Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, du sollst keine anderen Götter neben mir haben

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Hand in Hand auf Abwe­gen

von Rudolf Wil­le­ke

Die bei­den Bücher tra­gen den pro­gram­ma­ti­schen Titel: „Hört die Stim­me des Her­zens — Wer­det Prie­ste­rin­nen und Prie­ster der kos­mi­schen Wand­lung“ und „Auf dem Wege des Zen — Als Christ Bud­dhist“ 2007. Bei­de wer­den von Kösel ver­legt und bei­de Autoren, Sr. Pia Gyger vom Sankt Katha­ri­nen-Werk (ktw), Basel bzw. P.Niklaus Brant­schen SJ gehö­ren zusam­men mit Sr. Anna Gam­ma (ktw), P. G. Koh­ler SJ, Dr. P. Wid­mer und E. Egloff zum Zen-Medi­ta­ti­ons­team des jesui­ti­schen Las­s­alle-Hau­ses in Bad Schon­brunn, Nähe Zuger See.

Die­ses Bil­dungs­zen­trum der katho­li­schen Schweiz ver­steht sich heu­te als „Zen­trum für Spi­ri­tua­li­tät, Dia­log und Ver­ant­wor­tung.“ Es beschäf­tigt 60 Dozen­ten. An etwa 150 Tagen des Jah­res wer­den Exer­zi­ti­en in grup­pen­dy­na­mi­schen For­men ange­bo­ten. An wei­te­ren 150 Tagen (6–8 Std. täg­lich) gibt es Zen-Medi­ta­tio­nen in vie­len Vari­an­ten: „wie Sie tie­fer zur eige­nen Mit­te kom­men“ kön­nen. An wei­te­ren 70 Tagen wird „Kon­tem­pla­ti­on“ ange­bo­ten und prak­ti­ziert, bzw. das, was als Kon­tem­pla­ti­on aus­ge­ge­ben wird, näm­lich tie­fen­psy­cho­lo­gi­sche Kon­tem­pla­ti­on nach G.G. Jung oder Heil­fa­sten nach „Feng Shui.“

Mit den Za-Zen­kur­sen unter Anlei­tung von hoch­qua­li­fi­zier­ten „auto­ri­sier­ten Zen-Lehr­mei­ste­rin­nen“ und „Dhar­ma-Mis­sio­na­ren“ will das Las­s­alle-Haus der „gro­ßen Nach­fra­ge nach spi­ri­tu­el­ler Erfah­rung“ opti­mal ent­spre­chen und dazu bei­tra­gen, daß die Kurs­teil­neh­mer „Ein­heit mit allem Leben erfah­ren,“ Sinn fin­den, „zum wah­ren (!) Wesen erwa­chen“ und „Mit­ge­fühl ein­üben.“

„Wie­viel (inter­re­li­giö­sen) Dia­log ver­trägt der Mensch?“ (Auf dem Wege des Zen, S. 19)

„Gibt es eine mehr­kul­tu­rel­le Iden­ti­tät?“ (Auf dem Wege des Zen, 23)

Sr. Pia Gyger (geb. 1940) nennt sich Psy­cho­lo­gin, The­ra­peu­tin sowie Sozi­al- und HeiI­päd­ago­gin. Sie stellt sich als Ordens­mit­glied des St.-Katharinen-Werkes (ktw) vor, das den Auf­trag hat, dem Gelüb­de treu zu sein und die Wei­he an Gott mit­ten in der Welt zu leben.

Ihrem Selbst­ver­ständ­nis nach ist sie christ­li­che Mysti­ke­rin, die den Weg zum Bud­dhis­mus, den Bud­dha-Weg (Hört die Stim­men des Her­zens, S. 144–46) gefun­den hat und als „auto­ri­sier­te Zen-Mei­ste­rin der White Plum Sangha“ beschrei­tet. Als „Prie­ste­rin der kos­mi­schen Wand­lung“ führt sie Men­schen zur kos­mi­schen Reli­gi­on, zum „Gott Erde“ (S. 133), zum „Kos­mi­schen Chri­stus“ (S. 27, 43, 113) über das „kos­mi­sche Bewußt­sein.“ (S. 23)

