Änderung des Textes zur Inbesitznahme der Kathedra des Bischofs von Rom — Mit Folgen?

Christus übergibt Petrus die Schlüssel zum Himmelreich nicht den Aposteln(Rom) Papst Franz­i­kus ergriff gestern Besitz von sei­ner Diö­ze­se Rom. Die fei­er­li­che Zere­mo­nie voll­zog sich in der Late­ran­ba­si­li­ka, der Kathe­dra­le des Bis­tums, in dem sich der Bischofs­stuhl befin­det. Der anti­ke Ritus wur­de dabei uner­war­tet mit neu­en Wor­ten zelebriert.

Die jüng­ste Rechts­grund­la­ge des Ritus ist in Uni­ver­si Domi­ni­ci Gre­gis von Johan­nes Paul II. über die Wahl des Pap­stes vor­ge­se­hen. Bene­dikt XVI. brach­te die Inbe­sitz­nah­me der Kathe­dra des Bischofs von Rom in eine lit­ur­gisch har­mo­ni­sche­re Form. Papst Fran­zis­kus füg­te nun sei­ner­seits eine nicht unwe­sent­li­che Neue­rung ein. Die fei­er­li­chen Wor­te aus der älte­sten patri­stisch-lit­ur­gi­schen Tra­di­ti­on, mit denen der Kar­di­nal­vi­kar den neu­en Bischof von Rom grüßt, unmit­tel­bar bevor die­ser auf dem bedeu­tend­sten Bischofs­stuhl der Welt Platz nimmt, wur­den völ­lig neugestaltet.

Statt patristisch-liturgischem Text eine Neuschöpfung mit Folgen

Der Kar­di­nal­vi­kar sag­te zum neu­en Papst: „Wie der Win­zer, der von oben den Wein­berg über­wacht, bist du in erhöh­ter Posi­ti­on gesetzt, um das Dir anver­trau­te Volk zu regie­ren und zu behüten.“

Gestern hin­ge­gen muß­te Kar­di­nal­vi­kar Agosti­no Val­li­ni einen neu­en Text vor­le­sen, daß der Papst von die­sem „erwähl­ten Ort in der Lie­be allen Kir­chen vor­steht und mit ent­schlos­se­ner Sanft­heit alle auf den Wegen der Hei­lig­keit führt“.

„Liebesprimat“ der Orthodoxen, aber auch jener, die Papsttum schwächen wollen

Die For­mu­lie­rung macht sich den „Lie­bes­pri­mat“ zu eigen, wie ihn die ortho­do­xe Kir­che kennt, den aller­dings seit Jahr­zehn­ten in der katho­li­schen Kir­che auch jene im Mund füh­ren, die das Papst­tum schwä­chen wol­len. Es fal­len zwei Pura­le auf: „Kir­chen“ und „Wege der Hei­lig­keit“. „Wor­te, aus denen das Echo neu­er Wege zu hören ist“, wie der Vati­ka­nist Pao­lo Roda­ri anmerk­te. Unüber­hör­bar ist die Ent­schlos­sen­heit von Papst Fran­zis­kus, das Papstum neu zu defi­nie­ren und zwar in zwei­fa­cher Hin­sicht. Ein­mal, indem er ein­mal mehr beton­te, daß es wohl einen Pri­mat des Pap­stes gibt, daß es aber ein Pri­mat der Lie­be ist. Zum ande­ren die kla­re Absicht, die Lei­tung der Kir­che, des­sen ver­ti­ka­le Spit­ze er ist, hori­zon­tal zu erwei­tern. Die Ver­ti­ka­li­tät der Kir­che soll durch eine Hori­zon­ta­li­tät ergänzt werden.

Die­se Neu­de­fi­ni­ti­on der Ekkle­sio­lo­gie ist der bis­her deut­lich­ste Punkt des Regie­rungs­pro­gram­mes von Papst Fran­zis­kus. Er bestä­tigt die Hoff­nun­gen jener Krei­se in der Kir­che, die die hier­ar­chi­sche Glie­de­rung der Kir­che in einer demo­kra­ti­schen Gesell­schaft nur schwer ertra­gen  und ihre inne­re Unru­he durch stän­di­ge Struk­tur­ver­än­de­run­gen zu beru­hi­gen ver­su­chen, und bestä­tigt die Befürch­tun­gen tra­di­ti­ons­ver­bun­de­ner Krei­se, die genau die „ewi­ge“ Neue­rungs­sucht satt haben.

Wie weit will Papst Franziskus beim Kollegialitätsvorrang gehen?

Papst Fran­zis­kus, der seit sei­nem ersten Erschei­nen auf der Log­gia des Peters­doms von sich sel­ber lie­ber als Bischof von Rom denn als Papst spricht, beruft sich auf Ire­nä­us von Lyon und Igna­ti­us von Antio­chi­en. Es gibt Stim­men, daß Papst Fran­zis­kus vor oder im Kon­kla­ve den ent­schei­den­den Papst­ma­chern Soda­no und Kas­per eine Zusa­ge gege­ben habe, das Papst­tum von einem Lei­tungs­pri­mat in einen Lie­bes­pri­mat umzu­bau­en. Er wür­de damit jener epi­sko­pa­len The­se fol­gen, die den exklu­si­ven Lei­tungs­auf­trag an Petrus ver­dun­keln und in einen all­ge­mei­nen und gleich­be­rech­tig­ten Auf­trag an alle Zwölf Apo­stel umin­ter­pre­tie­ren wol­len. Noch nicht abseh­bar ist, wie­weit Papst Fran­zis­kus den Vor­rang der Kol­le­gia­li­tät vor dem Petrus-Auf­trag umzu­set­zen gedenkt.

