Es war Jesus Christus, der durch seine Botschaft und sein Leben das Gebot der Nächstenliebe gestiftet hat — Ein Gespräch mit Kardinal Paul Josef Cordes

Emi­nenz, Ihr Haupt­be­tä­ti­gungs­feld ist die prak­ti­sche Umset­zung des christ­li­chen Gebots der Näch­sten­lie­be. Kann es authen­ti­sche Lie­be zum Näch­sten ohne Lie­be zu Gott geben?

Das ent­schei­den­de Wort in Ihrer Fra­ge ist der Begriff „authen­tisch“. Ein­mal ist die Auf­for­de­rung zur Näch­sten­lie­be frag­los in der west­li­chen Kul­tur und ihrem Ein­fluß­be­reich über­all ver­nehm­bar. Den­ken Sie nur an die beein­drucken­de Reak­ti­on auf das schreck­li­che Erd­be­ben in Hai­ti; die Anteil­nah­me der Medi­en, die immer wie­der berich­tet haben; das Enga­ge­ment der Künst­ler und Pop­stars; die Stel­lung­nah­men der Poli­ti­ker. Frag­los war das alles nicht direkt und not­wen­dig von der Lie­be zu Gott inspi­riert, hat­te aber den­noch sein gro­ßes Gewicht und ist höchst erfreu­lich auch für die Glau­ben­den. Selbst nicht-christ­li­che Reli­gio­nen wie Islam oder Bud­dhis­mus haben sich die Sor­ge um den lei­den­den Mit­men­schen inzwi­schen zu Eigen gemacht.

„Du sollst dei­nen Näch­sten lie­ben wie dich selbst.“

Den­noch dür­fen wir mit Stolz fest­hal­ten: Es war Jesus Chri­stus, der durch sei­ne Bot­schaft und sein Leben das Gebot der Näch­sten­lie­be gestif­tet hat. „Du sollst dei­nen Näch­sten lie­ben wie dich selbst.“ Es läßt sich histo­risch nach­wei­sen, daß die­se Auf­for­de­rung nicht von andern Reli­gi­ons­grün­dern for­mu­liert wur­de und auch kei­nes­wegs der klas­si­schen Anti­ke oder gar deren Wie­der­ent­deckung durch die Huma­ni­sten im Euro­pa der Neu­zeit ent­stammt.

Frei­lich kann sol­cher Anspruch auf das „Copy-Right“ schmerz­haft auf die Pro­be gestellt wer­den: Ich wer­de dem christ­li­chen Anspruch der Näch­sten­lie­be nur dann gerecht, wenn ich ver­su­che, auch den Wider­wär­ti­gen, auch den Feind zu lie­ben. Hier zeigt sich, daß das Zen­tra­le der neu­te­sta­ment­li­chen Lie­be nicht Gefühl oder Zunei­gung sind, son­dern die sach­li­che Tat, die mit und von Gott her immer mög­lich ist.

Das Chri­sten­tum ist im Ver­gleich zu allen ande­ren Reli­gio­nen und Ideo­lo­gien „das ganz Ande­re“. Wird die­ses „ganz Ande­re“ in den soge­nann­ten west­li­chen Staa­ten noch aus­rei­chend sicht­bar im Kon­zert der Viel­fäl­tig­kei­ten?

In der Per­spek­ti­ve der Öffent­lich­keit und bei poli­ti­schen Ent­schei­dun­gen fehlt es fast immer an den Ele­men­ten, die das „Wesen des Chri­sten­tums“ aus­ma­chen — etwa an der eben ange­spro­che­nen Fein­des­lie­be. Von außen betrach­tet, erscheint unser Glau­be wie alle andern Reli­gio­nen. Im „Kon­zert der Viel­fäl­tig­kei­ten“ wird das Chri­sten­tum schlicht gleich geord­net, gleich­ge­schal­tet. Die­ser Pro­zeß der Nivel­lie­rung des Spe­zi­fi­schen ist kaum rück­gän­gig zu machen. Und er hat auch sein Gutes. Denn ein­mal kön­nen wir zusam­men mit andern Reli­gio­nen öffent­lich dafür ein­tre­ten, daß Reli­gi­on ein unleug­ba­res Ele­ment mensch­li­chen Seins ist — ein nicht unwich­ti­ges Unter­fan­gen ange­sichts etwa man­cher Hirn­for­scher — wie Wolf Joa­chim Sin­ger, Frank­furt — die dem Men­schen eigen­stän­di­ge Gei­stig­keit abspre­chen und ihn unter empi­risch gesteu­er­te Mecha­nis­men ein­ord­nen. (Prof. Sin­ger ist übri­gens einer der füh­ren­den Köp­fe der anti­t­he­isti­schen „Gior­da­no-Bru­no-Gesell­schaft“, Ber­lin).

