Osloer Attentate haben mit Christentum nichts zu tun — Anders Behring Breivik wirre Ideologie

(Oslo) Da die nor­we­gi­sche Poli­zei den mut­maß­li­chen Atten­tä­ter von Oslo vor­schnell als „fun­da­men­ta­li­sti­schen Chri­sten“ prä­sen­tier­te und die Medi­en es so wei­ter­ver­brei­te­ten (ein­schließ­lich der deut­schen Redak­ti­on von Radio Vati­kan) wird das Chri­sten­tum indi­rekt in Ter­ro­ris­mus­nä­he gerückt. Des­halb ver­fass­te der Sozio­lo­ge Mas­si­mo Intro­vi­g­ne, OSZE-Reprä­sen­tant gegen Ras­sis­mus und anti­christ­li­che Dis­kri­mi­nie­rung eine Stel­lung­nah­me , in der er die Gedan­ken­welt Anders Beh­ring Brei­viks ana­ly­siert. Sei­ne Schluß­fol­ge­rung:  Brei­viks wir­re Gedan­ken­welt hat nichts mit dem Chri­sten­tum zu tun.

Die schreck­li­che Tra­gö­die von Oslo ver­langt vor allem Respekt und Gebet für die Opfer. Dann aber auch Über­le­gun­gen über Sicher­heits­maß­nah­men, wie sie auch eine Gesell­schaft wie die skan­di­na­vi­sche, die ihre beson­de­re Offen­heit betont, ange­sichts der viel­fäl­ti­gen For­men von Ter­ro­ris­mus anwen­den muß. Zu die­sen Maß­nah­men kann und darf nicht die Stig­ma­ti­sie­rung angeb­li­cher „christ­li­cher“ Fun­da­men­ta­li­sten gehö­ren, die wie Kri­mi­nel­le und poten­ti­el­le Ter­ro­ri­sten dar­ge­stellt wer­den. Es ist wirk­lich unglück­lich, daß die nor­we­gi­sche Poli­zei vor der gesam­ten Welt­pres­se den Atten­tä­ter Anders Beh­ring Brei­vik anfangs als fun­da­men­ta­li­sti­schen Chri­sten prä­sen­tier­te. Das hat­te zur Fol­ge, daß er in eini­gen Län­dern von den Medi­en fälsch­li­cher­wei­se sogar als Katho­lik bezeich­net wur­de.

Der Vor­fall zeigt, daß heu­te das Wort „Fun­da­men­ta­list“ auf sehr all­ge­mei­ne und unprä­zi­se Wei­se ver­wen­det wird, um damit jeden zu benen­nen, der extre­mi­sti­sche oder gene­rell „rech­te“ Ideen hat und einen — wenn auch nur sehr vagen — Bezug zum Chri­sten­tum. Dar­aus ent­steht schnell das sozia­le Phä­no­men der Grup­pen­haf­tung und einer „Kol­lek­tiv­schuld“, der­zu­fol­ge jeder Christ, der z.B. gegen Abtrei­bung oder die Aner­ken­nung der „Homo­ehe“  ist, zum Fun­da­men­ta­li­sten gestem­pelt wird, und seit der Atten­tä­ter von Oslo als „christ­li­cher Fun­da­men­ta­list“ bezeich­net wur­de, auch zum poten­ti­el­len Ter­ro­ri­sten.

Fal­scher Gebrauch des Begriffs „Fun­da­men­ta­lis­mus“

Nur weni­ge Tage vor dem Atten­tat von Oslo schick­te die Beob­ach­tungs­stel­le Into­le­ranz und Dis­kri­mi­nie­rung von Chri­sten in Wien den Ver­ant­wort­li­chen des Pro­jekts Reli­ga­re eine von der EU-Kom­mis­si­on finan­zier­te Unter­su­chung über das mul­ti­re­li­giö­se Euro­pa. Das umfang­rei­che Memo­ran­dum warnt aus­drück­lich vor dem fal­schen Gebrauch des Begriffs „Fun­da­men­ta­lis­mus“, der anson­sten zu einem Instru­ment der anti­christ­li­chen Dis­kri­mi­nie­rung wird.

