Wird ein „Liberaler“ Amerikas Bischofskonferenz vorstehen? – Engagement für Soziales, „aber die Abtreibung immer vergessen“

(New York) Wer wird neu­er Vor­sit­zen­der der ame­ri­ka­ni­schen Bischofs­kon­fe­renz? Eine nicht uner­heb­li­che Fra­ge ange­sichts des Gewichts der USA in der Welt und der US-Diö­ze­sen in der katho­li­schen Kir­che.
Heu­te wur­de in Bal­ti­more in Mary­land die Herbst­voll­ver­samm­lung der Bischofs­kon­fe­renz eröff­net, die Klar­heit brin­gen wird. Die Zahl der Kan­di­da­ten ist mit fast einem Dut­zend beacht­lich. Soll­ten jedoch die „Gepflo­gen­hei­ten“ ein­ge­hal­ten wer­den, könn­te es sich bei der Abstim­mung nur um eine Form­sa­che han­deln. Die Mehr­heit der Bischö­fe, wie auch der Vati­ka­nist Pao­lo Roda­ri unter Beru­fung auf Stim­men aus dem Vati­kan bestä­tigt, sol­len dem der­zei­ti­gen stell­ver­tre­ten­den Vor­sit­zen­den der Bischofs­kon­fe­renz, dem Bischof von Tuc­son in Ari­zo­na, Msgr. Gerald F. Kica­nas zunei­gen.

Die Wahl Msgr. Kica­nas wäre ein deut­li­cher Bruch gegen­über dem bis­he­ri­gen Vor­sitz unter Kar­di­nal Fran­cis Geor­ge von Chi­ca­go. Wäh­rend Kar­di­nal Geor­ge als „Kon­ser­va­ti­ver“ gilt, wird Bischof Kica­nas von Beob­ach­tern als „Libe­ra­ler“ bezeich­net. Pao­lo Roda­ri bezeich­net ihn sogar als eine Art „Ber­nar­din unse­rer Zeit“. Gemeint ist damit der 1996 ver­stor­be­ne Kar­di­nal Joseph Ber­nar­din, Erz­bi­schof von Chi­ca­go. Kar­di­nal Ber­nar­din enga­gier­te sich für die Armen und in sozia­len Fra­gen, „aber er ver­gaß immer den Kampf gegen die Abtrei­bung“, wie der katho­li­sche Schrift­stel­ler und Jour­na­list Geor­ge Weigel schrieb. Das Glei­che behaup­ten Beob­ach­ter von Bischof Kica­nas. Er steht damit US-Prä­si­dent Barack Oba­ma nahe, der mehr­fach äußer­te, daß für ihn der „idea­le“ Bischof eben genau Ber­nar­din ist.

Die Medi­en ver­fol­gen die Ver­samm­lung der Bischö­fe mit gro­ßer Auf­merk­sam­keit. Ver­schie­de­ne Medi­en war­fen Bischof Kica­nas vor, zu jenen zu gehö­ren, die den Skan­dal pädo­phi­ler Prie­ster unter den Tep­pich keh­ren woll­ten. Er sei einer von jenen Bischö­fen, die statt einer Anzei­ge bei den Behör­den oder der Lai­sie­rung das Pro­blem durch Ver­set­zun­gen von einer Diö­ze­se in eine ande­re zu lösen ver­such­ten. Die Medi­en fra­gen daher, wel­chen Kurs die Bischö­fe ein­schla­gen wol­len. Wol­len sie die kla­re Linie der „Null Tole­ranz“ von Papst Bene­dikt XVI. fort­set­zen, oder die­sem in Rücken fal­len und zur alten Metho­de des Zudeckens und Durch­wur­stelns zurück­keh­ren?

Zu den Medi­en, die Msgr. Kica­nas am hef­tig­sten angrei­fen, gehört der Natio­nal Catho­lic Regi­ster (NCR) der Legio­nä­re Chri­sti. Im NCR ver­öf­fent­lich­te Tim Dra­ke einen Appell an die Bischö­fe, einem ande­ren Kan­di­da­ten ihre Stim­me zu geben. Zum ersten Mal in der Kir­che in den USA wird laut­stark und öffent­lich Trans­pa­renz nicht vom „pro­gres­si­ven“, son­dern von ver­schie­de­nen ande­ren Rich­tun­gen gefor­dert.

Laut Dra­ke ver­hin­der­te Msgr. Kica­nas als Regens des Chi­ca­go­er Prie­ster­se­mi­nars nicht, daß Dani­el McCor­mack zum Prie­ster geweiht wur­de. Als Prie­ster miß­brauch­te die­ser min­der­jäh­ri­ge Kin­der. Bischof Kica­nas kam mehr­fach auf die Wei­he McCor­macks zu spre­chen, indem er erklär­te: „Ich den­ke, daß ich nicht anders han­deln hät­te kön­nen.“ Laut Legio­nä­re Chri­sti, die wegen eines skan­da­lö­sen Lebens­wan­dels ihres Grün­ders eine schwe­re Zeit durch­mach­ten und sich nun dank einer apo­sto­li­schen Visi­ta­ti­on wie­der neu aus­ge­rich­tet kon­so­li­die­ren kön­nen, wür­de die Wahl Msgr. Kica­nas die Glaub­wür­dig­keit der ame­ri­ka­ni­schen Kir­che auf „nicht wie­der gut­zu­ma­chen­de Wei­se kom­pro­mit­tie­ren mit schwer­wie­gen­den Fol­gen für die Zukunft“.

Wie wer­den die Bischö­fe ent­schei­den? Der­zeit sieht es nicht so aus, als wür­den sie der For­de­rung nach­kom­men. Als sie vor kur­zem Msgr. Kica­nas zum Vize­vor­sit­zen­den kür­ten, kam dies einer Vor­ent­schei­dung zugun­sten des Bischofs von Tuc­son gleich. Eine Mehr­heit scheint in ihm eine geeig­ne­te Per­son für die Nach­fol­ge von Kar­di­nal Geor­ge zu sehen und ein ent­spann­te­res Ver­hält­nis zu Prä­si­dent Oba­ma wün­schen.

Den­noch scheint noch nicht alles ent­schie­den. Vor einer Woche ver­öf­fent­lich­te das Sekre­ta­ri­at der Bischofs­kon­fe­renz eine Pres­se­mit­tei­lung, in der dar­an erin­nert wird, daß min­de­stens zehn Kan­di­da­ten für die Posi­ti­on geeig­net sei­en. Die Bot­schaft an die Medi­en schien zu lau­ten: Nicht nur Kica­nas, auch Msgr. Aymond von New Orleans, Msgr. Blai­re von Stock­ton, Msgr. Cha­put von Den­ver, Msgr. Dolan von New York, Msgr. Kurtz di Louis­vil­le, Msgr. Mur­ry von Young­stown, Msgr. O’bri­en von Bal­ti­more, Msgr. Vigne­ron von Detroit und Msgr. Wester von Salt Lake City.

Der Papst und der Vati­kan beob­ach­ten die Wahl, die eine freie Ent­schei­dung der ame­ri­ka­ni­schen Mit­brü­der im Bischofs­amt ist. Der schei­den­de Vor­sit­zen­de Kar­di­nal Geor­ge war ein treu­er Ver­bün­de­ter des Pap­stes bei den „unver­han­del­ba­ren Wer­te und Grund­sät­ze“. Die Zukunft liegt in den Hän­den der Bischö­fe.

(Palaz­zo Apostolico/Giuseppe Nar­di, Bild: franciscanradio.org)