Viel schwieriger ist es, Bösem mit Mitleid zu begegnen.

Michae­la Kol­ler sprach mit dem grie­chisch-katho­li­schen Ober­haupt der größ­ten Kir­che Isra­els über den schwie­ri­gen All­tag Palä­sti­nen­sern, ins­be­son­de­re der Chri­sten, die Aus­wir­kun­gen des jüng­sten Nah­ost­kriegs und Per­spek­ti­ven für ein künf­ti­ges Zusam­men­le­ben.

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Eli­as Cha­cour
(* 29. Novem­ber 1939 in Bar’am,
Galiläa)ist israe­lisch-ara­bi­scher
grie­chisch-katho­li­scher
Erz­bi­schof.

In Ihrem Buch „Auch uns gehört das Land“ beschrei­ben Sie die über­gründ­li­chen Durch­su­chun­gen, die Sie am Flug­ha­fen in Isra­el bei der Aus­rei­se nach Euro­pa erlebt haben. Sie schrie­ben, die Palä­sti­nen­ser genau wüß­ten, daß die­se Behand­lung sie in ihrem Stolz und in ihrer See­le tref­fen soll. Das Buch ist nun 17 Jah­re alt. Wie hat man Sie vor­ge­stern behan­delt, als Sie nach Deutsch­land auf­ge­bro­chen sind?

Heu­te ist die Situa­ti­on für mich anders, da ich sehr bekannt bin über­all in der Welt. Es hat sich gebes­sert. Jedoch ist es für die ande­ren Ara­ber im Ver­gleich zu frü­her viel schlim­mer gewor­den, kaum zum Aus­hal­ten. Die israe­li­schen Sicher­heits­kräf­te durch­su­chen so lan­ge und sche­ren sich nicht dar­um, wenn ein Palä­sti­nen­ser dabei sei­nen Flug ver­paßt. Auch unse­re Gäste behan­deln sie nicht bes­ser. Einem US-Ame­ri­ka­ner, der ein Frie­dens­pro­gramm von uns besuch­te, haben sie kürz­lich den Com­pu­ter und das Gepäck abge­nom­men.

Wir reden hier über Men­schen, die wie Sie einen israe­li­schen oder wie ihr Gast einen US-ame­ri­ka­ni­schem Paß haben. Wie sieht es denn mit dem All­tag der Palä­sti­nen­ser in den besetz­ten Gebie­ten aus? Zum Bei­spiel in Beth­le­hem, der Geburts­stadt Jesu? Wie wirkt sich die Situa­ti­on spe­zi­ell auf die Chri­sten aus? Nach allem, was man hört, ist ihre Zahl dort deut­lich gesun­ken.

In Beth­le­hem ist es eine Kata­stro­phe. Vor 25 Jah­ren waren dort noch 60 Pro­zent Chri­sten, nun sind es nur noch 13 bis 15 Pro­zent. Die Grün­de dafür sind unter­schied­lich. Die Leu­te gehen fort, weil sie sich dort nicht frei bewe­gen kön­nen, nicht ein­mal nach Jeru­sa­lem kom­men. Beth­le­hem ist ein Ort, der durch die Mau­er beson­ders betrof­fen ist. Stel­len Sie sich vor, zwi­schen Wohn- und Arbeits­platz steht die­se Mau­er. Schu­len wur­den geschlos­sen, Land wur­de kon­fis­ziert, und der Tou­ris­mus ist schon längst ein­ge­bro­chen. Es gibt dort Leu­te, die, obwohl sie nur sechs Kilo­me­ter von den Hei­li­gen Stät­ten ent­fernt woh­nen, nie dort waren.

Wie soll denn über­haupt künf­tig der Zugang zu den Hei­li­gen Stät­ten gesi­chert wer­den?

Um zu ver­mei­den, daß die­se nur als anti­ke Sehens­wür­dig­kei­ten miß­braucht wer­den, soll­ten die Besu­cher zu den leben­di­gen Stei­nen kom­men und ihnen kon­kre­te Soli­da­ri­tät zei­gen. Sie soll­ten wenig­stens einen Tag in unse­re Gemein­den kom­men. Was wäre denn das Hei­li­ge Land ohne Chri­sten? Nur ein Bei­spiel: Vori­gen August war Eini­ges durch den Krieg Isra­els bei uns im Nor­den Gali­lä­as zer­stört. Ich bat Kir­che in Not um sofor­ti­ge Hil­fe. Ich bekam 15.000 Euro, mit denen ich wenig­stens 450 älte­re Leu­te eine Woche nach Jeru­sa­lem brin­gen und eini­ge Schä­den an Wohn­häu­sern besei­ti­gen las­sen konn­te.