Der Aus­druck „fun­da­men­ta­li­sti­scher Christ“ hat einen prä­zi­sen Inhalt. Er geht auf die Bro­schü­ren der Fun­da­men­tals zurück, die zwi­schen 1910 und 1915 in den USA ver­öf­fent­licht wur­den. Es han­delt sich um eine radi­ka­le Kri­tik an der libe­ra­len pro­te­stan­ti­schen Theo­lo­gie, der histo­risch-kri­ti­schen Metho­de der Bibel­aus­le­gung und der bio­lo­gi­schen Evo­lu­ti­ons­leh­re. Ein Fun­da­men­ta­list ist ein Pro­te­stant, der – zudem meist sehr anti­ka­tho­lisch – auf der wört­li­chen Aus­le­gung der Bibel beharrt und jeg­li­chen her­me­neu­ti­schen Ansatz, der den moder­nen Human­wis­sen­schaf­ten Rech­nung trägt, ablehnt, und dar­aus ultra­kon­ser­va­ti­ve theo­lo­gi­sche und mora­li­sche Prin­zi­pi­en ablei­tet.

Prie­ster der Satans­kir­che ver­öf­fent­licht  Brei­viks Mani­fest

Anders Beh­ring Brei­vik ist kein Fun­da­men­ta­list. Wir wis­sen etli­ches über sei­ne Ideen, z.B. von sei­nem Face­book-Pro­fil, das zwar gelöscht wur­de, aber nicht, bevor jemand den Inhalt gespei­chert und wie­der im Inter­net online gesetzt hat. Wei­ters von 70 Sei­ten an Bei­trä­gen auf der anti-isla­mi­schen nor­we­gi­schen Inter­net­sei­te document.no, die es auch in eng­li­scher Spra­che gibt, und schließ­lich von sei­nem 1500-sei­ti­gen Buch „2083 – eine euro­päi­sche Unab­hän­gig­keits­er­klä­rung“, gezeich­net „Andrew Ber­wick“, das er am 22. Juli, weni­ge Stun­den vor dem Atten­tat, einer Rei­he von Freun­den und Zei­tun­gen geschickt hat. Am 23. Juli wur­de es von Kevin Slaugh­ter, einem „Prie­ster“ der Kir­che Satans, die von Anton Szan­dor LaVey (1930 – 1997) in Kali­for­ni­en gegrün­det wur­de, und heu­te welt­weit die mei­sten Anhän­ger in Skan­di­na­vi­en zählt, im Inter­net ver­öf­fent­licht.

Brei­viks Inter­es­se für Frei­mau­re­rei

Bereits aus sei­ner Face­book-Sei­te geht her­vor, daß das Haupt­in­ter­es­se Brei­viks der Frei­mau­re­rei gilt. Wer sein Pro­fil bei Face­book besuch­te, stieß vor allem auf ein Bild, das Brei­vik im Frei­mau­rer-Schurz als Mit­glied einer Johan­nes­lo­ge zeigt, das heißt, einer Loge, die die ersten drei Gra­de des nor­we­gi­schen Frei­mau­rer­or­dens, also der regu­lä­ren nor­we­gi­schen Frei­mau­re­rei, ver­wal­tet. Brei­vik ist Mit­glied von Sà¸ilene, einer der Oslo­er Johan­nes­lo­gen die­ses Ordens, der selbst natür­lich nichts mit dem Atten­tat zu tun hat. Kein pro­te­stan­ti­scher Fun­da­men­ta­list wür­de von sich ein Bild in Frei­mau­rer­klei­dung zei­gen. Der christ­li­che Fun­da­men­ta­lis­mus lehnt die Frei­mau­re­rei strikt ab. Bei Brei­viks Inter­es­se für die Frei­mau­re­rei han­delt es sich nicht um etwas Ver­gan­ge­nes, son­dern nach wie vor Aktu­el­les, da das Bild erst 2011 von ihm ins Netz gestellt wur­de. 2009 schlug er auf document.no eine Geld­samm­lung „in mei­ner Loge“ vor.

