Die revolutionäre Kultur frißt das, wovon sie lebt, und lebt von dem, was sie frißt

Bischof Richard Wil­liam­son hat vom 22. – 25. Febru­ar Kul­tur­ta­ge für jun­ge Män­ner im St. The­re­si­en-Gym­na­si­um in Schö­nen­berg aus­ge­rich­tet. In sei­ner Ein­la­dung schrieb er:

„Jeder Ein­zel­ne von Euch hat eine unsterb­li­che See­le. Die heu­ti­ge Welt will Euch weis­ma­chen, daß Ihr bloß aus einem Leib bestün­det, der unbe­dingt zufrie­den­ge­stellt wer­den müs­se. Die Welt lügt Euch an. … 

Ganz abge­se­hen von der Mensch­wer­dung Got­tes haben es zu allen Zei­ten die Mei­ster der Welt­li­te­ra­tur und –kunst immer wie­der ver­stan­den, die Höhen und Tie­fen des mensch­li­chen Schick­sals auf ver­schie­de­ne Wei­sen aus­zu­drücken. Die­se Zeu­gen des Adels – und der Gefah­ren – Eurer Natur wer­den an Euren moder­nen Schu­len und Uni­ver­si­tä­ten immer mehr an den Rand gedrängt, unter anderm des­halb, weil sie eine stän­di­ge Ankla­ge Eurer libe­ra­len, mate­ria­li­sti­schen, unmensch­li­chen Bil­dung dar­stel­len wür­den. Ihr seid aber kei­ne Affen, noch seid Ihr Maschi­nen und schon gar kei­ne rein vir­tu­el­le Realität!

Des­halb fol­gen­de Ein­la­dung zu drei Tagen des Nach­den­kens über die viel­fäl­ti­ge aber bedroh­te Gei­stes­welt, in die unse­re gro­ßen Wort- und Ton­dich­ter der alten und neu­en Zeit Euch ein­füh­ren sollen.“
Mit Msgr. Richard Wil­liam­son sprach Jens Falk über Kul­tur, Lite­ra­tur und die Kulturtage.

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Bischof Richard Williamson,
1958 Abitur, studierte
latei­ni­sche, griechische,
fran­zö­si­sche, deut­sche und
eng­li­sche Lite­ra­tur und war
anschlie­ßend drei­ein­halb Jah­re im
Uni­ver­si­täts­dienst tätig.
Danach war er einundeinhalb
Jah­re Jour­na­list und
sie­ben­ein­halb Jahre
Gym­na­si­al­leh­rer. Mit­te der
sech­zi­ger Jah­re konvertierte
Bischof Richard Williamson
zum katho­li­schen Glau­ben. Er
erkann­te, daß der Mensch sich
in einer Sack­gas­se befin­det und
nur die katho­li­sche Kir­che die
Pro­ble­me des Men­schen richtig
defi­niert und dem Menschen
Lösun­gen auf­zeigt. 1976 wurde
er zum Prie­ster und am 30.Juni
1988 zum Bischof geweiht.
Bild: Jens Falk

In Ihrer Ein­la­dung zu den Kul­tur­ta­gen spre­chen Sie von einer vir­tu­el­len Rea­li­tät. Was ist damit gemeint?

Die Men­schen wer­den heu­te weit­ge­hend durch Maschi­nen von der Rea­li­tät, der Wirk­lich­keit getrennt, und in den letz­ten Jah­ren vor allem durch Elek­tro­nik. Im all­ge­mei­nen ent­fernt der Mensch sich immer wei­ter von Gott. Gott ist die unend­li­che Wirk­lich­keit, aber die Men­schen wol­len ihn durch ihre Wahn­welt erset­zen. Sie wol­len die Wirk­lich­keit nicht anneh­men, ihre eige­ne Welt auf­set­zen, ohne Gott. Und die­se Ersatz­welt wird immer unmensch­li­cher, denn man möch­te gegen die Natur leben. Aber irgend­wie, irgend­wann, irgend­wo müs­sen die Men­schen zur Wirk­lich­keit zurück.

