Mit der Schulbildung soll der neue Menschentypus für die neue Weltordnung geschaffen werden — Die katholischen Bischöfe schweigen zu den Vorfällen an den katholischen Schulen

Der deut­schen Home­school Fami­lie Rom­ei­ke wur­de in den USA polit­sches Asyl gewährt. Hin­ter­grund ist die Kri­mi­na­li­sie­rung und Ver­fol­gung der Fami­lie in Deutsch­land, die ihre Kin­der sel­ber zu Hau­se unter­rich­ten woll­te.

Anna D. aus Salz­kot­ten, eine Mut­ter von acht Kin­dern, wur­de am Ascher­mitt­woch früh am mor­gen durch die Poli­zei aus ihrem Haus geholt und für acht Tage in Erzwin­gungs­haft ins Gefäng­nis nach Gel­sen­kir­chen gebracht. Der neun-jäh­ri­gen Sohn woll­te nicht zu einem Thea­ter­stück , das sei­tens der Schul­kon­fe­renz zum Bestand­teil des Sexu­al­erzieh­zungs­un­ter­richt erklärt wur­de. Die Rek­to­rin der katho­li­schen Libo­ri­us-Grund­schu­le wei­ger­te sich, den Jun­gen von der Teil­nah­me zu befrei­en. Statt­des­sen bean­trag­te die Schul­lei­te­rin, ein Buß­geld gegen die Eltern zu ver­hän­gen. Da die auch Mut­ter das Buß­geld nicht zahl­te, muß­te die Mut­ter — wie zuvor der Vater im ver­gan­ge­nen Dezem­ber — in Erzwin­gungs­haft.

Ein Gespräch mit Rechts­an­walt Armin Ecker­mann Vor­sit­zen­der des Ver­eins Schul­un­ter­richt zu Hau­se e.V.

War­um sind Sie gegen die Schul­pflicht?

Ich bin nicht gegen die Schul­pflicht; ich habe mich weder als Pri­vat­per­son noch als Vor­sit­zen­der des Ver­eins Schul­un­ter­richt zu Hau­se e.V. (SchuzH) je gegen die Schul­pflicht als sol­che gewandt. Mir sind die Seg­nun­gen der all­ge­mei­nen Schul­pflicht bekannt und bewußt, aber auch die nega­ti­ven Aus­wir­kun­gen. Ich habe immer wie­der deut­lich gemacht und dazu ste­he ich wei­ter­hin, daß die rigo­ro­se Durch­set­zung der Schul­pflicht den viel­fäl­ti­gen Lebens­wirk­lich­kei­ten (Schul­pho­bien, psy­chisch und phy­sisch beein­träch­tig­te Kin­der, unter­schied­li­ches Lern­tem­po, Hoch­be­gab­te, Glau­bens- und Gewis­sens­kon­flik­te, Mob­bing, Gewalt, beruf­li­che Grün­de der Eltern) nicht gerecht wird und des­halb von der Schul­pflicht im Ein­zel­fall Abstand zu neh­men und Befrei­ung bzw. Aus­nah­me von der Schul­pflicht zu ertei­len ist.

Seit wann gibt es in Deutsch­land die Schul­pflicht?

Schul­pflicht gab es in Deutsch­land erst­mals 1717, und zwar unter Wil­helm dem I. für Preu­ßen. Ihrem Inhalt nach war sie Unter­richts­pflicht und wur­de ein­ge­führt, um „dem höchst ver­derb­li­chen Übel der Unwis­sen­heit beim Lesen, Schrei­ben und Rech­nen und bei den Heil und Selig­keit die­nen­den Ange­le­gen­hei­ten abzu­hel­fen“. Die Wei­ma­rer Ver­fas­sung führ­te die all­ge­mei­ne Schul­pflicht für ganz Deutsch­land ein, die über die in Preu­ßen bis dahin bestehen­de Unter­richts­pflicht hin­aus­ging. Das sei­ner­zei­ti­ge Schul­ge­setz ließ aber in Aus­nah­me­fäl­len, ins­be­son­de­re auch aus Gewis­sens­grün­den, Befrei­un­gen von der Schul­pflicht zu.

