Der Heilige Rock: Mahnung an die Kirche, ihrem Ursprung treu zu bleiben

Bot­schaft von Papst Bene­dikt XVI. zur Hei­lig-Rock-Wall­fahrt an den Bischof von Trier, Msgr. Ste­phan Acker­mann. Die Bot­schaft wur­de am Frei­tag, den 13. April 2012 von Marc Kar­di­nal Ouel­let, Prä­fekt der Bischofs­kon­gre­ga­ti­on bei der Zele­bra­ti­on im Dom von Trier ver­le­sen, mit der die Hei­lig-Rock-Wall­fahrt eröff­net wur­de. Kar­di­nal Ouel­let wur­de vom Papst zu sei­nem Son­der­ge­sand­ten ernannt. Die Wall­fahrt fin­det bis zum 13. Mai statt. Anlaß sind die 500 Jah­re der öffent­li­chen Aus­stel­lung des hei­li­gen Rockes in Trier.

Mei­nem ver­ehr­ten Bru­der Ste­phan Acker­mann, Bischof von Trier

In die­sen Tagen wird im Hohen Dom zu Trier der Hei­li­ge Rock gezeigt, genau fünf­hun­dert Jah­re nach sei­ner ersten öffent­li­chen Aus­stel­lung, die Erz­bi­schof Richard von Greif­fen­klau auf Wunsch Kai­ser Maxi­mi­li­ans durch die Öff­nung des Hoch­al­tars voll­zog. Aus die­sem beson­de­ren Anlaß bege­be auch ich mich in Gedan­ken als Pil­ger in die alt­ehr­wür­di­ge Bischofs­stadt Trier, um mich gleich­sam in die Schar der Gläu­bi­gen ein­zu­rei­hen, die in den kom­men­den Wochen an der Hei­lig-Rock- Wall­fahrt teil­neh­men. Ihnen, Exzel­lenz, den anwe­sen­den Mit­brü­dern im bischöf­li­chen Dienst, den Prie­stern und Dia­ko­nen, den Ordens­leu­ten und allen, die sich zur Eröff­nung der Wall­fahrt im Trie­rer Dom ver­sam­melt haben, ver­si­che­re ich die Ver­bun­den­heit und Nähe des Nach­fol­gers Petri.

Seit der ersten Zei­gung im Jah­re 1512 zieht der Hei­li­ge Rock die Gläu­bi­gen in sei­nen Bann, ver­ge­gen­wär­tigt die­se Reli­quie doch einen der dra­ma­tisch­sten Momen­te im irdi­schen Leben Jesu, sein Ster­ben am Kreuz. Die Ver­tei­lung der Klei­dungs­stücke des Gekreu­zig­ten unter den Sol­da­ten scheint dabei nur eine Rand­epi­so­de zu sein, wel­che die syn­op­ti­schen Evan­ge­li­en auch nur bei­läu­fig erwäh­nen. Der Evan­ge­list Johan­nes ent­fal­tet die­se Bege­ben­heit jedoch mit einer gewis­sen Fei­er­lich­keit. Er weist als ein­zi­ger auf das Unter­ge­wand hin, „das von oben her ganz durch­ge­webt und ohne Naht war“ (19, 23). Er macht uns das Gesche­hen deut­lich und hilft uns, durch die Reli­quie hin­durch gläu­big das Heils­ge­heim­nis zu schau­en.

Das Unter­ge­wand, so sagt uns Johan­nes, ist aus einem Stück. Die Sol­da­ten, die nach römi­schem Brauch die Hab­se­lig­kei­ten des Gekreu­zig­ten wie eine Beu­te unter sich ver­tei­len, wol­len den Leib­rock nicht zer­rei­ßen. Sie wer­fen das Los dar­um, und so bleibt das Unter­ge­wand ganz erhal­ten. Die Kir­chen­vä­ter deu­ten die­se Stel­le auf die Ein­heit der Kir­che hin: Sie ist als die eine, unge­teil­te Gemein­schaft durch die Lie­be Chri­sti gestif­tet. Der Hei­li­ge Rock will uns dies ver­an­schau­li­chen. Die Lie­be des Erlö­sers führt zusam­men, was getrennt ist. Die Kir­che ist eine in den vie­len. Chri­stus löst die Viel­falt der Men­schen nicht auf, aber er ver­bin­det sie im Für­ein­an­der und Mit­ein­an­der der Chri­sten, die auf man­nig­fa­che Wei­se selbst, einer dem ande­ren, Mitt­ler zu Gott wer­den kön­nen.

