Für die überlieferte Messe geweiht

Aus Anlaß von Gerüch­ten, daß Papst Bene­dikt XVI. den Gebrauch der latei­ni­schen Lit­ur­gie wie­der ohne jede Beschrän­kung zulas­sen will, und der Neu­erschei­nung des Buches „Die Mes­se aller Zei­ten — Ritus und Theo­lo­gie des Meß­op­fers“, führ­ten wir mit Pater Mat­thi­as Gaudron, Autor des Buches, ein Inter­view. Die Befra­gung wur­de von Jens Falk per E‑Mail geführt.

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Pater Mat­thi­as Gaudron, geb. 1965,
ist Prie­ster und Mit­glied der
Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X.
1990 geweiht, war er ein Jahr Kaplan
im Prio­rat in Saar­brücken und wurde
dann Dozent für Dog­ma­tik und
Exege­se im Prie­ster­se­mi­nar „Herz Jesu“
in Zaitz­ko­fen. Dem Semi­nar stand er
von 1998–2003 als Regens vor.
Seit August 2006 ist er Pri­or des
Prio­rats „Judas Thad­dä­us“ in
Kleinwallstadt.
Bild: Privat

Sie sind Prie­ster der Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X. Man kann davon aus­ge­hen, daß Sie noch nie die all­ge­mein gül­ti­ge Mes­se, die nach dem zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil ein­ge­führt wur­de, gele­sen, noch an einer Kon­ze­le­bra­ti­on teil­ge­nom­men haben. War­um nicht?

Als Mit­glied der Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X. bin ich für die über­lie­fer­te Mes­se geweiht wor­den und habe die Neue Mes­se tat­säch­lich nie gele­sen. Wir leh­nen die neue Lit­ur­gie vor allem des­halb ab, weil sie kein voll­gül­ti­ger Aus­druck des katho­li­schen Glau­bens vom Meß­op­fer ist. Man kann zei­gen, daß die Ände­run­gen, die man 1969 vor­ge­nom­men hat, mehr oder weni­ger alle dazu die­nen, den Opfer­cha­rak­ter der Mes­se zu ver­dun­keln und die­se einer mehr pro­te­stan­ti­schen Kon­zep­ti­on von der Eucha­ri­stie anzu­nä­hern. Nach dem Urteil der Kar­di­nä­le Otta­via­ni und Bac­ci, stellt der Meß­ri­tus Pauls VI. »sowohl im Gan­zen wie in den Ein­zel­hei­ten ein auf­fal­len­des Abrücken von der katho­li­schen Theo­lo­gie der hl. Mes­se dar« (Kur­ze kri­ti­sche Unter­su­chung des Neu­en Ordo Mis­sae, UVK 4/1969, S. 2). Auch Jean Guit­ton, ein Freund Pauls VI., sag­te 1993 in einer Radiodis­kus­si­on: »Paul VI. hat alles in sei­ner Macht Ste­hen­de getan, um die katho­li­sche Mes­se — über das Kon­zil von Tri­ent hin­weg — dem pro­te­stan­ti­schen Abend­mahl anzunähern.«

Wel­che Auf­ga­ben hat der katho­li­sche Prie­ster in der Hei­li­gen Messe?

Der Prie­ster ver­tritt in der hl. Mes­se Jesus Chri­stus selbst. Er steht an des­sen Stel­le am Altar und Chri­stus han­delt durch ihn. Das kommt beson­ders bei der Wand­lung zum Aus­druck, wo der Prie­ster »in per­so­na Chri­sti« spricht: »Dies ist mein Leib … dies ist der Kelch mei­nes Blu­tes.« Dann han­delt der Prie­ster natür­lich auch als Ver­tre­ter der Kir­che, in deren Namen er Gott das Opfer und die Gebe­te darbringt.

Prie­ster, die nach dem alten Ritus zele­brie­ren, spre­chen eher von Meß­op­fer oder Hei­li­ger Mes­se; Prie­ster, die nach dem neu­en Ritus zele­brie­ren, eher von Eucha­ri­stie­fei­er. Die­ser Begriff steht auch sehr häu­fig in den Ankün­di­gun­gen der Ortskirchen.

