Mahnwache von Katholiken in Hanoi brutal aufgelöst



(Hanoi/ Frankfurt) Rund 500 Polizisten und militante Mitglieder des kommunistischen Jugendverbandes Ho Chi Minh griffen in der Nacht auf den 22. September Katholiken an, die seit neun Monaten für die Rückgabe des Kircheneigentums demonstrierten, das nicht für gemeinnützige verwendet, sondern für kommerzielle Zwecken mißbraucht wird.

Nach Informationen der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) wurden bei der Gewaltaktion religiöse Bilder, Altäre, Statuen und Kreuze zerstört, ältere Katholiken zusammengeschlagen, Priester bespuckt.

Eine Gruppe kommunistischer Jugendlicher forderte sogar die Tötung von Erzbischof Kiet. Gegen den Willen der Katholischen Kirche Vietnams hatten vietnamesische Behörden in Hanoi bereits am 19. September mit Umbaumaßnahmen auf dem Gelände der ehemaligen Nuntiatur begonnen, wo eine öffentliche Bibliothek und ein Park entstehen sollen. Die Lage hatte sich in den letzten Tagen zugespitzt, als die Behörden der Kirchenleitung mit Strafanzeigen drohten, acht Katholiken inhaftiert und die Zugänge des Bischofssitzes versperrt wurden. Die IGFM verurteilt die Gewalt gegen die Katholiken in Hanoi und ruft Vietnam auf, das Recht auf Religionsfreiheit einzuhalten und durch Dialog mit der katholischen Kirche den Dauerkonflikt um das Kircheneigentum zu lösen.

Seit Jahren fordert die Katholische Kirche in Vietnam die Rückgabe des Kirchengeländes in Thai Ha und der ehemaligen Nuntiatur in Hanoi, die in den sechziger Jahren von der kommunistischen Regierung enteignet wurden. Die katholische Kirche betonte, daß sie nur solche konfiszierten Grundstücke und Gebäude zurückfordere, die momentan nicht für gemeinnützige, sondern für kommerzielle Zwecke benutzt würden. Seit Ende 2007 versammelten sich täglich bis zu zehntausend Katholiken auf zwei umstrittenen Geländen in Hanoi, um der Rückgabeforderung ihres Erzbischofs Ngo Quang Kiet Nachdruck zu verleihen. Mit ihren friedlichen gemeinsamen Gebetsstunden glaubten die Katholiken, eine Versammlungsform gefunden zu haben, die mit den streng reglementierten Versammlungs- und Religionsgesetzen in dem kommunistischen Land konform sei.

Um Mitternacht am 21. September griffen rund 500 Polizisten und militante Mitglieder des kommunistischen Ho Chi Minh-Jugendverbands das Kloster des Redemptoristen-Ordens in Thai Ha an. Augenzeugen zufolge umzingelte eine Gruppe das Kloster und skandierte „Tötet Erzbischof Kiet und Pater Phung (Abt)“.

Die Redemptoristen fühlten sich bedroht und verbarrikadierten sich im Kloster. Eine andere Gruppe zerstörte Zelte, Altäre, religiöse Bilder, Statuen und Kreuze auf dem benachbarten Gelände, wo die Katholiken seit neun Monaten ausharrten.

Ältere Katholiken, die das Gelände nachts überwachten, wurden brutal zusammengeschlagen. Die Priester riefen die Gläubigen auf, die Mahnwache aufzulösen, um eine weitere Konfrontation zu vermeiden. Am Abend davor hatten die militanten Jugendlichen bereits die Priester beschimpft, angespuckt und mit Handgreiflichkeit provoziert. Am frühen Montagmorgen gegen 4 Uhr Ortszeit hatte die Polizei ihre Aktion in Thai Ha weitgehend abgeschlossen. Dort herrscht jetzt eine bedrückte Ruhe. Die Lage in Thai Ha hatte sich in den letzten Wochen zugespitzt, als die Regierung acht Katholiken wegen angeblicher Sachbeschädigung inhaftieren ließ und der Kirchenleitung Strafanzeige androhte.

Bereits am Freitag, den 19. September, hatten die vietnamesischen Behörden mit dem Umbau des Geländes der ehemaligen Nuntiatur in Hanoi begonnen. Das gesamte Gelände des Erzbischofssitzes wurde gesperrt, Priester und Schwestern, die darin wohnen, können nicht mehr frei hinein oder raus.

Einige Hundert Katholiken versammelten vor den Absperrungen. Ausländische Journalisten, die die Bauarbeiten fotografieren oder Interviews mit der Kirchenleitung führen wollten, wurden behindert. Ein Journalist wurde verprügelt und festgenommen.

Laut Regierungsplan sollen die ehemalige Nuntiatur der katholischen Kirche zu einer öffentlichen Bibliothek und das Gelände zu einem öffentlichen Park umfunktioniert werden. Tag und Nacht arbeiten die Baumaschinen auf dem Gelände, so daß am Sonntagnachmittag die Grundarbeit bereits abgeschlossen war und die Kirche vor vollendete Tatsachen gestellt wurde.

Erzbischof Ngo Quang Kiet war völlig überrascht von dieser Aktion, weil seine Kirche sich seit Anfang Februar 2008 unter Vermittlung des Vatikans in Verhandlungen mit der Regierung befindet.

Von Mitte Dezember 2007 bis Ende Januar 2008 hatten sich täglich mehrere Katholiken in Hanoi auf dem Nuntiatur-Gelände zum gemeinsamen Gebet versammelt. Ende Januar rief der Vatikan die Katholische Kirche Vietnams auf, dem Weg des Dialogs zu folgen und ihn nicht durch Versammlungen stören zu lassen.

Die Katholiken stellten damals ihre Mahnwache ein im Glauben, daß die ehemalige Nuntiatur im Rahmen der stillen Diplomatie zurückgegeben würde. Nachdem der Erzbischof Anfang September 2008 öffentlich zugab, daß der Dialog um die Nuntiatur seit acht Monaten stockte, gab es gelegentlich wieder große Versammlungen vor der Nuntiatur.

Am 21. September meldete die staatliche Presse in Vietnam, daß das Volkskomitee von Hanoi in einem Schreiben den Erzbischof offiziell ermahnt habe. Falls er seine gesetzwidrigen Aktivitäten nicht einstellen sollte, würde er strafrechtlich belangt. In dem Schreiben wurde der Erzbischof wegen seiner Interviews, seiner Schreiben in ausländischen Medien, der Besuche in Thai Ha und seiner Petition an die Staatsführung angegriffen.

(PM/ JF)

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