Vor­trä­ge zu Lite­ra­tur und Kul­tur zu hal­ten, ist eher unge­wöhn­lich für einen katho­li­schen Bischof.

Es ist ein biß­chen auto­bio­gra­phisch. Ich wur­de in den 50er Jah­ren, vor dem tota­len Umbruch der sech­zi­ger Jah­re, erzo­gen und aus­ge­bil­det in einem sehr guten pro­te­stan­ti­schen Gym­na­si­um in Eng­land, im Win­che­ster Col­le­ge und dann drei Jah­re in Cam­bridge. Fer­tig war ich 1961, gera­de vor der Ankunft der Beat­les in Lon­don. Das heißt, ich habe eine ruhi­ge klas­si­sche, vor­kon­zi­lia­re Bil­dung emp­fan­gen. Ganz ohne Ver­dienst mei­ner­seits, es wur­de mir gege­ben. Spä­ter bin ich dann katho­lisch gewor­den und Prie­ster, sogar Bischof. Aber in den letz­ten zehn, fünf­zehn Jah­ren ist mir bewußt gewor­den, daß man die Natur ablehnt. Die­se Natur, die ich über klas­si­sche latei­ni­sche, grie­chi­sche, fran­zö­si­sche, deut­sche und rus­si­sche Lite­ra­tur im Gym­na­si­um ken­nen­ge­lernt habe, die­se Natur wird gründ­lich abge­lehnt. Und ich habe die­se Natur von mei­ner Aus­bil­dung her zu gut ver­stan­den, um zu wis­sen, daß man sie nicht ohne gro­ßen Scha­den ableh­nen kann.
Die Gna­de kämpft nicht mit der Natur, son­dern die Gna­de kämpft mit der Sün­de. Die Gna­de setzt eine eini­ger­ma­ßen gesun­de Natur vor­aus; wenn die Natur immer unge­sun­der wird, wie kann die Gna­de wir­ken? Wie kann man mit einem Halb­star­ken über das Evan­ge­li­um, mit einem Rock­mu­si­ker, der immer die­se Klap­pen auf den Ohren hat, der immer in der Phan­ta­sie, der Wahn­welt der Rock­mu­sik lebt, spre­chen, wie kann man ihn anspre­chen? Wie ihm etwas vom Glau­ben erzäh­len? Die älte­re Genera­ti­on, mei­ne Genera­ti­on, hat die alte Bil­dung emp­fan­gen, aber die neue Genera­ti­on lernt nur Che­mie, Phy­sik, Mathe­ma­tik, Infor­ma­tik, Tech­no­lo­gie; und das ist nichts für Herz und Seele.

Die Kul­tur­ta­ge hal­ten Sie weltweit?

Ich habe in Argen­ti­ni­en mit Vor­trä­gen für Jugend­li­che begon­nen und heu­te abend wer­de ich in Eng­land einen Vor­trag hal­ten. Auch in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten gab es sol­che Kulturtage.

Die Idee kam mir im Prie­ster­se­mi­nar in den USA. Denn die­se Kul­tur fehlt gera­de in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten. Ich muß­te Semi­na­ri­sten her­an­bil­den und ich habe einen sehr guten Pro­fes­sor für Lite­ra­tur immer wie­der ein­ge­la­den, über Shake­speare zu spre­chen. Er kam und gab Vor­trä­ge. Die Semi­na­ri­sten haben das sehr geschätzt, weil sie ver­stan­den haben, daß dies in ihrer eige­nen Bil­dung fehlt. Sie waren dank­bar, durch die­sen Pro­fes­sor von der mensch­li­chen Natur in den Wer­ken Shake­speares zu hören.

Was ist sind Ihre Lieblingsklassiker?

