Alle 5 Minuten wird ein Christ ermordet – OSZE-Vertreter legt Zahlen zur Christenverfolgung vor

(Gödöllö/Wien) Ver­gan­ge­ne Woche hielt der OSZE-Ver­tre­ter für den Kampf gegen Frem­den­feind­lich­keit, Ras­sis­mus und Dis­kri­mi­nie­rung, der Sozio­lo­ge Mas­si­mo Intro­vi­g­ne, auf Schloß Göd­öl­lö bei Buda­pest einen Vor­trag über den inter­re­li­giö­sen Dia­log zwi­schen Chri­sten, Juden und Mos­lems. Ein­ge­la­den hat­te der Staat Ungarn, der gera­de die EU-Prä­si­dent­schaft inne­hat. Unter den Teil­neh­mern befan­den sich der unga­ri­sche Pri­mas, Kar­di­nal Peter Erdö, der Kusto­de des Hei­li­gen Lan­des, Pater Pier­bat­ti­sta Piz­zabal­la, wie der „Außen­mi­ni­ster“ des Mos­kau­er Patri­ar­chats, Metro­po­lit Hil­ari­on, Gusz­tav Zol­tai als Ver­tre­ter des Jüdi­schen Welt­kon­gres­ses und Ömür Orhun als Ver­tre­ter der Orga­ni­sa­ti­on der Isla­mi­schen Kon­fe­renz.

In sei­nem Vor­trag erklär­te Intro­vi­g­ne als OSZE-Anti­dis­kri­mi­nie­rungs­be­auf­trag­ter, daß jedes Jahr welt­weit mehr als 100.000 Chri­sten wegen ihres Glau­bens ermor­det wer­den. Die auf dem ehe­ma­li­gen Königs­schloß Kai­ser Franz Josephs I. und Kai­ser Karls I., selbst­ver­ständ­lich in ihrer Funk­ti­on als unga­ri­sche Köni­ge, gemach­te Aus­sa­ge sorg­te für media­les Auf­se­hen. Sie rüt­tel­te die Chri­sten wach und for­der­te Zwei­fel durch Kir­chen­kri­ti­ker her­aus. Das athe­isti­sche Netz­werk, in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land durch die Huma­ni­sti­sche Uni­on ver­tre­ten, ließ durch sei­nen ita­lie­ni­schen Able­ger, die Uni­on der Athe­isten und ratio­na­li­sti­schen Agno­sti­ker, bekannt durch die Anti-Kreuz-Kla­ge vor dem Euro­päi­schen Gerichts­hof für Men­schen­rech­te, Zwei­fel ver­lau­ten. Tat­säch­lich scheint die Zahl von jähr­lich mehr als 100.000 ihres Glau­bens wegen ermor­de­ter Chri­sten über­trie­ben. Über­trie­ben klingt sie im Westen selbst vie­len Chri­sten, die das Chri­sten­tum nur als star­ke Grup­pe ken­nen und sich eine ande­re Kon­stel­la­ti­on gar nicht vor­stel­len kön­nen. Über­trie­ben scheint sie all jenen, auch Chri­sten, die die Chri­sten­ver­fol­gung noch immer unter­schät­zen.

Welt­weit größ­te Dis­kri­mi­nie­rung ist­Ver­fol­gung der Chri­sten

Auf wel­che Zah­len und Quel­len stütz­te der OSZE-Reprä­sen­tant sei­ne in Göd­öl­lö gemach­te Aus­sa­ge? Grund­la­ge dafür sind die Stu­di­en des ame­ri­ka­ni­schen Cen­ter for Stu­dy of Glo­bal Chri­stia­ni­ty. Das von David B. Bar­rett gelei­te­te Stu­di­en­zen­trum ver­öf­fent­licht regel­mä­ßig die bekann­te „World Chri­sti­an Ency­clo­pe­dia“ und den „Atlas of Glo­bal Chri­stia­ni­ty“.
Die Arbei­ten Bar­retts gehö­ren zu den am mei­sten zitier­ten im aka­de­mi­schen Bereich, aber auch ins­ge­samt zu den Sta­ti­sti­ken der Welt­re­li­gio­nen. Anders als der Name des Jahr­buchs ver­mu­ten lie­ße, wer­den näm­lich in den sta­ti­sti­schen Erhe­bun­gen auch die nicht-christ­li­chen Reli­gio­nen erfaßt.
2001 began­nen Bar­rett und sein Mit­ar­bei­ter Todd M. John­son, die Zahl der christ­li­chen Mär­ty­rer der Welt­ge­schich­te zu erhe­ben. In der bahn­bre­chen­den Arbeit „World Chri­sti­an Trends AD 30 – AD 2200“ (Wil­liam Carey Libra­ry, Pasa­de­na 2001) ver­such­ten sie die Gesamt­zahl der christ­li­chen Mär­ty­rer seit der Stif­tung der Kir­che durch Jesus Chri­stus bis zum Hei­li­gen Jahr 2000 zu errech­nen.

Am Anfang ihrer Erhe­bung galt es, eine kla­re Defi­ni­ti­on für einen christ­li­chen Mär­ty­rer fest­zu­le­gen. Sie ent­schie­den sich für die For­mel: „An Chri­stus Glau­ben­de, die ihr Leben vor­zei­tig als Glau­bens­zeu­gen durch die Gewalt ande­rer Men­schen ver­lo­ren“. Die Defi­ni­ti­on unter­schei­det sich natür­lich von jener der katho­li­schen Kir­che. Bar­rett und John­sohn sagen mit ihrer Defi­ni­ti­on nichts über die per­sön­li­che Hei­lig­keit der getö­te­ten Chri­sten aus. Ent­schei­dend ist für sie, daß die Betref­fen­den wegen ihres Glau­bens, also weil sie Chri­sten waren, getö­tet wur­den und nicht wegen eines Krie­ges oder eines Geno­zids, die vor­wie­gend poli­tisch oder eth­nisch und nicht reli­gi­ös moti­viert waren.