Ihren spi­ri­tu­el­len Weg beschreibt Sr. Pia aus­führ­lich und nach­voll­zieh­bar. Sie ver­brach­te ihre Kind­heit und­Ju­gend­zeit in einer „streng katho­li­schen“ Fami­lie, ihre Tauf­pa­tin war eine katho­li­sche Non­ne. 1967 trat sie dem Katha­ri­nen-Werk (ktw) bei und wur­de in den 8oer Jah­ren mit der Lei­tung die­ser Gemein­schaft betraut. Die dama­li­ge „katha­ri­ni­sche Spi­ri­tua­li­tät“ erneu­er­te sie ins­be­son­de­re im Bereich der Sexua­li­tät (S. 87). Unter dem Ein­fluß von P. Teil­hard de Char­din, C.G. Jung und D. Steindl-Rast (OSB) wan­del­te sich ihre Welt­sicht grund­le­gend vom „krea­tio­ni­sti­schen“ zum „evo­lu­tio­ni­sti­schen“ Welt- und Men­schen­bild. Teil­hard de Char­din „ent­deck­te in der Evo­lu­ti­on eine der Mate­rie inhä­ren­te Drift zu Kom­ple­xi­fi­zie­rung und Höher­ent­wick­lung“ sowie das in „jeder Höher­ent­wick­lung lie­gen­de Prin­zip der ‚inte­grie­ren­den Ver­ei­ni­gung‘. Im Men­schen erwacht das Uni­ver­sum zu sich selbst“, (S21). Alle Höher­ent­wick­lung baut auf der Stu­fe des Vor­he­ri­gen auf: „die Anthro­po­ge­ne­se fußt auf der Bio­ge­ne­se und die­se wie­der­um auf der Kos­mo­ge­ne­se“ (S.11).

Der heu­ti­ge Mensch hat zwar die Stu­fen der Homi­ni­sa­ti­on (Ent­ste­hung des Men­schen) und der Huma­ni­sa­ti­on (Mensch­wer­dung) hin­ter sich, steht aber den­noch erst am Anfang sei­ner Ent­wick­lung vom mate­ri­el­len Sein zum uni­ver­sel­len (kos­mi­schen) Bewußt­sein (S. 21), dem Bewußt­sein vom Eins-Sein mit Allem.

Wäh­rend ihrer ersten Stu­di­en­jah­re hat­te Sr. Pia das „Glück, Teil­hards Welt­sicht ken­nen­zu­ler­nen“, sie hält ihn für einen „begna­de­ten Natur­wis­sen­schaft­ler und Mysti­ker“ (S. 21,71). Dem­entspre­chend groß ist ihre Dank­bar­keit „für sein Leben.“

C.G. Jung, einst Schü­ler des Tie­fen­psy­cho­lo­gen S. Freud, spä­ter sein Riva­le, war offen für die Anthro­po­so­phie und nahm an spi­ri­ti­stisch-okkul­ti­sti­schen Sean­cen teil. Jung ver­tritt die NewA­ge-Welt­sicht von der Ablö­sung des (christ­li­chen) „Zeit­al­ters des Fisches“ durch das „Zeit­al­ter des Was­ser­man­nes“ und vom Fort­schrei­ten der Evo­lu­ti­on. (C.G. Jung, Ant­wort auf Hiob). Neben Teil­hard de Char­din und C.G. Jung hat­te auch der Bene­dik­ti­ner­pa­ter D. Steindl-Rast (OSB) auf die Wand­lung der Welt­an­schau­ung Sr. Pias Ein­fluß.

Sein Name taucht auf, wenn es um NewA­ge, um One World, um Welt­bür­ger­schaft und UN-Ein­heits­re­li­gi­on geht. Er wird als her­aus­ra­gen­der Mit­ar­bei­ter des ESA­LEN-Insti­tuts, Big Sur (Kali­for­ni­en) ange­se­hen.