Die­ser Sprach­ge­brauch hängt mit der Pro­te­stan­ti­sie­rung der Meß­theo­lo­gie zusam­men. Luther leug­ne­te nicht eine gewis­se Real­prä­senz Jesu Chri­sti in der Eucha­ri­stie, wenn er sie auch nicht im katho­li­schen Sinn ver­stand. Was er aber gera­de­zu mit Abscheu zurück­wies, war die Leh­re, daß die hl. Mes­se ein Opfer ist. Eine Eucha­ri­stie­fei­er kön­nen auch Pro­te­stan­ten bege­hen, nie­mals aber ein Meß­op­fer feiern.

Was ist unter Meß­op­fer zu verstehen?

Das Meß­op­fer ist die Ver­ge­gen­wär­ti­gung des Kreu­zes­op­fers Jesu Chri­sti. Chri­stus wird hier durch das Wort des Prie­sters unter den Gestal­ten von Brot und Wein wahr­haft gegen­wär­tig und bringt sich sei­nem Vater dar. Es erfüllt ihn dabei die­sel­be Opfer­ge­sin­nung, die ihn am Kreuz beseelte.

Ist Meß­op­fer und Kreuzop­fer ein und dasselbe?

Meß­op­fer und Kreu­zes­op­fer sind nicht in jeder Hin­sicht das­sel­be. Das Kon­zil von Tri­ent lehrt, daß Mes­se und Kreu­zes­op­fer iden­tisch sind in bezug auf die Opfer­ga­be und den Haupt­op­fer­prie­ster. Die Opfer­ga­be ist in der Mes­se wie am Kreuz der Gott­mensch. Auch der Haupt­op­fer­prie­ster ist in bei­den Fäl­len Jesus Chri­stus, der sich in der Mes­se aller­dings des mensch­li­chen Prie­sters als Werk­zeug bedient. Die Opfer­wei­se ist jedoch ver­schie­den, denn am Kreuz hat sich Chri­stus unter vie­len Schmer­zen auf­ge­op­fert und ist gestor­ben. In der Mes­se lei­det und stirbt er nicht mehr, wenn sein Tod auch durch die Dop­pel­kon­se­kra­ti­on sakra­men­tal dar­ge­stellt wird. Auch erwirbt Chri­stus in der Mes­se kei­ne neu­en Ver­dien­ste mehr, da das Kreu­zes­op­fer voll­kom­men ist und nicht ergänzt wer­den muß. Das Meß­op­fer wen­det viel­mehr die am Kreuz ver­dien­ten Gna­den den Men­schen zu.

Kann man sagen: »Das Opfer ist die Ver­herr­li­chung Got­tes durch Konsekration«?

Der wesent­li­che Opfer­akt der Mes­se ist die Kon­se­kra­ti­on. Die Ver­herr­li­chung Got­tes ist der wich­tig­ste Zweck des Opfers, aber nicht der ein­zi­ge. Durch das Opfer wird Gott auch Dank gesagt für alle Wohl­ta­ten, die er uns spen­det. Die Opfer­ga­be wird zudem zur Süh­ne für die Sün­den der Men­schen dar­ge­bracht und Gott um die Gewäh­rung neu­er Gna­den gebeten.

Was sagt die hl. Schrift von der Mes­se als Opfer?

In der Hl. Schrift wird zunächst vom Pro­phe­ten Mala­chi­as 1,10 für den Neu­en Bund die Dar­brin­gung eines Opfers vom Auf­gang der Son­ne bis zu ihrem Unter­gang, also unter allen Völ­kern, vor­aus­ge­sagt. Die­se Pro­phe­tie kann sich unmög­lich auf die Opfer der Juden bezie­hen, die ja nur in Jeru­sa­lem dar­ge­bracht wer­den durf­ten, und auch nicht auf das Kreu­zes­op­fer, das ja nur ein­mal dar­ge­bracht wur­de. Die Pro­phe­tie wird dann von den Kir­chen­vä­tern auch sofort auf das Meß­op­fer bezo­gen. Im NT spre­chen die Ein­set­zungs­wor­te Chri­sti von der Hin­ga­be sei­nes Lei­bes und dem Ver­gie­ßen sei­nes Blu­tes. Das sind Opfer­ter­mi­ni. Auch der hl. Pau­lus stellt ganz selbst­ver­ständ­lich in 1 Kor 10,16–21 die Teil­nah­me am Tisch des Herrn den Opf­er­mahl­zei­ten der Juden und Hei­den gegen­über. Wie das Essen von den Opf­er­mahl­zei­ten der Juden und Hei­den eine Anteil­nah­me am jewei­li­gen Opfer bedeu­te­te, so bedeu­tet die hl. Kom­mu­ni­on eine Anteil­nah­me am christ­li­chen Opfer. Man beach­te auch Hebr 13.10, wo es heißt: »Wir haben einen Opfer­al­tar, von dem jene nicht essen dür­fen, die dem Zel­te die­nen (d. h. die Juden).«