Sie selbst sind im Alter von neun Jah­ren gleich nach der Grün­dung Isra­els zusam­men mit ihrer Fami­lie aus ihrem Haus in Biram, einem Dorf an der liba­ne­si­schen Gren­ze, ver­trie­ben wor­den. Obwohl sogar gericht­lich zuge­si­chert, ver­hin­dert das israe­li­sche Mili­tär bis dato die Rück­kehr. Sie haben geschrie­ben, daß Sie die Israe­lis dafür nicht has­sen wol­len. Es wäre aber nach­voll­zieh­bar, wenn Sie es den­noch täten.

Ich stecke nicht in der Ver­gan­gen­heit fest. War denn Haß jemals eine Ant­wort, oder ist er nicht viel­mehr die Abwe­sen­heit einer Ant­wort? Es ist natür­lich ein­fach, Böses mit Bösem zu ver­gel­ten. Viel schwie­ri­ger ist es, Bösem mit Mit­leid zu begeg­nen.

In einem so auf­ge­heiz­ten Kli­ma wer­den Sie aber mit Ihrer Hal­tung nicht nur Zustim­mung ern­ten. Man könn­te Sie als Kol­la­bo­ra­teur ver­däch­ti­gen.

Ara­bi­sche Extre­mi­sten haben kürz­lich schon kri­ti­siert, daß mein Haus jedem offen steht. Weih­nach­ten hat­te ich eine Ein­la­dung aus­ge­spro­chen, der der Pre­mier­mi­ni­ster und eini­ge Mini­ster gefolgt waren. Ich soll sie hin­aus­wer­fen, for­der­ten die Extre­mi­sten. Ich ant­wor­te­te, daß ich mein Haus vor nie­man­dem ver­schlie­ße, ich sei nie­man­des Feind. Die Kri­tik macht mir nichts aus.

Kann Ihre Hal­tung da nicht auch gefähr­lich wer­den?

Ja, na und. Soll ich den Extre­mi­sten jetzt zuck­ri­ge Din­ge sagen, um mich gut zu füh­len?

Neben den Natio­na­li­sten gibt es auch noch die isla­mi­schen Extre­mi­sten und Ter­ro­ri­sten wie die der His­bol­lah. West­li­che Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen berich­ten dar­über, daß die Chri­sten in Nah­ost durch sie zusätz­lich unter Druck gera­ten.

Wenn Sie ‚Ter­ro­ri­sten’ sagen, dann wer­ten Sie schon. Bei der His­bol­lah han­delt es sich um eine Wider­stands­be­we­gung.

Aber sie wen­det doch Gewalt als Mit­tel an, die Sie wie­der­um ableh­nen.

Es ist eine poli­ti­sche Bewe­gung. Ich räu­me ein, mit ihren Metho­den nicht ganz ein­ver­stan­den zu sein, eben­so wenig mit ihrer Theo­rie, ihren Dok­tri­nen. Sie hat auch gro­ße Feh­ler began­gen und sehr schlim­me Sachen im Liba­non gemacht.

Isla­mi­stisch moti­vier­ter Druck auf Chri­sten ist also kein The­ma?

Vor Mus­li­men habe ich über­haupt kei­ne Angst. Was mich ernst­haft äng­stigt, sind Extre­mi­sten jeg­li­cher Reli­gi­ons­zu­ge­hö­rig­keit. Wir haben zwölf Jahr­hun­der­te mit Mus­li­men zusam­men­ge­lebt und es war in Ord­nung.

Wie gestal­tet sich denn aktu­ell das Zusam­men­le­ben in Naza­reth, die Stadt Jesu, für die Sie als Bischof zustän­dig sind? Im Jahr 1999 kam es aus­ge­rech­net Ostern zu Aus­schrei­tun­gen mus­li­mi­scher Fana­ti­ker, die Kirch­gän­ger über­fie­len und schlu­gen. Vor eini­gen Jah­ren war geplant, eine gro­ße Moschee direkt auf dem Platz vor der Ver­kün­di­gungs­kir­che zu bau­en. Erst nach Inter­ven­ti­on des US-Prä­si­den­ten und des Pap­stes hat Isra­el den Bau ver­bo­ten.