ESALEN gilt als „Think-Tank“, als „Hohe Schu­le“ und Treff­punkt für NewA­ge-Den­ker, für Grup­pen­ex­pe­ri­men­te des „Human Poten­ti­al Move­ments“ (Hört die Stim­me des Her­zens. S. 23) und für För­de­rung der Evo­lu­ti­on des Bewußt­seins, der Bewußt­seins­er­wei­te­rung, anders aus­ge­drückt: das Aus­stiegs aus dem ratio­na­len Den­ken und des Umstei­gens auf trans­ra­tio­na­les (kos­mi­sches) Den­ken bzw. auf trans­per­so­na­le Psy­cho­lo­gie.

D.Steindl-Rast refe­riert in NewA­ge-Bil­dungs­zen­tren, er ist im Bei­rat der „Pla­ne­ta­ry Citi­zens“ zu fin­den. Fer­ner ist er Bera­ter des „Temp­le of Under­stan­ding“, New York, er hat einen Sitz im Kura­to­ri­um der neu­ge­grün­de­ten „Frie­dens­uni­ver­si­tät Pots­dam“ und er gehört zur „Find­horn-Gemein­schaft,“ die unter Ein­ge­weih­ten als „Vati­kan der NewA­ge-Bewe­gung ange­se­hen wird. Als einer der füh­ren­den NewA­ge-Theo­lo­gen schrieb P.Steindl-Rast (Wen­de­zeit des Chri­sten­tums) z.B.

„Und dann kam es zum Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil 1962–1966. Das drück­te der Suche nach einem neu­en theo­lo­gi­schen Para­dig­ma ein amt­li­ches (päpst­li­ches) Sie­gel auf und schuf eine gemein­sa­me Grund­la­ge, oder die Saat eines neu­en Para­dig­mas, das von da an all­ge­mein akzep­tiert wur­de… Doch wer­de heu­te in der theo­lo­gi­schen Gemein­schaft welt­weit jeder als rück­stän­dig gel­ten, der sich nicht zumin­dest in die Rich­tung des­sen bewegt, was wir hier das neue Para­dig­ma (!) nen­nen.“

Steindl-Rast ist offen­kun­dig davon über­zeugt, daß (fast) alle Theo­lo­gen dem neu­en (evo­lu­tio­ni­sti­schen, unchrist­li­chen) Denk­mu­ster fol­gen.

Wenn Steindl-Rast von „Wen­de­zeit des Chri­sten­tums“ redet, spricht er Wor­te des Abschieds, meint er die Wen­de zum Was­ser­mann-Zeit­al­ter, meint er das Zeit­al­ter nach dem Tode Got­tes (Nietz­sche).

Sr. Pia Gyger kehrt dem christ­li­chen Welt- und Men­schen­bild den Rücken, sie ver­ab­schie­det sich vom Schöp­fer-Gott, von der Schöp­fungs­tat, vom (bibli­schen) Schöp­fungs­be­richt und „kon­ver­tiert“ zum (gott­lo­sen) Evo­lu­tio­nis­mus, zum Wer­den der Welt, der Natur, des Lebens und des Men­schen aus dem Ur-Knall, aus dem Zufall, aus Muta­ti­on und Selek­ti­on, aus der Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on und Höher­ent­wick­lung.

Doch sie befreit sich auch vom evo­lu­tio­ni­sti­schen Para­dig­ma, um sich ohne lebens­ge­schicht­li­che Hypo­the­ken dem bud­dhi­sti­schen Den­ken zuzu­wen­den, um den „Bud­dha-Weg“ (S. 144 ff) zu beschrei­ten. Durch ihre Begeg­nung mit dem Jesui­ten­pa­ter und Zen-Leh­rer Hugo Eno­mi­ya Las­s­alle, dem „Brücken­bau­er“ zwi­schen Ost und West — Bud­dhis­mus und Chri­sten­tum — wur­de sie in Japan und auf Hawaii in jah­re­lan­gem, „tie­fen und anspruchs­vol­len Erfah­rungs­dia­log mit bud­dhi­sti­schen Freun­din­nen und Freun­den“ zur Bud­dhi­stin fort­ge­bil­det, gewan­delt. 1996 erhielt sie von offi­zi­el­ler Sei­te die „Zen-Lehr­be­fug­nis,“ ver­bun­den mit dem bud­dhi­sti­schen Namen One Ground. Drei Jah­re spä­ter, 1999 bekam sie die soge­nann­ten Höhe­ren Wei­hen, sie wur­de zur „auto­ri­sier­ten Zen-Mei­ste­rin der White Plum Sangha“ ernannt und erhielt den „Dhar­ma-Namen“ Jin­ji.