Johan­nes Paul II. und Bene­dikt XVI. hat­ten die Fra­ge der Kol­le­gia­li­tät aner­kannt. Dies schien aber mehr dem Druck der Epi­sko­pa­te geschul­det, wäh­rend bei­de Päp­ste sich um eine Stär­kung des Pri­mats und Roms als Zen­trum und Spit­ze der Kir­che bemüh­ten. Die Haupt­kon­zes­si­on, die Bene­dikt XVI. mach­te, war der Ver­zicht der Tia­ra in sei­nem Wap­pen, die durch eine Mitra ersetzt wur­de. Er erkann­te in eini­gen Anspra­chen an, daß das Erste Vati­ka­ni­sche Kon­zil den päpst­li­chen Pri­mat mit dem Unfehl­bar­keits­dog­ma gestärkt hat­te, nicht aber die Kol­le­gia­li­täts­fra­ge geklärt habe. Als Begrün­dung nann­te auch er, daß der Grund dafür im vor­zei­ti­gen Ende des Kon­zils zu suchen sei. Die Fra­ge der Lei­tungs­voll­macht warf bereits auf frü­he­ren Kon­zi­len Fra­gen auf. Beim Kon­zil von Kon­stanz (1414–1419) über­wog die Kon­zils- und damit die Kol­le­gia­li­täts­idee, beim Kon­zil von Flo­renz (1439) die Pri­mats­idee. Das Kon­zil von Tri­ent hat­te sich nicht damit zu befas­sen. Die Her­aus­for­de­rung des Pro­te­stan­tis­mus schloß die Rei­hen unter der Füh­rung des Papstes.

Zentrifugale Kräfte immer aktiv — Franziskus erster Anhänger der Kollegialitätsidee auf Papstthron

Zen­tri­fi­gua­le Kräf­te blie­ben wei­ter­hin am Werk. Der abso­lu­ti­sti­sche Staat ver­such­te das im Pro­te­stan­tis­mus ver­wirk­lich­te Staats­kir­chen­tum der katho­li­schen Kir­che auf­zu­zwin­gen. Die Fra­ge blieb viru­lent bis zu Papst Pius IX., vor allem durch den fran­zö­si­schen Gal­li­ka­nis­mus. Das Erste Vati­ka­num defi­nier­te den Pri­mat mit kla­ren Wor­ten ein­schließ­lich des Unfehl­bar­keits­dog­mas, wenn der Papst Ex Kathe­dra spricht. Die Fra­ge schien mit der Abspal­tung der Alt-Katho­li­ken erle­digt, wirk­te aber unter­ir­disch wei­ter und wur­de durch die fort­schrei­ten­de Demo­kra­ti­sie­rung der Gesell­schaft in die Kir­che hin­ein­ge­tra­gen. Im Zwei­ten Vati­ka­num brach sie mit aller Hef­tig­keit wie­der her­vor. Die Kon­zils­mehr­heit beton­te die Kol­le­gia­li­tät. Durch das Pon­ti­fi­kat Johan­nes Pauls II. wur­de ab 1978 der Pri­mat im Sin­ne des Ersten Vati­ka­nums wie­der gestärkt. Nach die­ser 35jährigen Restau­ra­ti­ons­pha­se könn­ten sich die Din­ge grund­le­gend ändern. Mit Papst Fran­zis­kus scheint der erste Papst auf dem Stuhl Petri Platz genom­men zu haben, der ein über­zeug­ter Anhän­ger der Kol­le­gia­li­täts­idee ist. Das aller­dings ist in die­ser Form ein abso­lu­tes Novum.

Pao­lo Roda­ri liest die Neue­rung vor allem als Signal Rich­tung Ost­kir­chen. Kar­di­nal­vi­kar Val­li­ni sprach auch die Hoff­nung aus, daß „von einem Ende der Erde zum ande­ren sich eine ein­zi­ge Her­de unter einem ein­zi­gen Hir­ten bil­de“. Die Bemü­hun­gen um die Wie­der­erlan­gung der Ein­heit zwi­schen West und Ost brach­te Johan­nes Paul II. in der Enzy­ki­ka Ut unum sint zum Aus­druck, nach­dem Paul VI. 1965 mit dem Öku­me­ni­schen Patri­ar­chen Athen­ago­ras von Kon­stan­ti­no­pel die gegen­sei­ti­gen Exkom­mu­ni­ka­tio­nen „aus dem Gedächt­nis und aus der Mit­te der Kir­che“ tilgten.

Bezieht sich Papst Fran­zis­kus in sei­nen Bemü­hun­gen auf die Ost­kir­chen oder auch auf die pro­te­stan­ti­schen Deno­mi­na­tio­nen? Wel­che Ver­än­de­run­gen ste­hen für die katho­li­sche Kir­che bevor? Aus wel­chen Grün­den? Zu wechem Zweck? Und nicht zuletzt zu wel­chem Nutzen?

Text: Giu­sep­pe Nardi
Bild: Wikicommons

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