Der Fall Augsburg – die mit den Wölfen heulen

Der erzwun­ge­ne Rück­tritt des Augs­bur­ger Diö­ze­san­bi­schofs Wal­ter Mixa legt eben­so uner­bitt­lich inner­kirch­li­che Schwä­chen offen wie das häß­li­che Gesicht der Kir­chen­feind­lich­keit von außen. „Feh­ler macht jeder“, Prie­ster, auch Bischö­fe, sind davon nicht aus­ge­nom­men. Man könn­te den „Fall Mixa“ damit abtun, ohne die Details näher zu betrach­ten, wären das eigent­li­che Ziel der Angrif­fe nicht der Papst und die Kir­che.

Viel­leicht denkt manch Zeit­ge­nos­se an eine aus­glei­chen­de, öku­me­ni­sche Gerech­tig­keit nach dem kurio­sen Rück­tritt der EKD-Vor­sit­zen­den Mar­got Käß­mann. Die post­mo­der­ne Gesell­schaft, die Reli­gi­on und Moral abschüt­teln woll­te, ent­puppt sich als medi­en­ge­lenk­tes hyper­mo­ra­li­sti­sches Kon­strukt. Was mora­lisch oder unmo­ra­lisch ist, bestim­men ad hoc die gro­ßen Medi­en und deren Zuträ­ger. Die Kir­che ver­gibt, die libe­ra­le Gesell­schaft nicht!

Die Beson­der­heit die­ses Rück­tritts, der nicht dadurch bes­ser wird, daß er „brü­der­lich“ erzwun­gen wur­de, liegt aller­dings in sei­ner Ein­zig­ar­tig­keit. Erst­mals wur­de in unse­ren Brei­ten ein regie­ren­der Bischof durch die ver­öf­fent­lich­te Mei­nung „abge­schos­sen“. Die­sel­ben äuße­ren Kräf­te, die seit Wochen und Mona­ten den media­len Schau­pro­zeß samt Vor­ver­ur­tei­lung über sexu­el­le Miß­brauchs­fäl­le durch Prie­ster insze­nie­ren, nah­men den Augs­bur­ger Ober­hir­ten ins Visier.

Der vor­herr­schen­de Rela­ti­vis­mus erträgt die katho­li­sche Kir­che und ihren Ein­fluß auf die Welt nicht mehr. Ent­spre­chend ist ihm die ein­zig­ar­tig aus dem kon­trol­lier­ba­ren Ega­li­ta­ris­mus her­vor­ra­gen­de Gestalt des Pap­stes zuwi­der. Besten­falls ein bun­tes, tau­send­fach par­zel­lier­tes katho­li­sches Spek­trum mit einem ledig­lich ehren­hal­ber aus­ge­üb­ten Papst­amt von der Bedeu­tungs­lo­sig­keit eines UN-Gene­ral­se­kre­tärs scheint noch akzep­ta­bel. Die intel­lek­tu­el­le Bril­lanz Bene­dikts XVI. treibt zudem zur Weiß­glut.

Ent­spre­chend schnell wie inhalt­lich unred­lich wur­de aus dem Bekla­gen ver­werf­li­cher Fehl­hand­lun­gen ein­zel­ner, weni­ger Prie­ster eine Gene­ral­an­kla­ge gegen den Papst und die Kir­che. Wes Gei­stes Kind dahin­ter­steckt wur­de durch die For­de­rung von Richard Daw­kins sicht­bar, den Papst bei sei­ner Pasto­ral­rei­se nach Eng­land zu ver­haf­ten.

