Was geschah im Konklave nach „viertem“ Wahlgang? — Will Papst Franziskus neue Kardinalsmehrheiten?

Johannes Paul II. verleiht Jorge Mario Bergoglio die Kardinalswürde
Johan­nes Paul II. ver­leiht Jor­ge Mario Ber­go­glio die Kardinalswürde

(Rom) Der ita­lie­ni­sche Jour­na­list und Rek­tor der Jour­na­li­sten­hoch­schu­le von Perugia, Anto­nio Soc­ci nahm die For­de­rung von Papst Fran­zis­kus, „alle Mau­ern ein­zu­rei­ßen“ zum Anlaß, auch das Ein­rei­ßen der „Mau­er des Schwei­gens“ rund um das Kon­kla­ve zu for­dern. Bekannt­lich bezwei­felt Soc­ci die Gül­tig­keit der Wahl von Papst Fran­zis­kus. Eine gewag­te The­se, die wegen ihrer unge­nü­gen­den Begrün­dung auf all­ge­mei­ne Ableh­nung stößt. Unab­hän­gig davon stellt Soc­ci jedoch Fra­gen, die nicht ohne wei­ters über­gan­gen wer­den können.

Mit sei­nem Buch „Non é Fran­ces­co“ (Er ist nicht Fran­zis­kus) lie­fer­te er jedoch eine Zusam­men­schau der Wider­sprüch­lich­kei­ten im Pon­ti­fi­kat des amtie­ren­den Pap­stes, die den Nerv vie­ler ver­un­si­cher­ter Katho­li­ken zu tref­fen scheint. Zwei­ein­halb Mona­te nach sei­nem Erschei­nen, ist Soc­cis Buch in Ita­li­en im Bereich Religion/Spiritualität auf Platz Eins der Bestsellerliste.

In Kol­le­gen­krei­sen heißt es zwar seit Erschei­nen sei­nes Buches, daß Soc­ci sich in sei­ne Haupt­the­se ver­rannt habe. Den­noch bestrei­tet nie­mand, daß er sein Hand­werk als Jour­na­list beherrscht und ein Gespür für unbe­ach­te­te Details hat. So ver­wun­dert es nicht, daß er in Austen Ive­r­eighs Buch „The Gre­at Refor­mer“ Was­ser auf die eige­nen Müh­len sieht. Um so mehr, als Ive­r­eigh im Gegen­satz zu Soc­ci ein erklär­ter Fran­zis­kus-Ver­eh­rer ist.

Ive­r­eigh, ehe­ma­li­ger Spre­cher von Kar­di­nal Mur­phy O’Connor, ent­hüll­te die Exi­stenz einer Grup­pe von Kar­di­nä­len, die er „Team Ber­go­glio“ nann­te. Die­se Grup­pe, die im Kern aus den Kar­di­nä­len Leh­mann, Kas­per, Dan­neels und O’Connor bestan­den habe, soll sich zusam­men­ge­schlos­sen haben, um einen Kan­di­da­ten ihrer Wahl auf den Papst­thron zu heben. Der Kan­di­dat ihrer Wahl sei der Pri­mas von Argen­ti­ni­en, Jor­ge Mario Kar­di­nal Ber­go­glio gewe­sen. Bereits 2005 hat­ten sich nach dem offen­sicht­li­chen Schei­tern des lang­jäh­ri­gen „Ante-Pap­stes“ Car­lo Maria Mar­ti­ni die Stim­men der pro­gres­si­ven Par­tei im Kar­di­nals­kol­le­gi­um auf einen ande­ren Jesui­ten, den Argen­ti­ni­er Ber­go­glio kon­zen­triert. Die­ser habe im Duell gegen Joseph Kar­di­nal Ratz­in­ger kal­te Füße bekom­men und sich zurück­ge­zo­gen. Aus die­sem Grund habe sich, so Ive­r­eigh, das Team Ber­go­glio vor dem Kon­kla­ve 2013 die Zusa­ge Ber­go­gli­os geholt, dies­mal kei­nen Rück­zie­her zu machen. Das „Team“ habe dann den Wahl­kampf orga­ni­siert. Erfolg­reich, wie sich Ive­r­eigh freut.