Der Natio­nal­so­zia­lis­mus erkann­te grund­sätz­lich nur dem Staat das Erzie­hungs­recht zu. Das Pri­vat­schul­we­sen und das Haus­schul­we­sen wur­den daher ins­ge­samt aus­ge­schal­tet. Die Schu­le dien­te als Instru­ment zur Durch­set­zung der Welt­an­schau­ung der herr­schen­den Par­tei. Das ist der Beginn für die rigo­ro­se Durch­set­zung der Schul­pflicht.

Ist die staat­li­che Inten­ti­on heu­te die sel­be wie damals?

Wel­che Inten­tio­nen der Staat in Bezug auf die rigo­ro­se Durch­set­zung der Schul­pflicht heu­te hat, ist in sei­nen letz­ten Moti­ven nir­gend­wo nach­zu­le­sen. Aber die Befas­sung mit dem Schul­sy­stem und den Lehr­in­hal­ten sowie mit der Kul­tur­re­vo­lu­ti­on von 1968 und ihren Beweg­grün­den läßt doch in der eman­zi­pa­to­ri­schen Päd­ago­gik erken­nen, daß mit der Schul­bil­dung der neue Men­schen­ty­pus für die neue Welt­ord­nung geschaf­fen wer­den soll. Unter dem Deck­man­tel hono­rig erschei­nen­der hoch­ge­sto­che­ner Bil­dungs- und Erzie­hungs­zie­le wird der Schü­ler in eine Kon­for­mi­tät links­ex­tre­mer und gott­lo­ser Denk­aus­rich­tung gedrängt. Hel­mut Schoeck nann­te es in sei­nem Buch „Kin­der­ver­stö­rung“ (1987) im Unter­ti­tel: „Die miß­brauch­te Kind­heit — Umschu­lung auf eine ande­re Repu­blik“. Men­schen, die dem nicht fol­gen wol­len, wer­den als stö­rend emp­fun­den, in ihrem Anders­den­ken unter­drückt („die All­ge­mein­heit hat ein Inter­es­se …“; im drit­ten Reich hieß das: „das gesun­de Volks­emp­fin­den for­dert …“) und aus der Gemein­schaft des Vol­kes aus­ge­grenzt (uner­wünsch­te Par­al­le­ge­sell­schaft nach Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt).

Wel­che Alter­na­ti­ven schla­gen Sie vor um Bil­dung zu garan­tie­ren?

Die Alter­na­ti­ve zum Schul­zwang wäre Schul­pflicht mit groß­zü­gi­ger Zulas­sung von Befrei­un­gen, die ohne­hin bereits jetzt in den Schul­ge­set­zen eini­ger Län­der vor­ge­se­hen sind, aber durch die Schul­ver­wal­tung und die Gerich­te bis­her — ent­ge­gen dem Wort­laut — auf Fäl­le der Unmög­lich­keit eines Schul­be­su­ches ein­ge­grenzt wur­den. Eine wei­te­re Alter­na­ti­ve wäre eben die Erset­zung der Schul­pflicht durch eine Bil­dungs- oder Unter­richts­pflicht, wie sie in fast allen Län­dern die­ser Erde besteht. Die Eltern wer­den vom Gesetz ver­pflich­tet, für die Bil­dung ihrer Kin­der zu sor­gen. Sie kön­nen dafür das staat­li­che Schul­an­ge­bot oder eben freie pri­va­te Mög­lich­kei­ten — Pri­vat­schu­len, Pri­vat­un­ter­richt, Kurs­sy­ste­me, Fern­schu­len, Haus­un­ter­rich­tung (Home­schoo­ling), Frei­ler­nen nut­zen.