Es gilt hin­zu­zu­fü­gen, daß zudem sei­ne Lei­den­schaft für das Inter­net­rol­len­spiel „World of War­craft“ und für eine Vam­pi­re-Fern­seh­se­rie „Blood Ties“, sei­ne erklär­te Freund­schaft mit dem Betrei­ber der größ­ten nor­we­gi­schen Por­no­sei­te im Inter­net, und nicht zuletzt die Tat­sa­che, daß einer der Emp­fän­ger sei­nes Memo­ran­dums ein Sata­nist ist, Züge sind, die für einen fun­da­men­ta­li­sti­schen Chri­sten absurd sind. Wäh­rend er in einem Teil sei­nes Buches zwar Wert­schät­zung für die tra­di­tio­nel­le Fami­lie bekun­det, erklärt Brei­vik an ande­rer Stel­le die Abtrei­bung für zuläs­sig. Gleich­zei­tig gibt er dar­in bekannt, 2000 Euro bei­sei­te gelegt zu haben, die er „eine Woche vor der Aus­füh­rung mei­ner [ter­ro­ri­sti­schen] Mis­si­on“ für ein Luxus-Call­girl aus­ge­ben wol­le.

Haupt­in­ter­es­se gilt nicht der Reli­gi­on, son­dern dem Kampf gegen den Islam

Sei­ne Tex­te zei­gen, daß er sehr bele­sen ist, wenn auch auf unge­ord­ne­te Wei­se. Sie schei­nen nicht die eines ein­fa­chen Ver­rück­ten, wenn sie auch mega­lo­ma­ni­sche und offen­sicht­lich wider­sprüch­li­che Züge auf­wei­sen. Das Haupt­in­ter­es­se Brei­viks gilt nicht der Reli­gi­on, son­dern dem Kampf gegen den Islam, der durch die Ein­wan­de­rung sei­ner Mei­nung nach Euro­pa zu über­flu­ten dro­he. Umso mehr ein klei­nes Land wie Nor­we­gen. Die­se Ideen sind natür­lich nicht beson­ders ori­gi­nell und eini­ge der Autoren, die Brei­vik zitiert, sind voll­kom­men respek­ta­bel. Brei­vik dekli­niert die­se Idee jedoch zum Teil in einem ras­si­sti­schen und para­no­iden Ton­fall.

Brei­viks Beschimp­fun­gen gegen Papst Bene­dikt XVI. und die katho­li­sche Kir­che

Brei­viks Haupt­ziel ist es, den Islam zu stop­pen und dafür sucht er über­all Ver­bün­de­te. Daher rührt auch sei­ne Abnei­gung gegen die nor­we­gi­sche Regie­rung, der er vor­wirft, eine unein­ge­schränk­te isla­mi­sche Ein­wan­de­rung zu för­dern. Er selbst teilt mit, im Alter von 15 Jah­ren ent­schie­den zu haben, in der evan­ge­lisch-luthe­ri­schen Lan­des­kir­che Nor­we­gens getauft und kon­fir­miert zu wer­den. Sei­ne wohl­ha­ben­de und agno­sti­sche Fami­lie ließ ihn frei ent­schei­den. Er sei aber dann zum Schluß gekom­men, daß die pro­te­stan­ti­schen Gemein­schaf­ten inzwi­schen tot sei­en und den mul­ti­kul­tu­rel­len und pro-isla­mi­schen Ideo­lo­gien nach­ge­ge­ben hät­ten. In einem ersten Augen­blick schrieb er, daß die Pro­te­stan­ten in die katho­li­sche Kir­che zurück­keh­ren soll­ten. Dann kor­ri­gier­te er sich und führ­te aus, daß auch die katho­li­sche Kir­che sich inzwi­schen an den Islam ver­kauft habe, seit der der­zei­ti­ge Papst ent­schie­den habe, den inter­re­li­giö­sen Dia­log mit den Mos­lems fort­zu­set­zen. Brei­vik droh­te Papst Bene­dikt XVI.: „Er hat das Chri­sten­tum und die euro­päi­schen Chri­sten im Stich gelas­sen und muß als fei­ger, inkom­pe­ten­ter, kor­rup­ter und unrecht­mä­ßi­ger Papst betrach­tet wer­den.“ Wenn erst ein­mal die Pro­te­stan­ten und der Papst besei­tigt sei­en, kön­ne ein „gro­ßer christ­li­cher euro­päi­scher Kon­greß“ orga­ni­siert wer­den, aus dem eine völ­lig neue und anti-isla­mi­sche „Euro­päi­sche Kir­che“ ent­ste­hen kön­ne.