70 Mil­lio­nen christ­li­che Mär­ty­rer in 2000 Jah­ren

Die Ver­öf­fent­li­chung von 2001 kam zum Schluß, daß es in ersten zwei­tau­send Jah­ren rund 70 Mil­lio­nen christ­li­che Mär­ty­rer gab, von denen 45 Mil­lio­nen allein im 20. Jahr­hun­dert umge­bracht wur­den. Die For­schungs­me­tho­de von Bar­rett und John­sohn wur­de in den fol­gen­den zehn Jah­ren wis­sen­schaft­li­cher Debat­te bestä­tigt. Seit­her aktua­li­sie­ren die Autoren jähr­lich die Zahl der getö­te­ten Chri­sten. Von 2000 stieg die Zahl der ermor­de­ten Chri­sten stark an, bis sie 2005 mit jähr­lich 160.000 neu­en Mär­ty­rern für die gesam­te zwei­te Hälf­te des Jahr­zehnts einen erschrecken­den Höhe­punkt erreich­te.
2010 ging die Zahl der Mär­ty­rer zurück, wie die bei­den Wis­sen­schaft­ler in ihrem Bei­trag „Chri­stia­ni­ty 2011: Mar­tyrs and the Res­ur­gence of Reli­gi­on“ schrei­ben, der in der Janu­ar-Aus­ga­be des „Inter­na­tio­nal Bul­le­tin of Mis­sio­na­ry Rese­arch“ ver­öf­fent­licht wur­de. Der Rück­gang geht auf das Abflau­en der Chri­sten­ver­fol­gung im Süd­su­dan durch die mus­li­mi­sche Regie­rung in Kartho­um zurück. 2005 konn­te unter Druck der inter­na­tio­na­len Staa­ten­ge­mein­schaft ein Zeit­plan zur Los­tren­nung des Südens vom Sudan und die Aus­ru­fung eines eigen­stän­di­gen, sou­ve­rä­nen Staa­tes durch­ge­setzt wer­den.

Den­noch bleibt die Zahl der getö­te­ten Chri­sten, die wei­ter­hin bei über 100.000 im Jahr liegt, aus­ge­spro­chen hoch. Vor allem in der Demo­kra­ti­schen Repu­blik Kon­go und in Nord­ko­rea habe sich die Lage für die Chri­sten ver­schlech­tert, um nur zwei Bei­spie­le zu nen­nen. Bar­rett und John­sohn geben an, daß die Zahl von der­zeit min­de­stens 100.000 christ­li­chen Mär­ty­rern „aus­ge­spro­chen zurück­hal­tend“ sei.

Die bei­den ame­ri­ka­ni­schen Sozio­lo­gen Bri­an J. Grim und Roger Fin­ke kom­men in ihrer Stu­die „The Pri­ce of Free­dom Denied“ (Cam­bridge Uni­ver­si­ty Press, Cam­bridge 2011), in der sie die sozio­lo­gi­sche Theo­rie der soge­nann­ten „reli­giö­sen Oko­no­mie“ auf die Erhe­bung der reli­giö­sen Ver­fol­gun­gen und deren sozia­len Fol­gen anwen­den, zum Schluß, daß die Zahl der wegen ihren Glau­bens getö­te­ten Chri­sten zwi­schen 130.000 und 170.000 betra­ge.

Täg­lich wer­den 288 Chri­sten wegen ihres Glau­bens getö­tet

Der OSZE-Reprä­sen­tant Mas­si­mo Intro­vi­g­ne nann­te in sei­nem Göd­öl­lö-Vor­trag mit jähr­lich der­zeit rund 105.000 christ­li­chen Mär­ty­rern eine „vor­sich­ti­ge“ Schät­zung im unte­ren Bereich nach Bar­rett und John­sohn. Eine Zahl, die wesent­lich unter den Anga­ben von Grim und Fin­ke liegt.
105.000 getö­te­te Chri­sten bedeu­tet, daß täg­lich welt­weit zwi­schen 287 und 288 Chri­sten wegen ihres Glau­bens ermor­det wer­den. Das sind 12 Chri­sten jede Stun­de oder ein Christ alle fünf Minu­ten (alle vier Minu­ten nach Grim und Fin­ke). Eine erschrecken­de Zahl, trotz des von Bar­rett und John­sohn erho­be­nen Rück­gangs für 2010.

Intro­vi­g­ne zog in Göd­öl­lö den Schluß, daß die Chri­sten­ver­fol­gung welt­weit unter allen For­men der Dis­kri­mi­nie­rung und Ver­fol­gung die schlimm­ste ist. Es brau­che umge­hend Maß­nah­men, um die­ses Mas­sa­ker zu been­den. Der erste Schritt dazu sei, daß die Staa­ten erken­nen, daß die Chri­sten­ver­fol­gung die schlimm­ste mensch­li­che Tra­gö­die unse­rer Zeit ist und gegen die­se Not­la­ge etwas unter­nom­men wer­den müs­se. Intro­vi­g­ne mahn­te: „Der Dia­log zwi­schen den Reli­gio­nen und den Kul­tu­ren wird zwar wun­der­schö­ne Tagun­gen her­vor­brin­gen, aber kei­ne kon­kre­ten Ergeb­nis­se. Wer die Zah­len ver­schweigt, will wahr­schein­lich nichts gegen das Mas­sa­ker unter­neh­men.“

(BQ/Giuseppe Nar­di, Bild: BQ)