Ihren drei bud­dhi­sti­schen Mei­stern Yama­da Roshi, Ait­ken Roshi, Glass­mann Roshi sowie P. Las­s­alle SJ fühlt sie sich zu „gro­ßer Dank­bar­keit“ ver­pflich­tet (S. 12), weil die­se sie zur Zen-Mei­ste­rin „ermäch­tig­ten.“ Das Schön­brun­ner Exer­zi­ti­en­zen­trum trägt sei­nen Namen: Las­s­alle-Haus.

Von der Zen-Mis­sio­na­rin wan­delt sich Sr. Pia letzt­end­lich ohne Pro­ble­me zur „Prie­ste­rin der kos­mi­schen Wand­lung,“ zur Mis­sio­na­rin und Erzie­he­rin der Neu­en Schöp­fung (S. 28), zur „Reli­gi­on der Erde.“

Ervin Laszlo, dem das Pri­vi­leg zufiel, für die Bekennt­nis­schrift Sr. Pias das Vor­wort zu ver­fas­sen, bestä­tigt den poli­ti­schen Cha­rak­ter der kos­mi­schen Reli­gi­on der Erde. E.Laszlo gehört zu den Emi­nen­zen des NewA­ge-Netz­werks. Nach sei­nen „Lehr- und Wan­der­jah­ren“ in Mis­si­on des Club of Rome, der Ver­ein­ten Natio­nen und des Club of Buda­pest war er Lei­ter der Finan­zen der Pla­ne­ta­ry Citi­zens, Bei­rats­mit­glied der Frie­dens­uni­ver­si­tät Pots­dam und der UNESCO. Er hat sich als Rek­tor der Aka­de­mie für Zukunfts­fra­gen, Wien und als Grün­der der Euro­pean Aca­de­my of Evo­lu­tio­na­ry Manage­ment and App­lied Stu­dies, Ful­da einen Namen gemacht.

E. Laszlo ist seit Anfang der sieb­zi­ger Jah­re der festen Über­zeu­gung, daß der „kri­ti­sche Fak­tor, die jetzt anste­hen­de Trans­for­ma­ti­on (!) zu einem guten Ende zu füh­ren, in der Evo­lu­ti­on unse­res Bewußt­seins liegt.“ Eine tief­grei­fen­de (!) Trans­for­ma­ti­on der Bür­ger und der Welt ist not­wen­dig. Sr. Pias Buch zei­ge, daß die „christ­li­che Mystik einen sinn­vol­len und wahr­haf­ti­gen Weg offen­bart, um zu jener Evo­lu­ti­on des Bewußt­seins zu gelan­gen, die es der Mensch­heit ermög­li­chen wür­de, zu einer fried­li­che­ren, freud­vol­le­ren (!) und nach­hal­ti­ge­ren Welt zu fin­den.“

Nur durch die „Evo­lu­ti­on des Bewußt­seins“ kön­nen wir die „poten­ti­el­le Kata­stro­phe in einen strah­len­den Tri­umph ver­wan­deln und die Evo­lu­ti­on der mensch­li­chen Zivi­li­sa­ti­on fort­set­zen und för­dern“

Durch „bes­se­res Den­ken, Leben und Han­deln“ sol­len die Men­schen befä­higt und moti­viert wer­den, „Jede Form von Leben auf der Erde (zu) bewah­ren und (zu) ach­ten.“ (S. 8 )

Bei einem Zen-Sess­hin mit Pater Las­s­alle erfuhr Pia Gyger erst­ma­lig das „Gefühl des wort­lo­sen ‚In-Chri­stus-Seins‘.“ In die­sen Zustand ist sie durch „bewuß­te Kon­zen­tra­ti­on auf den Atem, durch Bewußt­seins­rei­ni­gung und Bewußt­sein­sent­lee­rung“ ein­ge­tre­ten.