Die Ent­hül­lung sorg­te für sol­ches Auf­se­hen, daß Kar­di­nal O’Connor eine Rich­tig­stel­lung ver­öf­fent­li­chen ließ und Vati­kan­spre­cher Lom­bar­di auf Wunsch der vier genann­ten Kar­di­nä­le eine Gegen­er­klä­rung abgab.

Und damit zu dem, was Anto­nio Soc­ci dazu schreibt:

Geheimnisvolle Verspätung

Antonio Socci
Anto­nio Socci

„(…) Bis heu­te wur­de nicht die unge­wöhn­li­che Ver­spä­tung erklärt, mit der Papst Ber­go­glio sich auf der Log­gia von St. Peter dem Volk zeigte.

Zwi­schen dem wei­ßen Rauch und dem ersten Erschei­nen ver­ging dop­pelt so viel Zeit wie bei Bene­dikt XVI. War­um? Was ist gesche­hen? Und was ist mit der selt­sa­men Epi­so­de, die Ber­go­glio Scal­fa­ri anver­trau­te und die die­ser zusam­men mit dem ersten Papst-Inter­view am 1. Okto­ber 2013 berichtete?

Ber­go­glio erzähl­te: ‚Als mich das Kon­kla­ve zum Papst wähl­te, bat ich dar­um, bevor ich die Wahl annahm, mich für eini­ge Minu­ten in das Zim­mer neben dem Bal­kon zum Platz hin zurück­zie­hen zu kön­nen. Mein Kopf war völ­lig leer und eine gro­ße Angst hat­te mich befal­len. Damit sie vor­bei­geht und um mich zu beru­hi­gen, schloß ich die Augen und jeder Gedan­ke ver­schwand, auch der, das Amt abzu­leh­nen, was die lit­ur­gi­sche Pro­ze­dur im übri­gen erlaubt. Ich schloß die Augen und ver­spür­te kei­ne Angst oder Emo­ti­vi­tät mehr.‘

Bis, so Ber­go­glio wei­ter, ‚ich mit einem Schlag auf­sprang und mich in den Raum begab, wo die Kar­di­nä­le mich erwar­te­ten und der Tisch, auf dem die Annah­me­er­klä­rung lag. Ich unter­schrieb, der Kar­di­nal­käm­me­rer zeich­ne­te sie gegen und dann war auf dem Bal­kon das Habe­mus Papam‘.

Es wäre inter­es­sant zu ver­ste­hen, war­um der wei­ße Rauch um 19.06 Uhr gege­ben wur­de, gut eine Stun­de vor dem Habe­mus papam, das um 20.12 Uhr erfolg­te. Der wei­ße Rauch konn­te jeden­falls nicht vor der Annah­me der Wahl durch Ber­go­glio gege­ben wor­den sein, da es erst mit der Unter­zeich­nung der Annah­me­er­klä­rung einen neu­en Papst gibt und die­se Annah­me aus frei­en Stücken erfol­gen muß, und daher auch nicht durch den vor­weg­ge­nom­me­nen wei­ßen Rauch bedingt wer­den darf.

Inter­es­sant wäre auch das War­um und das Wie die­ser Wahl­an­nah­me zu ver­ste­hen, nach­dem Ber­go­glio als Jesu­it ja das Gelüb­de abge­legt hat­te, nicht anzunehmen.

Das erwähn­te Scal­fa­ri-Inter­view wur­de fak­tisch von Ber­go­glio selbst bestä­tigt, der es vor einem Monat in einem Sam­mel­band des Vati­kan­ver­lags ver­öf­fent­li­chen ließ. War­um wer­den die­se Fra­gen und Umstän­de nicht in Ruhe geklärt?“

Viele neue Kardinäle in kurzer Zeit

Soweit Anto­nio Soc­ci, der dazu die Auf­he­bung der Geheim­hal­tungs­pflicht für die Kar­di­nä­le vor­schlägt. Damit könn­ten, so der ita­lie­ni­sche Jour­na­list, alle in sei­nem Buch auf­ge­wor­fe­nen Fra­gen geklärt wer­den. Er wer­de dann ger­ne die Fak­ten anerkennen.

