Eine evangelisierende Kirche muss immer beim Gebet beginnen, beim Bitten um das Feuer des Heiligen Geistes

Lie­be Brü­der und Schwe­stern, guten Tag!

Im Cre­do spre­chen wir, gleich nach­dem wir den Glau­ben an den Hei­li­gen Geist bekannt haben: Ich glau­be »an die eine, hei­li­ge, katho­li­sche und apo­sto­li­sche Kir­che«. Es besteht eine enge Ver­bin­dung zwi­schen die­sen bei­den Wirk­lich­kei­ten des Glau­bens: Denn der Hei­li­ge Geist macht die Kir­che leben­dig, lei­tet ihre Schrit­te. Ohne die Gegen­wart und das unab­läs­si­ge Wir­ken des Hei­li­gen Gei­stes könn­te die Kir­che nicht leben und nicht die Auf­ga­be erfül­len, die der auf­er­stan­de­ne Jesus ihr anver­traut hat: zu allen Völ­kern zu gehen und alle Men­schen zu sei­nen Jün­gern zu machen (vgl. Mt 28,19). Evan­ge­li­sie­ren ist die Sen­dung der Kir­che, nicht nur eini­ger Men­schen, son­dern mei­ne, dei­ne, unse­re Sen­dung. Der Apo­stel Pau­lus rief aus: »Weh mir, wenn ich das Evan­ge­li­um nicht ver­kün­de!« (1 Kor 9,16). Jeder muss Evan­ge­li­sie­rer sein, vor allem mit dem Leben! Paul VI. hob her­vor: »Evan­ge­li­sie­ren ist … die Gna­de und eigent­li­che Beru­fung der Kir­che, ihre tief­ste Iden­ti­tät. Sie ist da, um zu evan­ge­li­sie­ren« (Apo­sto­li­sches Schrei­ben Evan­ge­lii nun­ti­an­di, 14).

Wer ist die wah­re Trieb­kraft der Evan­ge­li­sie­rung in unse­rem Leben und in der Kir­che? Paul VI. schrieb ganz deut­lich: Er, der Hei­li­ge Geist, »ist der­je­ni­ge, der heu­te wie in den Anfän­gen der Kir­che in all jenen am Werk ist, die das Evan­ge­li­um ver­kün­den und sich von ihm ergrei­fen und füh­ren las­sen; er legt ihnen Wor­te in den Mund, die sie allein nie­mals fin­den könn­ten, und berei­tet zugleich die See­le des Hörers auf den Emp­fang der Froh­bot­schaft und der Ver­kün­di­gung des Got­tes­rei­ches vor« (ebd., 75). Um zu evan­ge­li­sie­ren ist es also wie­der­um not­wen­dig, sich dem Hori­zont des Gei­stes Got­tes zu öff­nen, ohne Angst zu haben vor dem, wor­um er uns bit­ten und wohin er uns füh­ren mag. Ver­trau­en wir uns ihm an! Er wird uns befä­hi­gen, unse­ren Glau­ben zu leben und zu bezeu­gen, und er wird das Herz derer erleuch­ten, denen wir begeg­nen. Das war die Erfah­rung von Pfing­sten: Den Apo­steln, die zusam­men mit Maria im Abend­mahls­saal ver­eint waren, »erschie­nen … Zun­gen wie von Feu­er, die sich ver­teil­ten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nie­der. Alle wur­den mit dem Hei­li­gen Geist erfüllt und began­nen, in frem­den Spra­chen zu reden, wie es der Geist ihnen ein­gab« (Apg 2,3–4). Als der Hei­li­ge Geist auf die Apo­stel her­ab­kommt, lässt er sie her­aus­ge­hen aus dem Raum, in dem sie sich aus Furcht ein­ge­schlos­sen hat­ten, er lässt sie aus sich selbst her­aus­ge­hen, und er ver­wan­delt sie in Ver­kün­di­ger und Zeu­gen von »Got­tes gro­ßen Taten« (V. 11). Und die­se vom Hei­li­gen Geist gewirk­te Ver­wand­lung spie­gelt sich in der Men­ge wider, die »aus allen Völ­kern unter dem Him­mel« (V. 5) zusam­men­ge­strömt ist, damit jeder die Wor­te der Apo­stel hört, als sei­en sie in der eige­nen Spra­che gespro­chen wor­den (vgl. V. 6).

