Situation der Christen in der Türkei

von Michae­la Kol­ler

Die Rei­se Papst Bene­dikts XVI. ist jen­seits des christ­lich-isla­mi­schen Dia­logs zunächst ein­mal ein Pasto­ral­be­such zu den dort leben­den Katho­li­ken und ande­ren Chri­sten. Deren schwie­ri­ge Situa­ti­on sorg­te in die­sem Jahr mehr­fach für Schlag­zei­len, da mus­li­mi­sche Fana­ti­ker meh­re­re Angrif­fe ver­üb­ten. Die­se gip­fel­ten in dem Mord an dem ita­lie­ni­schen Pfar­rer Don Andrea San­to­ro am 5. Febru­ar. Sein Bischof, Lui­gi Padove­se, sag­te kürz­lich vor Jour­na­li­sten in Ber­lin: »Don Andrea war Prie­ster in mei­nem Spren­gel. Ein wei­te­rer Prie­ster wur­de ver­letzt, einer geschla­gen und eini­ge wur­den bedroht. Nach dem Mord bekam ich Poli­zei­schutz. Nach zwei Mona­ten dach­ten wir, das sei nicht mehr nötig. Unbe­kann­te ver­such­ten dann, mich mit einem Motor­rad umzu­fah­ren.« Bischof Padove­se, der Apo­sto­li­scher Vikar von Ana­to­li­en ist, steht seit­her wie­der unter Poli­zei­schutz. Die Atmo­sphä­re gegen die Katho­li­ken ist seit der Regens­bur­ger Rede des Pap­stes erneut auf­ge­heizt wor­den. Eine tür­ki­sche Zei­tung schrieb sogar über den Papst: »Das Schwein hat gespro­chen«.

Katho­li­ken droht Ent­eig­nung

Dabei leben die Katho­li­ken eher zurück­hal­tend im Lan­de, sind vie­le von ihnen doch Aus­län­der. »Wir wer­den schon als Fremd­kör­per wahr­ge­nom­men«, beklag­te Padove­se und fuhr fort: »Man sagt, die Chri­sten in der Tür­kei konn­ten nur über­le­ben, weil sie unsicht­bar waren.« Der Lai­zis­mus dik­tiert den Prie­stern den Ver­zicht etwa auf einen römi­schen Kra­gen. Klei­ne Kreu­ze an einer Hals­ket­te dür­fen die Katho­li­ken jedoch tra­gen und ihre Kir­chen­glocken dür­fen läu­ten, die dort aber selbst­re­dend weit­aus sel­te­ner zu hören sind als hier­zu­lan­de. »Wenn die Gläu­bi­gen weit weg woh­nen, ver­zich­tet der Pfar­rer aufs Läu­ten« erklär­te Padove­se. Ein Pro­blem für die Katho­li­ken ist viel­mehr der schwa­che recht­li­che Sta­tus und die damit ver­bun­de­ne Gefahr der Ent­eig­nung. »Es gibt Fäl­le, in denen der Pfar­rer gestor­ben ist und kein Testa­ment vor­lag. Sind aber kei­ne Erben da, so fällt das Eigen­tum dem Staat zu. Die Kir­chen­ge­mein­den haben kei­nen Rechts­sta­tus, um Grund­stücke und Immo­bi­li­en zu erwer­ben oder zu besit­zen.« Trotz der genann­ten Ein­schrän­kun­gen bemerk­te der Bischof: »Tau­schen möch­te ich mit den Ortho­do­xen nicht.« Was von den Glau­bens­brü­dern zu erfah­ren ist, klingt bedroh­lich für die Zukunft des Chri­sten­tums im »hei­li­gen Land der Urkir­che«, wie Papst Johan­nes Paul II. die Tür­kei 1994 bezeich­net hat. So hat der grie­chisch-ortho­do­xe Patri­arch Bar­tho­lo­mai­os seit 1971 bereits kein Prie­ster­se­mi­nar mehr, die extrem-natio­na­li­sti­schen Grau­en Wöl­fe haben nach Infor­ma­tio­nen der Inter­na­tio­na­len Gesell­schaft für Men­schen­rech­te (IGFM) 2,5 Mil­lio­nen Unter­schrif­ten für die Ver­trei­bung des Ober­haup­tes gesam­melt. Aus Grie­chen­land darf kein Prie­ster­nach­wuchs ein­rei­sen, ohne den das reli­giö­se Leben bald nicht mehr auf­recht­erhal­ten wer­den kann.