Der Opfer­cha­rak­ter der Mes­se ist also kei­ne Erfin­dung des Mittelalters?

Es war mir wich­tig, in mei­nem Buch zu zei­gen, wie der Opfer­cha­rak­ter der Mes­se von Anfang an unbe­strit­te­nes Glau­bens­gut der Kir­che war. Hier nur eini­ge Bei­spie­le: Schon die älte­sten kirch­li­chen Schrift­stücke spre­chen von der Eucha­ri­stie als von einem Opfer. So lesen wir in der um 100 n. Chr. geschrie­be­nen Dida­che: »Am Tage des Herrn ver­sam­melt euch, bre­chet das Brot und saget Dank, nach­dem ihr zuvor eure Sün­den bekannt habt, damit euer Opfer rein sei … Denn so lau­tet der Aus­spruch des Herrn: „ºAn jedem Ort und zu jeder Zeit soll man mir dar­brin­gen ein rei­nes Opfer, weil ich ein gro­ßer König bin, spricht der Herr, und mein Name wun­der­bar ist bei den Völkern.„¹« Die Bezie­hung auf die Pro­phe­tie des Mala­chi­as zeigt deut­lich, daß es hier um ein eigent­li­ches Opfer geht. Ende des 2. Jh.s schreibt der hl. Ire­nä­us von Lyon („  202): »Als er (Chri­stus) des­halb die Gabe des Bro­tes nahm, sag­te er Dank und sprach: „ºDas ist mein Leib„¹. Und ähn­lich bekann­te er den Kelch, der aus die­ser irdi­schen Schöp­fung stammt, als sein Blut und mach­te ihn zur Opfer­ga­be des Neu­en Bun­des, so daß ihn die Kir­che, wie sie ihn von den Apo­steln emp­fan­gen hat, auf der gan­zen Welt Gott dar­bringt … Auf die­sen weist unter den zwölf Pro­phe­ten Mala­chi­as mit fol­gen­den Wor­ten hin: „ºIch habe kein Wohl­ge­fal­len …„¹ Das besagt ganz deut­lich, daß zunächst das Volk auf­hö­ren wird, Gott zu opfern, daß dann aber an jedem Orte ihm ein Opfer dar­ge­bracht wer­den wird, und zwar ein rei­nes, und daß sein Name herr­lich wer­den wird unter den Völ­kern« (Adv. haer. IV, 17,5; BKV [Ire­nä­us II] S. 53).

Im 4. Jh. hebt der hl. Cyrill von Jeru­sa­lem („  386) in sei­ner Beschrei­bung der Meß­lit­ur­gie den Süh­ne­cha­rak­ter des Meß­op­fers her­vor, wenn er den Gläu­bi­gen bei der Bespre­chung des Gedächt­nis­ses der Toten sagt: »Wir glau­ben näm­lich, daß die See­len, für wel­che wäh­rend des hei­li­gen, erha­ben­sten Opfers gebe­tet wird, sehr gro­ßen Nut­zen davon haben. Um euch davon zu über­zeu­gen, will ich euch ein Bei­spiel geben: … Neh­men wir an, es haben sich eini­ge gegen ihren König ver­gan­gen und wur­den des­halb von ihm in die Ver­ban­nung geschickt; deren Ange­hö­ri­ge aber flech­ten nun einen Kranz und brin­gen ihn dem König, um Für­bit­te für die Bestraf­ten ein­zu­le­gen: Wird der König ihnen nicht etwa die Stra­fe nach­las­sen? Eben­so ist es bei uns. Wir brin­gen Gott für die Ver­stor­be­nen, trotz­dem sie Sün­der waren, unse­re Gebe­te dar. Wir win­den kei­nen Kranz, son­dern opfern den für unse­re Sün­den geschlach­te­ten Chri­stus. Dadurch ver­söh­nen wir den barm­her­zi­gen Gott mit ihnen und mit uns« (5. Myst­ago­gi­sche Kate­che­se 9 f; BKV S. 368 f). Beson­ders schön ist auch ein Wort des hl. Gre­gor von Nazi­anz („  390), das er dem Prie­ster zuruft: »Zöge­re nicht für uns zu beten und zu fle­hen, wenn du durch dein Wort den Logos her­ab­ziehst, wenn du auf unblu­ti­ge Wei­se den Leib und das Blut des Herrn schei­dest, indem du das Wort (= die Wand­lungs­wor­te) als Schwert gebrauchst« (Ep. 171 ad Amphil. PG 37, 280; RJ 1019). Hier wird deut­lich die Leh­re von der unblu­ti­gen Hinop­fe­rung Chri­sti durch die Tren­nung sei­nes Lei­bes und Blu­tes ver­mit­tels der Dop­pel­kon­se­kra­ti­on zum Aus­druck gebracht.

