Von der Diktatur des Proletariats zur Diktatur des Relativismus — Roberto de Mattei über die Kirche und den Dialektischen Materialismus

de Mattei(Rom) Der bekann­te tra­di­ti­ons­ver­bun­de­ne Histo­ri­ker Rober­to de Mattei von der Euro­päi­schen Uni­ver­si­tät Rom gab der Inter­net­sei­te La Cor­sia dei ser­vi ein Inter­view zu den aktu­el­len The­men für die katho­li­sche Welt. Eine katho­li­sche Welt, die für den Histo­ri­ker immer stär­ker vom Rela­ti­vis­mus, von Inko­hä­renz, aber auch von dok­tri­nä­ren und ethi­schen Irr­tü­mern durch­drun­gen ist. Wer dar­auf auf­merk­sam mache, wer­de von jenen zum Schwei­gen gebracht, die alles und alle akzep­tie­ren, aus­ge­nom­men jene, die den Fin­ger in die Wun­de legen. Wenn die Kir­che aus ihrer gegen­wär­ti­gen Kri­se her­aus­kom­men wol­le, müs­se der fal­sche Mythos vom „Früh­ling“, der durch das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil aus­ge­bro­chen sei, zer­schla­gen wer­den. De Mattei ver­tritt zudem die The­se, daß der Kom­mu­nis­mus zwar vor mehr als zwan­zig Jah­ren zusam­men­ge­bro­chen ist, daß aber des­sen „ideo­lo­gi­sches Herz“ noch lebe, neue Alli­an­zen ein­ge­gan­gen ist und von der Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats zur Dik­ta­tur des Rela­ti­vis­mus wur­de.

Begin­nen wir bei Ihrer Ent­fer­nung bei Radio Maria, die laut Pro­gramm­di­rek­tor Pater Livio Fan­za­ga mit einer immer akzen­tu­ier­te­ren kri­ti­schen Posi­ti­on gegen­über dem Pon­ti­fi­kat von Papst Fran­zis­kus begrün­det wur­de. Ihnen wur­de vor­ge­wor­fen, Ihre umfas­sen­de Bil­dung und Ihre gro­ßen Fähig­kei­ten nicht in den Dienst des Nach­fol­gers Petri zu stel­len. Dabei haben Sie gera­de erst ein Buch über das Papst­tum ver­öf­fent­licht. Letzt­lich wur­de ihr Aus­schluß mit einer Unver­ein­bar­keit mit den Ziel­set­zun­gen von Radio Maria erklärt, das von den Mit­ar­bei­tern nicht nur die Aner­ken­nung des kirch­li­chen Lehr­am­tes, son­dern auch der pasto­ra­len Vor­ga­ben des Pap­stes ver­langt. Mit ande­ren Wor­ten: Liest man die Begrün­dung des Pro­gramm­di­rek­tors wört­lich, dann scheint er Sie nicht in Über­ein­stim­mung mit dem Lehr­amt der Kir­che zu hal­ten. Ihnen feh­le das „sen­ti­re cum eccle­sia“. Mit der­sel­ben Begrün­dung waren eini­ge Mona­te zuvor bereits der Jour­na­list Ales­san­dro Gnoc­chi und der inzwi­schen ver­stor­be­ne Rechts­phi­lo­soph Mario Palma­ro von Radio Maria ent­las­sen wor­den. Wie erklä­ren Sie sich die­se Maßnahmen?