In den 10 Jah­ren der Zen-Medi­ta­tio­nen mit Las­s­alle ver­än­der­te sich das Gebets­le­ben Sr. Pias und die Wor­te „Kos­mi­scher Chri­stus“ und „Chri­stus­wirk­lich­keit“ brei­te­ten sich in ihr aus. Die Chri­stus­wirk­lich­keit erschloß sich mir in jeder Blu­me, in jedem Stein, in jedem Atom.“ Sie lehrt heu­te, daß der „Weg nach innen zum wah­ren Kern“ nicht in einer wohl­be­hü­te­ten Inner­lich­keit endet, son­dern nur den hal­ben Weg dar­stellt. „Der Weg nach innen endet auf dem Markt­platz des All­tags, der in der Zeit der Glo­ba­li­sie­rung kos­misch groß gewor­den ist. (Pro­gramm­heft des Las­s­alle-Hau­ses, Heft 32)

Eine ihrer Medi­ta­tio­nen lei­tet sie mit fol­gen­dem Impuls ein: „Wie­der­ho­len Sie auf man­tri­sche (!) Art und Wei­se das Wort: ich bin das kos­mi­sche Kreuz“, „Spü­ren Sie nach, was die­ses Man­tra in Ihnen aus­löst und was es bewirkt“, „Hal­ten Sie die emp­fan­ge­nen Impul­se auf einem Blatt fest damit die Bot­schaft für den All­tag frucht­bar wird“, (S. 28).

Sie selbst als Medi­ta­ti­ons-Lei­te­rin und Leh­re­rin- der kos­mi­schen Reli­gi­on emp­fängt ihre Bot­schaf­ten, Intui­tio­nen, Inspi­ra­tio­nen und Wei­sun­gen in Träu­men oder unmit­tel­bar „von der Erde.“ Die­se zei­gen ihr, daß „sich nicht nur der Mensch, son­dern auch die Erde in einem Wand­lungs­pro­zeß zur ‚Licht­ma­te­rie‘ befin­det:

„Ich bin aus­er­wählt, die Licht­ma­te­rie her­vor­zu­brin­gen. Nimm an Dei­ne Aus­er­wäh­lung, den in dir schlum­mern­den Samen der Licht­ma­te­rie zu wecken… Wer­de Licht. Sei neue Schöp­fung.“ (S. 157)

Die­se „Infor­ma­tio­nen der Erde“ ermu­ti­gen Sr. Pia/Jinji zu „sehr unge­wohn­ten Fra­gen:

„Wie wäre es, wenn wir Men­schen in eine Art Licht­kör­per hin­ein­mu­tier­ten, der dem ver­klär­ten Leib von Jesus ähn­lich ist?“ (S. 158)

„Wie­viel (inter­re­li­giö­sen) Dia­log ver­trägt der Mensch?“ (Auf dem Wege des Zen., S. 13)

„Gibt es eine mehr­kul­tu­rel­le Iden­ti­tät?“ (S.23)

„Heu­te reli­gi­ös sein heißt inter­re­li­gi­ös sein.“ (S. 65)

Es drängt sich der Ein­druck auf, Zen-Mei­ste­rin Jin­ji las­se sich weni­ger durch die Spi­ri­tua­li­tät des Bud­dhis­mus als durch den Ungeist des Spi­ri­tis­mus inspi­rie­ren, wenn sie etwa zum Aus­druck bringt: „Pro­ble­me bekam ich erst dann wie­der, als es anfing, aus mir her­aus­zu­schrei­ben (…) plötz­lich schrieb es einen Text in einer mir nicht ver­trau­ten Dik­ti­on (…) irgend­wann setz­te ich mich hin und ließ es schrei­ben.“ (Pia Gyger, Maria — Toch­ter der Erde, Köni­gin des Alls, S. 83)

Pater Niklaus Brant­schen SJ (Jahrg.1937) schil­dert sei­nen Weg von den Igna­tia­ni­schen Exer­zi­ti­en zum Zen sowie sein Selbst­ver­ständ­nis als christ­li­cher Bud­dhist, der als Jesu­it die „Unter­schei­dung der Gei­ster“ (Mar­ken­zei­chen jesui­ti­scher Iden­ti­tät) lebt und lehrt (S. 64).