Beim hl. Johan­nes Chryso­sto­mus („  407), dem »doc­tor eucha­ri­stiae«, fin­den wir beson­ders rea­li­sti­sche Aus­sa­gen: »Wenn du siehst, wie der Herr geop­fert daliegt und wie der Prie­ster vor dem Opfer steht und betet und wie alle mit jenem kost­ba­ren Blu­te gerö­tet wer­den: glaubst du da noch, unter Men­schen zu sein und auf Erden zu wei­len?« (Über das Prie­ster­tum III, 4; BKV [Chry. IV], S. 141). »Du trittst hin zu einem furcht­ba­ren, hei­li­gen Opfer. Chri­stus liegt geschlach­tet da, um dich … mit dem Schöp­fer des Welt­alls zu ver­söh­nen« (De prod. Judas hom. 2,6; PG 49, 390). Es war also wirk­lich eine Neue­rung, ein Abrücken vom über­lie­fer­ten Glau­ben der Chri­sten, als Luther den Opfer­cha­rak­ter der Mes­se leugnete.

Ist die katho­li­sche Auf­fas­sung des Opfer­be­griffs eine ande­re als der Opfer­be­griff in der vor­christ­li­chen Zeit?

Nein, grund­sätz­lich nicht. Auch in den heid­ni­schen Kul­tu­ren faß­te man das Opfer als höch­sten Akt der Got­tes­ver­eh­rung auf. Man opfer­te der Gott­heit etwas Wert­vol­les zum Zei­chen sei­ner Selbst­hin­ga­be, um die Gott­heit zu ehren, ihr zu dan­ken, sie zu ver­söh­nen und von ihr Gun­ster­wei­se zu erbit­ten. Die jüdi­schen Opfer waren zudem als direk­te Vor­be­rei­tung auf das christ­li­che Opfer von Gott selbst ange­ord­net und hat­ten kei­ne ande­re Inten­ti­on. Aller­dings waren alle vor­christ­li­chen Opfer unvoll­kom­men und konn­ten die Erlö­sung nicht bewirken.

Was ist unter dem Mahl zu verstehen?

Die hl. Kom­mu­ni­on kann man ein Mahl oder ein Opf­er­mahl nen­nen. Sie ist die höch­ste Wei­se, sich mit dem Opfer Chri­sti zu ver­ei­ni­gen. Sie gehört aber nicht zum Wesen der Mes­se, son­dern ist eher eine Frucht der­sel­ben. Die Gläu­bi­gen kön­nen dar­um der Mes­se auch frucht­bar bei­woh­nen, wenn sie nicht kom­mu­ni­zie­ren. Die Kir­che hat den sonn­täg­li­chen Meß­be­such zur Pflicht gemacht, nie­mals aber vor­ge­schrie­ben, daß man dabei kom­mu­ni­zie­ren muß.

Was ist die Hei­li­ge Mes­se, was pas­siert wäh­rend des Ablaufs? Für wen ist die Kult­hand­lung? Wer ist an ihr beteiligt?