Die Zeit sei­ner kul­tu­rel­len Reso­nanz läuft ab. Und damit die einer beson­de­ren Schon­frist für uns Glau­ben­de.

Doch wie dem Spe­zi­fi­schen mehr Leucht­kraft geben? Es wird wahr­ge­nom­men in dem Maß, in dem es Chri­sten zei­gen. Die Zeit sei­ner kul­tu­rel­len Reso­nanz läuft ab. Und damit die einer beson­de­ren Schon­frist für uns Glau­ben­de. Wir brau­chen Zeu­gen, die es gemein­hin sicht­bar leben. Manch­mal gibt es attrak­ti­ve Kir­chen­ge­mein­den. Ande­re erle­be ich in neu­en „Geist­li­chen Bewe­gun­gen“: Cha­ris­ma­ti­sche Gemein­de-Erneue­rung, Neu­ka­techu­me­nat, Com­u­nio­ne e Libe­ra­zio­ne, Foco­la­re, Schön­statt, Sant Egidio — um wenig­stens eini­ge zu nen­nen. Nicht Voll­kom­men­heit zeich­net ihre Mit­glie­der aus — gewiß. Aber sie sind eine Hoff­nung. Erst kürz­lich hat­te Papst Bene­dikt wie­der von ihnen gesagt, in ihnen zei­ge sich „die Kraft des Hei­li­gen Gei­stes, der neue Wege schenkt und in unvor­her­ge­se­he­nen Wei­sen die Kir­che immer wie­der jung hält.“

Nach wie vor schwingt in der kol­lek­ti­ven Wahr­neh­mung unter­schwel­lig die angeb­li­che „Macht“ der Kir­che mit. War Macht aber eigent­lich nicht zu allen Zei­ten welt­lich? War die angeb­li­che Macht der Kir­che also nicht immer vom Ver­hält­nis und dem Wohl­wol­len der welt­li­chen Macht­ha­ber abhän­gig?

Bei der Fra­ge nach der welt­li­chen Macht der Kir­che müs­sen wir ein­mal beach­ten, daß wir Kir­che in der Welt sind. Das 2. Vati­ka­ni­sche Kon­zil hat sich gründ­lich und aus­führ­lich mit der Unter­schied­lich­keit bei­der Berei­che und deren Ver­wie­sen­heit auf­ein­an­der befaßt. Nach der Pasto­ral­kon­sti­tu­ti­on geht die Kir­che „den Weg mit der gan­zen Mensch­heit gemein­sam und erfährt das glei­che irdi­sche Geschick mit der Welt und ist gewis­ser­ma­ßen der Sauer­teig und die See­le der in Chri­stus zu erneu­ern­den und in die Fami­lie Got­tes umzu­ge­stal­ten­den mensch­li­chen Gesell­schaft“ (Nr. 40).

Jesus selbst hat­te sich ja schon bei der Grün­dung der Kir­che der Struk­tu­ren des aus­er­wähl­ten Vol­kes bedient

Das Kon­zil zieht dar­aus den Schluß, daß sich die Kir­che auf die Welt ein­zu­las­sen und von ihr zu ler­nen hat. Das hat sich durch die Geschich­te der Kir­che hin in der Über­nah­me phi­lo­so­phi­scher Strö­mun­gen, anthro­po­lo­gi­scher Fra­gen und gesell­schaft­li­cher Model­le zum Vor­teil des Evan­ge­li­ums immer wie­der voll­zo­gen. Kir­che ist kein musea­ler Tor­so.

Jesus selbst hat­te sich ja schon bei der Grün­dung der Kir­che der Struk­tu­ren des aus­er­wähl­ten Vol­kes bedient, soweit sie sei­ner Sen­dung die­nen konn­ten. Natür­lich ist dies Mit­ein­an­der von welt­li­cher und geist­li­cher Ord­nung immer deli­kat und ist auch gele­gent­lich miß­lun­gen (übri­gens viel sel­te­ner, als Kir­chen­kri­ti­ker uns ein­zu­re­den ver­su­chen!).

Dabei war u. U. das Inter­es­se von Kir­chen­ver­tre­tern an welt­li­cher Macht, aber auch das von welt­li­chen Füh­rern an Macht über kirch­li­che Berei­che von Übel. (Heu­te tra­gen im Par­tei­en­streit sol­che gesell­schaft­li­che Grö­ßen manch­mal das Bekennt­nis ihrer Kir­chen­zu­ge­hö­rig­keit vor sich her – „Ich bin katho­lisch“ — um dann mun­ter anthro­po­lo­gi­sche oder ethi­sche The­sen zu ver­kün­den, die weit ent­fernt sind von der kirch­li­chen Leh­re).