Bischof Mixa hob sich wohl­tu­end vom oft wenig selbst­be­wuß­ten deut­schen Epi­sko­pat ab, indem er genu­in katho­li­sche The­men ansprach und auch gegen­über der post­mo­der­nen Gesell­schaft For­de­run­gen erhob. Es genügt, sei­ne Wort­mel­dun­gen zum ent­schei­den­den The­ma unse­rer Zeit, dem Lebens­schutz zu betrach­ten. Ein Ver­gleich mit dem ver­stor­be­nen Erz­bi­schof Dyba war dies­be­züg­lich sicher zutref­fend. Genau das aber scheint eini­gen Mit­brü­dern, die sich geschmei­dig den Gesetz­mä­ßig­kei­ten der vor­herr­schen­den Mei­nung zu fügen und anzu­pas­sen wis­sen, wenig behagt zu haben. Ein Stö­ren­fried des epi­sko­pa­len Quie­tis­mus soll­te ent­fernt wer­den. Aus eini­gen (sexu­el­len) Miß­brauchs­fäl­len, mit denen Mixa genau­so wenig zu tun hat wie der Papst in Rom, wur­den durch per­fi­de sprach­li­che Gleich­set­zung „Miß­brauchs­fäl­le“ (durch die eine oder ande­re Watsch’n) und eben­so schnell Ver­däch­ti­gun­gen auf Zweck­ent­frem­dung von Gel­dern. Da fehl­te nur noch ein brü­der­li­cher Besuch aus Frei­burg und Mün­chen.

Wür­de man inner­kirch­li­che Gepflo­gen­hei­ten nicht ken­nen, wünsch­te man sich, Rom täte mit dem Rück­tritt, was eigent­lich damit zu tun wäre, ihn zurück­wei­sen, denn der Schritt wird Fol­gen haben. Inner- wie außer­kirch­lich rie­chen jene Lun­te, die die­se Hatz wahr­schein­lich schon als Test­lauf kon­zi­piert hat­ten.

Den Prä­ze­denz­fall lie­fer­te Öster­reich mit der ver­hin­der­ten Beru­fung von Pfar­rer Ger­hard Maria Wag­ner zum Weih­bi­schof von Linz. Der domi­nan­te­re Teil des Kle­rus woll­te sich nicht in sei­nem beque­men, doch „sozi­al­kri­ti­schen“ Kon­ku­bi­nat stö­ren las­sen, die ton­an­ge­ben­den Bischö­fe nicht einen zwei­ten Kurt Krenn in die Bischofs­kon­fe­renz set­zen las­sen, der nach außen per­fekt medi­en­taug­lich die katho­li­sche Posi­ti­on zu ver­tre­ten und nach innen sei­nen Mit­brü­dern auch ein­mal zu sagen wuß­te, daß sie doch „ihr Maul hal­ten“ soll­ten. Das gilt auch für bischöf­li­che Geschwät­zig­keit, wie sie ein Schwei­zer zum fünf­ten Jah­res­tag der Wahl Bene­dikts XVI. zum Papst an den Tag leg­te.

Die gan­ze Dra­ma­tik der deut­schen Kir­che drückt sich emble­ma­tisch in zwei Ereig­nis­sen des­sel­ben Tages aus. Wäh­rend der Augs­bur­ger Bischof Wal­ter Mixa sei­nen erzwun­gen Rück­tritt bekannt­gab, teil­te ein bischöf­li­cher Mit­bru­der der deut­schen Öffent­lich­keit mit, daß Umwelt­schutz eine „Kern­auf­ga­be der katho­li­schen Kir­che“ sei.

Man möch­te aus­ru­fen: Neue Bischö­fe braucht das Land. Deren Ernen­nung dürf­te ange­sichts der lau­ern­den Jagd­ge­sell­schaft immer schwie­ri­ger wer­den. Aus den Prä­ze­denz­fäl­len könn­ten ein­ge­spiel­te Mecha­nis­men wer­den, die unge­woll­te Kan­di­da­ten schlicht­weg eli­mi­nie­ren. Die Jagd ist eröff­net, auch dafür steht der Rück­tritt von Augs­burg.

Bleibt am Ende die Fra­ge, was für die Katho­li­ken Deutsch­lands (eben­so Öster­reichs) schlim­mer ist: die Wöl­fe oder durch Scha­fe geführt zu wer­den?

Giu­sep­pe Nar­di                                (Bild: flickr.com Johan­nes Roche)