Die Mes­se ist die Ver­ge­gen­wär­ti­gung oder unblu­ti­ge Erneue­rung des Kreu­zes­op­fers, das Jesus Chri­stus auf Kal­va­ria dar­ge­bracht hat. Dabei wer­den die am Kreuz erwor­be­nen Ver­dien­ste den anwe­sen­den Gläu­bi­gen sowie der gan­zen Kir­che zuge­wen­det und Gott wird auf unend­li­che Wei­se ange­be­tet und ver­herr­licht. Betei­ligt dar­an sind nicht nur der zele­brie­ren­de Prie­ster, son­dern alle, die in irgend­ei­ner Wei­se mit­wir­ken oder der Mes­se mit gläu­bi­gem Her­zen beiwohnen.

Wel­che Funk­ti­on haben die Gläu­bi­gen (Lai­en), die an einer Hei­li­gen Mes­se teilnehmen?

Die Gläu­bi­gen sind bei der Fei­er der hl. Mes­se nicht nur Zuschau­er oder Emp­fän­ger, son­dern sol­len in einem wah­ren Sinn mit­op­fern. Aller­dings ist ihre Wei­se des Opferns von der des Prie­sters unter­schie­den. Papst Pius XII. hat in Media­tor Dei die­se Fra­ge mit gro­ßer Klar­heit behan­delt. Er lehrt, daß die Gläu­bi­gen an der Kon­se­kra­ti­on, also der Ver­wand­lung von Brot und Wein in den Leib und das Blut Jesu Chri­sti, kei­nen Anteil haben. Die Gläu­bi­gen sol­len sich aber am Opfer betei­li­gen, indem sie den auf dem Altar gegen­wär­ti­gen Chri­stus auch ihrer­seits Gott­va­ter auf­op­fern und indem sie sich sel­ber mit Chri­stus zusam­men Gott zum Opfer dar­brin­gen. Es ist der Tauf­cha­rak­ter, der die Gläu­bi­gen befä­higt, auf die­se Wei­se am gött­li­chen Kult teilzunehmen.

Vie­le behaup­ten, z.Bsp. kann man in der Online Enzy­klo­pä­die Wiki­pe­dia (zuletzt auf­ge­ru­fen am 11. Nov. 2006) nach­le­sen, daß die nach­kon­zi­lia­re Lit­ur­gie auf die früh­kirch­li­che Lit­ur­gie in der Stadt Rom zurück­ge­he. Trifft dies zu?

Kei­nes­wegs. In Wahr­heit steht die sog. triden­ti­ni­sche Mes­se in voll­kom­me­ner Kon­ti­nui­tät mit der älte­sten Über­lie­fe­rung. Der römi­sche Kanon hat­te schon im 4. Jh. mehr oder weni­ger die heu­ti­ge Form. Die letz­ten klei­nen Ände­run­gen hat Ende des 5. Jh.s Gre­gor der Gro­ße vor­ge­nom­men. Seit­dem hat man nichts mehr an ihm geän­dert. Die Lit­ur­gie­re­form ist dage­gen — übri­gens ganz im Gegen­satz zum Wil­len der Väter des Vati­ka­num II — sehr will­kür­lich mit der Über­lie­fe­rung umge­gan­gen. Vom 2. Hoch­ge­bet, das wegen sei­ner Kür­ze das meist ver­wen­de­te ist und den Opfer­cha­rak­ter der Mes­se fast nicht mehr auf­schei­nen läßt, behaup­tet man zwar oft, es sei der anti­ke Kanon des Hip­po­lyt, jedoch hat man längst nach­ge­wie­sen, daß es eine völ­li­ge Ver­stüm­me­lung die­ses anti­ken Gebets ist, bei dem man alles weg­ge­las­sen hat, was nicht zum nach­kon­zi­lia­ren Geist paß­te. Es gibt hier­zu eine eige­ne Stu­die von Dr. Heinz-Lothar Barth: »Die Mär vom anti­ken Kanon des Hip­po­ly­tos«, Köln 1999.

Sehen Sie einen Zusam­men­hang zwi­schen der, wie Sie sagen, »Pro­te­stan­ti­sie­rung der Meß­theo­lo­gie« und der Kir­chen­kri­se, dem Glau­bens­ab­fall von Prie­stern und Gläu­bi­gen, oder ist es doch eher ein tie­fer kul­tu­rel­ler Wan­del der »west­li­chen« Welt?