Die Angst vor der Ent­ste­hung von Eli­te­schu­len braucht man nicht zu hegen, da es die­se ohne­hin bereits gibt. Öster­reich hat ein klas­sisch-gutes Modell für die Haus­un­ter­rich­tung: Die Schul­be­hör­de respek­tiert den Wunsch auf Haus­un­ter­rich­tung ohne viel Auf­he­bens, for­dert die Schü­ler aber zum Schul­jah­res­en­de zum Test ein. Wird der Test bestan­den, kann die Haus­un­ter­rich­tung fort­ge­setzt wer­den, wenn nicht, dann geht das Kind zur Schu­le. So gibt der Staat groß­zü­gig Frei­heit in der Bil­dung und Erzie­hung, ohne sei­ne Auf­sicht über Bil­dung und Erzie­hung zu ver­lie­ren.

In Deutsch­land gibt es dafür eben­falls ein Modell auf ganz ande­rem Gebiet, näm­lich bei der Wehr­pflicht. Wer die Wehr­pflicht ver­wei­gert, lei­stet Wehr­ersatz­dienst. Die Befrei­ung von der Wehr­pflicht aus Glau­bens- und Gewis­sens­grün­den war vom Staat zunächst ver­wei­gert wor­den. Har­te Kämp­fe gegen­über der Ver­wal­tung und an den Gerich­ten führ­ten zunächst zur sogen­na­ten Post­kar­ten­lö­sung (Die Begrün­dung des Gewis­sens­kon­flikts auf der Post­kar­te genüg­te zur Befrei­ung) und dann zur völ­lig frei­en Wahl von Wehr­dienst oder Wehr­ersatz­dienst. Damals wur­de das Grund­recht der Glau­bens- und Gewis­sens­frei­heit noch beach­tet.

Der dama­li­ge CSU-Vor­sit­zen­de Erwin Huber begrün­de­te die Schul­pflicht im Sep­tem­ber 2008 mit den Wor­ten: „Die all­ge­mei­ne Schul­pflicht gilt als eine unver­zicht­ba­re Bedin­gung für die Gewähr­lei­stung der frei­heit­li­chen demo­kra­ti­schen Grund­ord­nung und zugleich als uner­läß­li­che Vor­aus­set­zung für die Siche­rung der wirt­schaft­li­chen und sozia­len Wohl­fahrt der Gesell­schaft. Sinn und Zweck der Schul­pflicht ist nicht nur die Ver­mitt­lung von Lehr­p­la­nin­hal­ten, son­dern ins­be­son­de­re auch die Schu­lung der Sozi­al­kom­pe­tenz der Kin­der. Die Sozi­al­kom­pe­tenz wird durch das Ler­nen in der Klas­sen­ge­mein­schaft und durch gemein­sa­me Schul­ver­an­stal­tun­gen in beson­de­rem Maße geför­dert. Neben der För­de­rung der Sozi­al­kom­pe­tenz hat die Schu­le auch die Funk­ti­on, wäh­rend der Unter­richts­zeit auf das Kin­des­wohl zu ach­ten. Wür­de man Aus­nah­men von der Schul­pflicht zulas­sen, müß­te die­se Auf­ga­be von den Jugend­äm­tern über­nom­men wer­den. Die Baye­ri­sche Ver­fas­sung will mit der all­ge­mei­nen Schul­pflicht alle Kin­der und Jugend­li­chen glei­cher­ma­ßen und umfas­send in die Gesell­schaft ein­glie­dern. Dies ist eine der gro­ßen eman­zi­pa­to­ri­schen und demo­kra­ti­schen Ent­wick­lun­gen des 19. Jahr­hun­derts.“

Die Wor­te von Erwin Huber gehö­ren zu den Staats­lü­gen, die in Deutsch­land immer wie­der gegen bes­se­res Wis­sen ver­brei­tet wer­den, um den Schul­zwang auf­recht zu erhal­ten. Die Wor­te klin­gen gut, sind aber hohl und wider­legt, durch die Ergeb­nis­se der deut­schen Schul­bil­dung. Die Schü­ler, die einen Schul­ab­schluß schaf­fen, sind 25% nicht in Indu­strie und Aus­bil­dung zu gebrau­chen, weil ihnen die erfor­der­li­che Lese‑, Schreib‑, Rechen- und/oder Sozi­al­kom­pe­tenz feh­len.

