ver­mehrt die­se Lie­be und bezeich­net gleich­zei­tig die Lie­be Chri­sti für die Kir­che, die ihm als ein­zi­ge Braut ver­mählt ist. Folg­lich kön­nen die­je­ni­gen, die aus frei­em Wil­len her­aus außer­halb der Ehe oder selbst im Ehe­bruch zusam­men­le­ben – ent­ge­gen den Geset­zen Got­tes und der Kir­che „‘ zur eucha­ri­sti­schen Kom­mu­ni­on nicht zuge­las­sen wer­den und sind wie öffent­li­che Sün­der zu betrach­ten, denn sie geben das schlech­te Bei­spiel einer Ver­feh­lung gegen die Gerech­tig­keit und die Lie­be. „Wer eine ent­las­se­ne Frau hei­ra­tet, begeht Ehe­bruch.“ ((Mat­thä­us 19,9)

Um die Nach­las­sung der Sün­den im Rah­men der sakra­men­ta­len Beich­te zu emp­fan­gen, ist es not­wen­dig, den festen Vor­satz zu haben, nicht mehr zu sün­di­gen; folg­lich kön­nen jene, die es zurück­wei­sen, ihrer unge­ord­ne­ten Situa­ti­on ein Ende zu set­zen, die gül­ti­ge Abso­lu­ti­on nicht emp­fan­gen. ((Leo XIII., Arca­num divinae sapi­en­tiae; Pius XI., Casti con­nu­bii))

Gemäß dem Gesetz Got­tes hat der Mensch das Recht, von sei­ner Geschlecht­lich­keit Gebrauch zu machen, nur in der legi­ti­men Ehe, und indem er die durch die Moral fest­ge­setz­ten Gren­zen respek­tiert. Des­halb wider­spricht die Homo­se­xua­li­tät dem natür­li­chen gött­li­chen Gesetz. Die außer­halb der Ehe voll­zo­ge­nen Ver­ei­ni­gun­gen der frei Zusam­men­le­ben­den, der im Ehe­bruch Leben­den oder gar der Homo­se­xu­el­len sind eine den Anfor­de­run­gen des gött­li­chen natür­li­chen Geset­zes ent­ge­gen­ge­setz­te Unord­nung und stel­len damit eine Sün­de dar. Man kann dar­in nicht irgend­ei­nen Teil von sitt­li­cher Gut­heit fest­stel­len, auch nicht eine weni­ger voll­kom­me­ne Gutheit.

Ange­sichts der gegen­wär­ti­gen Irr­tü­mer und der zivi­len Gesetz­ge­bun­gen gegen die Hei­lig­keit der Ehe und der Rein­heit der Sit­ten ist fest­zu­stel­len: Das Natur­ge­setz dul­det kei­ne Aus­nah­me, denn Gott hat in sei­ner unend­li­chen Weis­heit in der Ver­kün­di­gung sei­nes Geset­zes alle Fäl­le und alle Umstän­de vor­aus­ge­se­hen, im Gegen­satz zu den mensch­li­chen Gesetz­ge­bern. Daher kann man kei­ner Situa­ti­ons­ethik das Wort reden, bei der man die Ver­hal­tens­re­geln, so wie sie durch das Natur­ge­setz vor­ge­ge­ben sind, den ver­än­der­li­chen Umstän­den der ver­schie­de­nen Kul­tu­ren anglei­chen will. Die Lösung der Pro­ble­me auf dem mora­li­schen Gebiet darf nicht allein dem Gewis­sen der Ehe­leu­te oder der Hir­ten anheim­ge­stellt wer­den, das Natur­ge­setz drängt sich viel­mehr dem Gewis­sen als eine Regel für das Han­deln auf.

Die Für­sor­ge des barm­her­zi­gen Sama­ri­ters gegen­über dem Sün­der offen­bart sich durch ein Erbar­men, das mit der Sün­de nicht gemein­sa­me Sache macht, genau­so wie der Arzt, der einem Kran­ken wirk­sam hel­fen will, daß er die Gesund­heit wie­der­erlangt, nicht gemein­sa­me Sache macht mit der Krank­heit, son­dern ihm hilft, die­se zu über­win­den. Man kann sich von der Leh­re des Evan­ge­li­ums nicht im Namen eines sub­jek­ti­vi­sti­schen Pasto­ral befrei­en, indem man sie als gemein­gül­tig dar­stellt und sie im Ein­zel­fall abschafft. Man kann nicht den Bischö­fen die Erlaub­nis, das Gesetz der Unauf­lös­lich­keit der Ehe ad casum auf­zu­he­ben zuge­ste­hen, ohne sich der Gefahr einer bedeu­ten­den Abschwä­chung der Leh­re des Evan­ge­li­ums aus­zu­set­zen wie auch einer Zer­stücke­lung der Auto­ri­tät der Kir­che. Was näm­lich bei einer sol­chen irr­tüm­li­chen Sicht lehr­mä­ßig behaup­tet wird, könn­te pasto­ral geleug­net wer­den; was de jure eher ver­bo­ten ist, könn­te de fac­to erlaubt werden.

Inmit­ten die­ser äußer­sten Ver­wir­rung kommt es hin­fort dem Papst zu, „‘ gemäß sei­nem Amt und in den Gren­zen, die ihm Chri­stus sel­ber gesteckt hat – mit Klar­heit und Festig­keit die katho­li­sche Leh­re quod sem­per, quod ubi­que, quod ab omni­bus ((S. Vin­zenz von Lerins, Com­mo­ni­to­ri­um)) zu ver­kün­den und zu ver­hin­dern, daß die­ser all­ge­mein gül­ti­gen Wahr­heit in der Pra­xis und an ver­schie­de­nen Orten wider­spro­chen wird.

Indem wir der Auf­for­de­rung Chri­sti: vigi­la­te et ora­te fol­gen, beten wir für den Papst: ore­mus pro pon­ti­fice nostro Fran­cis­co, und wir blei­ben wach­sam: non tra­dat eum in manus ini­mi­co­rum eius, damit Gott ihn nicht in die Gewalt sei­ner Fein­de fal­len las­se. Wir fle­hen Maria, die Mut­ter der Kir­che an, ihm die Gna­den zu erlan­gen, die ihm erlau­ben, der getreue Ver­wal­ter der Schät­ze ihres gött­li­chen Soh­nes zu sein.

Men­zin­gen, 27. Okto­ber 2015

+ Ber­nard FELLAY

Gene­ral­obe­rer der Prie­ster­bru­der­schaft Sankt Pius X.

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