Brei­vik: Juden­tum zuver­läs­sig­stes Boll­werk gegen Islam

Wenn Brei­vik einen Feind hat, den Islam, so hat er auch einen Freund, das Juden­tum, wenn die­ser Freund auch recht ima­gi­när erscheint, denn es scheint kei­ne beson­ders inten­si­ven direk­ten Kon­tak­te gege­ben zu haben. Im Juden­tum sieht Brei­vik das sicher­ste Boll­werk gegen den Islam. Der Ter­ro­rist zeigt einen rich­ti­gen Kult für den Staat Isra­el und des­sen mili­tä­ri­sche Kräf­te. Dem ent­spricht auch sei­ne gro­ße Abnei­gung gegen den Natio­nal­so­zia­lis­mus: „Wenn es eine Figur gibt, die ich has­se, ist es Adolf Hit­ler“ schreibt er, und fan­ta­siert über Zeit­rei­sen, um in die Ver­gan­gen­heit zurück­zu­keh­ren und ihn, Hit­ler, zu töten. Es stimmt, daß er sich in einem Inter­net­fo­rum für  Neo­na­zis anmel­de­te. Er mach­te es aber offen­sicht­lich nur mit der Absicht, die­se zu über­zeu­gen, daß zwar eini­ge Ideen des Füh­rers zum Volks­tum rich­tig waren, daß es aber sein größ­ter Feh­ler gewe­sen sei, nicht zu ver­ste­hen, daß die rein­sten und edel­sten Ver­tre­ter des Westens Juden sei­en, und wenn der Natio­nal­so­zia­lis­mus schon jeman­den aus­lö­schen woll­te, so hät­te er sich im Nahem Osten gegen die Mos­lems wen­den müs­sen.

Brei­vik nimmt häu­fig Bezug auf die bri­ti­sche Eng­lish Defence League, mit der er, wie es scheint, auch direk­ten Kon­takt hat­te. Die anti-isla­mi­sche Bewe­gung wird regel­mä­ßig beschul­digt, ras­si­stisch zu sein und eben­so regel­mä­ßig weist sie die­sen Vor­wurf zurück und greift ihrer­seits den Neo­na­zis­mus an. Der Atten­tä­ter von Oslo schreibt dazu, daß auch der Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus eine Form von Ras­sis­mus sei und daß „man den Ras­sis­mus nicht mit Ras­sis­mus bekämp­fen kann“. Der Natio­nal­so­zia­lis­mus, der Kom­mu­nis­mus und der Islam sind für Brei­vik drei Sei­ten ein und der­sel­ben anti­west­li­chen Dok­trin, und alle drei soll­ten laut ihm ver­bo­ten wer­den. Haupt­trieb­fe­der für ihn ist jedoch der Kampf gegen den Islam. Wer immer jetzt oder auch poten­ti­ell ein Feind der Mos­lems ist, wird für ihn zum mög­li­chen Ver­bün­de­ten. Dazu gehö­ren mili­tan­te Athe­isten, wie sie in Nor­we­gen ver­hält­nis­mä­ßig häu­fig anzu­tref­fen sind. Brei­vik for­dert sie auf, nicht nur das Chri­sten­tum zu bekämp­fen, son­dern auch den Islam. Dazu gehö­ren auch die Homo­se­xu­el­len, denen er dar­zu­le­gen ver­sucht, daß sie in einer isla­misch beherrsch­ten Welt ver­folgt wür­den.

So erstaunt nicht ein­mal sein Kon­takt mit der Kir­che Satans, die eine Form des „ratio­na­li­sti­schen“ Sata­nis­mus pre­digt, in dem der Star­ke über den Schwa­chen herrscht und über die Tugen­den des wil­den Kapi­ta­lis­mus siegt laut den The­sen der ame­ri­ka­ni­schen Schrift­stel­le­rin Ayn Rand (1905–1982), die vom Ter­ro­ri­sten auch zitiert wird. Die Satans­kir­che äußert sich in Skan­di­na­vi­en immer wie­der gegen die Ein­wan­de­rer. Selbst die Roma sei­en laut Brei­vik in Indi­en nicht durch die Hin­dus ver­sklavt und in ihre der­zei­ti­ge mise­ra­ble Situa­ti­on gebracht wor­den, wie der Groß­teil der Geschichts­schrei­bung behaup­tet, son­dern durch die Mos­lems. Brei­vik zeigt sich, auch das ein Zug, der ihn wesent­lich von gro­ßen Tei­len des euro­päi­schen Rechts­ex­tre­mis­mus unter­schei­det, recht zigeu­ner­freund­lich. Er for­dert auch sie auf, gegen den Islam zu kämp­fen und ver­spricht ihnen dafür in sei­nem neu­en Euro­pa sogar einen eige­nen unab­hän­gi­gen Staat.