Die Theo­lo­gie der Mes­se ist nur ein Punkt in der heu­ti­gen Kir­chen- und Glau­bens­kri­se, wenn auch ein sehr wich­ti­ger. Die Kri­se ist aber noch viel umfas­sen­der. Die Kir­che hat seit dem II. Vati­ka­num wenig­stens prak­tisch den Anspruch auf­ge­ge­ben, die ein­zi­ge von Chri­stus gegrün­de­te Kir­che und im Besitz der gan­zen Offen­ba­rung zu sein. Es gibt kei­ne Glau­bens­wahr­hei­ten mehr, die nicht von irgend­wel­chen Theo­lo­gen und selbst Bischö­fen geleug­net wer­den. Wenn aber nun plötz­lich alles unsi­cher gewor­den ist, was die Kir­che bis vor weni­gen Jahr­zehn­ten lehr­te, dann muß man sich nicht wun­dern, wenn die Men­schen die­ser Kir­che in Scha­ren den Rücken zuwen­den. Natür­lich hat der mate­ri­el­le Wohl­stand und extre­me Libe­ra­lis­mus auch eine Rol­le bei die­sem Glau­bens­ab­fall gespielt und spielt ihn bis heu­te. Die Kir­che hat sich dem aber nicht kraft­voll ent­ge­gen­ge­stellt, son­dern ihn teil­wei­se noch befördert.

Der Besu­cher der alten Hei­li­gen Mes­se sieht kaum etwas von der Kult­hand­lung, außer­dem wird sie latei­nisch gefei­ert. Oft ist zu sehen, daß Gläu­bi­ge in der Mes­se den Rosen­kranz oder pri­vat beten. Ist es nicht unend­lich schwer für die Gläu­bi­gen, die alte Mes­se zu ver­ste­hen, zu ver­fol­gen und mit­zu­fei­ern? Ist da nicht der neue Ritus offe­ner, freund­li­cher gegen­über den Gläubigen?

Wer ohne Vor­be­rei­tung eine tra­di­tio­nel­le Mes­se zum ersten Mal erlebt, kann viel­leicht den Ein­druck gewin­nen, als sei es sehr schwie­rig in die­ser Mes­se etwas zu ver­ste­hen, obwohl vie­le Men­schen trotz­dem von der Atmo­sphä­re der Andacht und des Myste­ri­ums beein­druckt sind. Die Gläu­bi­gen, die der Mes­se regel­mä­ßig bei­woh­nen, ken­nen aber sehr gut ihren Auf­bau und haben kein Pro­blem, ihr zu fol­gen. Zudem haben sie mit Hil­fe der Volks­meß­bü­cher (Schott oder Bomm) die Mög­lich­keit, allen Gebe­ten in der Lan­des­spra­che zu fol­gen. War­um sol­len sie aber nicht auch in einer freie­ren Wei­se beten und sich so mit der Mes­se ver­ei­ni­gen? Im übri­gen ist hier die Tra­di­ti­on der Ost­kir­che viel wei­ter gegan­gen als der Westen. Dort voll­zieht sich das Geheim­nis näm­lich tat­säch­lich hin­ter einer Bil­der­wand. Der neue Ritus täuscht dage­gen eine Ver­ständ­lich­keit vor, die gar nicht gege­ben ist, denn die Mes­se ist ein unfaß­ba­res Geheim­nis. Die Gläu­bi­gen, die regel­mä­ßig die neue Mes­se besu­chen, haben meist auch ein völ­lig fal­sches Ver­ständ­nis von der Mes­se. Sie wis­sen nichts von der Ver­ge­gen­wär­ti­gung des Kreu­zes­op­fers, son­dern hal­ten die Mes­se für eine Erin­ne­rungs­fei­er wie bei den Protestanten.

Eins fällt dem genau­en Beob­ach­ter der alten Mes­se auf. Der Prie­ster ver­sucht auf jeden Fall zu ver­hin­dern, daß Par­ti­kel der gewan­del­ten Hostie auf den Boden fal­len. War­um ist das so wich­tig? Im neu­en Ritus scheint es kein Pro­blem zu sein, wenn Par­ti­kel zu Boden fal­len und die Kom­mu­ni­on auch von Per­so­nen aus­ge­teilt wird, die nicht zum Prie­ster geweiht wor­den sind.