Das ist nun ver­ges­sen. Vor einem Jahr genau, hat­te ein Ehe­paar in der Basi­li­ka Knall­kör­per in der Basi­li­ka gezün­det. Was glau­ben Sie, wer her­bei­ge­lau­fen kam, um die Kir­che zu beschüt­zen? Es waren Hun­der­te von jun­gen Mus­li­men zusam­men mit ihren Geist­li­chen. Sie sag­ten, dort wer­de auch ihre Maria und ihre Pro­phet Jesus ver­ehrt. Die Spal­tung hat auf­ge­hört.

Ist das Kli­ma zwi­schen Chri­sten und Mus­li­men dort wie­der so vor­bild­lich wie frü­her?

Es ist noch nicht wie­der so wie frü­her. Es braucht noch mehr Zeit, um wie­der zur Nor­ma­li­tät zurück­zu­keh­ren.

Sie haben nicht nur als erster Ara­ber an der Hebräi­schen Uni­ver­si­tät stu­diert, son­dern haben auch einen fran­zö­si­schen Stu­di­en­ab­schluß. Zudem haben Sie Freun­de in Deutsch­land. Mei­nen Sie, daß irgend wann ein­mal Juden und Palä­sti­nen­ser so zuein­an­der ste­hen wie Deut­sche und Fran­zo­sen?

Nicht in fer­ner Zukunft, nein, sehr bald schon. Ich bin nicht so pes­si­mi­stisch. Wir haben auch kei­ne ande­re Alter­na­ti­ve als das Zusam­men­le­ben, mit Wür­de und Gerech­tig­keit für bei­de Sei­ten, Juden und Palä­sti­nen­ser. Auch wenn wir das nicht ger­ne haben, das ist der ein­zi­ge Weg zum Frie­den und zum Über­le­ben für bei­de Völ­ker.

Eli­as Cha­cour absol­vier­te er in Naza­ret und stu­dier­te Theo­lo­gie im Semi­nar St. Sul­pi­ce, Paris. 1965 kehr­te er nach Isra­el zurück. Nach sei­ner Prie­ster­wei­he nahm er ein Tora- und Tal­mud­stu­di­um an der Hebräi­schen Uni­ver­si­tät Jeru­sa­lem auf, eben­so wand­te er sich dem Ara­mäi­schen und Syri­schen zu. Er pro­mo­vier­te an der Hebräi­schen Uni­ver­si­tät als erster Ara­ber.

Cha­cour enga­gier­te sich gegen die Wider­stän­de israe­li­scher Behör­den für die Belan­ge ara­bi­schen Min­der­heit beson­ders der Jugend.

Dabei pfleg­te er beharr­lich Ver­bin­dun­gen zu christ­li­chen und jüdi­schen Krei­sen. 2003 wur­de auf sei­ne Initia­ti­ve die erste ara­bisch-christ­lich-israe­li­sche Mar Eli­as Uni­ver­si­tät eröff­net.

Im Febru­ar 2006 wur­de er zum „Erz­bi­schof von Akko, Hai­fa, Naza­reth und ganz Gali­läa“ ernannt und geweiht. Nach 60 Jah­ren der Unter­drückung ist unter Chri­sten im Hei­li­gen Land ein Ver­lust ihrer reli­giö­sen Iden­ti­tät zu beob­ach­ten. Der größ­ten inne­ren Feind der Chri­sten in der Regi­on nann­te Cha­cour die Aus­wan­de­rung. Zehn­tau­sen­de Chri­sten sei­en ver­trie­ben wor­den, geflo­hen oder hät­ten die Regi­on auf der Suche nach einem bes­se­ren Leben ver­las­sen. Nach sei­nen Anga­ben leben in Gali­läa noch rund 130.000 Chri­sten, in Jeru­sa­lem nur noch 5.000 bis 7.000. Dazu kämen noch etwa 30.000 im West­jor­dan­land. (Wiki­pe­dia)