Er wuchs mit sechs Geschwi­stern in einer got­tes­fürch­ti­gen Fami­lie in Ran­da (Schwei­zer Wal­lis) und in einem from­men katho­li­schen Milieu inmit­ten einer Schar von Cou­sins und Cou­si­nen mit Mai­an­dach­ten und Pro­zes­sio­nen auf. In der Retro­spek­ti­ve erscheint ihm die­ser Katho­li­zis­mus als „Lega­lis­mus, Mora­lin und Angst.“ (S. 33).

Nach sei­ner Gym­na­si­al­zeit ent­schei­det er sich aus inne­rer Über­zeu­gung für den Iesui­ten-Orden. Mit 22 Jah­ren tritt er in Fri­bourg in den Orden ein, des­sen uner­meß­li­chen spi­ri­tu­el­len Reich­tum er schät­zen lernt (S. 35). Das Phi­lo­so­phie-Stu­di­um führt ihn nach Pul­lach, wo er nicht nur stu­dier­te, son­dern „durch­aus gelebt hat.“ Es fol­gen drei prak­ti­sche Jah­re als Erzie­her im Inter­nat des Kol­legs „Stel­la Matu­ti­na“, Feld­kirch in Vor­arl­berg. Sta­tio­nen sei­ner wei­te­ren theo­lo­gi­schen Aus­bil­dung sind die Jesui­ten-Hoch­schu­le bei Lyon, die Uni­ver­si­tä­ten Tübin­gen ‑dama­li­ge Hoch­burg evan­ge­li­scher und katho­li­scher Theo­lo­gie mit Käse­mann, Jün­gel, Molt­mann, Kas­per, Küng, Bon­hoef­fer ‑und Mün­chen (S. 45).

Von sei­ner Prie­ster­wei­he und sei­nem Leben als Prie­ster erfährt der Leser nichts oder wenig. Nur der Klap­pen­text stellt
ihn als „Jesu­it, Prie­ster, auto­ri­sier­ten Zen-Mei­ster und Begrün­der des Las­s­alle-Hau­ses“ vor.

Um 1976 kreuz­te sich der Weg des „gebets­lo­sen Jesui­ten“ mit dem Wege des Zen, wäh­rend eines Japan-Auf­ent­hal­tes bei P. Las­s­alle SJ in Shinmeikutsu(Japan), zu Deutsch: in der „Höh­le des gött­li­chen Dun­kels“ (S. 51). Hier konn­te er erst­ma­lig erfah­ren, daß kon­se­quen­tes üben von Zen bei den Gro­ßen Exer­zi­ti­en hilf­reich sein kann (S. 57).

Von Las­s­alle wur­de P. Brant­schen an Yama­da „wei­ter­ge­reicht.“ Zen-Mei­ster Yama­da Roshi lehr­te ihn wie spä­ter auch Sr. Pia Gyger, daß das „inten­si­ve Bemü­hen im Zen“ und die „Gna­de Got­tes“ kei­nen Gegen­satz dar­stel­len. In die­sem sess­hin fand P. Brant­schen sei­nen Mei­ster, erfuhr er die „Initia­ti­on“ in den Bud­dhis­mus (S. 68), wur­de er, wie Igna­ti­us am Car­do­ner, „ein ande­rer Mensch,“ der alles in einem „neu­en Licht“ sieht (S. 64), wech­sel­te er sei­ne christ­li­che gegen sei­ne bud­dhi­sti­sche Iden­ti­tät aus, ohne wie Sr. Pia den Umweg über den Evo­lu­tio­nis­mus zu gehen. In die­ser Zen-Grup­pe saß er neben P. Wil­li­gis Jäger (Abtei Mün­ster­schwarz­ach), der seit­dem zusam­men mit P. Wuni­bald Mül­ler und P. Anselm Grün im Recollec­tio-Haus und Bene­dikts­hof (Holz­kir­chen) die „kos­mi­sche Reli­gi­on“ ver­kün­det, die „kei­nen Erlö­ser kennt“ (vgl. Tho­mas Witt­stadt, Die­se kos­mi­sche Reli­gi­on kennt kei­nen Erlö­ser, in Theo­lo­gi­sches 8/9 2003) — nur die Selbst­erlö­sung des Men­schen. In die­ser kos­mi­schen Reli­gi­on gra­du­ie­ren wir „vom Kind Got­tes zur Part­ne­rin und Part­ner Got­tes,“ die/der „sein Werk der Hei­lung und Erlö­sung aktiv mit­ge­stal­tet. (S. 134).