Anglo-israe­li­ti­sche Ideo­lo­gie

Ein “reli­giö­ser“ Ton läßt sich bei Brei­vik, wenn über­haupt nur in der ent­schie­de­nen Ver­tei­di­gung der Juden und des Staa­tes Isra­el fin­den. Die­ses Ele­ment fin­det sich tat­säch­lich in eini­gen fun­da­men­ta­li­sti­schen pro­te­stan­ti­schen Grup­pen. Die­se ver­tre­ten die Idee, daß Isra­el ein mit Blick auf das Ende der Welt von Gott gewoll­ter Staat sei. Die Akzen­te, die Brei­vik setzt, sind jedoch ande­re. Obwohl direk­te Ver­wei­se feh­len, erin­nern sei­ne Aus­füh­run­gen unver­kenn­bar an die anglo-israe­li­ti­sche Ideo­lo­gie, die im 19. Jahr­hun­dert in Groß­bri­tan­ni­en ent­stand und in Skan­di­na­vi­en weit ver­brei­tet ist, vor allem in der dor­ti­gen Frei­mau­re­rei. Ihr zufol­ge sei­en auch die Bewoh­ner Nord­eu­ro­pas „Juden“, Nach­kom­men des ver­lo­re­nen Stam­mes Isra­els. Der Name der „Dänen“ zum Bei­spiel wür­de laut die­ser Ideo­lo­gie auf den jüdi­schen Stamm Dan zurück­ge­hen. Im 20. Jahr­hun­dert spal­te­te sich die anglo-israe­li­ti­sche Bewe­gung. Der gewalt­be­rei­te Mehr­heits­zweig, der für Atten­ta­te in den USA ver­ant­wort­lich ist, behaup­tet, daß die Nord­eu­ro­pä­er heu­te die ein­zi­gen wah­ren „Juden“ sei­en. Jene, die sich heu­te in Isra­el oder anders­wo Juden nen­nen, sei­en eth­nisch gar kei­ne, da sie mehr­heit­lich Kha­sa­ren sei­en und damit Ange­hö­ri­ge eines zen­tral­asia­ti­schen Vol­kes, das sich teil­wei­se im 8./9. Jahr­hun­dert zum Juden­tum bekehr­te. Daher rührt die Abnei­gung die­ses Zweigs der anglo-israe­li­ti­schen Ideo­lo­gie gegen Isra­el und erklärt sei­ne Ver­bin­dun­gen zu anti­se­mi­ti­schen und neo­na­zi­sti­schen Grup­pen.

Wäh­rend die­se anglo-israe­li­ti­sche Strö­mung in den USA vor­herrscht, ist in Nord­eu­ro­pa der älte­re Zweig der Ideo­lo­gie ver­tre­ten, für den die heu­ti­gen Juden die wah­ren Erben des Stam­mes Juda sind, die dar­auf war­ten, mit ihren angel­säch­si­schen und skan­di­na­vi­schen Brü­dern der ver­lo­re­nen Stäm­me wie­der­ver­eint zu wer­den. Wer die­ser Rich­tung ange­hört, betrach­tet die Nord­eu­ro­pä­er als Brü­der der Juden, ist phi­lo­se­mi­tisch ein­ge­stellt und ver­tei­digt  ent­schie­den das Juden­tum und den Staat Isra­el.