Chri­sten in der moder­nen Tür­kei

Anfang des 20. Jahr­hun­derts war noch jeder vier­te oder fünf­te Bür­ger des osma­ni­schen Rei­ches Christ, je nach Schät­zung. Nach Völ­ker­mord und Exo­dus sind die Chri­sten nun eine ver­schwin­dend gerin­ge Min­der­heit in der Tür­kei, höch­stens 0,3 Pro­zent. Jedoch leben dort wie in kaum einem ande­rem Land Ange­hö­ri­ge so vie­ler ver­schie­de­ner christ­li­chen Kon­fes­sio­nen. Seit dem 9. April 1928 ist die Tür­kei lai­zi­stisch. Der Lai­zis­mus ist ein Teil der poli­ti­schen Reform­werks von Gazi Musta­fa Kemal Ata­türk, dem Begrün­der der moder­nen Tür­kei. Damals ver­lor der Islam durch eine Ände­rung der Ver­fas­sung sei­nen Rang als Staats­re­li­gi­on. Durch Arti­kel 10 wur­den die Ange­hö­ri­gen aller nicht­is­la­mi­schen Reli­gio­nen eben­bür­ti­ge Staats­bür­ger mit den­sel­ben Rech­ten und den­sel­ben Pflich­ten. Zusätz­lich schützt der Ver­trag von Lau­sanne von 1923, der nach dem tür­kisch-grie­chi­schen Krieg von 1922 abge­schlos­sen wur­de, aus­drück­lich drei nicht­mus­li­mi­sche Min­der­hei­ten in der Tür­kei: die Juden, die Grie­chen und die Arme­ni­er. Der recht­li­che Schutz bie­tet aber kei­ne Gewähr, nicht doch durch Beam­te des tür­ki­schen Staa­tes gegän­gelt oder durch natio­na­li­sti­sche sowie reli­giö­se Fana­ti­ker ver­folgt zu wer­den, wie Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen seit Jahr­zehn­ten bekla­gen.

Gewalt der Fana­ti­ker

Zu einer der schlimm­sten Aus­schrei­tun­gen kam es am 6. Sep­tem­ber 1955 in Istan­bul, die sich gegen die Grie­chen rich­te­te. Der Mob ver­brann­te einen Prie­ster leben­dig, schlug Bischö­fe und zer­stör­te Kir­chen, Grä­ber sowie Häu­ser und Geschäf­te von Chri­sten. Als der Zypern­kon­flikt mit Grie­chen­land ent­brann­te, häuf­ten sich wie­der die Anschlä­ge auf die christ­li­chen Grie­chen, ihre Ein­rich­tun­gen und ihr Eigen­tum. Seit Anfang der neun­zi­ger Jah­re, seit der isla­mi­sti­sche Ter­ror die Welt in Atem hält, hat die reli­gi­ös ver­bräm­te Gewalt auch in der Tür­kei noch­mals zuge­nom­men. Davon war auch der Sitz des grie­chisch-ortho­do­xen Patri­ar­chen, der Pha­nar, mehr­fach betrof­fen. Die Fana­ti­ker schreck­ten gleich­falls vor Mord nicht zurück: Im Janu­ar 1998 erschlu­gen Isla­mi­sten in einer grie­chi­schen Kir­che einen Küster.

Auch die Arme­ni­er, die größ­te christ­li­che Gemein­schaft in der Tür­kei, sind seit­her oft­mals Opfer von Gewalt gewor­den. Gei­sti­ge Brand­stif­ter in den tür­ki­schen Medi­en hetz­ten die Bevöl­ke­rung gegen sie auf, wor­auf­hin es zu Anschlä­gen auf das arme­nisch-apo­sto­li­sche Patri­ar­chat in Istan­bul-Kum­ka­pi, zudem auf Kir­chen und Grä­ber der Arme­ni­er kam.

Dis­kri­mi­nie­rung und Ein­mi­schung durch Staats­be­am­te

Die Chri­sten in der Tür­kei haben nicht nur Angst vor der Gewalt von Isla­mi­sten. Sie fürch­ten auch dis­kri­mi­nie­ren­de Beam­ten­will­kür, ver­rät doch der Zif­fern­code 31 im Per­so­nal­aus­weis ihren Glau­ben. In lei­ten­de Posi­tio­nen der Ver­wal­tung und des Mili­tärs kom­men sie fak­tisch nicht. Auch mischen sich die tür­ki­schen Behör­den in ihre Ange­le­gen­hei­ten ein: Das Lau­san­ner Abkom­men, nach dem tür­kisch-grie­chi­schen Krieg 1923 unter­zeich­net, garan­tiert zwar den aner­kann­ten Min­der­hei­ten wie Arme­ni­ern, Grie­chen und Juden eige­ne Schu­len, aber deren Lei­ter wer­den von mus­li­mi­schen Stell­ver­tre­tern kon­trol­liert, zuwei­len auch unter Druck gesetzt. Die Beset­zung des Postens eines Kodi­rek­tors mit einem Tür­ken mus­li­mi­schen Glau­bens ist gesetz­lich vor­ge­schrie­ben. Es hängt dann von der Per­sön­lich­keit die­ses Beam­ten ab, ob die Schul­kin­der etwa arme­ni­sche oder grie­chi­sche Lie­der sin­gen oder Gedich­te in ihrer eige­nen Spra­che rezi­tie­ren dür­fen. So ein Ver­bot ist an sich zwar nicht zuläs­sig, aber laut Inter­na­tio­na­ler Gesell­schaft für Men­schen­rech­te (IGFM) den­noch Pra­xis.