Nicht die Schul­zeug­nis­se ent­schei­den über einen Lehr­ver­trag, son­dern betriebs­ei­ge­ne Tests. Der Leh­rer Pous­set geht sogar soweit, daß er die Schu­len als Stät­ten der Kri­mi­na­li­tät bezeich­net („Schafft die Schul­pflicht ab“, S. 104). Die Ver­mitt­lung von sozia­ler Kom­pe­tenz läßt sehr zu wün­schen übrig und läßt an Schu­len viel­fa­che Gewalt­be­reit­schaft ent­ste­hen. Die schu­li­schen Män­gel an rei­ner Wis­sens­ver­mitt­lung wer­den jähr­lich durch Haus­un­ter­richt in Form von Nach­hil­fe­un­ter­richt aus­ge­gli­chen. Das Nach­hil­fe­we­sen ver­zeich­net Jahr für Jahr stei­gen­de Umsät­ze, die längst in die Mil­li­ar­den­hö­he gehen (Quel­le Jan Edel „Schul­pflicht gegen Home­schoo­ling: Schul­we­ge, Irr­we­ge und Aus­we­ge“).

Hubers Schul­zwan­geu­pho­rie wird durch Demo­kra­tien wie z.B. Irland wider­legt, das die Haus­un­ter­rich­tung als Recht der Kin­der und Eltern in ihrer Ver­fas­sung ver­an­kert haben und heu­te immer noch Demo­kra­tie sind. Der Blick in die Nach­bar­län­der bzw. in die Indu­strie­staa­ten und Demo­kra­tien die­ser Erde zeigt, daß dort trotz feh­len­der Schul­pflicht die frei­heit­li­che demo­kra­ti­sche Grund­ord­nung — wohl viel­fach noch bes­ser als in Deutsch­land — gewähr­lei­stet und die wirt­schaft­li­che und sozia­le Wohl­fahrt der Gesell­schaft kei­nes­wegs tan­giert ist.

Auch kann nicht die Rede davon sein, daß die Home­school-Kin­der nicht in die Gesell­schaft inte­griert sei­en. Die Staa­ten mit Home­school-Gestat­tung han­deln doch nicht ver­ant­wor­tungs­los gegen­über ihren Kin­dern und der Zukunft des jewei­li­gen Staa­tes. Wür­den da Schä­den auf­ge­kom­men sein, wäre die Home­school­be­we­gung längst am Ende. Aber sie wächst — eben wegen der guten Erfol­ge sowohl hin­sicht­lich Wis­sens­kom­pe­tenz als auch der Sozi­al­kom­pe­tenz. Zur Fra­ge der Sozi­al­kom­pe­tenz ist auf die wis­sen­schaft­li­chen Stu­di­en in den USA und Kana­da (z.B. Bri­an D. Ray „Strength of their own – home­schoo­lers across Ame­ri­ca“, 1997; Fra­ser Insti­tu­te, „Home­schoo­ling – from the extre­me to the main­stream“, 2001) zu ver­wei­sen, die den Kin­dern bzw. Jugend­li­chen aus dem Home­school-Bereich eine höhe­re sozia­le Kom­pe­tenz beschei­ni­gen als den Schü­lern der öffent­li­chen und staat­li­chen Schu­len.

Die Erfah­run­gen der deut­schen Home­school-Bewe­gung decken sich mit die­sen Stu­di­en. Wenn viel­leicht die eine oder ande­re Home­school­fa­mi­lie schei­tern soll­te, so ist dem ent­ge­gen­zu­hal­ten, daß pro­zen­tu­al eine viel grö­ße­re Anzahl von Schü­lern an den öffent­li­chen Schu­len schei­tert. 25 % der Schü­ler errei­chen den Schul­ab­schluss nicht.

