Vorboten der Krise — Briefe von Ildefons Kardinal Schuster von 1945–1954

Kardinal Ildefons Schuster, Erzbischof von Mailand 1929-1954(Mai­land) Gedan­ken aus den Brie­fen von Ilde­fons Kar­di­nal Schu­ster, 1929–1954 Erz­bi­schof von Mai­land. Mit ihnen brach­te der Kar­di­nal die von ihm wahr­ge­nom­me­nen Signa­le einer Kri­se zu Papier. ((Die Aus­zü­ge ent­stam­men dem fol­gen­den Buch von Gio­van­ni Cala­b­ria: Le let­te­re (1945–1954), Erst­aus­ga­be NED, Mai­land 1989, erwei­ter­te Neu­aus­ga­be, Jaca Book, Mai­land 2000)) Einer Kri­se, die zehn Jah­re nach sei­nem Tod durch das Ven­til des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils offen aus­bre­chen soll­te.

Ich höre von ver­schie­de­ner Sei­te, daß der Herr eine Reform des Kle­rus und der reli­giö­sen Orden wünscht. Das kano­ni­sche Gewand ist da, aber unter die­sem Gewand gibt es zuwei­len wenig Geist! Die wah­re Kri­se liegt dar­in. (25. Juni 1945)

Die reli­giö­sen Orden leben von ihren histo­ri­schen Erin­ne­run­gen. Den Semi­na­ren in wei­ten Tei­len Ita­li­ens man­gelt es an wirk­li­chen Erzie­hern. Man ver­spürt den Wunsch nach umfang­rei­cher Erneue­rung, man muß aber dafür beten, daß Gott die ober­sten Len­ker des Schif­fes dies spü­ren läßt. Ohne sie, geht gar nichts. (14. Okto­ber 1945)

Lei­der steht dem Kom­mu­nis­mus ein sei­nes Inhalts weit­ge­hend ent­leer­tes Chri­sten­tum gegen­über. Ich spre­che von den Mas­sen, nicht von den Indi­vi­du­en. Der Ritus und die Cho­reo­gra­phie haben den Vor­rang vor der Glau­bens­leh­re und dem Leben nach dem Evan­ge­li­um. In erster Linie muß der Kle­rus wie­der zum Geist des Evan­ge­li­ums zurück­ge­führt wer­den, sodann die Pfar­rei, die Diö­ze­se und die Kir­che, als Gan­zes. Es braucht die Hei­li­gen. Nur sie ver­ste­hen die­se Pro­ble­me und ver­spü­ren sie. Die ande­ren nicht. (3. Sep­tem­ber 1950)

Der gro­ße Irr­tum des Jahr­hun­derts, der sich auch in die Hei­lig­tü­mer und Klö­ster ein­schleicht, ist der Natu­ra­lis­mus, der an die Stel­le des Über­na­tür­li­chen tritt. Was für eine Ver­füh­rung! Des­halb ist ein gro­ßer Teil der kirch­li­chen Bemü­hun­gen frucht­los: „Quod natum ex car­ne, caro est“. Das ist Fleisch. Lei­der vor allem in der Aus­bil­dung des jun­gen Kle­rus, die in den Semi­na­ren und Ordens­no­vi­zia­ten gepflegt wer­den soll­te, beson­ders in letz­te­ren. Vie­le Orden sind vor Gott zu unfrucht­ba­ren Bäu­men gewor­den: zu Ästen und Blät­tern ohne Früch­te für den Herrn (20. Okto­ber 1950).

Die Atmo­sphä­re Got­tes ist jene des Glau­bens, der Gna­de, des Gebets, statt­des­sen bevor­zu­gen auch die Ordens­leu­te nun eine Atmo­sphä­re der Ratio­na­li­tät, des Akti­vis­mus und der Anpas­sung an den Zeit­geist. (2. Novem­ber 1953)

Die Got­tes­mut­ter weint auch über das Hei­lig­tum und über die Klö­ster. Man räso­niert zuviel und lebt zu wenig aus dem Glau­ben. An die Stel­le des Kir­chen- und Ordens­ge­hor­sams tritt der Per­sön­lich­keits­kult. An die Stel­le der prie­ster­li­chen und christ­li­chen Abtö­tung tritt ein hedo­ni­sti­scher Geist, der ein wirk­li­cher Feind des Kreu­zes Chri­sti ist. Auch der Kle­rus säku­la­ri­siert sich im Geist. Das sind Din­ge, die mir Angst machen. (22. Febru­ar 1954)

