Die Zeit des Wartens auf die Ankunft des Herrn ist eine Zeit des Wachens, die nach dem Willen Gottes gelebt werden muss, denn wir wissen weder den Tag noch die Stunde

Lie­be Brü­der und Schwe­stern, guten Tag!

Im Cre­do beken­nen wir: Jesus »wird wie­der­kom­men in Herr­lich­keit, zu rich­ten die Leben­den und die Toten«. Die mensch­li­che Geschich­te beginnt mit der Schöp­fung von Mann und Frau als Abbild Got­tes, ihm ähn­lich, und schließt mit dem Jüng­sten Gericht Chri­sti. Oft wer­den die­se bei­den Pole der Geschich­te ver­ges­sen, und vor allem der Glau­be an die Wie­der­kunft Chri­sti und an das Jüng­ste Gericht ist im Her­zen der Chri­sten manch­mal nicht so fest und klar. Wäh­rend sei­nes öffent­li­chen Wir­kens hat Jesus oft über die Wirk­lich­keit sei­nes end­gül­ti­gen Kom­mens gespro­chen. Heu­te möch­te ich über drei Abschnit­te aus dem Evan­ge­li­um nach­den­ken, die uns hel­fen, in die­ses Geheim­nis ein­zu­tre­ten: die zehn Jung­frau­en, die Talen­te und das Jüng­ste Gericht. Alle drei Tex­te gehö­ren zur Rede Jesu über die End­zeit im Evan­ge­li­um des hl. Mat­thä­us.

Zunächst erin­nern wir uns, dass der Sohn Got­tes durch die Him­mel­fahrt unse­re von ihm ange­nom­me­ne Men­schen­na­tur zum Vater gebracht hat und alle zu sich zie­hen will, die gan­ze Welt auf­ru­fen will, sich in die offe­nen Arme Got­tes auf­neh­men zu las­sen, damit am Ende der Geschich­te die gan­ze Wirk­lich­keit dem Vater über­ge­ben wird. Es gibt jedoch die­se »augen­blick­li­che Zeit« zwi­schen dem ersten und dem end­gül­ti­gen Kom­men Chri­sti – die Zeit, in der wir leben. Im Kon­text die­ser »augen­blick­li­chen Zeit« steht das Gleich­nis von den zehn Jung­frau­en (vgl. Mt 25,1–13). Es han­delt sich um zehn Mäd­chen, die auf die Ankunft des Bräu­ti­gams war­ten, aber die­ser kommt lan­ge nicht, und sie schla­fen ein. Als plötz­lich ange­kün­digt wird, dass der Bräu­ti­gam kommt, berei­ten alle sich dar­auf vor, ihn zu emp­fan­gen. Wäh­rend aber fünf von ihnen, die klu­gen, Öl haben, um ihre Lam­pen zu fül­len, blei­ben die ande­ren, die törich­ten, mit erlo­sche­nen Lam­pen zurück, weil sie kein Öl haben; und wäh­rend sie danach suchen, kommt der Bräu­ti­gam, und die törich­ten Jung­frau­en fin­den die Tür zum Hoch­zeits­fest ver­schlos­sen. Sie klop­fen instän­dig, aber es ist bereits zu spät, der Bräu­ti­gam ant­wor­tet: Ich ken­ne euch nicht. Der Bräu­ti­gam ist der Herr, und die Zeit des War­tens auf sei­ne Ankunft ist die Zeit, die er uns, uns allen, mit Barm­her­zig­keit und Geduld vor sei­nem end­gül­ti­gen Kom­men schenkt. Es ist eine Zeit des Wachens, eine Zeit, in der wir die Lam­pen des Glau­bens, der Hoff­nung und der Lie­be am Bren­nen hal­ten müs­sen, in der wir das Herz offen hal­ten müs­sen für das Gute, die Schön­heit und die Wahr­heit; eine Zeit, die nach dem Wil­len Got­tes gelebt wer­den muss, denn wir wis­sen weder den Tag noch die Stun­de der Wie­der­kunft Chri­sti. An uns ist es, für die Begeg­nung bereit zu sein – bereit zu sein für eine Begeg­nung, eine schö­ne Begeg­nung, die Begeg­nung mit Jesus –, das heißt die Zei­chen sei­ner Gegen­wart sehen zu kön­nen, unse­ren Glau­ben leben­dig zu erhal­ten, durch das Gebet, durch die Sakra­men­te, wach­sam zu sein, um nicht ein­zu­schla­fen, um Gott nicht zu ver­ges­sen. Das Leben der schla­fen­den Chri­sten ist ein trau­ri­ges Leben; es ist kein glück­li­ches Leben. Der Christ muss glück­lich sein, die Freu­de Jesu. Schla­fen wir nicht ein!

