War Khomeini Auftraggeber des Papst-Attentats? – Die falsche islamische Fährte

Türkei Ali Agca Befehl aus Moskau nicht aus dem Iran(Rom) Es gibt Bücher, deren Erschei­nungs­da­tum und Erschei­nungs­zweck Fra­gen auf­wer­fen. In die­se Kate­go­rie fällt  das soeben im Ver­lag Chiare­let­te in Ita­li­en erschie­ne­ne Buch Sie haben mir das Para­dies ver­spro­chen (Mi ave­va­no pro­messo il Para­di­so). Dar­in ent­hüllt der Papst-Atten­tä­ter Ali Agca die Namen sei­ner angeb­li­chen Auf­trag­ge­ber. Wer war der Man­dant des Mord­an­schlags? Wer erteil­te Ali Agca den Auf­trag, am 13. Mai 1981 auf dem Peters­platz in Rom auf Papst Johan­nes Paul II. zu schie­ßen?

Iranische Spur des Attentats auf Johannes Paul II. neu aufgelegt

Laut dem Tür­ken Ali Agca wur­de ihm der Auf­trag von Tehe­ran erteilt und dies von kei­nem Gerin­ge­ren als dem Aya­tol­lah Ruhol­lah Musa­vi Kho­mei­ni, dem poli­ti­schen und geist­li­chen Füh­rer der Isla­mi­schen Revo­lu­ti­on, die 1978 zum Sturz des Schahs und zur Umwand­lung des Irans in eine Isla­mi­sche Repu­blik führ­te.

„Das ist der Wil­le Allahs, lie­ber Ali. Du darfst nicht zwei­feln“, habe ihm eines Tages Kho­mei­ni gesagt. „Ich sage es Dir, Aya­tol­lah Kho­mei­ni. Allah ruft Dich für die­se gro­ße Auf­ga­be. Zweif­le nie, ver­traue, töte für ihn, töte den Anti­christ, töte ohne Mit­leid Johan­nes Paul II. und dann nimm Dir das Leben, damit die Ver­su­chung des Ver­rats nicht Dei­ne Geste nicht trübt.“

„Töte für Allah, töte den Antichrist, töte ohne Mitleid Johannes Paul II.“

Der ira­nisch-isla­mi­sche Auf­trag habe wei­ter gelau­tet: „Die­ser Mord wird ein für alle­mal den Weg für die Rück­kehr des Imam Mah­di auf die Erde öff­nen. Die­ses Blut­ver­gie­ßen wird das Vor­spiel für den Sieg des Islams über die gan­ze Welt sein. Dein Mär­ty­rer­tod wird Dir mit dem Para­dies ver­gol­ten, mit dem ewi­gen Ruhm im Reich Allahs.“

Ali Agca lie­fer­te seit sei­ner Fest­nah­me, als er nach dem Atten­tat auf den Papst zu flie­hen ver­such­te, eine Viel­zahl unter­schied­li­cher Ver­sio­nen. In die­ser Ver­si­on läßt er kei­nen Zwei­fel an den Hin­ter­män­nern des Mord­an­schlags. Wie er zu dem unge­wöhn­li­chen Auf­trag gelang­te, erklärt er fol­gen­der­ma­ßen: In der Tür­kei saß er wegen der Ermor­dung von Abdi Ä°pekci, dem Chef­re­dak­teur der libe­ra­len Tages­zei­tung Mil­li­y­et im Gefäng­nis. Nach­dem ihm die Flucht aus dem Mili­tär­ge­fäng­nis gelang, in dem er nach sei­ner Fest­nah­me inhaf­tiert war, habe er sich in den Iran abge­setzt. Anfangs habe er sich auf nichts ein­las­sen wol­len. Doch dann habe in ihm der Wunsch über­hand gewon­nen, aus der Armut aus­zu­bre­chen, die ihn immer gefan­gen­ge­hal­ten habe. Getrie­ben vom Wunsch nach Revan­che für eine Welt, die ihm bis­her nichts gege­ben hat­te, habe er den Auf­trag ange­nom­men.