Die Beach­tung des Kin­des­wohls müß­te kei­nes­wegs auf die Jugend­äm­ter über­tra­gen wer­den, wenn bei Schul­pflicht-Befrei­ten die Kon­trol­le die Schu­le über­nimmt. Die Haus­schul­fa­mi­li­en leben ja nicht, wie es weit­hin kli­schee­haft ange­nom­men wird, abge­schot­tet gegen die Umwelt, son­dern haben viel­fäl­ti­ge Kon­tak­te zu Sport­ver­ei­nen, Gemein­den, Nach­barn usw., wie ande­re Fami­li­en auch. Da braucht es kei­ne beson­de­re Kon­troll­ein­rich­tung. Das Aus­land jeden­falls sieht kei­nen Bedarf, Haus­schul­fa­mi­li­en durch Jugend­äm­ter oder der­glei­chen Ein­rich­tun­gen kon­trol­lie­ren zu las­sen.

Die Befür­wor­ter der Schul­pflicht wol­len mit der Schul­pflicht die reli­giö­se Get­toi­sie­rung und Radi­ka­li­sie­rung vor­beu­gen.

Die Fra­ge nach der reli­giö­sen Get­toi­sie­rung und Radi­ka­li­sie­rung, die immer wie­der auf­kommt, zielt nicht auf christ­li­che Haus­schul­be­für­wor­ter ab. Dort besteht eine sol­che Gefahr über­haupt nicht, nicht ein­mal ansatz­wei­se. Die Haus­schul­fa­mi­li­en mit christ­li­chem Glau­ben im Hin­ter­grund woh­nen ver­streut über die gan­ze Bun­des­re­pu­blik und kom­men aus den unter­schied­lich­sten Deno­mi­na­tio­nen.

Die Angst, die in die­ser Fra­ge mit­schwingt, gilt einem ande­ren Teil unse­rer mul­ti­kul­tu­rel­len Gesell­schaft. Die Get­toi­sie­rung und Radi­ka­li­sie­rung, die man befürch­tet, fand teil­wei­se längst statt und wird wei­ter statt­fin­den, zumal die­sem Teil der Bevöl­ke­rung land­auf land­ab groß­zü­gigst Got­tes­häu­ser geneh­migt wer­den, in denen Eltern wie Kin­der an Wochen­en­den und in son­sti­ger Frei­zeit auf die Ein­hal­tung ihrer, uns kul­tur­frem­den Glau­bens­in­hal­te erzo­gen wer­den. Auf die Ver­mei­dung der Ent­ste­hung von Par­al­lel­ge­sell­schaf­ten wird hier nicht abge­stellt, wie das bei den weni­gen deut­schen Haus­schul­fa­mi­li­en gemacht wird.

Die Ver­mei­dung von Par­al­lel­ge­sell­schaf­ten ist das ein­zi­ge ver­blie­be­ne Argu­ment zur Ableh­nung der Haus­schul­un­ter­rich­tung. Und die­ses Argu­ment, das das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt zur Ableh­nung von häus­li­chem Unter­richt bemüht hat, hat kei­ne Stüt­ze im Gesetz, es ist aus­schließ­lich poli­ti­scher Natur.

In den Medi­en wer­den immer wie­der Fäl­le von deut­schen Fami­li­en bekannt, die dem Chri­sten­tum ange­hö­ren. Sind Ihnen ähn­li­che Fäl­le von Fami­li­en bekannt, die ande­ren Reli­gio­nen, bspw. dem Islam, zuzu­ord­nen sind? Reagiert der Staat in die­sen Fäl­len ähn­lich radi­kal?