Ich habe vier Jah­re bei Radio Maria mit­ge­ar­bei­tet und war aus­drück­lich von Pater Livio dazu auf­ge­for­dert wor­den. In die­ser Zeit lei­te­te ich die monat­li­che Sen­dung „Christ­li­che Wur­zeln“. Mehr als ein­mal wur­de ich des­halb zum Ziel von Angrif­fen durch welt­li­che Medi­en, hat­te aber immer die Unter­stüt­zung von Pater Livio. In mei­ner Sen­dung habe ich den Papst nie kri­ti­siert und wie sie erwäh­nen, bin ich Autor eines Buches über das Papst­tum, das den Titel Der Stell­ver­tre­ter Chri­sti trägt. Ich kann von mir sagen, daß ich der Insti­tu­ti­on des Papst­tums mei­ne vor­be­halt­lo­se Ver­eh­rung ent­ge­gen­brin­ge. Mei­ne Ent­fer­nung von Radio Maria, die mit einer angeb­li­chen Kri­tik am Papst begrün­det wur­de, ist mir nach wie vor schleierhaft.

Viel­leicht haben eini­ge Initia­ti­ven von mir, wie die Unter­schrif­ten­samm­lung zugun­sten der Fran­zis­ka­ner der Imma­ku­la­ta gewis­sen Kir­chen­krei­sen nicht gefal­len, und so haben sie von Pater Livio nach den Köp­fen von Ales­san­dro Gnoc­chi und Mario Palma­ro auch mei­nen Kopf gefor­dert, weil sie uns wohl dem neu­en Kir­chen­kurs gegen­über für zu „unab­hän­gig“ hal­ten. Ich bin hin­ge­gen der Mei­nung, daß es als getauf­te Chri­sten unse­re Pflicht ist, mit dem gebo­te­nen Respekt all unser Erstau­nen, unse­re Irri­ta­tio­nen, unse­re Zwei­fel und Fra­gen zum Aus­druck zu brin­gen, die gewis­se Ent­schei­dun­gen der kirch­li­chen Auto­ri­tät in uns her­vor­ru­fen. Der Gehor­sam hat klar fest­ge­leg­te Gren­zen und darf nie als Krie­che­rei miß­ver­stan­den wer­den. Es war gera­de Papst Fran­zis­kus, der am ver­gan­ge­nen 4. Juli in einer Pre­digt in San­ta Mar­ta sag­te, wenn es einen Per­so­nal­aus­weis für Chri­sten gäbe, dann wäre die Frei­heit mit Sicher­heit eines der ent­schei­den­den Erkennungsmerkmale.

Es ist kuri­os, fest­zu­stel­len, daß es eine Bereit­schaft gibt, jenen die sich der Tra­di­ti­on und dem­entspre­chend der Pfle­ge und Ver­tei­di­gung der triden­ti­ni­schen Mes­se ver­pflich­tet wis­sen, sofort die katho­li­sche Staats­bür­ger­schaft zu ent­zie­hen, als wären sie sub­ver­si­ve Ele­men­te, Ner­ven­sä­gen, Kon­flikt­ver­ur­sa­cher oder gar Häre­ti­ker. Für sie gibt es kei­ne Gna­de. Ein Beweis dafür sind die Fran­zis­ka­ner der Imma­ku­la­ta, einer der blü­hend­sten und auf­stei­gen­den Orden der Katho­li­schen Kir­che, die nun in Ungna­de gefal­len sind, nur weil sie ihre Spi­ri­tua­li­tät auf den Alten Ritus hin aus­rich­ten und eine kri­ti­sche Posi­ti­on zum Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil ein­neh­men woll­ten. Was den­ken Sie darüber?