Nach zahl­rei­chen wei­te­ren Auf­ent­hal­ten in Japan mit unge­zähl­ten sess­hins und zahl­lo­sen Begeg­nun­gen mit bud­dhi­sti­schen Freun­den, Wei­sen und Äbten erhält P. Brant­schen „tief betrof­fen“ von Yama­da „ein Testa­ment, ein Ver­mächt­nis“, näm­lich das „vol­le Ver­trau­en“ und die Ermäch­ti­gung, Zen zu leh­ren, ver­bun­den mit dem(buddhistischen) Namen Gu un Ken (Wol­ke der Erleuch­tung).

Im Janu­ar 1999 erhält er zusam­men mit Sr. Pia Gyger in einer „denk­wür­di­gen Fei­er“ in New York von Glass­mann Roshi
Inka (Sie­gel der Bestä­ti­gung), die höch­sten Wei­hen, zum „auto­ri­sier­ten Zen-Mei­ster der White Plum Sangha“ (S. 195)
sowie den Dhar­ma-Namen Jins­hu ver­lie­hen (Pro­grann­heft, S. 10).

Inka und Dhar­ma-Name gel­ten als äuße­res Zei­chen der Ermäch­ti­gung, die „alten Schu­le“ Kyo­dan und White Plum Sangha als „Las­s­alle-Linie“ wei­ter­zu­füh­ren.

Zuvor wird er noch von Yama­da in die drei Kost­bar­kei­ten des Zen-Bud­dhis­mus: Bud­dha (das Abso­lu­te), Dhar­ma (die phä­no­me­na­le Welt) und Sangha (die Ver­bin­dung von bei­den), die zu ver­eh­ren sind, ein­ge­führt (S. 151).

Zen ist nach Zen-Mei­ster Gu un Ken/Brantschen „die Kunst des kla­ren Blicks“ (S. 198), ist die Erfah­rung der „Ein­heit“ von allem, was ist und von dem, was nicht ist, also von „Lee­re“. Aber „Lee­re“ ist nicht mehr als ein gro­ßes Wort, im Zen tre­ten Gedan­ken und Ideen, Vor­stel­lun­gen und Plä­ne zurück, sie machen den Weg frei, „im Ver­än­der­li­chen das Unver­än­der­li­che, im Wan­del das Bestän­di­ge, im ganz Kon­kre­ten das Unend­li­che, die ‚Lee­re-Unend­lich­keit‘ , zu erfah­ren.“ (S. 134)

Es emp­fiehlt sich, wie Kin­der oder wie Tie­re, aber auf mensch­li­che Wei­se Zen zu prak­ti­zie­ren: „Wir sol­len ganz leer­wer­den, das ist die Vor­aus­set­zung für Ein­heits­er­fah­rung.“ (S. 116–17). Zen-Mei­ster Yama­da lehrt, daß der Koan voll von Lee­ren von Nichts sei, jedem logi­schen Den­ken fern, fremd und unzu­gäng­lich. Aber die (sinn­li­che) Erfah­rung der Ein­heit mit dem Nichts führt zur Erleuch­tung. Nur Zen befä­higt, „die Welt als Ein­heit zu sehen und uns in ihr auf nach­hal­ti­ge Wei­se zu enga­gie­ren.“ (S. 135)