Da Chri­stus nicht nur in der gan­zen Hostie gegen­wär­tig ist, son­dern auch in jedem ihrer Tei­le, ist es ange­mes­sen, sorg­sam auch auf die klein­sten Par­ti­kel zu ach­ten. Schon die Kir­chen­vä­ter mah­nen die Gläu­bi­gen, ja nicht ein Teil­chen der Hostie ver­lo­ren gehen zu las­sen. Der sorg­lo­se Umgang mit der hl. Kom­mu­ni­on im neu­en Ritus hat dage­gen viel dazu bei­getra­gen, daß vie­le Katho­li­ken den Glau­ben an die wirk­li­che Gegen­wart Chri­sti in der Eucha­ri­stie ver­lo­ren haben.

Man hört, daß vie­le jün­ge­re Prie­ster die alte Mes­se nicht lesen kön­nen, obwohl sie es ger­ne möch­ten, weil sie kein Latein kön­nen. Sie sehen ein Pro­blem mit der neu­en Mes­se und wün­schen sich einen »Kom­pro­miss«, eine »alte« Mes­se in ihrer Lan­des­spra­che. Wäre das nicht ein gang­ba­rer Weg?

Erz­bi­schof Lef­eb­v­re soll ein­mal gesagt haben, er wür­de lie­ber die alte Mes­se auf Fran­zö­sisch als die neue in Latein lesen. Tat­säch­lich ist das Latein nicht der wich­tig­ste Punkt bei der Mes­se. Es gibt jedoch gute Grün­de für das Latein, und von einem Prie­ster, der ja ein Theo­lo­gie­stu­di­um hin­ter sich hat, soll­te man erwar­ten kön­nen, daß er so viel Latein ler­nen kann, um die Mes­se fei­ern zu kön­nen. Vie­le Gebe­te sind ja jeden Tag die­sel­ben und die Schrift­tex­te sind ihm schon ander­wei­tig vertraut.

War­um wer­den zur hl. Kom­mu­ni­on nicht bei­de Gestal­ten gereicht? Ein Haupt­vor­wurf Luthers. Im Meß­ka­non steht doch auch: »In glei­cher Wei­se nahm Er nach dem Mah­le auch die­sen wun­der­ba­ren Kelch in Sei­ne hei­li­gen und ehr­wür­di­gen Hän­de, dank­te Dir aber­mals, seg­ne­te ihn und gab ihn Sei­nen Jün­gern mit den Wor­ten: Neh­met hin und trin­ket alle dar­aus.« Eine berech­tig­te Kritik?

Es waren rein prak­ti­sche Grün­de, die die Kir­che im 2. Jahr­tau­send beweg­ten, die Kom­mu­ni­on den Gläu­bi­gen nur unter der Gestalt des Bro­tes zu rei­chen. Bei einer gro­ßen Zahl von Gläu­bi­gen ist es schwie­rig, allen die Kom­mu­ni­on unter bei­den Gestal­ten aus­zu­tei­len und die Gefahr des Ver­schüt­tens ist doch recht groß. Da Chri­stus unter jeder der bei­den Gestal­ten ganz ent­hal­ten ist, emp­fan­gen die Gläu­bi­gen das Blut Chri­sti auch unter der Gestalt des Brotes.

Wie oft soll ein Prie­ster die hei­li­ge Mes­se fei­ern? Man kann beob­ach­ten, daß Prie­ster Ihrer Gemein­schaft täg­lich eine Mes­se fei­ern, selbst ohne Anwe­sen­heit von Gläu­bi­gen. Sie fei­ern dann eine stil­le hei­li­ge Mes­se. Gibt es die stil­le Mes­se auch im neu­em Ritus?

Die täg­li­che Zele­bra­ti­on der Mes­se ist zwar kei­ne Pflicht, wird den Prie­stern aber selbst im neu­en Kir­chen­recht ein­dring­lich ans Herz gelegt, sogar noch deut­li­cher als im alten Kir­chen­recht. Auch im neu­en Ritus gibt es die Mög­lich­keit, die hl. Mes­se ohne Volk zu lesen, wenn es auch zumin­dest im deut­schen Sprach­raum nur sel­ten getan wird.