Aus dem isla­mi­schen Raum sind SchuzH bis­her kei­ne Nach­fra­gen nach Haus­un­ter­rich­tung bekannt, ledig­lich Befrei­un­gen von ein­zel­nen Unter­richts­fä­chern. Häus­li­cher Schul­un­ter­richt ist kei­ne Domä­ne der Chri­sten aller Deno­mi­na­tio­nen, son­dern wird auch von Eltern mit den ver­schie­den­sten ideo­lo­gi­schen oder reli­giö­sen Hin­ter­grün­den gewählt. Für alle SchuzH bekann­ten Fäl­le ist das ent­schei­den­de Merk­mal der Eltern, daß sie das Wohl ihrer Kin­der bes­ser im Haus­un­ter­richt (Home­schoo­ling, Frei­ler­nen) gewähr­lei­stet sehen als in den öffent­li­chen oder pri­va­ten Schu­len.

Die Moham­me­da­ner for­dern weder in Deutsch­land häus­li­chem Unter­richt noch prak­ti­zie­ren sie ihn in Frank­reich, Eng­land, Öster­reich, Ita­li­en usw, in denen das ja erlaubt wird. Und die­se Län­der haben einen ähn­lich hohen isla­mi­schen Bevöl­ke­rungs­an­teil wie wir. Also: auch die Furcht, die Moham­me­da­ner wür­den per Home­schoo­ling ihre Extre­mi­sten her­an­zie­hen ist eben­falls nur ein Schein­ar­gu­ment gegen die Zulas­sung von Haus­schu­le.

Wel­che Bun­des­län­der gehen beson­ders radi­kal gegen häus­li­chen Unter­richt vor?

Die Län­der mit dem größ­ten Ver­fol­gungs­druck für Haus­schul­fa­mi­li­en sind NRW, Hes­sen und Bay­ern.

Jüngst wur­de ein Fall an einer katho­li­schen Grund­schu­le bekannt. In die­sem Fall ging es nicht um Schul­pflicht, son­dern um die Teil­nah­me an einer Thea­ter­vor­füh­rung.

Der ange­spro­che­ne Thea­ter­fall ist auch ein Schul­pflicht­fall. Die Thea­ter­ver­an­stal­tung wur­de durch Schul­kon­fe­renz­be­schluß ver­bind­li­che Schul­ver­an­stal­tung und unter­liegt damit dem Schul­zwang.

Fin­den Sie kein Ver­ständ­nis bei den deut­schen Bischö­fen für Ihr Anlie­gen? Sind katho­li­sche Grund­schu­len nicht eher eine Alter­na­ti­ve zu staat­li­chen System um sei­nen christ­li­chen Glau­ben gerecht zu wer­den?

Die katho­li­schen Bischö­fe schwei­gen zu den Vor­fäl­len an den katho­li­schen Schu­len.

Christ­li­che Grund­schu­len (katho­li­scher oder evan­ge­li­scher Prä­gung) kön­nen eine sehr gute Alter­na­ti­ve zum staat­li­chen System sein; es hängt natür­lich davon ab, wel­ches Pro­fil die Ver­ant­wort­li­chen ihrer Schu­le geben und wie sie die­ses auf Dau­er ein­hal­ten. Es genügt nicht, wenn nur zum Beginn der Schu­le oder des Unter­richts gebe­tet wird, anson­sten aber das Glei­che gemacht wird, wie an der öffent­li­chen Schu­le. Schirr­ma­cher schreibt in „Bil­dungs­pflicht statt Schul­zwang“ (S. 221), die Pri­vat­schu­le wer­de letzt­lich nur als Kopie der staat­li­chen Schu­le zuge­las­sen.

Christ­li­che Schu­len kön­nen sodann nicht flä­chen­deckend Ersatz für Home­schoo­ling sein, zum einen, weil der Bedarf über die christ­li­che Sze­ne hin­aus­reicht und zum ande­ren christ­li­che Schu­len nicht über­all ver­füg­bar gemacht wer­den kön­nen, zumal auch die christ­li­chen Leh­rer dafür nicht vor­han­den sind. Der Bedarf an der Gestat­tung von häus­li­cher Unter­rich­tung blie­be auch bei ver­mehr­tem Ange­bot von christ­li­chen Schu­len bestehen.

Was spricht aus wis­sen­schaft­li­cher Sicht für häus­li­chen Unter­richt?

