Alexander Kissler: Eine Mäkelei oder Begeisterung aus der eigenen subjektiven Sicht ist problematisch

Erfüllt die Instruk­ti­on Uni­ver­sae Eccle­siae Ihre Erwar­tun­gen?

Schon der Titel ver­deut­licht: Die Instruk­ti­on ist an die Welt­kir­che gerich­tet. Inso­fern ist eine Mäke­lei oder Begei­ste­rung aus der eige­nen sub­jek­ti­ven Sicht pro­ble­ma­tisch. Der Adres­sat bin nicht ich, der Adres­sat sind nicht die deut­schen Bischö­fe oder der deut­sche Lai­en­ka­tho­li­zis­mus, son­dern alle Katho­li­ken welt­weit, die von ihrem Recht auf eine latei­ni­sche Mes­se nach dem Mis­sa­le Johan­nes’ XXIII. Gebrauch machen wol­len. Ihnen soll ein Instru­ment in die Hand gege­ben wer­den, das die­ses Recht stärkt und kodi­fi­ziert. Die Erwar­tun­gen, die man also bil­li­ger­wei­se an die Instruk­ti­on stel­len kann, wer­den sich dann erfül­len, wenn eine gedeih­li­che Pra­xis in die­sem Sin­ne welt­weit Nor­ma­li­tät wird; wenn über­all die Alte Mes­se als legi­ti­me Ergän­zung zur erneu­er­ten Form akzep­tiert und geschätzt wird.

Wel­ches sind Ihrer Ansicht nach die wich­tig­sten Punk­te der Instruk­ti­on?

Das fac­tum brutum, das in Deutsch­land die Bischofs­kon­fe­renz ger­ne abstrei­tet, lau­tet: „Die Zahl der Gläu­bi­gen, die dar­um bit­ten, die außer­or­dent­li­che Form gebrau­chen zu kön­nen, nimmt zu.“ Es sind wirk­lich Bit­ten, kei­ne Anträ­ge – Bit­ten, derer sich im Zwei­fels­fall der Orts­bi­schof per­sön­lich anneh­men muß, und zwar „stets“ in der „Gesin­nung (mens) des Pap­stes“. Ver­bo­te, Ver­trö­stun­gen, Aus­re­den sind in kei­nem Fall statt­haft. In Deutsch­land wur­de bis­her die Nach­fra­ge künst­lich ver­knappt, indem man Hür­den errich­te­te, die Rom jetzt aber­mals besei­tigt wis­sen will. Die Alte Mes­se ist kein Gna­den­akt, sie darf nicht ver­bo­ten, muß nicht eigens erlaubt wer­den.

Wich­tig scheint mir auch, daß die Prie­ster­se­mi­na­re für das nöti­ge „Stu­di­um der latei­ni­schen Spra­che sor­gen müs­sen“ und „die Mög­lich­keit bie­ten sol­len, die for­ma extra­or­di­na­ria des Ritus zu erler­nen.“ Ich bin gespannt, wel­che deut­schen Semi­na­re die­ses Sol­len im Sin­ne des Pap­stes in ein Sein ver­wan­deln wer­den.

Außer­dem ist das Ver­bot von Prie­ster­wei­hen bedeut­sam, die nicht „in den Insti­tu­ten des geweih­ten Lebens und in den Gesell­schaf­ten des apo­sto­li­schen Lebens, die der Päpst­li­chen Kom­mis­si­on Eccle­sia Dei unter­ste­hen,“ vor­ge­nom­men wer­den. Die jähr­li­chen Wei­hen der Prie­ster­bru­der­schaft des Hl. Pius X. blei­ben also uner­laubt.

Schließ­lich sticht der Hin­weis her­vor, daß in allen Fra­gen der Aus­füh­rung das Mis­sa­le von 1962 bin­dend bleibt; Hand­kom­mu­ni­on und Meß­die­ne­rin­nen sind dem­nach kaum statt­haft.

War­um äußer­ten deut­sche Bischö­fe Beden­ken, die angeb­lich vom Papst „nicht berück­sich­tigt“ wur­den?

Wür­de der Papst per­ma­nent allen Beden­ken deut­scher Bischö­fe Rech­nung tra­gen, wäre er rasch zum ober­sten Beden­ken­trä­ger, zum Zau­de­rer, Zöge­rer und Zweif­ler mutiert und kein Pon­ti­fex maxi­mus mehr. Ich ver­mu­te, die­se „Beden­ken“ rich­ten sich auf die Sor­ge, das eige­ne Kir­chen- und Welt­bild wer­de von höhe­rer War­te rela­ti­viert. Wer eben meint, die Auf­gip­felung der Kir­chen­ge­schich­te sei das letz­te Kon­zil und des­sen Kern wie­der­um eine – so bekannt­lich nir­gends beschlos­se­ne – radi­ka­le Abkehr von der klas­si­schen Mes­se, der fühlt sich beim Blick in „Summorum pon­ti­fi­cum“ und jetzt „Uni­ver­sae Eccle­siae“ ver­stimmt, viel­leicht auch per­sön­lich gekränkt.

Wel­che Ent­wick­lung sehen Sie nun im lit­ur­gi­schen Bereich? Wird die katho­li­sche Kir­che zur bi-ritu­el­len Kir­che?

Laut Bene­dikt XVI. han­delt es sich um „zwei Gebrauchs­wei­sen des einen römi­schen Ritus“: eine wahr­haft salo­mo­ni­sche For­mu­lie­rung. In der Pra­xis wer­den die Zu- oder Abnei­gun­gen klar ver­teilt sein. Um per­sön­li­che Vor­lie­ben geht es aber gera­de nicht. Nun soll­te viel­mehr end­gül­tig deut­lich gewor­den sein, daß bei­de For­men abso­lut gleich­be­rech­tig­te Wege sind, der „gött­li­chen Maje­stät einen wür­di­gen Kult dar­zu­brin­gen“. Echt und wahr wird immer dann Mes­se gefei­ert, wenn die­se chri­sto­zen­tri­sche Per­spek­ti­ve gewahrt bleibt, wenn also nicht der Mensch, nicht die Gemein­de, nicht die Form im Zen­trum steht, son­dern, um mit dem Titel der ersten Enzy­kli­ka Johan­nes Pauls II. zu spre­chen, „der Erlö­ser des Men­schen.“

Dr. Alex­an­der Kissler (Mün­chen) ist Buch­au­tor und Kul­tur­jour­na­list