Das zwei­te Gleich­nis, das von den Talen­ten, lässt uns nach­den­ken über die Bezie­hung zwi­schen unse­rem Ein­satz der Gaben, die wir von Gott erhal­ten haben, und sei­ner Wie­der­kunft, bei der er uns fra­gen wird, wie wir sie gebraucht haben (vgl. Mt 25,14–30). Wir ken­nen das Gleich­nis gut: Vor sei­ner Abrei­se gibt der Herr jedem Die­ner eini­ge Talen­te, um sie wäh­rend sei­ner Abwe­sen­heit gut zu gebrau­chen. Dem ersten gibt er fünf, dem zwei­ten zwei und dem drit­ten eines. Wäh­rend sei­ner Abwe­sen­heit ver­viel­fa­chen die ersten bei­den Die­ner ihre Talen­te – das sind anti­ke Mün­zen –, wäh­rend der drit­te sein Talent lie­ber ver­gräbt, um es dem Herrn unver­sehrt zurück­zu­ge­ben. Nach sei­ner Rück­kehr rich­tet der Herr über ihr Tun: Er lobt die ersten bei­den, wäh­rend der drit­te hin­aus­ge­wor­fen wird in die Fin­ster­nis, weil er das Talent aus Angst ver­bor­gen gehal­ten und sich in sich selbst ver­schlos­sen hat. Ein Christ, der sich in sich selbst ver­schließt, der all das ver­steckt, was der Herr ihm gege­ben hat, ist ein Chri­sti… ist kein Christ! Er ist ein Christ, der Gott nicht für all das dankt, was er ihm geschenkt hat! Das sagt uns, dass das War­ten auf die Wie­der­kunft des Herrn die Zeit des Han­delns ist – wir sind in der Zeit des Han­delns –, die Zeit, in der wir die Gaben Got­tes Frucht brin­gen las­sen sol­len, nicht für uns selbst, son­dern für ihn, für die Kir­che, für die Mit­men­schen, die Zeit, in der wir stets danach stre­ben müs­sen, das Gute in der Welt wach­sen zu las­sen. Und ins­be­son­de­re in die­ser Zeit der Kri­se heu­te ist es wich­tig, sich nicht in sich selbst zu ver­schlie­ßen und das eige­ne Talent, den eige­nen geist­li­chen, intel­lek­tu­el­len, mate­ri­el­len Reich­tum – all das, was Gott uns geschenkt hat – zu ver­gra­ben, son­dern sich zu öff­nen, soli­da­risch zu sein, auf den Mit­men­schen zu ach­ten.

Ich habe gese­hen, dass auf dem Platz vie­le Jugend­li­che sind: Stimmt das? Sind vie­le Jugend­li­che hier? Wo sind sie? Euch, die ihr am Beginn des Lebens­we­ges steht, fra­ge ich: Habt ihr über die Talen­te nach­ge­dacht, die Gott euch gege­ben hat? Habt ihr dar­über nach­ge­dacht, wie ihr sie in den Dienst der ande­ren stel­len könnt? Ver­grabt die Talen­te nicht! Setzt auf die gro­ßen Idea­le, auf jene Idea­le, die das Herz weit wer­den las­sen, die Idea­le des Dien­stes, die eure Talen­te frucht­bar machen wer­den. Das Leben ist uns nicht geschenkt wor­den, damit wir es eifer­süch­tig für uns selbst bewah­ren, son­dern es ist uns geschenkt wor­den, damit wir es hin­ge­ben. Lie­be Jugend­li­che, habt ein gro­ßes Herz! Habt kei­ne Angst, von gro­ßen Din­gen zu träu­men!