Als der arme­ni­sche Patri­arch Mes­rob Mutaf­y­an im Jahr 1998 gewählt wur­de, gab es eini­gen Ärger mit den Behör­den. Der Gou­ver­neur von Istan­bul und sein Stell­ver­tre­ter zöger­ten die Geneh­mi­gung zur Wahl lan­ge hin­aus und stütz­ten zudem einen Gegen­kan­di­da­ten, der mehr als drei­ßig Jah­re älter war. Der Gou­ver­neur-Stell­ver­tre­ter ging sogar soweit, Mes­rob mit dem Gefäng­nis zu dro­hen, wenn er nicht dem 73-jäh­ri­gen Mit­bru­der das Amt über­las­se. Als der Gegen­kan­di­dat ver­zich­te­te, konn­ten die tür­ki­schen Behör­den aber nichts mehr machen. Der Lau­san­ner Ver­trag garan­tiert die Wahl des Patri­ar­chen durch Dele­gier­te der Arme­ni­er. Eine der­ar­ti­ge Ein­mi­schung war dem­nach eine Ver­trags­ver­let­zung. Zudem wider­sprach das Ein­schrei­ten der bei­den Spit­zen­be­am­ten dem Lai­zis­mus­prin­zip, dem zufol­ge der Staat gegen­über den Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten neu­tral blei­ben soll­te.

Der sun­ni­ti­sche Islam wuss­te sich aber seit der Grün­dung der moder­nen Tür­kei zu behaup­ten. Des­we­gen ist der tür­ki­sche Lai­zis­mus nur noch eine Far­ce: Das Amt für reli­giö­se Ange­le­gen­hei­ten, das Papst Bene­dikt XVI. bei sei­nem Besuch in Anka­ra besu­chen wird, beschäf­tigt mehr als 120.000 Mit­ar­bei­ter. Das Amt küm­mert sich unter ande­rem um Bau und Unter­halt von Moscheen, wäh­rend es für die Chri­sten seit 1923 nahe­zu unmög­lich ist, eine Kir­che neu zu bau­en.

Kul­tus­frei­heit ist nicht Reli­gi­ons­frei­heit

»Wir haben die Kul­tus­frei­heit, aber das ist nicht gleich­zu­set­zen mit Reli­gi­ons­frei­heit«, sag­te der Apo­sto­li­sche Vikar von Ana­to­li­en, Bischof Padove­se. Auf­grund einer Stif­tungs­ver­ord­nung von 1935 kam es auch zu zahl­rei­chen Beschlag­nah­mun­gen von Kir­chen, Gemein­de­zen­tren und gar Fried­hö­fen, von denen beson­ders die Arme­ni­er betrof­fen sind. Zudem dür­fen nur tür­ki­sche Staats­bür­ger in der Seel­sor­ge der aner­kann­ten Min­der­hei­ten beschäf­tigt sein. Dar­aus ergibt sich das Pro­blem mit dem Prie­ster­nach­wuchs, wur­den die hei­mi­schen Semi­na­re doch schon vor Jahr­zehn­ten geschlos­sen. Da hal­fen auch inter­na­tio­na­le Pro­te­ste nichts, das grie­chisch-ortho­do­xe Semi­nar auf der Insel Hal­ki im Mar­ma­ra­meer wur­de bis­lang nicht wie­der eröff­net. Hof­fen läßt da, was Bischof Padove­se an Neu­ig­kei­ten mit­brach­te: »Es kommt jetzt etwas Bewe­gung in die Sache. Dem arme­nisch-katho­li­sche Erz­bi­schof wur­de jetzt im Alter erlaubt, einen Koad­ju­tor ins Land zu holen, der kein Tür­ke ist. Viel­leicht ist auch ein­mal zumin­dest eine inter­na­tio­na­le öku­me­ni­sche Hoch­schu­le durch­setz­bar.«