Hier haben wir eine erste wich­ti­ge Wir­kung des Han­delns des Hei­li­gen Gei­stes, der die Ver­kün­di­gung des Evan­ge­li­ums lei­tet und beseelt: die Ein­heit, die Gemein­schaft. In Babel hat­te, dem bibli­schen Bericht zufol­ge, die Zer­streu­ung der Völ­ker und die Ver­wir­rung der Spra­chen begon­nen, Frucht der Geste des Hoch­muts und des Stol­zes des Men­schen, der nur aus eige­nen Kräf­ten und ohne Gott »eine Stadt und einen Turm mit einer Spit­ze bis zum Him­mel« bau­en woll­te (Gen 11,4). An Pfing­sten wer­den die­se Spal­tun­gen über­wun­den. Es gibt kei­nen Hoch­mut gegen­über Gott mehr, und auch nicht die Ver­schlos­sen­heit der einen gegen­über den ande­ren, son­dern es gibt die Öff­nung für Gott, es gibt das Her­aus­ge­hen, um sein Wort zu ver­kün­di­gen: eine neue Spra­che, die Spra­che der Lie­be, die der Hei­li­ge Geist in die Her­zen aus­gießt (vgl. Röm 5,5); eine Spra­che, die alle ver­ste­hen kön­nen, und die, wenn sie ange­nom­men wird, in jedem Leben und in jeder Kul­tur zum Aus­druck gebracht wer­den kann. Die Spra­che des Gei­stes, die Spra­che des Evan­ge­li­ums ist die Spra­che der Gemein­schaft, die dazu ein­lädt, Ver­schlos­sen­heit und Gleich­gül­tig­keit, Spal­tun­gen und Gegen­sät­ze zu über­win­den. Wir alle soll­ten uns fra­gen: Wie las­se ich mich vom Hei­li­gen Geist füh­ren, so dass mein Leben und mein Glau­bens­zeug­nis Ein­heit und Gemein­schaft zum Aus­druck bringt? Brin­ge ich das Wort der Ver­söh­nung und der Lie­be, die das Evan­ge­li­um ist, in das Umfeld, in dem ich lebe? Manch­mal scheint sich heu­te das zu wie­der­ho­len, was in Babel gesche­hen ist: Spal­tun­gen, Unfä­hig­keit, ein­an­der zu ver­ste­hen, Kon­kur­renz­den­ken, Neid, Ego­is­mus. Was tue ich mit mei­nem Leben? Schaf­fe ich Ein­heit um mich her­um? Oder spal­te ich, durch Geschwätz, Kri­tik, Neid? Was tue ich? Den­ken wir dar­über nach. Das Evan­ge­li­um brin­gen bedeu­tet, dass wir als Erste die Ver­söh­nung, die Ver­ge­bung, den Frie­den, die Ein­heit und die Lie­be leben, die der Hei­li­ge Geist uns schenkt. Erin­nern wir uns an die Wor­te Jesu: »Dar­an wer­den alle erken­nen, dass ihr mei­ne Jün­ger seid: wenn ihr ein­an­der liebt« (Joh 13,35).