Bis­her aber sei von kei­nem Kir­chen­recht­ler bestä­tigt wor­den, daß die Wahl kano­nisch kor­rekt statt­ge­fun­den habe. Der Ablauf des Kon­kla­ve wer­de von Eli­sa­bet­ta Pique in deren Papst-Bio­gra­phie beschrie­ben. Die argen­ti­ni­sche Jour­na­li­stin und Papst-Freun­din stüt­ze sich dabei direkt auf per­sön­li­che ihr gegen­über gemach­te Wie­der­ga­ben des Pap­stes selbst. Ein Ablauf, der von nicht genann­ten Kar­di­nä­len gegen­über dem Cor­rie­re del­la Sera bestä­tigt wor­den sei.

Soll­te das Kon­kla­ve aber so abge­lau­fen sein, wie er, Soc­ci, es in sei­nem Buch schil­dert, dann wäre die Wahl ungül­tig und damit gäbe es kei­nen weiß­ge­klei­de­ten Amts­in­ha­ber auf dem Stuhl Petri und auch alle Amts­hand­lun­gen seit­her wären null und nichtig.

„Das Pro­blem stellt sich nun, da Papst Ber­go­glio für den kom­men­den 15. Febru­ar die Kre­ierung von neu­en Kar­di­nä­len eng­kün­digt hat, die sich mit den 19 im Febru­ar 2014 kre­ierten Kar­di­nä­len sum­mie­ren. War­um die vie­len Ernen­nun­gen in einem so kur­zen Zeit­raum? Um die Ver­hält­nis­se im Kar­di­nals­kol­le­gi­um zu ver­schie­ben? Es gibt eine gewis­se Unru­he in der kirch­li­chen Welt, weil der Ver­dacht besteht, daß die heu­te an der Macht befind­li­chen pro­gres­si­ven Kuri­en­krei­se auf ein künf­ti­ges Kon­kla­ve mit einer Ach­sen­ver­schie­bung in Rich­tung moder­ni­sti­scher Lin­ker drängen.

Abge­se­hen davon, daß der Papst 78 Jah­re alt ist, sind stän­dig Stim­men über einen mög­li­chen Rück­zug zu hören. Bevor es dazu kommt, will viel­leicht jemand einen pro­gres­si­ven Umsturz im Kar­di­nals­kol­le­gi­um. Damit es kei­ne ent­ge­gen­ge­setz­te Pen­del­be­we­gung durch eine auf­ge­schreck­te Kar­di­nal­s­mehr­heit mehr geben kann.

Das Kon­kla­ve von 2013 hat­te näm­lich kei­nes­wegs eine „pro­gres­si­ve“ Mehr­heit. Ber­go­glio wur­de nur gewählt, weil man den Kar­di­nä­len alle mög­li­chen Geschich­ten auf­tisch­te, um deren Stim­men zu erhal­ten. Vom Über­gangs­papst, von der Not­wen­dig­keit eines Pap­stes der Süd­halb­ku­gel, aber immer mit der Ver­si­che­rung, der Argen­ti­ni­er ste­he in der Kon­ti­nui­tät von Bene­dikt XVI. und Johan­nes Paul II. Nicht von unge­fähr, fand sich Ber­go­glio bei der jüng­sten Bischofs­syn­ode in der Min­der­heit wie­der. Die Fol­ge sind per­so­nel­le Umbau­ar­bei­ten. Wird also das Kar­di­nals­kol­le­gi­um mit Blick auf ein künf­ti­ges Kon­kla­ve auf den Kopf gestellt?“ So die abschlie­ßen­de Fra­ge von Anto­nio Soc­ci in sei­nem Auf­satz, der am 21. Dezem­ber, und damit einen Tag vor der wenig freund­li­chen päpst­li­chen Weih­nachts­bot­schaft an die Kuri­en­mit­ar­bei­ter in der Tages­zei­tung Libe­ro erschie­nen ist.

Text: Giu­sep­pe Nardi
Bild: Nue­stra America/Sussidiario

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