Das kann ich nicht sagen, ich habe kein ein­zi­ges Lieb­lings­werk. Ich habe die Rus­sen im all­ge­mei­nen gern. Sie sind tief, z.B. Pusch­kin; neu­lich habe ich Jew­ge­ni One­gin mit Freu­den gele­sen. Aber ich könn­te nicht sagen, daß es mein Lieb­lings­werk ist.

Haben Sie frü­her viel gelesen?

Ich weiß nicht, was man unter viel ver­ste­hen wür­de. Ich habe frü­her stets gelesen.

Und heu­te?

Heu­te habe ich weni­ger Zeit, auch für Lite­ra­tur fehlt mir die Zeit. Aber ich zeh­re von mei­ner Ver­gan­gen­heit. Was Lite­ra­tur betrifft, lebe ich von der Bil­dung, die ich zwi­schen 13 und 18 Jah­ren emp­fan­gen habe. Zu die­ser Zeit wuß­te ich all das nicht zu schät­zen. Die­se Bil­dung war nur eine Bela­stung, aber jetzt ver­ste­he ich, wie wich­tig die­se natür­li­che Bil­dung ist. Und erst recht als Katho­lik und Bischof ver­ste­he ich wie nie zuvor, wie emi­nent wich­tig die­se natür­li­che Bil­dung ist.

Fin­den Sie heu­te in der moder­nen Lite­ra­tur emp­feh­lens­wer­te Bücher?

Ich habe neu­lich Step­pen­wolf von Her­man Hes­se gele­sen und da habe ich nicht viel Wert­vol­les gefun­den. Ich lese nicht viel von den moder­nen Wer­ken, aber was ich lese, gefällt mir im all­ge­mei­nen nicht. T.S. Eli­ot hin­ge­gen habe ich gern, Eli­ot, den Ame­ri­ka­ner, der nach Eng­land aus­ge­wan­dert ist und den größ­ten Teil sei­nen Lebens in Eng­land ver­bracht hat.

Was macht Dosto­jew­skij so inter­es­sant? Ist da ein katho­li­scher Geist zu finden?

Ich habe alle vier gro­ßen Roma­ne: Der Idi­ot, Die Dämo­nen, Die Brü­der Kara­ma­sow sowie Schuld und Süh­ne gele­sen; jedes Stück sogar zwei oder drei­mal und erst neu­lich wie­der Die Brü­der Kara­ma­sow. Das ist mehr oder weni­ger, was ich von Dosto­jew­skij ken­ne. Ich habe ihn seit mei­ner Jugend­zeit sehr gern.

War­um katho­lisch? Er ist modern, aber hat das Moder­ne über­wun­den. Er wur­de vom Zaren in die Ver­ban­nung nach Sibi­ri­en geschickt, weil er Sozia­list war, libe­ral, ein Revo­lu­tio­när. Er mach­te das Moder­ne ganz mit, aber dann hat er ver­stan­den, daß die moder­ne Ant­wort des Sozia­lis­mus kei­ne wirk­li­che Ant­wort ist und kehr­te schließ­lich zum Glau­ben sei­ner Jugend­zeit zurück. Er ist so sehr modern, daß er das Moder­ne ablehnt. Er glaubt nicht wei­ter an die fal­schen moder­nen Lösun­gen und eben das aus tie­fen und guten Grün­den: Weil er ver­steht, daß der Mensch eine gött­li­che Dimen­si­on hat und daß es ohne Gott, ohne Moral­ge­setz, nicht geht. Mit den moder­nen Ideen und Ideo­lo­gien gelingt nichts, kann das Leben nicht gelingen.

Hat die Kir­che eine kul­tu­rel­le Auf­ga­be? Sehen Sie einen Zusam­men­hang zwi­schen Kul­tur und Kirche?