„Lee­re“ und „Gott“ mei­nen zwar Ähn­li­ches, Zen ist aber kei­ne Reli­gi­on, es (Zen) kön­ne sich aber mit allen Reli­gio­nen ver­bin­den.
Für P. Brant­schen führt der Weg des Zen zu der Erfah­rung, daß das „inten­si­ve Bemü­hen im Zen“ sich mit der „Gna­de Got­tes“ ver­ein­ba­ren las­se, kei­nen Gegen­satz dar­stel­le (S. 68). Er ent­schließt sich um 1976, das Zen und sei­ne kul­tu­rel­len Hin­ter­grün­de ken­nen­zu­ler­nen, um spä­ter (in der Schweiz) an der Brücke zwi­schen christ­li­cher Spi­ri­tua­li­tät und Spi­ri­tua­li­tät des Zen mit­bau­en zu kön­nen, um das Wesen des Zen für den Men­schen des 21. Jahr­hun­dert frucht­bar zu machen (S.126) und zu erfolg­rei­chen poli­ti­schen Aktio­nen zu moti­vie­ren.

Die Jah­re zwi­schen 1976 und 1988 erlebt Brant­schen als „dich­te Zeit der Initia­ti­on“, es reift in ihm die Bereit­schaft, sei­ner­seits Zen zu ver­mit­teln (S. 153), den Dia­log zwi­schen Bud­dhis­mus und Chri­sten­tum zu füh­ren, um damit den Auf­bau einer f ried­vol­len und geein­ten Welt zu för­dern.

Seit 1988 bekennt sich der Jesu­it Brant­schen /Gu un Ken als Christ, er fei­ert die Hl. Mes­se und erhebt die Hostie im „Wis­sen, wie in die­ser Schei­be Brot die bei­den Wirk­lich­keits­aspek­te — die ganz kon­kre­te Welt und die Welt der Lee­re — einswer­den und wie alle Fra­gen bezüg­lich der Begeg­nung Zen — Chri­sten­tum weg­fal­len.“ (S. 143)

Als auto­ri­sier­ter Zen-Mei­ster ver­sinkt er in tie­fe (bud­dhi­sti­sche) Medi­ta­ti­on der Lee­re-Unend­lich­keit und hul­digt Bud­dha (das Abso­lu­te) und Bud­dha der Barm­her­zig­keit mit Gebet und Weih­rauch. (S. 179, 183)

In der radi­ka­len Medi­ta­ti­on begeg­nen sich nicht nur Chri­sten und Bud­dhi­sten, „hier, eben jetzt begeg­net sich Chri­stus mit Bud­dha — und die bei­den ver­ste­hen sich.“ (S. 183)

Da N. Brant­schen „im Zen eine diret­tis­si­ma“ für Han­deln aus einem ver­än­der­ten, umfas­sen­de­ren Bewußt­sein ent­deckt hat (S. 204), ent­schei­det er, daß Zen zukünf­tig im Las­s­alle-Haus nicht das Pro­blem sein, son­dern mehr und mehr zur Lösung des Pro­blems bei­tra­gen soll. (S. 80)

Er beläßt es also nicht bei der tie­fen Medi­ta­ti­on, (bei der Lee­re, dem Nichts), er setzt mit Ener­gie das Zen als Metho­de
gegen den Wil­len vie­ler Ordens­mit­brü­der durch und wan­delt das „tra­di­ti­tons­reich­ste Exer­zi­ti­en­haus der Schweiz“ in ein Medi­ta­ti­ons-Zen­do — Las­s­alle-Haus — für bud­dhi­sti­sche Spi­ri­tua­li­tät, inter­re­li­giö­sen Dia­log und Ver­ant­wor­tung vor der „Erde“ um, in ein Insti­tut für trans­re­li­giö­ses, kos­mi­sches Den­ken, sozi­al­po­li­ti­sches Bewußt­sein, für die EINE WELT und die EINE RELIGION und die Umer­zie­hung.

Die Fra­ge lau­tet: „Wie kann man ganz ernst machen mit der eige­nen Reli­gi­on und die ande­ren voll beja­hen?“ „Kann man trans­re­li­gi­ös wer­den?“ Die Fra­ge stel­len heißt, sie ver­nei­nen.“ (S. 102)

Rudolf Wil­le­ke, verh., zwei Kin­der, Stu­di­um der Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten und Päd­ago­gik in Frank­furt und Mün­chen. Stu­di­um Prak­ti­sche — und Rechts­phi­lo­so­phie, Psy­cho­lo­gie in Mün­ster.