Die­ses Ver­hal­ten ist ein Wesens­merk­mal für den neu­en Kurs der Kir­che nach dem Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil. Auf der einen Sei­te wird im Namen der Barm­her­zig­keit und des Dia­logs mit den fer­nen Brü­dern das Ende einer Ära der Ver­ur­tei­lun­gen gepre­digt. Gleich­zei­tig aber wird mit eiser­ner Faust gegen jene nahen Brü­der vor­ge­gan­gen, die nicht von der ewig­gül­ti­gen Tra­di­ti­on der Kir­che ablas­sen wol­len. Der Fall der Fran­zis­ka­ner der Imma­ku­la­ta stimmt nach­denk­lich. In der tra­gi­schen Nach­kon­zils­zeit lee­ren sich die Prie­ster­se­mi­na­re und Ordens­häu­ser, Klö­ster wer­den auf­ge­las­sen und zum Ver­kauf ange­bo­ten, die Beru­fun­gen bre­chen ein und den­noch wer­den kei­ne kon­kre­ten Gegen­maß­nah­men ergrif­fen. Wenn aber ein Ordens­in­sti­tut, indem es die tra­di­tio­nel­le Theo­lo­gie, Spi­ri­tua­li­tät und Lit­ur­gie pflegt, die Zahl der Ordens­ein­trit­te, der Klö­ster und Häu­ser ver­viel­facht, wird es hart geschla­gen. Die Ordens­kon­gre­ga­ti­on will die Zer­stö­rung der Fran­zis­ka­ner der Imma­ku­la­ta, weil ein Orden, der wegen sei­ner Treue zur Tra­di­ti­on blüht und gedeiht, für die Pro­gres­si­ven ein uner­träg­li­ches Ärger­nis ist.

Trotz der vie­len Erwar­tun­gen und Hoff­nun­gen, war die Zeit, die auf das Kon­zil folg­te, für die Kir­che kein „Früh­ling“, wie selbst Papst Paul VI. und eben­so sei­ne Nach­fol­ger erkann­ten, son­dern eine Zeit der Kri­se und der Schwie­rig­kei­ten. Den­noch behaup­tet die Nach­kon­zils­kir­che genau die­sen „Früh­ling“, als hand­le es sich um ein unan­tast­ba­res Dog­ma, gera­de so, als stün­de die Kir­che seit­her am Beginn einer neu­en Ära, eines neu­en Lebens. Mit ihrer Geschich­te des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils haben sie eine genaue Rekon­struk­ti­on die­ses kirch­li­chen Groß­ereig­nis­ses vor­ge­legt. Was ist, knapp aus­ge­drückt, der ent­schei­den­de Schlüs­sel zu dem, was mit dem Zwei­ten Vati­ka­num gesche­hen ist?

Mit mei­nem Buch woll­te ich nicht einen theo­lo­gi­schen Bei­trag lei­sten, son­dern einen Bei­trag als Histo­ri­ker. Ich will damit sagen, daß mich als Histo­ri­ker nicht die her­me­neu­ti­sche Debat­te über das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil inter­es­siert. Das Urteil über Kon­ti­nui­tät oder Bruch der Kon­zils­tex­te gegen­über der Tra­di­ti­on über­las­se ich den Theo­lo­gen. Wel­ches immer das Urteil über die Kon­zils­do­ku­men­te sein mag, das grund­le­gen­de Pro­blem ist nicht ihre Inter­pre­ta­ti­on, son­dern die Natur die­ses histo­ri­schen Ereig­nis­ses zu ver­ste­hen, das das 20. Jahr­hun­dert geprägt hat und unser Jahr­hun­dert noch immer prägt. Aus histo­ri­scher Sicht stellt das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil ein Gan­zes dar, das aus sei­nem Geist und sei­nen Doku­men­te besteht, das heißt, allem aus dem, was in der Kon­zil­s­au­la geschah, aber auch aus der kul­tu­rel­len und media­len Atmo­sphä­re, in der die Dis­kus­sio­nen statt­fan­den. Damit sind eben­so sei­ne Wur­zeln und sei­ne Fol­gen, sei­ne Absich­ten und sei­ne Ergeb­nis­se mit­ein­ge­schlos­sen. Das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil ist ein histo­ri­sches Ereig­nis. Das Kon­zil der Tex­te kann nicht von jenem der Geschich­te getrennt wer­den, und das Kon­zil der Geschich­te kann nicht von der Nach­kon­zils­zeit getrennt wer­den, die sei­ne Umset­zung dar­stellt. Die For­de­rung, das Kon­zil von der Nach­kon­zils­zeit zu tren­nen, ist eben­so unhalt­bar wie die For­de­rung, die Kon­zils­tex­te vom pasto­ra­len Kon­text zu tren­nen, in dem sie ent­stan­den sind.