Die stark frei­mau­re­ri­sche Temp­ler-Neu­grün­dung

Laut sei­nem Buch-Mani­fest habe der Ter­ro­rist 2002 gemein­sam mit ande­ren in Lon­don den Temp­ler­or­den wie­der­ge­grün­det, der sich in eine kaum über­schau­ba­re Zahl völ­lig hete­ro­ge­ner ande­rer Neu­grün­dun­gen, ein­reiht, die sich auf die Temp­ler beru­fen: Die „Armen Gefähr­ten Chri­sti von Salo­mons Tem­pel (PCCTS)“, der sich aller­dings wenig auf die katho­li­schen Tem­pel­rit­ter des Mit­tel­al­ters beruft, dafür aber sehr auf die Temp­ler­gra­de der Frei­mau­re­rei. Brei­vik lobt „die grund­le­gen­de gesell­schaft­li­che Rol­le“ der Frei­mau­rer, wenn er sie auch für unfä­hig hält, zu den angeb­lich not­wen­di­gen mili­tä­ri­schen Aktio­nen über­zu­ge­hen. Die Frei­mau­re­rei sei offen für „Chri­sten, agno­sti­sche Chri­sten und christ­li­che Athe­isten“, also Chri­sten, Agno­sti­ker und Athe­isten, die die Bedeu­tung der kul­tu­rel­len Wur­zeln Euro­pas aner­ken­nen, die „christ­li­chen Wur­zeln, aber auch die jüdi­schen und die Auf­klä­rung, und nicht zuletzt auch die nor­di­schen und heid­ni­schen“, um sich den wah­ren Fein­den, die der Islam und die Ein­wan­de­rung sei­en, zu wider­set­zen.

Unter die­sen eklek­ti­schen Bezü­gen spielt das Chri­sten­tum kei­ne beson­de­re Rol­le. Der Atten­tä­ter zitiert zahl­rei­che Autoren, doch sein gei­sti­ger Vater ist der anony­me nor­we­gi­sche Blog­ger „Fjor­d­man“, der 2005 eine Mil­li­on Leser hat­te, dann aber sei­nen Blog schloß, ohne je sei­ne Iden­ti­tät preis­zu­ge­ben. Brei­vik über­nahm einen Text „Fjor­d­mans“, dem­zu­fol­ge das Chri­sten­tum, des­sen ein­zi­ge posi­ti­ven Sei­ten heid­ni­schen Ursprungs gewe­sen sei­en, nach dem Mit­tel­al­ter für Euro­pa „eine schlim­me­re Bedro­hung als der Mar­xis­mus“ gewor­den sei.

Die “Temp­ler-Rächer“ Brei­viks soll­ten, so sei­ne Über­zeu­gung, im „euro­päi­schen Bür­ger­krieg“ in drei Pha­sen han­deln. In der ersten Pha­se (1999–2030) soll­ten sie das ein­ge­schla­fe­ne Gewis­sen der Euro­pä­er mit „Schock­an­grif­fen durch Unter­grund­zel­len“ wecken. Aus­ge­führt durch „Zel­len“, die auch nur aus einer oder zwei Per­so­nen bestehen. In der zwei­ten Pha­se (2030–2070) soll­te zum bewaff­ne­ten Gue­ril­la­kampf und zu Staats­strei­chen über­ge­gan­gen wer­den. In der drit­ten Pha­se (2070–2083) müs­se es zum offe­nen Krieg gegen die isla­mi­schen Ein­wan­de­rer kom­men. Brei­vik ist sich dabei bewußt, daß die Angrif­fe in der ersten Pha­se jene, die sie aus­füh­ren, zu Ter­ro­ri­sten machen, die von allen gehaßt wer­den. Dies sei aber für ihn die Form des „temp­le­ri­schen Mar­ty­ri­ums“, zu dem er bereit sei.

Zie­le der “Schock­an­grif­fe“ sei­en die poli­ti­schen Par­tei­en: vor allem die nor­we­gi­schen Sozi­al­de­mo­kra­ten. Doch nennt er Par­tei­en in ver­schie­de­nen Län­dern, die auf ver­schie­de­ne Wei­se den Krieg gegen den Islam und die Ein­wan­de­rung behin­dern wür­den. So nennt er unter ande­rem auch Angrif­fe auf Erd­öl­raf­fi­ne­rien, um die Ener­gie­zu­fuhr der ein­zel­nen Staa­ten zu tref­fen. Auch gegen Papst Bene­dikt XVI. sen­det er Dro­hun­gen aus. Laut sei­ner Ana­ly­se sei­en die mei­sten euro­päi­schen Rechts­par­tei­en zu zag­haft und unfä­hig und damit letzt­lich „kon­tra­pro­duk­tiv“. Und da ich einer ihrer Reprä­sen­tan­ten bin, beun­ru­higt mich auch die Wie­der­ga­be eines Arti­kels, der die OSZE als beson­ders pro-isla­mi­sche und gefähr­li­che inter­na­tio­na­le Orga­ni­sa­ti­on bezeich­net.