„Ich, Mehmet Ali Agca bin zum Martyrium bereit, ich werde den Papst töten“

Als er den Auf­trag annahm und die ent­schei­den­den Wor­te sprach, habe er sich „stark und mutig“ gefühlt. Er sei bereit gewe­sen, sich „für die Sache des Islam auf­zu­op­fern, als wäre es die selbst­ver­ständ­lich­ste Sache der Welt“: „Ich, Meh­met Ali Agca bin zum Mar­ty­ri­um bereit. Ja, ich wer­de Johan­nes Paul II. töten, ich wer­de den Papst töten und sofort danach wer­de ich mir das Leben neh­men.“

Was sich der Atten­tä­ter bis heu­te nicht erklä­ren kann ist, daß Papst Johan­nes Paul II. nach dem Anschlag nicht tot ist. Papst Johan­nes Paul II. bricht schwer­ver­letzt zusam­men und ringt um sein Leben, über­lebt aber. Die­se Tat­sa­che habe Ali Agca laut eige­ner Anga­be jah­re­lang gequält. „Wie konn­te sein Auf­trag schei­tern?“ Eine Fra­ge, auf die er kei­ne Ant­wort hat. So wird Johan­nes Paul II. für ihn Schritt um Schritt eine außer­ge­wöhn­li­che Gestalt. Jemand, der unter dem beson­de­ren Schutz Got­tes stand, eine Art Gesand­ter Got­tes, der ihn mit sei­ner Bereit­schaft, ihn in sei­ner Gefäng­nis­zel­le auf­zu­su­chen und ihm, dem Atten­tä­ter zu ver­ge­ben, schließ­lich zur Erkennt­nis bringt, einem Irr­tum erle­gen zu sein: „Ich habe mich geirrt“, so Agca, um sei­ne Reue aus­zu­drücken.

Spur nach Moskau, nicht in den Iran — Auftrag von Leonid Breschnew an Sowjet-Geheimdienst

Tat­säch­lich lie­fer­te Agca vie­le wir­re Aus­sa­gen, in denen er sich ein­mal als „Beauf­trag­ter Got­tes“ sah, ein­mal als „Ver­kün­der des wah­ren Evan­ge­li­ums“, das Rom „nie rich­tig ver­stan­den“ habe. Seit sei­ner end­gül­ti­gen Haft­ent­las­sung 2010 ver­sucht er mit angeb­li­chen „Ent­hül­lun­gen“ oder der Ankün­di­gung sel­bi­ger, die Auf­merk­sam­keit für sei­ne Per­son auf­recht­zu­er­hal­ten.

Das Buch, das die „ira­ni­sche Spur“ neu­auf­legt, wirft daher mehr Fra­gen auf, als es beant­wor­tet. Vor allem auch nach dem Zeit­punkt und dem Zweck sei­nes Ver­öf­fent­li­chung. Die Hin­ter­grün­de und die Auf­trag­ge­ber des Papst-Atten­tats konn­ten bis heu­te nicht straf­recht­lich rele­vant auf­ge­deckt wer­den. 2006 kam ein Unter­su­chungs­aus­schuß des Ita­lie­ni­schen Par­la­ments zum Ergeb­nis, daß die Spur von der Tür­kei nach Bul­ga­ri­en führt. Der eigent­lich Auf­trag zum Mord­an­schlag kam direkt von Leo­nid Bre­schnew, der ihn dem sowje­ti­schen Geheim­dienst GRU erteil­te. Die­ser wie­der­um beauf­trag­te für die Durch­füh­rung und zur bes­se­ren Ver­schleie­rung die Geheim­dien­ste Bul­ga­ri­ens und der DDR. Der kom­mu­ni­sti­sche Ost­block sah sich, wie sich zei­gen soll­te, völ­lig zu Recht, durch den pol­ni­schen Papst in sei­ner Exi­stenz bedroht.  Für den Iran und das Regime des Aya­tol­lah Kho­mei­ni läßt sich für den­sel­ben Zeit­raum kein annä­hernd ver­gleich­ba­res Inter­es­se an einer Ermor­dung des katho­li­schen Kir­chen­ober­haup­tes erken­nen.