Heu­te gibt es eine Ten­denz, aus dem Zwei­ten Vati­ka­num ein „Super­dog­ma“ zu machen. Ein Aus­druck, der vom dama­li­gen Kar­di­nal Ratz­in­ger geprägt wur­de. In Ita­li­en ist das in etwa ver­gleich­bar mit dem, was in den 70er Jah­ren rund um den Mythos des Wider­stan­des gegen Faschis­mus und Natio­nal­so­zia­lis­mus gesche­hen ist. Augu­sto Del Noce schrieb: Der Wider­stand hört auf ein Ele­ment der Geschich­te zu sein, um ein Maß­stab für die Bewer­tung der Geschich­te zu wer­den. Das, was gestern auf poli­ti­scher Ebe­ne der Wider­stand war, ist inzwi­schen das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil: Ein Ereig­nis, das nicht mehr ein Ele­ment der Kir­chen­ge­schich­te ist, son­dern zum Maß­stab für die Bewer­tung der Kir­chen­ge­schich­te wird. Wir müs­sen dar­an arbei­ten, die­sen Mythos zum Ein­sturz zu bringen.

Heu­te herrscht die Über­zeu­gung, daß man sich für katho­lisch hal­ten kann, egal was man denkt oder tut. Heu­te wird kei­ne objek­ti­ve Moral mehr wahr­ge­nom­men, kei­ne Wahr­heit, die über dem Men­schen steht, alles scheint sub­jek­tiv und rela­tiv und jeder, extrem aus­ge­drückt, scheint unter Frei­heit vor allem zu ver­ste­hen, tun und las­sen zu kön­nen, was man will. Für einen Katho­li­ken, der sei­nen Glau­ben ernst nimmt, ist es noch schwie­ri­ger gewor­den, sei­nen Glau­ben in einer tau­ben Gesell­schaft zu bezeu­gen, die einen Weg ein­ge­schla­gen hat, der jenem der Zehn Gebo­te dia­me­tral ent­ge­gen­ge­setzt ist. Wie kann man kon­kret ein Leben des christ­li­chen Zeug­nis­ses füh­ren? Was ist die Auf­ga­be, die heu­te von einem Katho­li­ken ver­langt wird?