Für häus­li­chen Unter­richt spricht zunächst aus wis­sen­schaft­li­cher Sicht ganz ein­fach das posi­ti­ve Ergeb­nis der im Wege der Haus­un­ter­rich­tung her­an­ge­bil­de­ten jun­gen Men­schen. Die Lehr­her­ren, die Uni­ver­si­tä­ten, die Betrie­be neh­men sie sehr ger­ne, weil sie ver­ant­wor­tungs­voll, ver­stän­dig und umsich­tig sind, eine aus­ge­präg­te Sozi­al­kom­pe­tenz haben und das Bil­dungs­ni­veau höher ist als das der von den öffent­li­chen Schu­len kom­men­den Gleich­alt­ri­gen.

Das Ler­nen mit Gleich­alt­ri­gen in dafür prä­pa­rier­ten Räu­men und unter bestimm­ten Zeit­ein­hei­ten ist weder päd­ago­gisch, psy­cho­lo­gisch oder sozi­al­wis­sen­schaft­lich als posi­ti­ve Bil­dungs­vor­aus­set­zung bewie­sen. Es ist aber bewie­sen, daß in hete­ro­ge­nen Grup­pen, wie zum Bei­spiel in einer Fami­lie, sich eine gesun­de Sozia­li­sa­ti­on ent­wickelt, also ein Schul­be­such nicht erfor­der­lich ist (Prof. Rest, Gut­ach­ter­li­che Stel­lung­nah­me, 2009).

Der Gleich­alt­ri­gen­ori­en­tie­rung bewirkt, daß Kin­der und Jugend­li­che sich, um Anlei­tung, Vor­bil­der und Füh­rung zu fin­den, nicht an Müt­ter, Väter, Leh­rer und ande­re ver­ant­wort­li­che Erwach­se­ne wen­den, son­dern an den gleich­alt­ri­gen der Peers­group, der eben­so­we­nig Erfah­rung hat wie der Fra­ger selbst. Das führt – so Gor­don Neu­feld „Unse­re Kin­der brau­chen uns!“ — zu aggres­si­vem, gewalt­tä­ti­gem und tyran­ni­schem Ver­hal­ten, ja bis zu Mord und Selbst­mord. Die­se fehl­ge­lei­te­te Ori­en­tie­rung wird durch ver­ant­wort­li­che Haus­un­ter­rich­tung ver­hin­dert.

Die Hirn- und Bin­dungs­for­schung hat fest­ge­stellt, daß Bin­dung und emo­tio­na­le Sta­bi­li­tät als wich­tig­ste Vor­aus­set­zun­gen für Bil­dung anzu­se­hen sind. Ein Kind lernt am besten in einer Atmo­sphä­re der Lie­be und der Zunei­gung. Das ist am besten im Haus­un­ter­richt gewähr­lei­stet. Das ist mit ein Grund, war­um Haus­schü­ler so erfolg­reich sind, unab­hän­gig von der päd­ago­gi­schen Qua­li­tät ihrer Eltern.

Wel­che Ent­wick­lung wün­schen Sie sich in Deutsch­land, wel­che befürch­ten Sie? Wel­che haben wir zu erwar­ten?

Für Deutsch­land wün­sche ich mir die Ent­wick­lung zur Gestat­tung von Haus­un­ter­rich­tung als wei­te­res Ange­bot auf dem Bil­dungs­sek­tor, hin zu Lösun­gen wie in fast allen Län­dern die­ser Erde.

Ich befürch­te, daß der deut­sche Staat wei­ter­hin die Grund­rech­te sei­ner Bür­ger miß­ach­tet und sei­nen Kurs des rigo­ro­sen Schul­zwangs bei­be­hält und dadurch für unse­re Gesell­schaft wert­vol­le Fami­li­en sich zu wei­chen gezwun­gen sehen, um ihren Kin­dern eine Bil­dung zukom­men zu las­sen, die sie ver­ant­wor­ten kön­nen.

(Die Fra­gen stell­te Jens Falk, Foto: Pho­to­ca­se)