Ein zwei­tes Ele­ment: Am Pfingst­tag tritt Petrus auf »zusam­men mit den Elf«, er erhebt »sei­ne Stim­me« (Apg 2,14) und ver­kün­digt »frei­mü­tig« (V. 29) die gute Nach­richt von Jesus, der sein Leben hin­ge­ge­ben hat für unser Heil und den Gott von den Toten auf­er­weckt hat. Das ist eine wei­te­re Wir­kung des Gei­stes­han­delns: der Mut, allen mit Frei­mut (»par­r­he­sia«) die Neu­heit des Evan­ge­li­ums Jesu zu ver­kün­di­gen, mit lau­ter Stim­me, zu jeder Zeit und an jedem Ort. Und das geschieht auch heu­te für die Kir­che und für jeden von uns: Das Feu­er von Pfing­sten, das Wir­ken des Hei­li­gen Gei­stes setzt immer neue Kräf­te für die Mis­si­on frei, neue Wege zur Ver­kün­di­gung der Heils­bot­schaft, neu­en Mut zum Evan­ge­li­sie­ren. Ver­schlie­ßen wir uns nie die­sem Wir­ken! Leben wir das Evan­ge­li­um mit Demut und Mut. Bezeu­gen wir die Neu­heit, die Hoff­nung, die Freu­de, die der Herr ins Leben bringt. Spü­ren wir in uns »die inne­re und tröst­li­che Freu­de der Ver­kün­di­gung des Evan­ge­li­ums« (Paul VI., Apo­sto­li­sches Schrei­ben Evan­ge­lii nun­ti­an­di, 80). Denn Evan­ge­li­sie­ren, Jesus ver­kün­di­gen schenkt uns Freu­de; der Ego­is­mus hin­ge­gen bewirkt Bit­ter­keit, Trau­rig­keit, er drückt uns nie­der; Evan­ge­li­sie­ren rich­tet uns auf.

Ich erwäh­ne nur kurz ein drit­tes Ele­ment, das jedoch beson­ders wich­tig ist: Eine Neue­van­ge­li­sie­rung, eine evan­ge­li­sie­ren­de Kir­che muss immer beim Gebet begin­nen, beim Bit­ten um das Feu­er des Hei­li­gen Gei­stes, so wie es die Apo­stel im Abend­mahls­saal getan haben. Nur die treue und tie­fe Bezie­hung zu Gott gestat­tet es, aus der eige­nen Ver­schlos­sen­heit her­aus­zu­kom­men und das Evan­ge­li­um mit Frei­mut zu ver­kün­di­gen. Ohne das Gebet wird unser Han­deln leer und hat unser Ver­kün­di­gen kei­ne See­le, ist es nicht vom Geist beseelt.

Lie­be Freun­de, wie Bene­dikt XVI. gesagt hat, spürt die Kir­che heu­te »in erster Linie das Wehen des Hei­li­gen Gei­stes, der uns hilft und uns den rech­ten Weg weist; und so sind wir […] mit neu­em Enthu­si­as­mus auf dem Weg und dan­ken dem Herrn« (Gruß­wor­te an die Ordent­li­che Ver­samm­lung der Bischofs­syn­ode, 27. Okto­ber 2012; in O.R. dt., Nr. 45, 9.11.2012, S. 17). Wir wol­len jeden Tag das Ver­trau­en in das Wir­ken des Hei­li­gen Gei­stes erneu­ern, das Ver­trau­en, dass er in uns wirkt, dass er in uns ist, uns den apo­sto­li­schen Eifer schenkt, uns den Frie­den schenkt, uns die Freu­de schenkt. Las­sen wir uns von ihm lei­ten, sei­en wir Män­ner und Frau­en des Gebets, die mutig das Evan­ge­li­um bezeu­gen, indem wir in unse­rer Welt zu Werk­zeu­gen der Ein­heit und der Gemein­schaft mit Gott wer­den. Dan­ke.

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Ein herz­li­ches Will­kom­men sage ich allen Brü­dern und Schwe­stern deut­scher Spra­che. Der Hei­li­ge Geist ist in der Kir­che am Werk; in ihm führt sie Chri­sti Heils­werk heu­te fort. Tag für Tag wol­len wir uns unser Ver­trau­en in sein Wir­ken erneu­ern. Las­sen wir uns vom Hei­li­gen Geist lei­ten, sei­en wir Män­ner und Frau­en des Gebets, die mutig das Evan­ge­li­um ver­kün­den. So wer­den wir in unse­rer Welt zu Werk­zeu­gen der Ein­heit und der Gemein­schaft mit Gott. Von Her­zen seg­ne ich euch alle.