Der fran­zö­si­sche Schrift­stel­ler Paul Bour­get been­det sei­nen Roman „Le Démon de midi“ mit dem Satz: „Man muß leben, wie man denkt, wenn man nicht damit enden will, zu den­ken, wie man lebt“. Die­ser Satz ent­hält eine tie­fe Wahr­heit. Wenn sich das Leben nicht dem Den­ken gleich­macht, gleicht sich das Den­ken dem Leben an. Um aber gut zu leben, muß man zual­ler­erst gut den­ken. Das Leben muß mit den Ideen über­ein­stim­men, aber die Ideen müs­sen ihrer­seits wie­der­um mit den gro­ßen meta­phy­si­schen und mora­li­schen Prin­zi­pi­en über­ein­stim­men, die das mensch­li­che Leben regeln. Des­halb muß man ein Mensch der Grund­sät­ze sein, weil die Welt von Grund­sät­zen getra­gen wird. Die Grund­sät­ze und Geset­ze, auf denen sich die Welt stützt, haben ihren Mit­tel­punkt und ihr Fun­da­ment in Gott als ober­stem Prin­zip und Grund für alles, was exi­stiert. Was für den ein­zel­nen Men­schen gilt, gilt eben­so für die mensch­li­che Gesell­schaft und auch für die mensch­lich-gött­li­che Gesell­schaft, die die Kir­che ist. Im Lau­fe der Geschich­te kam es vor, daß sich die Chri­sten in ihrem per­sön­li­chen Leben von der Wahr­heit und den Vor­schrif­ten der Kir­che ent­fern­ten. Das waren die Epo­chen der Deka­denz, die nach einer gründ­li­chen Reform ver­lan­gen, das heißt, nach einer Rück­kehr zur Beach­tung der Grund­sät­ze, von denen man sich ent­fernt hat. Wenn das nicht geschieht, besteht die Ver­su­chung, die unmo­ra­li­schen Ver­hal­tens­wei­sen, die der christ­li­chen Wahr­heit wider­spre­chen, ihrer­seits zu Grund­sät­zen zu erhe­ben. Die­se Ver­su­chung ist heu­te unter dem Stich­wort der „pasto­ra­len Pra­xis“ in die Kir­che ein­ge­drun­gen. In die­sem Sinn sind die jüng­sten Erklä­run­gen von Kar­di­nal Wal­ter Kas­per zur Ehe­mo­ral von Bedeu­tung. Da sich „zwi­schen der Leh­re der Kir­che zu Ehe und Fami­lie und den geleb­ten Über­zeu­gun­gen vie­ler Chri­sten ein Abgrund auf­ge­tan hat“, müs­se man laut dem Kar­di­nal die Leh­re und die Ord­nung der Kir­che an die fak­ti­sche Rea­li­tät anpas­sen, in der vie­le Chri­sten leben, ange­fan­gen bei den wie­der­ver­hei­ra­tet Geschie­de­nen. Die Grund­sät­ze haben sich dem Ver­hal­ten der Chri­sten anzu­pas­sen, nicht deren Ver­hal­ten an die Grund­sät­ze. Man muß den­ken, wie man lebt und nicht leben, wie man denkt. Das Letzt­kri­te­ri­um der Wahr­heit wird die sozio­lo­gi­sche Rea­li­tät. Die christ­li­che Leh­re löst sich in der Pra­xis auf.

Unse­re Auf­ga­be ist es hin­ge­gen, die Wahr­heit des Evan­ge­li­ums zu beken­nen und zu leben, indem wir das Gesetz Got­tes lie­ben und befol­gen. Die­ses Gesetz ist uns nicht fremd, son­dern in unser Gewis­sen ein­ge­prägt. Im Prak­ti­zie­ren und in der Ver­tei­di­gung des Got­tes- und Natur­rechts zeigt sich unse­re Lie­be zu Gott und zum Näch­sten. Nur auf die­se Wei­se ver­wirk­licht sich unser Leben vollständig.

Die Kennt­nis der Geschich­te, um die Gegen­wart zu ver­ste­hen, wird völ­lig unter­schätzt und ver­nach­läs­sigt. Damit besteht die Gefahr, alles als bare Mün­ze zu neh­men, was uns vor­ge­setzt wird, ohne den Wahr­heits­ge­halt zu über­prü­fen. Ohne sich Fra­gen zu stel­len, ohne den Wunsch das Wah­re zu suchen, ohne die Mühe der Suche besteht die Gefahr, sich blen­den zu las­sen. Man läuft Gefahr, jenen Glau­ben zu schen­ken, die uns eine Wahr­heit prä­sen­tie­ren, die nicht Wahr­heit ist. Und das auch im reli­giö­sen Bereich. Sind Sie mit die­ser Ana­ly­se einverstanden?