Die Tuni­ka Chri­sti ist „von oben her ganz durch­ge­webt“ (Joh. 19, 3). Dies ist ein wei­te­res Bild für die Kir­che, dafür, daß sie nicht aus sich selbst, son­dern von Gott her lebt. Als die eine, unge­teil­te Gemein­schaft ist sie Got­tes Werk, nicht das Pro­dukt der Men­schen und ihrer Fer­tig­kei­ten. Der Hei­li­ge Rock will hier gleich­sam eine Mah­nung an die Kir­che sein, ihrem Ursprung treu zu blei­ben, sich bewußt zu machen, daß ihre Ein­heit, ihr Kon­sens, ihre Wirk­sam­keit, ihr Zeug­nis letzt­lich nur von oben geschaf­fen, von Gott her geschenkt wer­den kön­nen. Erst als Petrus bekann­te: „Du bist der Chri­stus“ (vgl. Mt 16,16), erhält er die Bin­de- und Löse­ge­walt und somit den Dienst für die Ein­heit der Kir­che.

Und schließ­lich ist der Hei­li­ge Rock kei­ne Toga, kein Pracht­ge­wand, das eine gesell­schaft­li­che Rol­le zum Aus­druck bringt. Er ist ein schlich­tes Unter­kleid, das dazu da ist, sei­nen Trä­ger zu bedecken und zu schüt­zen, ihn vor Bloß­stel­lung zu bewah­ren. Die­ses Kleid ist die unge­teil­te Gabe des Gekreu­zig­ten an die Kir­che, die er durch sein Blut gehei­ligt hat. Daher erin­nert der Hei­li­ge Rock an die der Kir­che eige­ne Wür­de. Wie oft aber sehen wir, in welch zer­brech­li­chen Gefä­ßen (vgl 2Kor 4,7) wir den Schatz tra­gen, den der Herr uns in sei­ner Kir­che anver­traut hat, und wie durch unse­ren Eigen­wil­len, unse­re Schwä­chen und Feh­ler die Inte­gri­tät des Lei­bes Chri­sti ver­letzt wird. Hier braucht es die stän­di­ge Bereit­schaft zur Umkehr und Demut, dem Herrn in Lie­be und Wahr­heit nach­zu­fol­gen. Zugleich kann und darf die beson­de­re Wür­de und Inte­gri­tät der Kir­che nicht preis­ge­ge­ben und dem Geschrei auf dem Richt­platz der öffent­li­chen Mei­nung aus­ge­lie­fert wer­den.

Die Jubi­lä­ums-Wall­fahrt steht unter dem Leit­wort, ja unter der Bit­te an den Herrn ‚„Und füh­re zusam­men, was getrennt ist“. So wol­len wir nicht in der Ver­ein­ze­lung ste­hen­blei­ben. Wir wol­len den Herrn bit­ten, daß er uns auf dem gemein­sa­men Weg des Glau­bens füh­re und uns sei­ne Inhal­te wie­der neu leben­dig mache. So kön­nen wir im Zusam­men­wach­sen aller Chri­sten im Glau­ben, im Gebet und im Zeug­nis mit­ten in den Nöten die­ser Zelt auch sei­ne Herr­lich­keit und Güte erken­nen.

Dazu ertei­le ich Ihnen und allen, die sich in die­sen Fest­wo­chen in Pil­ger­schaft zum Hei­li­gen Rock nach Trier bege­ben, von Her­zen den Apo­sto­li­schen Segen.
Aus dem Vati­kan, am Kar­frei­tag, dem 6, April 2012

Bene­dikt XVI.