Vatikan-Sprecher dementiert Buch — Iranische Spur im Vatikan „nie ernstgenommen“

Unter­des­sen demen­tier­te Vati­kan-Spre­cher Pater Fede­r­i­co Lom­bar­di die „isla­mi­sche Spur“ und wider­sprach eini­gen Behaup­tun­gen des Buches, das „offen­sicht­lich ein anony­mer Ghost­wri­ter“ geschrie­ben habe, so Pater Lom­bar­di. Ali Agca schrieb aus der Haft auch an Kar­di­nal Ratz­in­ger, wie vie­len ande­ren. Anders als im Buch behaup­tet, haben aber weder Johan­nes Paul II. noch der Kar­di­nal dem Papst-Atten­tä­ter je einen Brief geschrie­ben. Anders als im Buch an zen­tra­ler Stel­le behaup­tet, erwähn­te Ali Agca gegen­über Papst Johan­nes Paul II. nie Aya­tol­lah Kho­mei­ni als „Auf­trag­ge­ber“ des Atten­tats. Im Vati­kan wur­de die isla­mi­sche Spur „nie ernst­ge­nom­men“. Zusam­men­f­aßend erklär­te der Vati­kan-Spre­cher zum Buch: „Im Klar­text, prak­tisch alles, was in mei­ner Zustän­dig­keit lag und was ich nach­prü­fen konn­te, ist falsch.“

Iranische Spur Teil einer anti-iranischen Kampagne?

Das Buch kann aus rei­ner Sen­sa­ti­ons­gier in das Ver­lags­pro­gramm gelangt sein, wie Pater Lom­bar­di mut­maß­te. Ant­wor­ten auf die Fra­gen, war­um das Buch 2013 erscheint und den Blick auf den Iran lenkt, sind aber eher in der groß­an­ge­leg­ten anti-ira­ni­schen Kam­pa­gne zu suchen, die seit eini­ger Zeit von Isra­el und den USA auf den unter­schied­lich­sten Ebe­nen betrie­ben wird.  Der Ver­lag schreibt, daß die Moti­ve für das Atten­tat „nach wie vor aktu­ell sind und der gesam­te Westen noch immer in Gefahr“ sei. Das Atten­tat sei der „Auf­takt zu einer Ter­ror­stra­te­gie“ gewe­sen. Auch fast 34 Jah­re nach dem blu­ti­gen Atten­tat und 21 Jah­re nach dem Ende der Sowjet­uni­on wird ver­sucht, mit der Tat Ali Agcas Poli­tik zu machen.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Asia­news

3 Kommentare

  1. Meh­met Ali Agca ist Tür­ke und somit wahr­schein­lich Sun­nit, wäh­rend die Ira­ner Schii­ten sind.

    Sun­ni­ten und Schii­ten mögen sich ganz und gar nicht, ihr Ver­hält­nis zuein­an­der ent­spricht etwa dem frü­he­rer Jahr­hun­der­te zwi­schen Katho­li­ken und Evan­ge­li­schen.

    Schon von daher ist es unwahr­schein­lich, daß der Tür­ke Agca einen ira­ni­schen Mord­auf­trag erhielt.

  2. Allein, daß Kho­mei­ni das Wort „Anti­christ“ benutzt haben soll, macht die Sache völ­lig unmög­lich.

    Schii­ten und Sun­ni­ten lie­ben sich so herz­lich wie Hund und Katz.

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