Die Not­wen­dig­keit, die Geschich­te zu stu­die­ren, muß vor allem von den Katho­li­ken erkannt wer­den. Das katho­li­sche Den­ken des 20. Jahr­hun­derts kennt gro­ße Theo­lo­gen, gro­ße Phi­lo­so­phen, gro­ße Mei­ster des geist­li­chen Lebens, gro­ße Moral­theo­lo­gen, aber kei­nen gro­ßen Histo­ri­ker. Groß meint die Ein­heit zwi­schen umfas­sen­den wis­sen­schaft­li­chen Lei­stun­gen aus der Ganz­heit des ortho­do­xen Glau­bens her­aus. Der Haupt­grund für die­sen Man­gel am kirch­lich-kul­tu­rel­len Hori­zont liegt, mei­nes Erach­tens, im Ver­lust des Geschichts­sinns, der das Ver­ständ­nis von den mensch­li­chen Din­gen, ihren Grün­den und ihren Fol­gen vor allem aus über­na­tür­li­cher Sicht meint. Im Mit­te­punkt der Geschich­te ste­hen, wie man zu lan­ge gemeint hat, weder die Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nis­se noch geo­po­li­ti­sche Fra­gen, son­dern die frei­en Hand­lun­gen des Men­schen unter der Füh­rung der gött­li­chen Vor­se­hung. Der katho­li­sche Histo­ri­ker weiß, daß nichts in der Geschich­te irrever­si­bel ist und vor allem, daß die Geschich­te nicht die Wer­te schafft, son­dern die­sen unter­steht und nach die­sen beur­teilt wird. Das katho­li­sche Den­ken des 20. Jahr­hun­derts hat sich statt des­sen die Hegel­sche Vor­stel­lung von der Geschich­te als „Welt­geist“ zu eigen gemacht, von einem Geist der Welt der auf dem Weg ist. Die Geschich­te geht wei­ter und die Kir­che muß die­sen Weg beglei­ten. Des­halb ist es not­wen­dig, daß sie ihre Spra­che, ihre Leh­re und ihre reli­giö­sen Prak­ti­ken der Welt anpaßt, der sie bereits 200 Jah­re hin­ter­her­hinkt. Das ist die Geschichts­vor­stel­lung, wie sie von Kar­di­nal Mar­ti­ni in sei­nem letz­ten Inter­view geäu­ßert wur­de. Die Kir­che habe einen Rück­stand von zwei Jahr­hun­der­ten gegen­über der Welt. Eine Zeit­span­ne, die genau auf das Grün­dungs­er­eig­nis der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on zurück­führt. Die Äuße­rung des Kar­di­nals ent­spricht dem typisch evo­lu­tio­ni­sti­schen Den­ken, weil es eine Geschichts­phi­lo­so­phie impli­ziert, die auf der Über­zeu­gung eines stän­di­gen sozia­len Fort­schritts beruht, der Teil einer umfas­sen­de­ren Bewe­gung zur Per­fek­tio­nie­rung des Uni­ver­sums ist.

Kom­men wir also zur Evo­lu­ti­ons­leh­re: Heu­te ist es sehr schwie­rig, dar­über zu spre­chen, da sie an den Schu­len und durch die Medi­en wie ein unan­tast­ba­res, bewie­se­nes wis­sen­schaft­li­ches Dog­ma gelehrt wird. Wo aber liegt die Wahrheit?

Die Evo­lu­ti­ons­leh­re ist genau genom­men ein Nichts. Sie ist eine Zusam­men­set­zung aus einer wis­sen­schaft­li­chen und einer phi­lo­so­phi­schen Theo­rie. Kei­ne der bei­den kann sich allei­ne hal­ten. Die bei­den Theo­rien sind auf­ein­an­der ange­wie­sen, um über­le­ben zu kön­nen und stüt­zen sich gegen­sei­tig. Die wis­sen­schaft­li­che Theo­rie grün­det auf einem phi­lo­so­phi­schen System. Die phi­lo­so­phi­sche Theo­rie grün­det ihrer­seits, um sich zu recht­fer­ti­gen, auf der angeb­lich wis­sen­schaft­li­chen Theo­rie. Die wis­sen­schaft­li­che Theo­rie prä­sen­tiert die Ent­ste­hung und Umwand­lung des Uni­ver­sums von einer Urma­te­rie zu immer kom­ple­xe­ren Struk­tu­ren bis hin zur Ent­ste­hung des Men­schen als „Tat­sa­che“. Die Natur aber zeigt uns das Gegen­teil. Die phi­lo­so­phi­sche Theo­rie, die „Idee“, nimmt in Anspruch, die Wirk­lich­keit des Uni­ver­sums als sich stän­dig wan­deln­der Mate­rie zu erklä­ren. Die Ver­nunft, nicht der Glau­ben, zeigt uns auch in die­sem Fall das genaue Gegen­teil. Da die phi­lo­so­phi­sche Theo­rie daher durch die Ver­nunft nicht bewie­sen wer­den kann, behaup­tet sie, sich auf die wis­sen­schaft­li­che Tat­sa­che zu stüt­zen, die ihrer­seits wie­der­um die phi­lo­so­phi­sche Idee vor­aus­setzt, laut der das Uni­ver­sum kei­ne ande­re Erklä­rung hat außer der Materie.