Abschlie­ßend ein Wort zum Abschnitt über das Jüng­ste Gericht, in dem das zwei­te Kom­men des Herrn beschrie­ben wird, wenn er alle Men­schen, die Leben­den und die Toten, rich­ten wird (vgl. Mt 25,31–46). Das Bild, das der Evan­ge­list gebraucht, ist das des Hir­ten, der die Scha­fe von den Böcken schei­det. Zur Rech­ten wer­den jene ver­sam­melt, die nach dem Wil­len Got­tes gehan­delt haben und ihrem hung­ri­gen, dur­sti­gen, frem­den, nack­ten, kran­ken, gefan­ge­nen Näch­sten zu Hil­fe gekom­men sind – ich habe »fremd« gesagt und den­ke an die vie­len Frem­den, die hier in der Diö­ze­se Rom sind: Was tun wir für sie? –, wäh­rend zur Lin­ken jene ver­sam­melt wer­den, die dem Näch­sten nicht zu Hil­fe gekom­men sind. Das sagt uns, dass Gott uns nach der Lie­be rich­ten wird, danach, wie sehr wir ihn in unse­ren Brü­dern geliebt haben, vor allem den Schwa­chen und Not­lei­den­den. Sicher, wir müs­sen uns stets bewusst sein, dass wir gerecht­fer­tigt sind, dass wir aus Gna­de geret­tet sind, durch einen unent­gelt­li­chen Akt der Lie­be Got­tes, der uns stets zuvor­kommt; aus uns selbst kön­nen wir nichts tun.

Der Glau­be ist vor allem ein Geschenk, das wir emp­fan­gen haben. Aber um Früch­te zu tra­gen, erfor­dert die Gna­de Got­tes immer unse­re Offen­heit gegen­über Gott, unse­re freie und kon­kre­te Ant­wort. Chri­stus kommt, um uns die ret­ten­de Barm­her­zig­keit Got­tes zu brin­gen. An uns ist es, uns ihm anzu­ver­trau­en, dem Geschenk sei­ner Lie­be mit einem guten Leben zu ent­spre­chen, in dem unser Han­deln vom Glau­ben und von der Lie­be beseelt ist.

Lie­be Brü­der und Schwe­stern, der Blick auf das Jüng­ste Gericht darf uns kei­ne Angst machen. Viel­mehr soll­te er uns anspor­nen, die Gegen­wart bes­ser zu leben. Mit Barm­her­zig­keit und Geduld schenkt Gott uns die­se Zeit, damit wir täg­lich ler­nen, ihn in den Armen und Gerin­gen zu erken­nen, damit wir uns für das Gute ein­set­zen und wach­sam sind im Gebet und in der Lie­be. Möge der Herr uns am Ende unse­res Lebens und der Geschich­te als gute und treue Die­ner erken­nen. Dan­ke.
Gruß­wor­te:

Einen herz­li­chen Gruß rich­te ich an alle Pil­ger deut­scher Spra­che, ins­be­son­de­re an die Kna­ben­kan­to­rei Basel. Chri­stus hat uns allen, ja wirk­lich jedem ein­zel­nen, wert­vol­le Talen­te geschenkt und zählt dar­auf, dass wir mit ihnen arbei­ten. Vor allem euch Jugend­li­che, die ihr so zahl­reich anwe­send seid, möch­te ich ermu­ti­gen, eure Talen­te nicht zu ver­gra­ben, son­dern zu über­le­gen, wie ihr am Auf­bau des Rei­ches Chri­sti mit­wir­ken könnt. Die Kir­che braucht euch. Gott seg­ne euch alle.