Die viel­leicht wich­tig­ste Fra­ge im Moment ist, ob Brei­vik, wenn er sagt, daß sein Orden der Temp­ler-Rächer Mit­glie­der in ver­schie­de­nen euro­päi­schen Staa­ten habe und es Kon­tak­te zu „Kriegs­ver­bre­chern“ gebe, einen Roman im Stil des schwe­di­schen Autors Stieg Larr­son (1954–2004) schreibt oder ob er die Rea­li­tät beschreibt.

Ande­re auto­bio­gra­phi­sche Details, die auf den ersten Blick unglaub­wür­dig erschie­nen, wie die Diplo­ma­ten in sei­ner Fami­lie, der Besuch von Eli­te­schu­len, wur­den inzwi­schen von der nor­we­gi­schen Poli­zei bestä­tigt. Die Poli­zei wird klä­ren müs­sen, ob die Grün­dung des Neo-Temp­ler Ordens, die Kon­tak­te zu Kriegs­ver­bre­chern, ein Auf­ent­halt in Libe­ria, um sich von einem von ihnen („einer der größ­ten euro­päi­schen Hel­den“) aus­bil­den zu las­sen, bevor er mit acht Gefähr­ten 2002 in Lon­don den Orden grün­de­te, blo­ße Frag­men­te sei­ner Ein­bil­dung sind oder ob das von Brei­vik geschil­der­te wirk­lich gesche­hen ist. Was hin­ge­gen fest­steht ist, daß ein gutes Drit­tel sei­nes Buches, ein wah­res Hand­buch des Ter­ro­ris­mus mit einem Tage­buch über die Vor­be­rei­tung sei­nes Atten­tats, detail­lier­te Kennt­nis­se über Waf­fen, Spreng­stoff und neue ter­ro­ri­sti­sche Kampf­tak­ti­ken, soge­nann­te Open Source War­fa­re ent­hält, die auch von klein­sten Grup­pen ange­wandt wer­den kön­nen, über kugel­si­che­re Westen ein­schließ­lich der Socken. Ein bis­her kaum beach­te­tes Detail dabei ist, daß die­se Kennt­nis­se Brei­viks doch erstaun­lich sind und schwer­lich nur mit dem Inter­net zu erklä­ren sind, wo man angeb­lich alles fin­det, für jeman­den, der wie der Atten­tä­ter von Oslo nicht ein­mal den Mili­tär­dienst absol­viert hat.

Brei­vik schreibt immer in para­no­idem Ton. Wenn man aber eine Metho­de in sei­nem Wahn­sinn fin­den will, so muß man den Roten Faden in sei­nem Den­ken auf­spü­ren und das ist in erster Linie sei­ne Islam-Feind­lich­keit, die sich bis­her im Westen kaum gewalt­sam mani­fe­stier­te. In zwei­ter Linie ist es sei­ne gera­de­zu mysti­sche Soli­da­ri­tät zwi­schen der nor­di­schen und der jüdi­schen und israe­li­schen Iden­ti­tät, die ihre Wur­zeln in alten eso­te­ri­schen und frei­mau­re­ri­schen Theo­rien hat, die Brei­vik pflegt. Fest steht, daß das Chri­sten­tum — „fun­da­men­ta­li­stisch“ oder nicht – mit all dem herz­lich wenig zu tun hat, wenn schon höch­stens als einer von vie­len unwahr­schein­li­chen Ver­bün­de­ten, die der Ter­ro­rist erhoff­te, für sei­nen gewalt­sa­men Kampf gegen die isla­mi­sche Ein­wan­de­rung zu gewin­nen.

 Text: Bus­so­la Quotidiana/Giuseppe Nar­di