Aus wel­chem Grund aber hat eine im 19. Jahr­hun­dert ent­stan­de­ne Wis­sen­schafts­theo­rie wie der Dar­wi­nis­mus den Zusam­men­bruch der Mythen des 19. Jahr­hun­derts über­lebt? Der Grund dafür ist, mei­nes Erach­tens, ein­fach: Der zeit­ge­nös­si­sche Rela­ti­vis­mus, die Phi­lo­so­phie, laut der es kei­ne abso­lu­ten Wer­te und kei­ne ewig­gül­ti­gen Geset­ze gibt, son­dern alles stän­dig im Wan­del ist, grün­det auf dem Evo­lu­ti­ons­dog­ma, das wis­sen­schaft­li­cher oder pseu­do­wis­sen­schaft­li­cher Aus­druck des rela­ti­vi­sti­schen Mate­ria­lis­mus ist. Heu­te sind wir von der Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats zur Dik­ta­tur des Rela­ti­vis­mus über­ge­gan­gen. Wenn die Evo­lu­ti­ons­leh­re fällt, fällt auch der Rela­ti­vis­mus. Der Rela­ti­vis­mus braucht die Evo­lu­ti­ons­leh­re. Der rea­le Sozia­lis­mus ist vor mehr als 20 Jah­ren mit der Ber­li­ner Mau­er zusam­men­ge­bro­chen, aber sein dok­tri­nä­rer Kern, das ideo­lo­gi­sche Herz des Kom­mu­nis­mus, der dia­lek­ti­sche Mate­ria­lis­mus hat über­lebt und sein Namen ist heu­te Evolutionslehre.

Einleitung/Übersetzung: Giu­sep­pe Nardi
Bild: Cor­sia dei Servi

8 Kommentare

  1. „Das katho­li­sche Den­ken des 20. Jahr­hun­derts kennt gro­ße Theo­lo­gen, gro­ße Phi­lo­so­phen, gro­ße Mei­ster des geist­li­chen Lebens, gro­ße Moral­theo­lo­gen, aber kei­nen gro­ßen Histo­ri­ker. Groß meint die Ein­heit zwi­schen umfas­sen­den wis­sen­schaft­li­chen Lei­stun­gen aus der Ganz­heit des ortho­do­xen Glau­bens heraus.“
    Einen sol­chen gro­ssen, ja über­ra­gen­den Histo­ri­ker gab es durch­aus. Sein Name ist Hans Urs von Balthasar.

      • Es ist bes­ser sich mit kei­ner Zei­le mit Theo­lo­gen zu beschäf­ti­gen, wie Hans Urs von Bal­tha­sar: „die Höl­le gibt es, aber sie ist leer“ durch die Barm­her­zig­keit Got­tes, Her­bert Haag: Abschied vom Teu­fel, ein Syn­onym für die Sün­de aus dem Her­zen, Karl Rah­ner mit dem anony­men Chri­sten­tum in andern Reli­gio­nen. Es ist eine sehr schlaue Masche Satans, um mit der Barm­her­zig­keit von der Gerech­tig­keit Got­tes abzu­len­ken, den Men­schen selbst zum Ver­füh­rer und Voll­füh­rer der Sün­de zu machen und von der allei­ni­gen Heils­er­war­tung des Chri­sten­tums abzu­len­ken durch die Rela­ti­vie­rung der Wahr­heit in andern Reli­gio­nen. Dass Satan dazu noch Theo­lo­gen ver­wen­det ist äusserst schwerwiegend.