[…] ich den­ke, daß die Hei­li­ge Kir­che eine Erneue­rung braucht, aus­ge­hend vom inne­ren Leben im Geist des Hei­li­gen Evan­ge­li­ums. Die Diplo­ma­tie, der Ritua­lis­mus, der For­ma­lis­mus ver­decken viel Lee­re, und die Welt merkt das. (15. Mai 1954)

Der Kar­di­nal nahm hell­hö­rig Signa­le von Fehl­ent­wick­lun­gen wahr,  die spä­ter durch das Ven­til des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils in Form eines omi­nö­sen „Kon­zils­gei­stes“ explo­sionar­tig zum Aus­bruch kamen.

Die sterblichen Überreste von Kardinal Schuster 1984, 30 Jahre nach seinem TodKurzer Lebenslauf von Kardinal Schuster

Inter­es­sant ist auch sein Lebens­lauf. Der Kar­di­nal wur­de als Alfred Alo­is Schu­ster 1880 in Rom gebo­ren. Sei­ne aus Tirol und Bay­ern stam­men­den Eltern waren in die Ewi­ge Stadt gezo­gen, wo sein Vater, Johann Schu­ster zunächst im Vati­kan die Schnei­de­rei der päpst­li­chen Zua­ven und dann der Schwei­zer­gar­de lei­te­te. Alfred trat in die römi­sche Bene­dik­ti­ner­ab­tei Sankt Paul vor den Mau­ern ein und erhielt den Ordens­na­men Ilde­fons. 1900 leg­te er die ewi­gen Gelüb­de ab, pro­mo­vier­te am Päpst­li­chen Kol­leg Sant’Anselmo in Phi­lo­so­phie und wur­de 1904 zum Prie­ster geweiht.

Zunächst Gene­ral­pro­ku­ra­tor der Cas­si­nen­si­schen Kon­gre­ga­ti­on und Pri­or sei­nes Klo­sters, wur­de Schu­ster 1918 Abt von Sankt Paul vor den Mau­ern. 1929 ernann­te ihn Papst Pius XI. zum Erz­bi­schof von Mai­land. Im sel­ben Jahr erfolg­te auch sei­ne Erhe­bung in den Kar­di­nals­stand. 1952/1953 wur­de er kurz vor sei­nem Tod von Papst Pius XII. zum ersten Vor­sit­zen­den der ita­lie­ni­schen Bischofs­kon­fe­renz ernannt.

Kar­di­nal Schu­ster war ein För­de­rer der Neu­scho­la­stik und der fei­er­li­chen und wür­di­gen Zele­bra­ti­on der Hei­li­gen Lit­ur­gie. Zu sei­nem Vor­bild nahm er sich sei­nen Vor­gän­ger als Erz­bi­schof von Mai­land, den Hei­li­gen Karl Bor­ro­mä­us. In der zwei­ten Hälf­te der 20er Jah­re gehör­te er dem Prie­ster­werk Amici Isra­el an und wand­te sich gegen einen ras­si­sti­schen Anti­se­mi­tis­mus. 1938 ver­ur­teil­te er die faschi­sti­schen Ras­sen­ge­set­ze, die den Nürn­ber­ger Geset­zen folg­ten mit den Wor­ten: „eine nicht gerin­ge­re inter­na­tio­na­le Gefahr als der Bol­sche­wis­mus ist der soge­nann­te Ras­sis­mus“.

Bei Kriegs­en­de bemüh­te er sich um Ver­mitt­lung zwi­schen Beni­to Mus­so­li­ni und den anti­fa­schi­sti­schen Par­ti­sa­nen, um die Kampf­hand­lun­gen zu been­den. Er bot Mus­so­li­ni bis zur Über­ga­be an die Alli­ier­ten den Schutz sei­ner Resi­denz an. Mus­so­li­ni zog jedoch einen Flucht­ver­such vor und wur­de dabei von kom­mu­ni­sti­schen Par­ti­sa­nen gefan­gen und hin­ge­rich­tet.