Sicher. Die moder­ne Kul­tur folgt der christ­li­chen Kul­tur. Die moder­ne Kul­tur heu­te lebt noch von dem, was von der christ­li­chen Kul­tur noch übrig­ge­blie­ben ist. Hät­te es kei­ne Kir­chen und Klö­ster gege­ben, kei­ne christ­li­che Kul­tur, so gäbe es heu­te auch kei­ne moder­ne Kul­tur. Die moder­ne Kul­tur ist, so sehr sie es auch leug­nen und abstrei­ten mag, ja selbst wenn sie die Kir­che und Chri­stus, Gott ablehnt, doch immer von die­ser abend­län­di­schen, d.h. christ­li­chen Kul­tur, zutiefst abhän­gig. Die revo­lu­tio­nä­re Kul­tur frißt das, wovon sie lebt, und lebt von dem, was sie frißt.

Was ist die Auf­ga­be der Kirche?

Die Auf­ga­be der Kir­che ist, die Men­schen wie­der gläu­big zu machen und anschlie­ßend, wenn sie wie­der gläu­big sind, ihre See­len in Ein­klang (anstatt im Krieg) mit Gott zu brin­gen. So wer­den die Men­schen auch wie­der Schön­heit und Güte aus ihrem Her­zen schöp­fen. Aber wenn sie von Gott ent­fernt sind, dann sind wie heu­te Lite­ra­tur, Kunst, Male­rei, Musik im Begriff zu sterben.

Es heißt, daß die Orche­ster in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten mehr und mehr finan­zi­el­le Schwie­rig­kei­ten haben. Ich habe gehört, dass immer weni­ger CDs mit klas­si­scher Musik gekauft wer­den. Und das scheint nor­mal, weil man eben eine neue, eine tief­neue, ganz ande­re Welt auf­baut und es scheint eben­so nor­mal, daß die Jugend sich zum Bei­spiel nicht mehr für die alte Kul­tur inter­es­siert. Das spricht sie nicht an, denn sie befin­det sich in einer ande­ren Welt.

Pla­nen Sie wei­te­re Kulturtage?

Ich wür­de hof­fen, daß ande­re das tun könn­ten als ich. Ich habe in die­sen Tagen das gesagt, was ich sagen woll­te. Es gibt eine Linie in die­sen Wer­ken, selbst­ver­ständ­lich es sind nur sie­ben Wer­ke der gesam­ten Welt­li­te­ra­tur, aber mit jedem ande­ren Werk möch­te ich im Grun­de genom­men das­sel­be sagen wie mit Oedi­pus Rex , Aen­eis, usw.

Die Vor­trä­ge von Mrsg. Richard Wil­liam­son: Sopho­kles’ „Oedi­pus Rex“ – eines Men­schen Schick­sal kann grau­sam sein – hat es doch einen Sinn?, Vir­gils „Aen­eis“ – bewuß­te und unbe­wuß­te Grö­ße der Grün­dung eines welt­wei­ten Rei­ches, Die „Bekennt­nis­se“ des Augu­sti­nus – die voll­stän­di­ge Beru­hi­gung eines ruhe­lo­sen Men­schen­her­zens, Mozarts „Don Gio­van­ni“ (Aus­schnit­te) – es herrscht noch eine Ord­nung im spä­ten 18. Jahr­hun­dert, Shake­speares „Ham­let“ – ein zwei­deu­ti­ger Held kün­digt den Unter­gang der Gesell­schaft an, Pusch­kins „Eugen One­gin“ – ein byro­ni­scher Held kün­digt unse­re ent­mann­ten Män­ner von heu­te an, Dosto­jew­skijs „Brie­fe aus dem Kel­ler­loch“ – ein ein­deu­ti­ger Gegen­held geht einer Rei­he von sol­chen vor­aus, Ein deut­scher Groß­mei­ster bie­tet der alten Ord­nung Lebe­wohl. Und sei­ne neue Welt­ord­nung?…, T.S. Eli­ots „Waste­land“ — die neue Welt­ord­nung – die heu­ti­ge Groß­stadt – eine Wüste, sind auf CD erhältlich.

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