  2. Zur sog. Alten Mes­se kann man mit Sicher­heit sagen, daß sie im Unter­schied zum sog. NO dem ent­spricht, was Pra­xis von Anfang an war. Der Herr selbst hat nur den Zwöl­fer­kreis beim Letz­ten Abend­mahl gewünscht. Chri­stus hät­te auch ande­re dazu ein­la­den können.
    Die Ver­wand­lung von Brot und Wein in Fleisch und Blut Chri­sti ist ein uner­hör­tes Myste­ri­um und soll nicht vor den Augen der Gläu­bi­gen statt­fin­den. So, unter Aus­schluß der Augen der Mit­gläu­bi­gen, wur­den die hl. Geheim­nis­se von allem Anfang durch die Apo­stel gefei­ert. Es kann nicht anders gewe­sen sein.
    Dies ent­spricht auch genau dem jüdi­schen Ver­ständ­nis inso­fern, als allein der Hohe­prie­ster in das Aller­hei­lig­ste des Tem­pels ein­tre­ten durf­te. Dem­entspre­chend und in Geden­ken an das Bei­spiel des Herrn bei sei­nem letz­ten Pascha hat­ten es auch die ersten Chri­sten, die ja bekehr­te Juden waren, gehalten.

  3. Herr Rober­to de Mattei, herz­li­chen Dank für die­sen kla­ren und fun­dier­ten Bei­trag. Die­sen Arti­kel soll­ten die römi­schen Auto­ri­tä­ten ver­pflich­tend zu lesen bekommen.

  4. Gera­de heu­te von beson­de­rer Bedeu­tung: Kar­di­nal Rafa­el Mer­ry del Val – unter dem hl. Papst Pius X. Kar­di­nal­staats­se­kre­tär — über das wah­re muti­ge Han­deln eines Katholiken:

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    „Han­deln wir nie­mals, um der Welt zu gefallen.
    Haben wir den Mut, die Kri­tik, die Miss­bil­li­gung der Welt zu ertra­gen; wenn Gott zufrie­den ist, braucht uns nichts ande­res zu kümmern.

    Wir müs­sen den Mut haben, die Wahr­heit zu bezeu­gen und kei­ner Auf­ga­be auszuweichen.
    Wir müs­sen den Mut haben, dem Lächer­li­chen die Stirn zu bie­ten, denn oft besteht unse­re Auf­ga­be im Spott der Welt.
    Tut das aus Lie­be zu Unse­rem Herrn, und um Ihm nachzueifern.“
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  5. Die lan­gen Aus­füh­run­gen gip­feln mei­nes Ermes­sens in der Fest­stel­lung, dass das 2.Vatikanum eine Art Super­dog­ma sein soll. Das fin­de ich wirk­lich zutref­fend. Alles Vor­he­ri­ge soll hin­weg­ge­fegt sein.

  6. „Die­ses Ver­hal­ten ist ein Wesens­merk­mal für den neu­en Kurs der Kir­che nach dem Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil. Auf der einen Sei­te wird im Namen der Barm­her­zig­keit und des Dia­logs mit den fer­nen Brü­dern das Ende einer Ära der Ver­ur­tei­lun­gen gepre­digt. Gleich­zei­tig aber wird mit eiser­ner Faust gegen jene nahen Brü­der vor­ge­gan­gen, die nicht von der ewig­gül­ti­gen Tra­di­ti­on der Kir­che ablas­sen wollen.“
    Ja dem ist so. Dann ist die­se neue Kir­che aber der Geg­ner der alten Kirche!
    Und wenn sie der Geg­ner der alten Kir­che ist wer ist dann ihr Gott?
    Per Mari­am ad Christum.

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