Luthers „Zwei-Rei­che-Leh­re“ hat sich nicht bewährt, son­dern zur Abhän­gig­keit sei­ner Glau­bens­ge­mein­schaft vom Kir­chen­re­gi­ment der Für­sten geführt

Wie also könn­te die Kir­che ihren Auf­trag, das Evan­ge­li­um heu­te zu den Men­schen zu tra­gen, erfül­len, ohne eine gesell­schaft­li­che Stim­me zu haben? Die Kir­che kann sich nicht spi­ri­tua­li­stisch ver­flüch­ti­gen, will sie ihrer Sen­dung nicht untreu wer­den. Dazu braucht sie eigen­stän­di­ge gesell­schaft­li­che Prä­senz — wenn Sie das als „Macht“ bezeich­nen wol­len. (Luthers „Zwei-Rei­che-Leh­re“ hat sich nicht bewährt, son­dern zur Abhän­gig­keit sei­ner Glau­bens­ge­mein­schaft vom Kir­chen­re­gi­ment der Für­sten geführt).

Ein Staat, der nicht durch Gerech­tig­keit defi­niert wäre, wäre nur eine gro­ße Räu­ber­ban­de

In unsern Tagen hat Papst Bene­dikt XVI. nicht ver­säumt, kla­re Wei­sun­gen für das Zuein­an­der der poli­ti­schen und reli­giö­sen Insti­tu­tio­nen zu geben. Etwa in sei­ner ersten Enzy­kli­ka Gott ist die Lie­be. Er ord­net der Poli­tik als zen­tra­len Auf­trag zu, eine gerech­te Gesell­schaft her­auf­zu­füh­ren: Ein Staat, der nicht durch Gerech­tig­keit defi­niert wäre, wäre nur eine gro­ße Räu­ber­ban­de; des­halb müs­se der Staat die Frei­heit und den Frie­den der Beken­ner ver­schie­de­ner Reli­gio­nen unter­ein­an­der gewähr­lei­sten. Bei­de Sphä­ren, die Kir­che und die Reli­gi­on, „sind unter­schie­den, aber doch auf­ein­an­der bezo­gen“: Mit die­ser Kom­pe­tenz­zu­wei­sung klam­mert der Papst aus, daß die Kir­che ihre Sen­dung sieht in gesell­schaft­li­chem Ein­fluß und im Durch­set­zen poli­ti­scher Zie­le.

Die Kir­che kann nicht und darf nicht den poli­ti­schen Kampf an sich rei­ßen, um die mög­lichst gerech­te Gesell­schaft zu ver­wirk­li­chen

Die Geschich­te hat immer wie­der gezeigt: Wenn eine Glau­bens­ge­mein­schaft sich nur vor­wie­gend für das irdi­sche Heil enga­giert, fin­det sie bald kei­nen Glau­ben mehr bei der Ver­kün­di­gung des ewi­gen Hei­les (z. Bsp. „Deut­sche Chri­sten“ im Drit­ten Reich; z. Bsp. extre­me „Befrei­ungs­theo­lo­gie“ in Latein­ame­ri­ka). So umschreibt der Papst dann das Feld, für das die Kir­che in der Ver­wie­sen­heit bei­der Sphä­ren auf­ein­an­der Ver­ant­wor­tung hat: „Die Kir­che kann nicht und darf nicht den poli­ti­schen Kampf an sich rei­ßen, um die mög­lichst gerech­te Gesell­schaft zu ver­wirk­li­chen.“ Das meint nicht, sie dür­fe im Rin­gen um die Gerech­tig­keit abseits blei­ben. Ihre Pflicht sei viel­mehr, „auf dem Weg der Argu­men­ta­ti­on“ und durch das Wecken „see­li­scher Kräf­te“ die Men­schen zu „Erkennt­nis und Wil­len für die Erfor­der­nis­se des Guten“ zu füh­ren.

(Die Fra­gen stell­te Jens Falk)

Paul Josef Kar­di­nal Cor­des, gebo­ren 1934 in Kirch­hun­dern (Kreis Olpe), emp­fing 1961 die Prie­ster­wei­he. Nach medi­zi­ni­schen, phi­lo­so­phi­schen und theo­lo­gi­schen Stu­di­en in Mün­ster, Pader­born und Lyon pro­mo­vier­te er 1971 bei Karl Leh­mann. Er war für das Sekre­ta­ri­at der Deut­schen Bischofs­kon­fe­renz tätig und wur­de 1975 von Papst Paul VI. zum Weih­bi­schof von Pader­born ernannt und im Jahr dar­auf geweiht. 1980 berief ihn ihn Papst Johan­nes Paul II. als Vize­prä­si­dent des Päpst­li­chen Rates für die Lai­en nach Rom. 1995 wur­de er zum Titu­lar­erz­bi­schof und zum Prä­si­den­ten des Päpst­li­chen Rates „Cor Unum“ ernannt und 2007 von Papst Bene­dikt XVI. ins Kar­di­nals­kol­le­gi­um auf­ge­nom­men.