Die Lei­che Mus­so­li­nis und sei­ner Gelieb­ten wur­den von den Par­ti­sa­nen ent­setz­lich ent­stellt und an der Piaz­za Lore­to in Mai­land auf­ge­hängt. Kar­di­nal Schu­ster teil­te den neu­en Macht­ha­bern des Befrei­ungs­ko­mi­tees mit, soll­ten die Lei­chen nicht abge­nom­men und ord­nungs­ge­mäß bestat­tet wer­den, wer­de er per­sön­lich in vol­lem Ornat hin­ge­hen, die Lei­chen abneh­men und ein­seg­nen, „weil man vor jeder Lei­che Respekt haben muß“. Das­sel­be hat­te der Kar­di­nal bereits 1944 gegen­über dem deut­schen Bot­schaf­ter ange­droht, als von deut­schen Besat­zungs­trup­pen fünf­zehn Par­ti­sa­nen auf dem­sel­ben Platz auf­ge­hängt und zur Abschreckung hän­gen­ge­las­sen wur­den.

Im Zuge des Selig­spre­chungs­ver­fah­rens wur­de am 28. Janu­ar 1985 das Grab Kar­di­nal Schu­ster geöff­net und sein Leich­nam unver­sehrt vor­ge­fun­den. Am 12. Mai 1996 erfolg­te durch Papst Johan­nes Paul II. die Selig­spre­chung des deutsch­stäm­mi­gen Erz­bi­schofs von Mai­land.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Liturgia/Missa Triden­ti­na Por­tu­gal

3 Kommentare

  1. Ein herz­li­ches Ver­gelts Gott Han­na Jüng­ling. Sei­en Sie nur ganz getrost, Ihr Wunsch ist erfüllt, ja es gibt sie noch, die mit Ihnen zie­hen, Män­ner und Frau­en, Ordens­leu­te und Prie­ster die noch gläu­big sind, die immer mehr ver­schmel­zen mit IHM und dadurch in ihren Her­zen sin­gen: Magni­fi­cat ani­ma mea Domi­num. Die alle neh­men Anteil an Ihrem gos­sen Schmerz und Ihrer gro­ssen Lie­be zur Braut des gro­ßen Königs.
    Der Bräu­ti­gam Ihrer See­le seg­ne Sie.

  2. Zur glei­chen Zeit hat auch Papst Pius XII. im Jah­re 1949 ein in einer ein­drück­li­chen Mahn­re­de auf dem Peters­platz vor den Gefah­ren der kirch­li­chen Ver­beu­gung vor dem Geist der Welt gewarnt:
    -

    „Wollt ihr eine Kir­che, die schweigt,
    wo sie spre­chen müss­te,
    eine Kir­che, wel­che das Got­tes­ge­setz abschwächt,
    es an den Geschmack des mensch­li­chen Wil­lens anpas­sen will,
    wenn sie ver­pflich­tet ist, es mit lau­ter Stim­me zu pro­kla­mie­ren,
    eine Kir­che, wel­che sich ent­fernt vom uner­schüt­ter­li­chen Fun­da­ment,
    auf wel­ches Chri­stus sie begrün­det hat,
    um sie bequem dem unbe­stän­di­gen Stand der Tages­mei­nung anzu­pas­sen
    oder sie der gera­de gül­ti­gen Mei­nung preis­zu­ge­ben
    [.…]
    Gelieb­te Söh­ne und Töch­ter!
    Geist­li­che Erben einer unge­zähl­ten Legi­on von Beken­nern und Mär­ty­rern!
    Ist dies eine Kir­che, die ihr ver­ehrt und liebt?
    Wür­det ihr in einer sol­chen Kir­che die Lini­en des Ange­sich­tes eurer Mut­ter erken­nen?
    Wür­det ihr euch einen Nach­fol­ger des ersten Petrus vor­stel­len kön­nen, der sich sol­chen Ansprü­chen beu­gen wür­de?“
    -

  3. „1985 wur­de das Grab Kar­di­nal Schu­sters geöff­net und sein Leich­nam unver­sehrt vor­ge­fun­den.“
    Schein­bar ein Neben­satz, aber was bedeu­tet das? Hier wur­de ein Natur­ge­setz (Ver­we­sung) auf­ge­ho­ben, also ein Wun­der — und kei­ner küm­mert sich dar­um? In einer Zeit in der Klei­nig­kei­ten zu rie­si­gen Medi­en­phä­no­me­nen auf­ge­bauscht wer­den?

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