Könn­te man sagen, daß in der katho­li­schen Kir­che eine neue Reli­gi­on ent­steht? Oder ist es wei­ter­hin die Katho­li­sche Kir­che, zwar in der Kri­se, aber in einer, wie Bischö­fe zu sagen pfle­gen »leben­di­gen Tra­di­ti­on«. Oder anders gefragt: Neu­er Ritus neue Kirche?

Ohne jeden Zwei­fel haben heu­te vie­le Bischö­fe, Prie­ster und Gläu­bi­ge nicht mehr den katho­li­schen Glau­ben. Von daher herrscht tat­säch­lich im offi­zi­el­len Raum der Kir­che zum Teil eine neue Reli­gi­on. Aller­dings hat die Kir­che nicht offi­zi­ell ihre defi­nier­ten Glau­bens­wahr­hei­ten auf­ge­ge­ben. Es herrscht hier oft ein ekla­tan­ter Wider­spruch zwi­schen Theo­rie und Praxis.

Ist die Lit­ur­gie das wich­tig­ste Ele­ment der katho­li­schen Kir­che? Geht alles von der Lit­ur­gie aus? Ver­tre­ten Sie die Mei­nung, daß bei einer bes­se­ren, rich­ti­gen Lit­ur­gie die Kir­chen­kri­se über­wind­bar ist?

Die Lit­ur­gie ist der Aus­druck des Glau­bens. Dar­um führt eine Ver­än­de­rung der Lit­ur­gie auch zu einer Ver­än­de­rung des Glau­bens und umge­kehrt. Bene­dikt XVI. hat als Kar­di­nal selbst gesagt, daß er die Lit­ur­gie­re­form für eine der wich­tig­sten Ursa­chen für die Glau­bens­kri­se hält. Er schrieb wört­lich: »Ich bin über­zeugt, daß die Kir­chen­kri­se, die wir heu­te erle­ben, weit­ge­hend auf dem Zer­fall der Lit­ur­gie beruht, die mit­un­ter sogar so kon­zi­piert wird, „ºet­si Deus non daretur„¹« (Aus mei­nem Leben, DVA 1997, S. 174). In bezug auf das Ver­bot der alten Mes­se sag­te er: »Eine Gemein­schaft, die das, was ihr bis­her das Hei­lig­ste und Höch­ste war, plötz­lich als strikt ver­bo­ten erklärt und Ver­lan­gen danach gera­de­zu als unan­stän­dig erschei­nen läßt, stellt sich selbst in Fra­ge. Denn was soll man ihr eigent­lich noch glau­ben? Wird sie nicht mor­gen wie­der ver­bie­ten, was sie heu­te vor­schreibt?« (Salz der Erde, Hey­ne 2001, S. 188). Dar­um wäre die Rück­kehr zur über­lie­fer­ten Lit­ur­gie wenig­stens ein wich­ti­ger Schritt zur Über­win­dung der Kir­chen­kri­se. Natür­lich müß­te der Moder­nis­mus auch in der Theo­lo­gie über­wun­den und in der Ver­kün­di­gung aus­ge­merzt wer­den, damit die Kir­che sich wahr­haft erneu­ern kann.

Mat­thi­as Gaudron: „Die Mes­se aller Zei­ten« Ritus und Theo­lo­gie des Meßopfers.
Sarto-Verlag,
3–932691-51–2; 978–3‑932691–51‑5, 14,90 Eur. Derzeit 

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Aus dem Vor­wort:

Um die hl. Mes­se immer mehr zu schät­zen und zu lieben,
muß man sich um ein mög­lichst tiefes
Ver­ständ­nis ihrer Gebe­te und Riten bemü­hen. Schon das
Kon­zil von Tri­ent mahn­te daher die Seel­sor­ger, öfters
über die Geheim­nis­se der hl. Mes­se zu pre­di­gen und ihre Gebete
zu erläu­tern. Hät­te man dies mehr beach­tet und
hät­ten vor allem die Prie­ster sich mehr in die liturgischen
Geheim­nis­se ver­tieft, wäre es wohl kaum möglich
gewe­sen, daß die Mehr­heit der Prie­ster nach dem 2.
Vati­ka­ni­schen Kon­zil die Mes­se ihrer Prie­ster­wei­he so widerstandslos
aufgaben.